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Frank Hammer
Axt im Nadelkissen

Frank Hammer hat angeschrieben gegen das Beharren, das Zurück in eine Welt, die er für alt und erstarrt hält. Anfang der 90er Jahre trug er fast jeden Tag einen neuen Text in der Tasche. Gedichte als Nachdenken über gesellschaftliche Zusammenhänge. Die sozialen und politischen Zusammenhänge waren es, an denen er sich reiben mußte.
Mit Gedichten in den Tag kommen, den Tag mit Gedichten auch bewegen. Texte als Lebensmittel.
Frank Hammer will Leute mit Gedichten überraschen und mit Visionen. Auswahl, Zusammenstellung und Nachwort von Hans Joachim Nauschütz

Frank Hammer: Axt im Nadelkissen. Lyrik. Mit Illustrationen von Wolf-Henry Gentsch. Paperback, Format 10,8 x 18 cm, 155 Seiten
Preis 13,70 Euro       ISBN 978-3-933416-27-8








Leseprobe Frank Hammer: Axt im Nadelkissen


Deutsche Misere

Die Revolution
Findet nicht statt
Die Revolutionäre
Haben Schnupfen

Sie analysieren
Ihre Krankheitsbilder
Und vermessen
Sich gegenseitig
Die geschwollenen Mandeln

In der Zwischenzeit wurde
Kein Baum gepflanzt
Kein Ei geworfen noch behütet
Kein Kanzler gestürzt

Der Vorhang bleibt unten
Der Direktor entschuldigt sich
Die Revolutionäre
Haben Schnupfen

1991


Wandersmann

Ich zog los, den Stahl zu härten.
Und ich bog ihn mir zurecht
Nahm ihm also seine Schwere,
Dass er schwimmt, wohin ich möchte.
Dass er also meine Träume
Sich erschwimmt, wie ich es möchte.

Und so trägt er meinen Namen
Unter aller Herren Fahn
Bis die Wellen ihm gebieten
Nach Atlantis abzufahrn.
Bis die Wellen ihm gebieten
Mein Atlantis zu erfahrn.

Ich zog los, das Meer zu zwingen
Und es sog mich in sich ein.
Und im Kampf mit Strom und Stürmen
War ich wunderbar allein.
Und den Kampf mit Sturm und Wellen
Wollte ich für mich allein.

Ließ den Mythos in den Fluten
Von der geraden Lebensbahn
Wenn ein Tal war, musst ich schwimmen.
Kam die Welle – triebs mich an.
Wenn das Tal ist, wird ich schwimmen,
Kommt die Flut – so hebts mich an.

Und ich ging, die Liebe suchen,
Diese eine – immerdar,
Zwischen der Sirene Rufen
Und dem Opfer am Altar.
Zwischen Lust auf die Verlockung
Und Askese vorm Altar.

Und ich zog, mein Land zu suchen,
Und ich fand nur eine Stadt,
Die so war, wie alle Orte,
Die mein Fuß ermessen hat.
Und ich maß mit meinen Sinnen:
Eine Welt ist meine Stadt.









Rezensionen Frank Hammer: Axt im Nadelkissen



Lyrik aus dem Landtag
PDS-Parlamentarier Hammer dichtet
und träumt von poetischen Debatten

Manches politische Wagnis ist ohne kulturellen Hintergrund kaum zu erkennen. Geschweige denn zu verstehen. So bedarf der gestrige Termin der PDS-Fraktion im Landtag des Rückgriffs auf Heinrich Heine Der Anlaß war die Präsentation de Gedichtbandes "Axt im Nadelkissen". Dessen Autor ist der Abgeordnete Frank Hammer, Frankfurt (Oder), der sonst nur selten das Wort ergreift.

Warum das an Heine denken lässt? Wegen eines Vorbehaltes. Dass er "Kein Talent, doch eine Charakter" sei, hatte er Lyriker dem politisch dichtenden Tanz-Bären "Atta Troll" 1842 in den Mund gelegt. Seither ist dessen Bekenntnis fester Bestandteil der Literaturgeschichte. Deshalb lastet das ästhetische Vorurteil als Hypothek auf politischer Dichtung: Es bringt lyrische Äußerungen jener, die sich im Alltag gesellschaftlichen Handelns durch Prinzipientreue und Moralität auszeichnen, in Dilletantismusverdacht.

Einer von ihnen ist der 47-jährige PDS-Mann Frank Hammer. Sein Buch stellte er im vollsten Bewusstsein vor, sich damit einen Ruf einzuhandeln: "Ein dichtender Landtagsabgeordneter – das ist einigermaßen exotisch", weiß Hammer. Und trägt's mit Fassung. Statt sich dessen zu erwehren, läßt er seine Gedichte sprechen: "Mein Name ist Hammer, / Eines der ältesten Werkzeuge, / Sagt man. Ich hänge am Arsch".

Hammer, das muß man wissen, ist alles andere als ein glatter Politprofi. Das verraten schon seine Lebensstationen: Wert legt er auf die als Reinigungskraft in einem Kino. Selbst aus dieser Stellung wurde der ideologisch Unzuverlässige noch 1989 entfernt. Zuvor war er in Stahl- und Kulturarbeiterjobs unliebsam aufgefallen. Nach der Wende wird er zwischenzeitlich PDS-Vorsitzender in seiner Heimatstadt, kümmert sich um Jugendliche, arbeitet in der Stadtverordnetenversammlung mit. Im Landtag gilt er, – fraktionsübergreifend – als bodenständig, klar, authentisch. Kurz, Hammer ist ein Charakter. Kann er trotzdem ein Talent sein?

Ein Stümper jedenfalls ist er nicht. Seine Gedichte heben sich von dem ab, was als ehrlich gemeinter lyrischer Erguß nur die Fortsetzung des Geschwafels mit anderen Mitteln gewesen wäre. Der Band präsentiert eine Auswahl von über 20 Jahren dichterischen Schaffens, bekannte Hammer. Als Vorbild benannte er den Expressionisten Georg Trakl, zumindest für die handwerkliche Seite des Dichtens. So sind Hammers Poeme streng und formbewußt verfaßt.

Und das genügt. Denn die Form macht sie zu einem Schlüssel für eine andere Dimension des Politischen. Die Gedichte, egal aus welchem Lebensabschnitt können gelesen werden als eine Art Zwischenruf. Etwa, wenn sie Blicke auf infantile Ersatzhandlungen des Gremiendaseins freigeben: "Ich befinde mich", heißt es einmal, "hier unter denen, die / Auf Sitzungen versessen, ich werfe / Mit Papierkügelchen und gesalbten Worten".

Auszüge wie dieser könnten als Redebeitrag oder auch nur als Tischvorlage das parlamentarischen Klima beeinflussen. Was, wie in anderen Gedichten nachzulesen, dringend nötig wäre: "Damals im Wilden Osten" etwa beschwört die Nestwärme der DDR und vergleicht sie mit dem rauen Jetzt: "Heut sitz ich im Zug / Zwischen schweigenden Menschen / Ich kenne keinen und / Will keinen kennen / Und es ist kalt."

"In der Frankfurter Stadtverordnenteversammlung", erinnert sich Hammer, "war es üblich, Reden mit einem Gedicht zu beginne. Aber momentan ..." Vielleicht aber überwindet der Dichter, angespornt durch die Publikation Zagheit und Scheu. Vielleicht tritt er dereinst ans Mikrofon ergreift das Wort und beginnt. Etwa so: "Mein Name ist Hammer / Ich ..." – Na, er wird sicher etwas passendes finden.
Benno Schirrmeister, Märkische Allgemeine Zeitung v. 2./3.02.2002






Dabei sein, wenn das Eis bricht Hammers Axt im Nadelkissen

Aber jede für sich ist geeignet, einen Menschen zu zerreißen und aus dem, was sich auftut, zu schlürfen. Es geht an und um die Substanz; wer sich ausliefert, wird es erfahren.
Frank Hammer hat sich in dieser Hinsicht nie gedrückt: "Der Amboß ist mein Bruder, Herr Groß-Kophta und Meister." Er war als Schiffbauer bei sich und fremdelte als Student am Literaturinstitut "Johannes R. Becher" in Leipzig mit dem Dichter, der er ebenso ist. Hammer brachte das nicht auseinander, Leben, Poesie und Politik, und rutschte dafür die Karriereleiter bis zum Kinoputzer herunter: Greif zum Besen, Kumpel! Die dabei nachgeholfen hatten, waren bald die greisen Pflegekinder des frisch gewählten PDS-Kreisvorsitzenden.

Die Jungen, ganz hinten in der Einheitsschlange, kamen als neue Klientel dazu: Hammer wurde Sozialarbeiter. Für die PDS ging er in den brandenburgischen Landtag, als Stadtverordneter bekam er so viele Stimmen wie niemand sonst in Frankfurt, das er zu weilen bedichtet, weil es ihn nicht loslässt und er es nicht loslassen kann. Hammers Welt dehnt sich von Paris bis Perm. Aber was sie kenntlich macht, findet er auch auf dem Frankfurter Ziegenwerder zwischen Deutschland und Polen.

Hundert Gedichte des 46-jährigen liegen nun endlich auf dem Tisch. Der Grafiker Wolf Henry Gentsch hat dazu einige Blätter geschaffen, die besser als jede Rezension das Spröd-Ironische, Philosophische, Elegische dieser Verse ins Bild rücken. Besorgt hat die Auswahl Hans Joachim Nauschütz. Gut, wenn einer die Dramaturgie des Dichterlebens eben so gut kennt, wie die der Verse.

In sieben Kapiteln ist Hammer als ein ewig Erneuerung Suchender unterwegs, mit tastenden Gedanken, die er austeilt wie Prankenschläge. Mit Gewissheiten, die sich unter den eigenen Füßen davonmachen. Dabei gehört Hammer zu denen, die ein Sonett vom 14-Zeiler unterscheiden können, die Maß und Form kenntnisreich brechen, oft auf einen stringenten Schlussklang zu. Der kann leise sein, doppelbödig, wüst.

Ein Fröstelnder Spötter ist dieser Poet, ein Abschiednehmer auch. "Jedes lebt und lebt sich AUS", weiß er längst. "Ich heb deinen Vers auf für bessere Tage", ruft er einem Freund ins Grab hinterher. Und mit den Revolutionären glaubt auch er nicht dem Messer in der eigenen Brust. "Ich will dabei sein, ... wenn das Eis bricht", ist Hammers kategorischer Imperativ.

Wer dabei nachzuhelfen wenig mehr besitzt, als die Luft seiner Lungen, braucht einen langen Atem. Hammer leiht ihn sich bei Kleist und Trakl, Heine und Gundermann, bei Puschkin, Achmatowa und Wyssozki. Bei ihnen hat er aushalten gelernt. Wie sonst könnte er schreiben: "Das Jahrhundert stürzt ab / ins Tal der Verbrechen" – und trotzdem voller Hoffnung sein?
Henry-Martin Klemt, Neuws Deutschland vom 03.05.2002



Trauer wohnt stets ganz nah beim Spott

Seinen Debütband mit hundert Gedichten aus zwanzig Jahren hat Frank Hammer "Axt im Nadelkissen" genannt. Wehklagen ist seinen Sache nicht. Wo Trauer ihn anfällt, ist der Spott nicht weit. Wo Elegisches lange Schatten wirft, grummelt ein Philosoph aus dem Dunkel. Der Dichter hat, so verwandt ihm die Kleist und Trakl auch sind, nicht den Drang zum Tragöden. Und wenn's auch zum Helden nicht reicht, so bleibt doch wenigsten die grimme Lust, dabeiz zu sein, "wenn das Eis bricht".

Leben kann sich ändern, sobald einer in schwarzen Mädchenaugen die hingemordete Judenheit wieder erkennt oder vom Urgroßvater zu hören kriegt, daß der sich nichts mehr sagen ließ nach der Verbrüderung an der Ostfront, von nichts und niemandem. "Danke, Alter, ... das wollte ich wissen", schreibt Hammer und macht sich auf den Weg.
Der hat den 46jährigen von der Werft ins Kulturhaus, vom Literaturstudium in einen Großbetreib, aus der Besenkammer eines Kinos in den brandenburgischen Landtag verschlagen. Axt hin, Hammer her, aus dem Schneider kommt so einer nie.

Als Sozialarbeiter und Stadtverordneter ortet er seine poetische Wahrheit in den kleinen Unterschieden zwischen Straße und Rathaussaal, wo in Eurasien auch immer, Lust und Utopie sind Geschwister in Hammers Gedichten. Das sorgt für Brüche, wohlgesetzt durch Hans Joachim Nauschütz, der die Auswahl der sieben Kapitel besorgte. Da steht der Gassenhauer – Berangér läßt grüßen – neben dem klassischen Sonett, der brünstige Stoßseufzer neben der Ode. Das poltert, psalmodiert, tatzt und streichelt, und manchmal weiß es mehr, als es schon sagen kann.

Als poetischer Beobachter ist Hammer unbestechlich und bündig. Seine Metaphorik ist direkt und unmittelbar, seine Parabeln springen ihm aus dem Alltag entgegen. En passant wird einmal mehr deutlich, daß zeitgeschichtliche Diskontinuitäten die Kontinuität des Subjekts nicht dauerhaft überlagern. Es gibt keinen Vor- und Nachwende-Hammer. Er wollte vorher nicht siegen und will jetzt nicht verlieren, und beides nicht allein um seinetwillen.

Das handliche Büchlein, liebevoll gestaltet und durch die Grafiken von Wolf Henry Gentsch bereichert, offenbart sich mithin als kompakter Quader – ein Grundstein auf dem sich bauen läßt.
Henry-Martin Klemt, Nordkurier vom 2,/3. 03.2002





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