Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Dagmar Uhlmann
Brennen auf meiner Haut
Zehn Jahre in der neuen Welt

Die eigensinnige Olga ist es leid, sich immer wieder einen Westspiegel vors Gesicht halten zu lassen und verzerrt aus ihm herauszugucken. Eigentlich möchte sie nur noch die Augen zukneifen, um gar nichts mehr zu sehen; bis sie sich entschließt, ihren alten Ostspiegel blank zu putzen und ihn zu fragen: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer sind die Guten in unserm Land?
Uhlmanns skizzenhafte Beschreibungen und Anekdoten offenbaren, daß Erstarrung im Denken kein Privileg des Ostens war. Daß Stalinisten beileibe nicht rot sein müssen. Daß Solidarität nicht nur etwas mit bundesdeutschen Sondersteuern zu tun hat. Das meiste, was ihr widerfährt hätte auch im Westen passieren können. Aber warum sollte ausgerechnet dies der Maßstab sein?

Dagmar Uhlmann: Brennen auf meiner Haut. Zehn Jahre in der neuen Welt. 1. Aufl. 2000. Hardcover, 167 S. Format 12,7 x 19,5 cm. Umschlag: Peter Sottmeier
Preis 6,00 Euro       ISBN 978-3-933416-17-9








Leseprobe Dagmar Uhlmann: Brennen auf meiner Haut


Das ist doch nicht normal

In unserem Verband arbeitet eine Christin, die für Asylfragen zuständig war und ist. Diese Frau arbeitete mit der gleichen Besessenheit an der Lösung von Aufgaben, wie ich sie nur zu gut kenne. In ihrem Arbeitsbereich hatte sie alle Freiheiten, die sie brauchte. Ich war sehr froh, daß ich nicht auch noch für die Arbeit mit Asylbewerbern zuständig war.

Es war im Mai 1998, als mich Susanne Groß, entgegen unserer sonstigen Gepflogenheiten, um Hilfe bat. Sie betreute eine Asylbewerberin und deren Mann, die seit acht Jahren von den Behörden hin- und hergeschoben wurden. 1992 hatte sie bereits die Anerkennung als politischer Flüchtling bekommen, die sofort vom Bundesbeauftragten für Asylangelegenheiten wieder angefochten und ihr 1995 aberkannt wurde. Seit dieser Zeit, also seit drei Jahren, hangelte sie sich von Aufenthaltsduldung zu Aufenthaltsduldung. Mal gewährte man ihr zwei Monate, mal ein viertel Jahr und dann wieder nur einen Monat. Die 35jährige Elisa war nervlich am Ende.

Als mir Frau Roß den Ordner über den Vorgang zeigte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Nicht die Asylbewerberin, die fleißig ihrer Arbeit nachging, kostete unseren Staat das Geld, sondern die bürokratischen Mühlen. Ich denke, 50.000 DM war der Ordner allemal wert, wenn ich mir nur die Arbeitszeit der vielen hochdotierten Leute ausrechne, die alle schriftliche Stellungnahmen zu dem Asylverfahren abgegeben haben.

Wenn man also die Prüfung des Asylverfahrens, die Anerkennung, die Verwerfung, die abermalige Prüfung usw. usw. als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für unsere Bürokratie sieht, sind durchaus einige Stellen geschaffen worden. Wenn man aber die Menschlichkeit in den Vordergrund rückt, kann einem der Schweiß ausbrechen.

Wie auch immer, im Sommer 1998 stand wieder einmal eine Abschiebung für Elisa ins Haus. Und ich wurde um Mithilfe gebeten, diesen unwürdigen Prozeß zu beenden. Ich suchte die hübsche Afrikanerin in ihrer Arbeitsstelle auf. Es war mir wichtig zu wissen, für wen ich mich einsetzen sollte, und ob ich das wirklich wollte. Als ich nach zwei Stunden das Gespräch mit ihr beendete, wußte ich, daß es einfach inhuman wäre, diese Frau und ihren Mann zurückzuschicken. Sie hatten seit vielen Jahren nur von Monat zu Monat gelebt. Eine Planung war für sie unmöglich geworden. Sie waren verzweifelt.

Ich wollte mich in die Gruppe der Christen einreihen, die seit Jahren für das Bleiberecht dieser Frau kämpften. An einem Montagabend, ich glaube es war August 1998, wurde ich zum ersten Mal zu einer Beratung eingeladen. Wir trafen uns im Pfarrhaus in einem kleinen Dorf. Die Versammlung dieser Runde hatte für mich etwas Verschwörerisches. Drei der Anwesenden fielen mir besonders auf. Der junge Pfarrer, in dessen Dorf wir uns getroffen hatten, ein christlicher Eremit aus Westberlin und unsere Susanne. Sie sprachen über den schlechten Stand der Dinge, und dann war ich dran.

Ich hatte gleich, nachdem ich Elisa kennenlernte, einen eindringlichen Brief an den Ministerpräsidenten von Brandenburg geschrieben, dessen Inhalt Elisas Situation beschrieb und die Bitte auf Bleiberecht, die schon seit Jahren im Raum schwebte, unterstrich. Ich habe ihn in der Gruppe verlesen. Die freuten sich, daß ich zu ihnen gestoßen war. Nun warteten wir gespannt auf eine Reaktion. Zusätzlich hatte ich mich noch an den Landesvorsitzenden der SPD gewandt, um auch bei ihm um Unterstützung zu bitten.
Der zuständige Landrat, ein ehemaliger Lehrer, dachte nicht einmal daran, die vom Land eingeräumte Möglichkeit zu nutzen, ein Bleiberecht für Elisa gewähren zu können. Nein, das ginge nicht, man könne keinen Präzedenzfall schaffen. Wir wollten keinen Präzedenzfall schaffen, wir wollten die humanitäre Ausnahme. Seine Ohren blieben taub.

Ich wandte mich, wie vorher die Gruppe der Christen auch, an das Referat des zuständigen Ministeriums. Ich bekam einen leitenden Angestellten, den Altbundesbürger von Braunsdorf ans Telefon. Meine erste Überlegung war, den müssen wir in unser Boot ziehen. Er wollte aber mit uns nicht Boot fahren und stellte sich zuerst einmal unwissend. Da ich aber wußte, daß er weiß, wovon ich spreche, ließ ich nicht locker. Schließlich lag dieser Asylfall schon lange auf seinem Tisch. Nachdem ihm ein Gespräch mit mir unvermeidlich erschien, erklärte er: Sicher sei es für Elisa persönlich sehr traurig, wenn sie gehen müsse, aber wie der Fall nun einmal läge, könnte man keine andere Entscheidung treffen. Weil ... und dann folgte eine langatmige mit großem Rechtswissen gewürzte Erklärung ... die Fakten eben so wären. Er hatte diesen selbstgefälligen Ton der Macht; einer, der sich eins mit den Gesetzen wußte. Einen Spielraum sah er nicht. Er wußte nur zu gut, daß wir auf seinen guten Willen angewiesen waren. Er hatte aber keinen.

Glücklicherweise sitzen im Ministerium auch menschliche Menschen. Denen hing das jahrelange Tauziehen um das Bleiberecht für Elisa ebenfalls zum Hals heraus. Es gab klare Fronten. Während wir, getrieben von der knappen Zeit, fast kopflos wurden, bemühte sich Herr von Braunsdorf, die Abschiebung voranzutreiben. Wieder schrieb ich einen Brief an den Ministerpräsidenten und bat ihn dringlichst, doch endlich einer humanitären Lösung zuzustimmen. Wegen der wenigen Tage, die uns bis zur Abschiebung noch blieben, schickten wir alles per Fax.

Wieder einmal wurde uns aus dem Ministerium signalisiert, daß der Landrat freie Hand hätte. Er wollte aber keine freie Hand, sondern Anweisungen. Tagelang bemühte ich mich, den Landrat telefonisch zu erreichen. Ich bekam ihn nicht ans Telefon. Weil er angeblich von Besprechung zu Besprechung eilte und eben immer gerade unauffindbar war. Meinen Namen und mein Anliegen kannten die Vorzimmerdamen in der Zwischenzeit nur zu gut. Dann hatte ich von allem genug und entschloß mich, an einem Sprechtag zu ihm zu fahren. In die Asylszene passe ich überhaupt nicht rein. Ich hatte mir ein elegantes Kostüm angezogen und stiefelte wie Donna Clara zum Landrat.

In seinem Büro angekommen, sah ich durch die geöffnete Tür den Landrat an seinem Schreibtisch sitzen. Als er mich sah, zeigte sich Neugier in seinem Gesicht. Ich fragte die Sekretärin mit freundlicher Stimme, ob denn der Landrat heute auch Sprechstunde hätte. Sie bestätigte es mir und fragte nach meinem Anliegen und meinem Namen. Es blieb mir nichts, wenn ich nicht schwindeln wollte. So sagte ich, daß ich wegen der Asylbewerberin Elisa käme und mein Name Unruh sei. Der Sekretärin fiel buchstäblich der Unterkiefer herunter als sie fragte:"Was, Sie sind Frau Unruh?" Damit entschwand sie für einige Minuten zum Landrat. Herausgekommen, erklärte sie mir, daß er für mich nicht zu sprechen sei.

Fast wäre ich vor Empörung über den Tisch gesprungen, aber dann teilte ich ihr mit kalter Stimme mit, daß ich für ein derartiges Verhalten null Verständnis hätte, und ich vom Landrat erwarte, daß er sich innerhalb von zwei Tagen bei mir entschuldige. Ansonsten würde ich, so fuhr ich fort, die Öffentlichkeit über sein unmögliches Verhalten informieren.Ich ließ zwei sprachlose Vorzimmerdamen zurück.

Schon im Flur des Landratsamtes traf ich Susanne, die zusammen mit Elisa eine Duldung für weitere sieben Tage abholen wollte. Die Afrikanerin kam zitternd und weinend ins Amt. Selbst uns, denen sie vertraute, war es nicht möglich, sie zu beruhigen. Sie klappte in unseren Armen zusammen. Der Westberliner Eremit stellte dem afrikanischen Ehepaar erst einmal seine Wohnung zur Verfügung, bis für Elisa eine Behandlungsmöglichkeit in einem Krankenhaus, weitab vom Landrat, gefunden wurde. Ich war von solch einer Wut auf diesen mit Macht ausgestatteten Mann erfüllt, daß ich mich wieder an den SPD-Vorsitzenden unseres Landes wandte. Ich sagte ihm unumwunden, daß ich diesen Landrat durch die Presse zerren würde, wenn er nicht von seinem hohen Roß herunterkäme. Kurz darauf signalisierte der Landrat Gesprächsbereitschaft, aber noch immer keinen wirklichen Lösungswillen.

Die Gruppe der Christen ging in der Kreisstadt mit Elisas Fall in die Öffentlichkeit. Sie fanden in der Bevölkerung Zustimmung und Unterstützung in ihrem Einsatz für die Afrikanerin. Zeitgleich sprach ich anläßlich einer SPD-Wahlveranstaltung mit dem Ministerpräsidenten. Endlich, endlich war der Weg für Elisa frei – für ein weiteres halbes Jahr. Dieses Mal bekam sie eine Aufenthaltsbefugnis.

Wenn sich in der Bürokratie nichts ändert, und wir immer weiter auf Aktenbearbeitungsmaschinen statt Menschen treffen, kann dieses böse Spiel noch lange gespielt werden. Elisa und ihr Mann haben schwere seelische Schäden davongetragen, weil sie auf kalte Menschen aus Ost und West getroffen sind. Sie haben aber auch Hoffnung schöpfen können, weil sie eine Welle der Solidarität erfahren haben.









Rezensionen Dagmar Uhlmann: Brenenn auf meiner Haut



Mit zerrissener Seele

Einst Lehrerin für Musik und Mathematik, übernahm Dagmar Uhlmann nach der Wende das Frankfurter Regionalbüro des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Sie wollte den Schwachen helfen und Politik machen. Ihre Aufbruchstimmung wurde jedoch recht schnell gedämpft. Nach der Kandidatenfindung der SPD für die Volkskammerwahl 1990 schrieb sie: "Und wieder wies eine Frau darauf hin, daß sie in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen und Pfarrerin geworden sei. Mein Gott dachte ich, nun geht das wieder los. Das hatten wird doch schon, früher überall Partei und FDJ und nun die Christen." Mit der Bemerkung, sie komme "aus keinem christlichen Elternhaus" war ihre Kanditatur aus dem Rennen. So reihte sich Dämpfer an Dämpfer in der Zusammenarbeit mit Bankern, Bundeswehroffizieren, mit Freunden, mit Steuerberatern, mit vermeintlichen Gleichgesinnten ihrer Partei, mit Alteigentümern und mit Bürokraten auf diversen Posten. "Wenn sich in der Bürokratie nichts ändert und wir immer weiter auf Aktenbearbeitungsmaschinen statt Menschen treffen, kann dieses böse Spiel noch lange gespielt werden."

Nicht mit Dagmar Uhlmann, die in ihrem Buch Olga Unruh beißt. Sie wurde seelisch krank und erstarrte gleichsam. "Ich war innerlich wie tot." Zudem stellte sich "dieses Brennen auf meiner Haut ein. Und es begleitet mich überall hin." Ihr "Gerechtigkeitsfimmel" hat sie nach fünfjähriger Erstarrung 1999 ins Leben zurückgeholt. Eine schlimme Schwarzmalerei über Frankfurt (Oder) und seine geborenen DDR-Bürger durch eine westdeutsche Arztfrau war der Auslöser. "Plötzlich war mir klar, daß dieses Bild, das darin von uns gezeichnet wird, nicht so im Raum stehen bleiben durfte ... Nicht ein Mensch von uns wird als dem Ehepaar Endlich (Mendling) gleichwertig beschrieben. Warum so frage ich mich, malt sie uns so?" Dagmar Uhlmann war es leid, sich immer wieder einen Westspiegel vors Gesicht halten zu lassen und verzerrt aus ihn herauszugucken. Sie entschließt sich, "ihren alten Ostspiegel blank zu putzen und ihn zu fragen: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer sind die Guten in diesem Land?" Bei der Beantwortung dieser Frage arbeitet sie zugleich ihre eigene quälende Bedrückung auf und findet in der "leisen aber zuverlässigen" PDS-Frau Hanne eine späte Freundin.

Allergisch reagiert Dagmar Uhlmann, wenn die DDR und ihre Geschichte verteufelt wird. Und auf das Argument, daß die Westdeutschen die DDR-Geschichte aufarbeiten müßten, weil die Amerikaner "ja auch die Geschichte der Indianer aufgearbeitet" hätten, antwortet sie beißend: "Eben, genauso, wir sind ihre Indianer."
Mit wiedererlangtem Selbstbewußtsein läßt sie ihr Buch enden. "Ich bin ein kleiner Teil dieser Bundesrepublik, der nicht mehr mit sich machen läßt, sonder entscheidet, was er machen will."
Heinz Pocher, Neues Deutschland vom 5.10.2001




Ausbruch aus dem Reservat

Die Inspiratoren für Dagmar Uhlmanns erstes Buch hießen Ärger und Frustration. Trotzdem ist es kein Abrechnungsbuch geworden. Was unter dem Titel "Brennen auf meiner Haut – Zehn Jahre in der 'neuen Welt" im Verlag Die Furt erschien, ist die Selbstbefragung einer Frau, deren Seele an der sie umwabernden Ungerechtigkeit krank geworden ist und die nur noch durch eine Medizin Heilung erhofft: Gemeinsam mit anderen ihre eigene Wahrheit zu finden. Wer dieses Wagnis jemals auf sich genommen hat, weiß, daß es wenig Spektakuläres an sich hat. So ist auch das "Brennen auf meiner Haut" vor allem vom Alltag getragen, einem Alltag allerdings, der sich im Laufe eines Dezenniums vollkommen umstülpte.

Recht so, frohlockte die Lehrerin Uhlmann in den Wendetagen 1989 und stürzte sich in die sozialdemokratische Parteiarbeit – mit all ihren Hoffnungen und Erwartungen. Die Mitbegründerin und langjährige Leiterin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Frankfurt (Oder) beschreibt Facetten des folgenden Desillusionierungsprozesses, ohne den Stab über seine Akteure zu brechen. Gerade dadurch wird sie vielleicht zu einer Stimme für viele, von denen in der Rückschau auf die jüngste deutsche Geschichte noch kaum die Rede war, weil sie weder zu den Sonntagsrednern, noch zu den nicht minder bigotten Hexenjägern, weder zu den verspäteten kalten Kriegern beider Seiten, noch zu jenen gehören, unter deren globalistischem Blick jedes menschliche Problem zur Unkenntlichkeit schrumpft.

Uhlmann spricht als eine von denen, die die Einigung Deutschlands begrüßten, die sie mit ihrer Kraft zu befördern suchten und die irgendwann feststellen mußten, daß nicht wirklich sie gemeint waren. Solche Erfahrungen spricht die Autorin in pointierter Schärfe aus. Auf die Bemerkung eines sehr um die Geschichte der DDR bemühten Referenten, daß die Amerikaner ja schließlich auch die Geschichte der Indianer aufgearbeitet hätten, erwidert ihre Heldin Olga Unruh: "Eben, genau so, wir sind Ihre Indianer."

Uhlmanns Anekdoten und skizzenhaften Beschreibungen offenbaren, daß Erstarrung im Denken kein Privileg des Ostens war. Daß Stalinisten beileibe nicht rot sein müssen. Daß Solidarität nicht nur etwas mit bundesdeutschen Sondersteuern zu tun hat. Mitunter geraten die Geschichten zu einer Schwejkiade ohne Schwejk, denn die erwartete Doppelbödigkeit gibt es oft gar nicht: Das Absurde ist einfach nur absurd. Aber die Verletzungen sind so echt wie die Tumbheit der Verletzenden. Deshalb besteht die größte Enttäuschung Uhlmanns und ihrer Heldin Olga Unruh darin, daß es nach wie vor nicht um den Mensch als solchen geht, sondern daß dieser Mensch sich rechnen muß – ansonsten ist er Abfall oder, schlimmer als das, muß als Störfaktor attackiert werden. Legt jemand Hand an sich, kommt die Antwort aus westlicher Erfahrung: "Ja, so seid Ihr. Ihr bringt Euch um, nur damit andere ein schlechtes Gewissen haben." Perfekter kann sich das deutsch-deutsche Mißverständnis kaum selber artikulieren.

Das meiste, was ihr widerfährt, hätte Olga Unruh auch im Westen passieren können. Aber wieso sollte ausgerechnet dies der Maßstab sein? Das ist Uhlmanns eigentliche und weithin unbeantwortete Frage, denn sie möchte mit denen hier und mit denen dort zusammenleben, gleichberechtigt in einem Land und nicht in einem Reservat.
Henry-Martin Klemt, Oder-Anzeiger v. 18.03.2000






Endlich Verständnis

Dagmar Uhlmanns Buch ,,Brennen auf meiner Haut" ist erschienen. Ein leidenschaftlicher Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre in der Region.
Tief Luft geholt und draufgestürzt. Wieder mal Literatur über den Osten Brandenburgs, ausstaffiert mit persönlichen Geschichten aus der Zeit nach der Wende bis heute. Mal schauen.

Die Sprache ist geradeaus, flüssig und pointiert. Das macht Spaß beim Lesen. Und dann ist da ständig im Hinterkopf die Suche nach "lebenden Personen", Vergleich mit Bekanntem und selbst Erlebtem. War das nicht der Dezernent? Und wie hieß gleich der erste Chef von der Bank? Und welches Haus wollte die eine Krankenkasse unbedingt zurückhaben? Und so geht das in einer Tour: Runterlesen, weiterblättern, innehalten, grübeln, weiter. Dagmar Uhlmann läßt kaum etwas aus. Sie schreibt auch was ihr peinlich war, was sie stolz und froh machte, was sie wütend werden ließ, bis sich ihr der Magen umdrehte und der Körper rebellierte.

Das Buch ist gespickt mit Tagebuchaufzeichnungen. Darin beantwortet Dagmar Uhlmann alias Olga Unruh für sich und ihren Mann, warum sie dieses Buch schreibt. "Ich will endlich wieder normal leben und nicht ständig in diesem Zweifrontenkrieg. Mal verteidige ich mich gegen die Wessis und ein anderes Mal streite ich mich mit den gewendeten Ossis ... ich will endlich Verständnis ..." Auch Luise Endlich kommt darin vor – als echte Helferin für Olga Unruh in schwerer Zeit.

Das Schlimmgute an diesem Buch ist, dass jede/r auf der Suche nach Bekanntem und Bekannten auf sich selbst trifft. Das ist nach einem anstrengenden Arbeitstag abends auf dem Sofa nicht besonders bequem. Aber macht den Kopf klar. Erinnert an fast schon aufgegebene Ziele, müden Mut und geparkte Hoffnungen. Fazit: Die Geschichte der West- und Ostdeutschen ist keine Zeichnung in schwarzweiß. ,,Brennen auf meiner Haut" beschreibt mittels persönlicher Erfahrungen von Grellweiß bis Tiefschwarz mit unzähligen Grautönen. Das macht die Geschichten nachvollziehbar.
Oderlandspiegel v. 02.04.2000



Leute wie überall
Frankfurterin antwortet Luise Endlich

Die Wuppertalerin Gabrielea Mendling alias Luise Endlich hat mir ihren beiden Büchern über die Oststadt Frankfurt (Oder) für kontroverse Diskussionen gesorgt. Nun kommt der Band einer weiteren Neuautorin auf den Markt, der ebenfalls für Diskussionen in Ostbrandenburg sorgen dürfte. Auch Dagmar Uhlmann, Verfasserin des Titels "Brennen auf meiner Haut", spart Kritik nicht aus. Ursprünglich als Antwort auf die Mendling-Geschichten gedacht, ist das Buch weit über diesen Rahmen hinausgewachsen. "Ich will, daß die Wessis begreifen, dass wir Menschen sind wie sie", heißt es in dem Uhlmann-Buch. Zehn Jahre nach der Wende bemüht sich die Autorin um ein differenziertes Gesamtbild. Die gebürtige Ostdeutsche stand von 1991 bis Herbst 1999 dem Paritätischen Wohlfahrtsverband in Frankfurt vor und ist seit der Wende SPD-Mitglied.
Märkische Allgemeine Zeitung v. 17.04.2000






Die Diskussion tut uns gut und bringt uns voran

Schon 15 Minuten vor Beginn der Lesung von Dagmar Uhlmann waren am Mittwochabend in der Hutten-Buchhandlung die Plätze rar. Dort stellte sie nun erstmals ihr im März erschienenes Buch "Brennen auf meiner Haut" vor.
Das wollten sich die dann etwa 70 Zuhörer nicht entgehen lassen. Zumal die Autorin – so Buchhandlungschefin Edelgard Lemke – den Mut gehabt habe, ein Buch über die letzten zehn Jahre in Frankfurt und der Region zu schreiben und damit auch ein sehr intimes Werk vorgelegt habe.

"Ich habe das Buch geschrieben als das Maß voll war", erzählte die einstige Lehrerin und spätere Regionalbüro-Leiterin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Frankfurt. Ruhig begann sie die ersten Seiten ihres Buches zu lesen: "Schon lange sind Sachen um mich herum passiert, die ich nicht wahrgenommen habe", hatte Dagmar Uhlmann dort für den 7. Juli1999 in einem fiktiven Tagebuch festgehalten. Alle Ereignisse und Daten würden zwar stimmen, aber ein Tagebuch gäbe es in Wirklichkeit nicht, erklärte sie zwischendurch. Und später in der Diskussion dann auch, dass sie seit diesem Tag von der Schreiberei besessen gewesen sei und damit ihre Depressionen aufgearbeitet habe.

Der Auslöser dafür sei an jenem 7. Juli eine Buchbesprechung in der Märkischen Oderzeitung gewesen, die sie abrupt aus ihrer monatelangen Teilnahmslosigkeit gerissen habe: "Das Buch ist hart und haarig für alle, die etwas damit zu tun hatten", hatte die MOZ damals auf Seite vier getitelt und war neben den Reaktionen auf Luise Endlichs "NeuLand" auch auf die Veröffentlichung des Chirurgen Erhard Scholz "OV Maxim oder Die Stadt der kranken Gehirne" eingegangen, die sich mit Stasi-Verwicklungen am Klinikum auseinandersetzt.

Mit ihrer Art zu lesen und einer manchmal auch etwas rauh klingenden Stimme zog nun Dagmar Uhlmann ihre Zuhörer in den Bann. Ausgesucht hatte sie zum Beispiel Episoden über die im November 1999 in der Stadt vieldiskutierte Frontal-Sendung, über ihren ältesten Sohn, der eigentlich kein Ost-West-Problem kannte, oder auch über die Asylbewerberin Elisa, deren Aufenthaltsgenehmigung seit Jahren immer nur für kurze Zeiträume verlängert wird.

Klar wurde in der anschließenden Diskussion, dass "Brennen auf meiner Haut" von einigen Lesern schon als Antwort auf Luise Endlichs "NeuLand" gesehen wird, obwohl dies – so die Autorin – nicht ihre Absicht gewesen sei. Dabei gab sie aber auch zu, dass sie nach der Endlich-Lektüre zutiefst verletzt gewesen sei und das ihrer Ansicht nach verzerrte Bild nicht unkommentiert im Raum stehen lassen wollte. Offensichtlich einer der Widersprüche, mit denen Dagmar Uhlmann beim Schreiben und nun auch die Leser bei der Lektüre kämpfen.

So erzählte eine Frau, dass sie "Brennen auf meiner Haut" anfangs "genauso schlimm" wie das Endlich-Buch gefunden habe: "Nach dem zweiten Lesen war ich dann aber wieder ruhiger. Heute bin ich der Ansicht, dass jeder Frankfurter dieses geschichtsträchtige Buch haben sollte. In dieser schnellebigen Zeit vergisst man doch, wie die Stadt einmal ausgesehen und was sich alles schon verändert hat." Eine andere Zuhörerin zeigte sich froh, dass Dagmar Uhlmann als Ostdeutsche auch selbstkritische Töne gefunden habe: "Die Diskussion über diese Widersprüche tut uns gut und bringt voran."
Und Dagmar Uhlmann meinte zum Schluss: "Wir wollen eben angenommen und angekommen sein." Sie wolle, dass Ost und West aufeinander zugingen. Trotz aller Enttäuschungen, die das neue System anfangs mit sich gebracht habe, sei es nun an der Zeit, diesen letzten Schritt zu gehen.
Anett Neumann, Märkische Oderzeitung v. 28.4.2000






Skurrilitäten des Lebens

Frankfurt (Oder) ist der östlichste Osten. Hier gehen westdeutsche Reporter hin, um sich ihre Vorurteile und Klischees bestätigen zu lassen. Hier reagieren viele Leute wunschgemäß genervt auf das Sudelsurium Schmuggel-Stasi-Stau. Die aufstrebende Europa-Universität Viadrina oder das Institut für Halbleiterphysik, das mit seinen innovativen Lösungen zur Weltspitze der Mikroelektronik gehört, sind für quotenorientierte Journalisten weniger interessant. Es gibt aber Menschen, die dieses Frankfurt an der Oder lieben und zugleich auch froh sind, wieder in einem ungeteilten Deutschland zu Hause zu sein. Und manche von ihnen hat die kaltschnäuzige Arroganz – auf die natürlich die "Wessis" kein Monopol haben – mit den Jahren krank gemacht. Zu ihnen gehört Dagmar Uhlmann, die sich in Wende-Zeiten in der SPD engagierte, den Paritätischen Wohlfahrtsverband in Frankfurt (Oder) aufbaute und leitete, bis sie nicht mehr fertig wurde mit dem »Brennen auf meiner Haut«, das ihrem ersten Buch den Titel gab.

Uhlmann rechnet nicht ab. Sie sucht nicht nach dem Splitter im Auge des anderen, sondern nach dem eigenen Gesicht und nach den Spuren, die "zehn Jahre in der neuen Welt" darin hinterlassen haben. Die frühere Lehrerin befragt sich nach ihrem Selbstverständnis als berufstätige Frau und Mutter. Sie fragt nach den Werten, die aus der eigenen Sozialisation in der DDR gewachsen sind. Sie fragt nach bürgerschaftlichem Miteinander und nach Solidarität. Im Zusammenstoß mit manchem Bescheidwisser aus den westlichen wie den östlichen Bundesländern mögen solche Fragen naiv klingen – sie sind indes berechtigt.

Dagmar Uhlmann hält in ihren episodischen Notizen Dialoge fest, die in ihrer Skurrilität nur das Leben schreibt. Sie schlägt sich durch Bürokratendeutsch und tritt auf manchen frischgeknoteten Edelschlips. Die Tante muss erfahren, dass die Nichte partout nicht die von ihr geratene Partei wählen will. Der Trapper aus Fort Gauck findet sich von einer Squaw ertappt. Ein anderer resigniert angesichts ostdeutscher Widerspenstigkeit.

Da wohl manchmal Wut, aber nie Verbitterung Dagmar Uhlmann die Feder führten, ist die Reise durch jüngste Vergangenheit eine Entdeckungsfahrt. Dies um so mehr, als die Autorin mit ihren Erfahrungen Menschen vertritt, die bislang selten zu Wort kamen. Solche, die den Einigungsprozess zunächst mit viel mehr Hoffnung als Skepsis mitbewegt haben, die aber weder an die Tröge wirtschaftlicher und politischer Macht drängten, noch ihren "realpolitischen" Abschied nahmen von einer Vision, nach der Verständigung möglich und Gerechtigkeit notwendig ist. Damit bringt Uhlmann eine neue Farbe in den deutsch-deutschen Disput und ermutigt ihre Leser; die Suche nach dem Anderen bei sich selbst zu beginnen.
Henry-Martin Klemt, Neues Deutschland v. 26.5.2000








[Gesamtverzeichnis]   [Startseite]



Brennen auf meiner Haut
Leseprobe
Rezensionen
Die Autorin