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Manfred Bauer
Der Sitzenbleiber

Sind Sitzenbleiber dumm? Oder faul? Werden Sie eher kriminell als andere? Ein Schuldirektor im Brandenburgischen stellt sich im Jahre 1957 eben diese Fragen. Seine Problemschüler hatte er sicherheitshalber in ein Internat nach Stalinstadt, dem heutigen Eisenhüttenstadt, in die Maurerlehre gegeben. Zucht und Ordnung, so meinte er, könnten ihnen nicht schaden. Dort aber herrschen bei weitem nicht die Zustände, die er sich für eine sozialistische Einrichtung gewünscht hätte. Zwei seiner Schützlinge rücken aus, der eine in den Westen, der andere lungert arbeitslos im Heimatort herum. In Berlin lernt er seine erste Liebe kennen. Als er glaubt, die Geliebte nur mit Geld beeindrucken zu können, lässt er sich auf einen Coup ein, in dessen Verlauf sich ein Nachtwächter den Tätern in den Weg stellt

Manfred Bauer: Der Sitzenbleiber. 1. Auflage 2006. Paperback. 212 Seiten. Format 13,5 x 20 cm
Preis 9,80 Euro       ISBN 978-3-933416-66-7








Leseprobe Manfred Bauer: Der Sitzenbleiber


Ende August 1957 sitzen vier Jugendliche auf den rissigen ausgedörrten Bohlen der Brücke. Ihre herabhängenden Beine berühren fast die Wasseroberfläche. Drei von ihnen sind Schulabgänger. Nur Hans Obermeier, der das Klassenziel nicht erreichte, muß die 8. Klasse wiederholen. Aber auch die anderen drei sind schon mal sitzengeblieben, Ferdinand Lenau sogar zweimal.

Doch nun ist es geschafft, und die drei sind froh darüber. Sie durften noch einmal die langen Ferien genießen, und nun liegt eine der spannendsten Etappen ihres Lebens vor ihnen: die Lehrzeit. Morgen geht es auf ein Internat in Stalinstadt in die Maurerlehre. Nur Hans ärgert sich, daß er noch ein Jahr in die „Penne“ gehen muß. Schadenfroh ziehen seine Kameraden ihn damit auf. Die Nachmittagssonne brennt auf die entblößten Oberkörper der Jungen. Eine frische Brise weht vom See heran. Die Espe am Ufer flüstert im sanften Wind. Durch die dichten Kronen der Kastanien am gegenüberliegenden Saum der Uferwiese geht ein Seufzen. Ferdinand genießt den kühlenden Luftzug, der seine feuchte Stirn streift.

Er legt dem mageren blassen Freund, der eher nach dreizehn als nach fünfzehn gelebten Jahren aussieht, die Hand auf die Schulter und sagt: „Du hast es doch gut! Kannst zu Hause bleiben bei deinem geliebten Stiefvater, und wir müssen in dieses blöde Internat.“
Er weiß, der Freund würde liebend gern mit ihm tauschen.

Hans spuckt ins Wasser und beobachtet, wie die Ukeleis nach seinem Speichel schnappen. Er entgegnet: „Gafron sagt, in Stalinstadt treiben sich nur Abenteurer und Verbrecher rum. Da fehlt ihr gerade noch. ‘Hinkebein’ (Das ist der Spitzname des Schuldirektors Hinkelmann, der ein steifes Bein nachzieht) wird sich ins Fäustchen lachen, daß er euch rumgekriegt hat. Der schlägt auch noch drei Kreuze, daß er euch endlich los ist.“

Hotte, der rechts neben Hans sitzt, boxt diesem in die Seite. „Döskopp! Hast du nicht gehört, was dein Hinkelmann gesagt hat? Dort wird der Sozialismus aufgebaut. Ehre allen, die dabei mitwirken dürfen. Du lebst ja als Leibeigener Gafrons quasi noch im Mittelalter. So was können sie da nicht gebrauchen.“

Eben, da braucht’s eine Avantgarde!“ stimmt Uwe zu, der mit Kamm und Taschenspiegel seine Ententolle richtet, weil von Ferne Mädchenstimmen herüber wehten.

Hans zieht den Rotz in der Nase hoch, spuckt ihn auf ein Teichrosenblatt und entgegnet grinsend: „Scheißt euch doch ein mit eurem Sozialismus, ihr roten Säcke, und nehmt Gafron gleich mit nach Stalinstadt. Das ist genau so ‘ne rote Sau, schimpft andauernd auf den Westen.“

Ferdinand klopft ihm begütigend den Rücken. „Halt’ du hier mal die Stellung, Kumpel, damit ‘Hinkebein’ sich nicht langweilt und uns, seine Lieblinge, nicht zu sehr vermißt.“

Uwe lacht auf. „Wie soll der dich vermissen, Ferdel? So selten, wie der dich zu sehen gekriegt hat. Wie viele Fehltage hattest du noch mal voriges Jahr?“

Ferdinand grinst verlegen. Einen guten Kumpel zeichnet es wohl aus, daß er auch mal die Schule schwänzt, aber nach einem ungeschriebenen Gesetz gibt es dafür Grenzen. Wer die, wie er, überschreitet, gilt als unsolidarisch. Man läßt die Freunde quasi im Stich, läßt sie die schulischen Qualen allein tragen. Seine Freunde wissen ja nicht, daß er an den meisten seiner Fehltage einfach nicht in der Lage war, in die Schule zu gehen. Hätten sie die Wahrheit verstanden?

Er wußte ja selber nicht, woher diese Lethargie kam, die Dämonen mit ihren unsichtbaren Fesseln, die ihn lähmten, so daß er vor Angst fast in sich kroch und auf Kugelform schrumpfte unter der Bettdecke. Wenn sie wieder verschwunden waren, die Dämonen, begriff er nicht, wie er vor einem Nichts Angst haben konnte. Denn er wußte genau, daß er sich weder vor den Lehrern
„U.F-Tage zweiundsiebzig“, antwortet Ferdinand mit kratziger Stimme.

Grölendes Gelächter, das Ferdinand geduldig auf sich herab prasseln läßt wie ein müder, schutzloser Wanderer den Regenschauer. Er hat den Abschluß ja noch geschafft. Zwei Jahre später, aber was soll’s! ....



... Hans sitzt regungslos auf dem Bahndamm, nahe dem Gleis. Inzwischen sind schon mehrere Züge um eine Handbreit am schmalen Rücken des Jungen vorbei gerollt. Die Lokführer haben ihn zwischen den hohen Beifußstauden nicht sehen können. Längst ist auch der letzte Zug vorbei. Der nächste wird erst am frühen Morgen kommen, und es ist erst gegen Mitternacht. Und es ist kalt hier unter den Sternen.
Lieber Gott, wenn es dich gibt, sagte Hans, bevor der erste Zug anrollte, dann schick drei Sternschnuppen, damit ich weiß, daß du mich zu dir nimmst. Bisher hat er aber nur eine entdecken können. Gibt es keinen lieben Gott oder will er ihn nicht zu sich nehmen?
Schade, daß er den dummen Herbert nicht vorausschicken kann, das zu erkunden. So wie er ihn vorigen Winter das junge Eis probieren ließ.

Hans war unsicher, ob das Eis des Dorfteiches ihn schon halten würde. Da kam ihm Herbert, der Dorftrottel, gerade recht. „Für jeden Schritt zur Mitte hin, bekommst du einen Sahnebonbon“, versprach er. Und vergnügt beobachtete er den plumpen Herbert, der übers Eis schlich, wie die Katze nach dem Vogel. „Du hast schon eine ganze Tüte voll“, rief er ihm nach. „Wenn du ganz rüber gehst, kriegst du zwei.“
Herbert gelangte trocken bis ans andere Ufer. Er bekam trotzdem keinen Bonbon.

Wenigstens werden sie ihn zu Hause vermissen. Gafron wohl nur, weil ihn die Mutter mit Vorwürfen traktiert und ihn vielleicht auf die Suche schickt. Doch die Mutter wird verzweifelt sein. Vielleicht begreift sie endlich, was für ein Mistkerl Gafron ist, und schmeißt ihn raus. Dann würden endlich bessere Zeiten anbrechen. Dann brauchte er keine Sternschnuppen über sein Schicksal entscheiden zu lassen.

Plötzlich glaubt er sich außerhalb seines Körpers. Er blickt von oben herab auf die jämmerliche frierende Gestalt, die Hans Obermeier heißt, und bekommt auf einmal eine unbändige Wut auf sich. Wie konnte er nur im Traum daran denken, seinen Platz zu räumen. Er darf sich gar nicht vorstellen, wie Gafron triumphieren würde, weil ihn das mehr schmerzen würde als jede physische Qual. Schließlich hat er die älteren Rechte an seinem Zuhause. Es ist das Haus seiner Mutter, also auch sein Haus. Wenn da einer weg muß, dann ist das Gafron.

Wie kindisch war doch sein bisheriges Aufbegehren gegen den vermeintlich Stärkeren. Wie sinnlos die Flüche, die Wutausbrüche, die sinnlos verpufften. Ein Mann löst sein Problem. Und es wird Zeit, sich darauf zu besinnen, daß er ein Mann werden will. Es ist beschlossene Sache, Gafron muß gehen, dafür wird er sorgen.
Er weiß auch schon wie. Denn er kennt Gafrons Schatz, obwohl der ihn ängstlich versteckt hält. Es befinden sich auch Abzeichen mit Hakenkreuzen in der Sammlung.

Als Hans vom Bahndamm heruntersteigt, fühlt er sich erwachsen. Gleich morgen wird er zu Witte gehen und Gafron anzeigen ...



... Ein Automobil rast mit schreiendem Motor durch Berliner Vororte. Das Fernlicht greift gierig in die Dunkelheit, entreißt ihr Straßenschilder, Bäume, Häuser. Was aber der Nacht vorn gestohlen wird, nimmt sie sich hinter dem Auto rasch zurück. Der Mann hinter dem Steuer nimmt davon nichts wahr.
Auf einen Beifahrer würde Klaus wie eine Wachsfigur wirken. Seine Augen blicken starr nach vorn, wagen kaum ein Zwinkern. Das Gesicht wirkt leblos wie das eines Toten in dem fahlen Streulicht. Das Lenkrad hält er umklammert, als hinge daran sein Leben. Er bemerkt auch nicht, daß er schon kilometerweit im niedrigen Gang fährt, den Gashebel durchgetreten bis auf das Bodenblech, so daß der Motor aufheult wie ein getretener Hund.

„Rudi! Mensch, Rudi!“ schreit er weinerlich. Er glaubt, der Angesprochene könne ihn hören, denn er hat das Bild des Unglücklichen immer noch vor den Augen.

Vor etwa einer Viertelstunde hatte Klaus die Öffnung in den Drahtzaun geschnitten, groß genug, daß ein Auto hindurch paßt. Einige der großen Feldsteine, die dort auf dem schmalen Rain zwischen Feldweg und Zaun überall herumlagen, mußten noch beiseite geräumt werden.

Die abgeschlossene Tür des Autos war dagegen in wenigen Sekunden geöffnet. Etwas schwieriger war das Überbrücken des Zündschlosses. Er hatte eine kleine Taschenlampe mitgenommen, die er nun einschaltete und in den Mund steckte. So sah er genug, und von dem schwachen Licht, das nur den Fußraum ausleuchtete, drang kaum etwas nach außen. Er legte die Drähte frei. Nun brauchte er sie nur noch in der richtigen Reihenfolge miteinander zu verbinden.

Plötzlich das Hundegebell. Da, Ferdinands Pfiff! Also Gefahr! Aber seit wann, zum Teufel, hat Gramzow einen Hund?! Und wie es sich anhört, auch noch einen bissigen. Klaus steckte nur mit dem Oberkörper im Fußraum des Autos. Nun war es wohl besser, ganz im Auto zu verschwinden. Doch da schoß das Tier schon um die Ecke. Klaus riß die Autotür weit auf und ließ den Hund auflaufen. Der stieß sich an der Tür die Schnauze und jaulte auf vor Schmerz. Inzwischen warf sich Klaus auf den Fahrersitz. Der Hund kratzte mit wütendem Geheul und Gekläff an der Tür. Jetzt hieß es rasch verschwinden, bevor Rudi heran war.

Er beugte sich hinunter, um die Kabel für den Starter miteinander zu verbinden. Mühsam quetschte er sich durch die Enge zwischen Sitz und Armaturentafel. Ein paar Mal entglitten die Kabel seinen klammen zittrigen Fingern. Endlich zog der Anlasser an. Weil Klaus mit dem Ellenbogen auf dem Gaspedal lag, heulte der Motor in hohen Drehzahlen auf. Endlich konnte er sich hinter das Steuer setzen und die Scheinwerfer einschalten. Da stand auf einmal Rudi auf seinen zwei Krücken im Lichtkegel. Sein Anblick versetzte Klaus einen Schock. Mechanisch legte er den Gang ein und gab Vollgas. Er wollte rechts an Gramzow vorbeifahren, als dieser ausgerechnet nach dieser Seite hin auswich. Klaus riß das Lenkrad nach links. Er sah noch, wie Gramzow stürzte, und dann ...„
Es war nur das Bein“, sagt sich Klaus. „Es kann nur das Bein gewesen sein! Ein paar Schrammen oder Quetschungen. So ein Autoreifen ist ja nicht aus Eisen.

Und wenn es nun gebrochen ist? Mensch, Rudi, ich wollte das doch auch nicht!“

Klaus nähert sich der Innenstadt. Eben hat er eine Kreuzung passiert, deren Ampelanlage Rot zeigte. Weiter fegt er mit brüllendem Motor durch die Straßen. Fußgänger, die die Fahrbahn auf einem Zebrastreifen überqueren wollen, springen erschrocken zurück. Passanten schauen dem vorbei heulenden Wagen kopfschüttelnd nach.

Da, eine Straßenbahn quert die Fahrbahn! Der Fuß findet auf einmal wie von selbst auf die Bremse. Kreischend radieren die Pneus die Fahrbahn. Unendlich lange schlittert der Wagen dahin. Dann bricht das Heck nach links aus, die Vorderräder hüpfen über den Bordstein. Halb auf dem Gehweg, kommt das Auto endlich zum Stehen.

Jetzt erst kommt Klaus zur Besinnung. „Was machst du hier!“ schreit er sich selbst an. „Was hast du angestellt, verfluchte Scheiße! Du kannst doch Rudi da nicht einfach so liegen lassen!“ Und er wendet und fährt zurück zur Werkstatt ...





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