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Hildegard & Siegfried Schumacher
Bratapfelzeit

Damals, als Bratäpfel noch in der Röhre des Kachelofens schmurgelten und der Tannenbaum heimlich aus dem Wald geholt wurde – und von heute, wenn einer eine Weihnachtsgeschichte schreiben soll und feststellt: "Es ist wirklich nicht zeitgemäß, Pfeffernuß und Mandelkern essen alle Kinder gern aufzusagen ... vielleicht könnte man um den Tannenbaum ein paar Saurier ..."
Vom Osterhasen, der als Weihnachtsmann jobbt und von Großmutters Bratapfelrezept wird erzählt, vom Schlittenhund des Weihnachtsmannes und dem Weihnachtsfreund von der Straße. Ja, und was machen Christkind und Weihnachtsmann eigentlich, wenn sie endlich Feierabend haben?
Jeder Geschichte ist eine ganzseitige Illustration beigefügt, phantasievoll und einfühlsam die Stimmung erfassend.

Hildegard & Siegfried Schumacher: Bratapfelzeit. Weihnachtsgeschichten. 1. Aufl. 1999. Festeinband, 99 Seiten, Format 19x 20 cm. 13 Illustrationen von Konrad Golz
Preis 14,00 Euro       ISBN 978-3-933416-10-0

– vergriffen –


Leseprobe Hildegard und Siegfried Schumacher: Bratapfelzeit


Das Glitzern der Weihnachtswelt
Es war einmal ein Osterhase. Nein, keiner von den Kleinen, den Gewöhnlichen. Er war groß, so groß wie ein Basketballer, ging aufrecht auf den Hinterbeinen, und er versteckte zu Ostern die Eier im Garten. Sonst hatte er das ganze Jahr über nichts zu tun. Darum war er schlechter Laune. Er saß in seinem Sessel im Osterhasenbau. Die Zeitung brachte immer dasselbe: Mord und Totschlag und was die Königin von Quengelland samt ihrer Familie so anstellte. Kein Kreuzworträtsel, das nicht gelöst war. Alle Filme im Fernseher hatte er mehr als einmal gesehen und die Werbung noch viel öfter. Am schlimmsten war, daß sich der Osterhase einsam fühlte, weil ihm niemand ein freundliches Wort gab.

Im traurigen Monat November war's, gegen Ende hin, da änderte sich etwas. Im Fernseher tauchten Weihnachtsmänner auf. In der Zeitung ebenfalls. Der Osterhase las große Anzeigen, was man für Geschenke kaufen konnte. Und in der unteren Ecke stand schwarz auf weiß: Weihnachtsmänner gesucht! Melden Sie sich beim Arbeitsamt! Der Osterhase las die Zeilen noch einmal, und plötzlich kam ihm eine Idee. Aus dem Schrank holte er einen langen grauen Regenmantel mit Kapuze, zog ihn an und stellte sich vor den Spiegel. Wenn er die Kapuze über die Löffelohren weit ins Gesicht zog, sah er glatt wie ein Arbeitsloser aus. Er machte sich auf den Weg. Im Arbeitsamt standen viele Leute auf dem Flur. "Sie müssen sich eine Nummer nehmen", sagte eine Frau, "sonst warten Sie vergebens."

Man hatte ihn nicht erkannt. Darüber freute sich der Osterhase und holte sich eine Nummer. Er wartete lange, sehr lange. Endlich tönte es aus dem Lautsprecher: "Nummer 666."
Ein paar Männer lachten, und einer sagte: "Ist 'ne Schnapszahl, Kumpel. Vielleicht gewinnst du heute. Viel Glück!"
"Danke", sagte der Osterhase und ging in das Zimmer hinein. Die Sachbearbeiterin blickte nicht auf. "Name", fragte sie. "Lüttmatten Dehas", sagte der Osterhase, "ich möchte mich als Weihnachtsmann bewerben."
"Gerade ein Platz ist noch frei", sagte sie, "dann ist's auch damit Essig." Sie schob ihm eine Karte hin. "Hier, unterschreiben Sie. Dann gehen Sie zum Kaufhaus Barstatt, die stellen Sie ein."
Wieder machte sich der Osterhase auf die Beine. Wie spannend das Leben auf einmal war!

Auch bei Barstatt schaute keiner genau hin. Das Weihnachtsgeschäft war voll im Gange. Der Manager für die Werbung schob ihn in eine große Garderobe. "Der letzte", sagte er und machte die Tür zu. An den Haken hingen wohl über hundert rote Weihnachtsmannmäntel mit Kapuze und weißem Besatz, der so tat, als sei er dicker wärmender Pelz. "Kleiden Sie sich an!" befahl der Manager den Angeheuerten. "Dalli, meine Herrn, dalli! Time is money!"

Genau wie die andern fuhr der Osterhase in den Mantel und stülpte sich die Kapuze auf. Eine offenherzige Blondine im weißen Kittel pappte jedem einen langen Weihnachtsmannbart an und stupste ihm zwei rote Backenflecke ins Gesicht. "Sie haben aber einen komischen Schnurrbart", sagte sie zu dem Osterhasen, "die Haare stehen ja quer." Bemerkt hatte sie jedoch nichts, weil sie sich mehr im Spiegel beguckte, als die Leute richtig anzusehen.

Der Manager teilte die Weihnachtsmänner ein: Zum Reklamelaufen auf der Straße, für die Show in der Spielwarenabteilung, zur Begleitung der Kunden. Der Osterhase hatte Glück, seine Schnuppernase entkam dem Kaufhausmief. Draußen vor dem weihnachtlich glitzernden Eingang wurde er postiert und sollte die Honneurs machen, weil er besonders groß und stattlich war. "Frohe Weihnachten", rief er, "kommen Sie, kaufen Sie Ihren Lieben Festtagsfreude!" Und er rief: "Die schönsten Geschenke für Groß und Klein!" Und: "Hereinspaziert ins Weihnachtsparadies!" Die Leute strömten an ihm vorüber, Kinder zupften an seinem Mantel und riefen: "Guck mal, Mama, der Weihnachtsmann!"
"Jaja, mein Liebling", war die Antwort, und eilig zogen die Mütter ihre Kleinen ins Barstatt hinein. Der Osterhase hatte seinen Spaß an dem Trubel. Weihnachtslieder rieselten aus den großen Lautsprechern. Er summte fröhlich mit.
ihn an. "Sie stehen im Weg!"
Der Osterhase wich schnell aus und bekam sofort von der anderen Seite einen Schubs. "Passen Sie doch auf, Sie Heini!" Das tat der Osterhase nun, aber er ärgerte sich. Niemand hatte ihn bisher Heini genannt.

Der Nachmittag brach an. Der Ansturm der Käuferschar wuchs. Hin und her sprang der Osterhase, um jedem freie Bahn zu geben. Der Manager kam. "Ich beobachte Sie schon eine Weile. Sie hopsen hier rum wie ein aufgescheuchtes Karnickel! Mehr Weihnachtsmannwürde!" befahl er. "Und Fröhlichkeit!"
Kaum war er fort, fragte ein Mann: "Hören Sie mal, haben die da drin solche Fellstiefel, wie Sie sie tragen?"
Der Osterhase erschrak. Schnell zog er die Krallen an seinen Hinterpfoten ein. "W...w...weiß ich nicht", stotterte er.
"Sie Weihnachtsmann!" schnauzte der Mann. "Wozu stehen Sie denn hier?"

Ja, wozu stand er hier?" Die Leute hasteten in das Kaufhaus hinein. Kein Blick links, keiner rechts. Konnten sie so das richtige Geschenk finden? Eines, das von Herzen kam? Und er? War er nur ein roter Fleck in Barstatts Weihnachtsglitzern? Plötzlich wurde ihm auch bewußt, daß aus den Lautsprechern den ganzen Tag über dieselben Weihnachtslieder in immer der gleichen Reihenfolge dudelten. Er hielt sich die langen Löffelohren unter der Kapuze zu.
Jemand berührte seinen Arm. Ein kleines Mädchen stand vor ihm und sagte: "Guten Tag, Weihnachtsmann." Sie streichelte seine Pfote. "Hast du schöne Pelzhandschuhe." Dann flüsterte sie ihm zu: "Ich weiß, wer du bist."
Und sie schauten sich in die Augen, so daß dem Osterhasen ganz warm ums Herz wurde.










Rezensionen Hildegard und Siegfried Schumacher: Bratapfelzeit



Mit Wärme und Fantasie

Genau zur richtigen Zeit sind Weihnachtsgeschichten von Hildegard und Siegfried Schumacher erschienen. Die erste trägt zwar den Titel "Von drauß' vom Walde komm ich her", aber in Wirklichkeit kommt keiner der 13 Texte von dort. Es sind sämtlich sehr irdische Geschehnisse, von denen erzählt wird, z.B. wenn der Schriftsteller Paul Paulemann eine Weihnachtsgeschichte schreiben soll und meint, dass das eine Kleinigkeit sei. Aber er merkt, dass man so wie einst nicht mehr erzählen kann. "Es ist wirklich nicht zeitgemäß", stellt er fest, "Pfeffernuss und Mandelkern essen alle Kinder gern, aufzusagen. Modern müsste es heißen: Kaugummi, Pommes, Chips, Krokant sind den Kids recht wohl bekannt."

So modern werden die Geschichten nun auch wieder nicht – und doch sind sie anders als viele, die wir kennen. Kein Wunder dass selbst der Weihnachtsmann Probleme bekommt: "Zeiten sind das", brummt er, "in denen sich die Kinder statt eines prächtigen Holzschimmels Auto, Sheriffstern und Wasserpistole wünschen".

Es macht Freude, diese Geschichten zu lesen. Sie sind freundlich und warm, fantasiereich und doch wirklich. Das kommt wohl daher, dass die Autoren aus ihrer eigenen Kindheit plaudern. Das sagen sie zwar nicht, aber wer Friede (bekannt aus "Sommer mit Judith") vom Weihnachtsfest bei den Großeltern erzählen hört, weiß, dass es das so gegeben haben kann:
Alles wartete auf den Vater, der erst am Nachmittag mit dem Zug kommt. Großvater und Friede holen ihn mit dein Pferdeschlitten ab. Als endlich alle vor dem Weihnachtsbaum stehen, hat sich der Kater herein geschlichen. Großmutter greift sich einen Apfel, zielt – und – trifft. Der Kater jault auf, macht einen Sprung und bringt den Baum zu Fall. Die Aufregung ist perfekt. "Is gut nu, Mutter", sagt da der Großvater und weiter heißt es: "Es war ein Ton in seiner Stimmet der den Schlusspunkt setzte. 'Is Weihnachten, Frieden auf Erden.'
So leicht ordnete Großvater die Welt und machte Frieden im Haus."
Benno Pubanz, Nordkurier Neubrandenburg 4.12.99





Es ist Bratapfelzeit

Rechtzeitig zum Weihnachtsfest haben Hildegard und Siegfried Schumacher, die bekannten Kinder- und Jugendbuchautoren aus Bad Freienwalde, ein wunderschönes Buch vorgelegt, das von Weihnachten einst und heute erzählt und geeignet ist, die ganze Familie in Festtagsstimmung zu versetzen. Der Titel lautet "Bratapfelzeit" (Verlag Die Furt 1999).
Illustriert wurde das Buch in bewährter Weise von Konrad Golz. Einige der im Buch enthaltenen Geschichten können bereits Kindern im Vorschulalter vorgelesen werden, andere werden gewiss für sechs- bis achtjährige Mädchen und Jungen eine begehrte Lektüre sein. Alle Geschichten sind bestens geeignet, die Kommunikation zwischen Alt und Jung zu fördern ...

Was wird erzählt? Alljährlich schreibt Onkel Faul für seine Nichten und Neffen eine Weihnachtsgeschichte, und zwar so, wie es seit vielen Generationen in Deutschland üblich ist: Von drauß' vom Walde kommt der Weihnachtsmann daher ... Aber Onkel Pauls Nichten und Neffen, die diesmal beim Schreiben zu Rate gezogen werden, wollen etwas "Cooles", einen "fetzigen" Weihnachtskrimi. Entnervt drängt Onkel Paul schließlich alle aus seinem Arbeitszimmer hinaus und schreibt seine Geschichte so, wie große und kleine "Kinder" Weihnachtsgeschichten seit Jahrzehnten kennen und lieben ...

Heutzutage spenden uns unsere Heizungen Wärme. Wer kennt noch die Behaglichkeit eines Kachelofens mit einer Bratröhre, in der nach Geheimrezepten zubereitete Bratäpfel duften? Schumachers erzählen in ihrer Titelgeschichte sehr anschaulich davon und wecken Sehnsucht nach solchem Erleben. Ferner erzählen Schumachers vom Schlittenhund des Weihnachtsmannes und vom Osterhasen, der als Weihnachtsmann "jobbte". Die jungen Leser begegnen Wundern, die vielleicht noch heute in der Weihnachtsnacht geschehen könnten. "Bratapfelzeit" verbreitet Festtagsfreude.
Märkische Allgemeine 03.12.1999



Hasenweihnacht

Die kann es in Geschichten geben. Hildegard und Siegfried Schumacher haben gleich zwei Geschichten abgeliefert, in denen das Hasenleben mit dem Fest verbunden ist. Dreizehn Geschichten haben sie eben veröffentlicht. Und seltsam ist, in allen gibt es um die Weihnachtszeit Schnee und Eis, Winter also, wie er kaum noch vorkommt in unseren Breiten. Ich habe den Verdacht, das Schriftstellerpaar hat in den vielen Schreibjahren alles ausprobiert, was es als erfunden ausgibt.

Den Minischneemann zum Beispiel, den Willy seinem Bruder Paule mitbringt. Der wird im Eisschrank ausgestellt und jeden Tag, bis Frühling wird, beguckt. Den Schlittenhund, der ein wirklicher Weihnachtshund ist, weil er im rechten Augenblick Freundschaftsdienste für Kinder verrichtet. Hierher gehört auch ein verflöhter Hund, der am Weihnachtsabend nicht mehr vertrieben werden kann und Heimstatt erhält. Auch ein kleiner Flugsaurier wird zur Weihnachtsüberraschung. Gut sind ihnen die Großmutter- und Großvaterfiguren geraten. Da taucht eine Sprache auf, die ich für verschüttet hielt, eine Mischung aus Hochsprache und Oderbruchplatt, die komisch verkürzt und dennoch erzählt.

Die Geschichten sind als Zeitungsgeschichten entstanden Jahr für Jahr, weiß ich. Der Zwang der Folge ist ihnen nicht anzumerken. Sie sind nun in ein Buch gebracht. Konrad Golz, von dem man lange nichts zu sehen bekommen hat, steuerte dreizehn farbige Illustrationen bei, die auch komisch brechen, was sich anschickt, ernsthaft daher zu kommen. In einer Geschichte geht es um Bratäpfel. Am besten schmecken sie aus der Bratröhre eines Kachelofens. Aber wer hat den heute noch in der Stube?
Hans Joachim Nauschütz




Weihnachten und Advent sind zum Freuen da

"Bratapfelzeit", das ist ein glücklich gewählter Titel für Weihnachtsgeschichten. Er verlockt zur Lektüre, weil in ihm so viel Heimeliges steckt, Düfte umwehen ihn, Beieinandersein wird assoziiert, Dunkelheit und Kälte bleiben draußen. Erinnerungen, Erwartungen, Empfindungen, Wünsche werden wach.

Aus Geschichtenbüchern wählen Leser zumeist einzelne Geschichten heraus, kaum werden sie hintereinander gelesen. Das hat schon seinen Reiz, denn Vielfalt findet sich in dieser Sammlung: Fröhliches, Nachdenkliches, Überraschendes, Wunderbares, Turbulentes, sehr Heutiges und Vergangenes. Und so fühlt sich jeder angesprochen. Wer aber alle Geschichten kennt, findet heraus, dass sie durch einen Gedanken vereint sind: Weihnachten und die Vorbereitungen darauf sind zum Freuen da und zum Freude bereiten. Der Weihnachtsbotschaft "Frieden auf Erden" wird in all den Geschichten Ausdruck verliehen. Berührend ist, wie sich ältere Geschwister um die jüngeren kümmern, Großeltern um die Enkel und umgekehrt.

Kluge Beobachtungen und Menschenkenntnis prägen die Charaktere. Auf knappstem Raum sind die Jungen und Älteren lebendig vorgestellt. Ihre Freude und Sehnsüchte, ihr Füreinander, in das sie auch Sorge um Tiere mit einschließen, sind literarisch gestaltet. Vergnüglich ist die sprachliche Gestaltung. Sie reicht von Verschmitztheit, mit der vor allem die Älteren charakterisiert sind, über feine Ironie, die Kauf- und Angebotsunsitten aufs Korn nimmt, bis hin zu Wortspielen, die äußerst anregend sind.

Bildhafte Sprache harmoniert in schönstem Sinne mit bildkünstlerischer Gestaltung. Jeder Geschichte ist eine ganzseitige farbige Illustration beigefügt, pastellig, phantasiereich, einfühlsam, die Stimmung erfassend und erweiternd. So liegt ein Kunstwerk vor, das heute in der Literatur für Kinder rar geworden ist.

Das Ganze noch einmal überblickend, lässt sich sagen, dieses Buch vermittelt Werte, die weit über Weihnachten hinaus wirken können. In ihm sind von den Jungen Traditionen übernommen worden, die zu gelebter Gegenwart werden.
Ingeborg Stelzer, Märkische Oderzeitung, Bad Freienwalde 03/05.12.1999






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