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Von 1968 bis 1993 leitete Heinrich Brückner die Kinderklinik im Krankenhaus in Frankfurt (Oder).
Sorgfältig dokumentiert und lebendig schildert der Autor seine Lebenserfahrungen, eingebettet in die jeweiligen zeitgeschichtlichen Bedingungen. Für den fachkundigen Leser stellt sich das Entstehen eines modernen Kinderkrankenhauses aus beklagenswerten Anfängen fast wie ein Stück geraffte Geschichte der Kinderheilkunde überhaupt dar.
Eine schöne, aber schwierige Aufgabe, berechtigte medizinisch-soziale Ansprüche von Kindern und Jugendlichen auch gegen Widerstände durchzusetzen. Streckenweise ist dieses Abenteuer fast wie ein Krimi zu lesen.
Heinrich Brückner: Gewundene Pfade der Hoffnung. 37 Jahre Kinderarzt als Anwalt der Schwächsten. 1. Auflage 2008. Festeinband. 503 Seiten, mit zahlr. Fotos. Format 15,5 x 23 cm
Preis 19,50 Euro ISBN 978-3-933416-78-0
Leseprobe Heinrich Brückner: Gewundene Pfade der Hoffnung
Während einer Dienstbesprechung in der Leipziger Kinderklinik im Frühjahr 1968 berichtete Professor Liebe den versammelten Klinikärzten, dass ihn gestern der Ärztliche Direktor des Bezirkskrankenhauses Frankfurt (Oder) aufgesucht habe mit der Bitte um Hilfe, einen geeigneten Mitarbeiter für die Leitung der Frankfurter Kinderklinik zu gewinnen. Mit den Versorgungsproblemen dort seien sie in großen Nöten. Bisher hätten sie keinen geeigneten Nachfolger für die bisherige Leiterin gefunden, weshalb er einige Universitäten persönlich aufsuche, um entsprechende Kontakte anzubahnen ...
Wir haben dann Familienrat gehalten, alles besprochen, mit gewissen "Bauchschmerzen" bei der Vorstellung, unsere vertraute Heimatstadt mit ihren kulturellen Möglichkeiten und unserem Freundeskreis zu verlassen und eine völlig neue Aufgabe zu übernehmen ...
Es würde schon ein gewisses Abenteuer werden, was ja immer da beginnt, wo man bisher begangene Pfade des Alltags verlässt und sich entschließt, selbst gestellten Aufgaben und eigenen Vorstellungen zu folgen.
Erste Erfahrungen im Klinikalltag
Wenn ich mich recht entsinne, hat der kluge Faust über das Leben philosophiert und gesagt: "Wo ihr es packt, da ist es interessant." Ich habe mich nun vier Tage abgestrampelt und muss sagen: Wo ich es packe, ach nein, nur anrühre, da ist in der Klinik ein einzigartiges Durcheinander, ein "Sumpf" grenzenlos bodenlos, für uns einfach unvorstellbar ...
Dann machte ich mit einer interessiert erscheinenden Schwester, die sich auch als verantwortlich für die Lehrlingsausbildung herausstellte, einen Rundgang durch die Station, um alle Mängel aufzunehmen. Das ist vielleicht nicht einmal der richtige Ausdruck, denn ich fand bisher kaum etwas in Ordnung.
Fünf oder sechs Seiten habe ich notiert, wo man sich überall nicht die Hände waschen kann, wie das mit dem Kinderbaden ist, wo die Ausgüsse nicht abfließen, das Klo nicht spült, das Wasser zum Dach hereinläuft und durch unsere Zimmerdecken tropft, wo die Öfen nicht zu heizen, die UV-Strahler falsch angebracht sind usw.
Meine schlimmsten Erwartungen wurden übertroffen ...
Dann bin ich um fünf Uhr ins Krankenhaus gefahren und wollte mal sehen, wie das nun morgens abläuft. Da kamen die Schwestern erst einmal ein bisschen spät und staunten. Ja, das hätten sie noch nicht erlebt, es wäre gut, wenn das auch einmal die Ärzte sehen würden.
Und ich habe gesehen: Alle Türen wurden auf einmal aufgesperrt, immer drei Kinder auf einen Rollstuhl zusammengesetzt, manchmal stellte sich auch noch einer auf das Fußbrett drauf. Der Rheumatiker kam zu Fuß zur Badewanne ...
Für nächsten Dienstag zehn Uhr habe ich den Ärztlichen Direktor, den Verwaltungsdirektor und den Technik-Direktor zu einer Stationsbegehung gebeten. Sie werden das getippte Protokoll gleich beim Empfang in die Hand bekommen, jeder ein eigenes Exemplar, damit sie nicht selber so viel schreiben müssen und über nichts anderes reden sollen.
Dann werden wir Punkt für Punkt durchgehen ... und sie werden am Ende sagen, dass für dieses Jahr unsere Mittel schon ausgeschöpft sind. Auch wäre das Geld vielleicht noch die geringere Sorge, aber Handwerker und Material bekommen wir nicht ... Und sollen wir überhaupt noch so viel machen, wo wir doch ein neues Haus bauen ...?
Vorbereitungen des Krankenhaus-Neubaus
Der Neubau war schon 1968 bei meinem Wechsel nach Frankfurt (Oder) als dringlich im Gespräch gewesen, vielleicht auch als Lockmittel? Als ich damals diesen Hinweis gegenüber einem älteren Chefarzt-Kollegen erwähnte, schmunzelte er und sagte: "Dasselbe hat man mir vor vier Jahren auch schon gesagt, als ich nach Frankfurt (Oder) kam."
Tatsächlich fasste der Rat des Bezirkes 1963 den Beschluss zur Vorbereitung eines Neubaus, der schließlich nach wirtschaftlicher und sozialpolitischer Bilanzierung in die Beschlüsse des VIII. Parteitages der SED 1971 aufgenommen und damit zum konkreten Planziel wurde. So konnte es in den siebziger Jahren tatsächlich zur Sache gehen ...
Das eindeutige Ziel war, die in Altbauten dezentral untergebrachten Einrichtungen mit ihren zahlreichen und beschwerlichen Kompromissen in einem Komplex zu vereinigen ... Deshalb stand am Anfang eine Standort-Diskussion. Wo könnte das Krankenhaus im Stadtgebiet Platz finden, um Bürgernähe mit kurzen Wegstrecken für Versorgung und Besucher zu ermöglichen. ...
Wir mussten uns erst daran gewöhnen, weil Markendorf damals "sehr weit draußen" lag ...
Als ich auf die Zweckmäßigkeit von größerer Nähe zwischen Mutter und Kind hinwies, die schon beim Neubau zu berücksichtigen sei, erwiderte mein geburtshilflicher Kollege: "Nun fangen sie mir bloß nicht noch mit Rooming-in an." ...
Hindernisse
Weiterhin kam dazu, dass sich mit Zuspitzung des Ost-West-Konflikts ... die zivilen wirtschaftlichen Möglichkeiten immer mehr einschränkten ... Bei uns brauchte nur das Wort "Landesverteidigung" zu fallen, und die Diskussion um kostenträchtige Erfordernisse wurde damit zumeist beendet ...
Die Auswirkungen auf den Neubau waren erheblich. Von den vorgesehenen zwei Bettenhäusern wurde eines zurückgestellt. Damit war das Ziel der Zentralisierung des Bezirkskrankenhauses an einer Stelle nicht mehr erreichbar.
Zwar konnte dann 1986 Klinikblock B im Lutherstift-Bereich geräumt werden, aber die Klinikblöcke A Heilbronner Straße (Wilhelm-Pieck-Straße) und C in der Seelower Kehre mussten beibehalten werden.
Die Dezentralisierung blieb mit drei Standorten erhalten, zwar etwas gestrafft, aber mit den erheblich längeren Wegstrecken zur Zentrale.
Der wirtschaftliche Vorteil kam nicht wie geplant zum Tragen ...
In dieser Periode wuchs aber eine neue, stattliche Bezirksparteischule nahe dem Oderufer in die Höhe.
Mit einigermaßen sachkundigem Blick erkannten wir, dass mit gleichen konstruktiven Merkmalen wie beim neuen Bezirkskrankenhaus gebaut wurde, mit den gleichen Rastern und Bauelementen.
Es entstand ein Hochhaus mit Zwei-Bett- Zimmern für die Lehrgangsteilnehmer und ein anschließender Flachbau mit großem Hörsaal und kleineren Unterrichtsräumen, Küche und Speisesaal. In diesem Sinne wurde "das zweite Bettenhaus" an der Oder gebaut.
Das wurde natürlich offiziell heftigst bestritten, sehr viel später in der Nach-Wende-Zeit aber zugegeben eine sehr enttäuschende Erfahrung ...
Neue Verwaltungsstrukturen neue Personen in der Verantwortung
Betrachten wir das Jahr 1990 als Übergangszeit, die uns im Krankenhaus wie auch in der ambulanten Versorgung noch nicht tiefgreifend in der Arbeitsfähigkeit beeinflusste. Der Ärztliche Direktor war im bisherigen Sinne Betriebsleiter und bemühte sich gemeinsam mit seinem Verwaltungsleiter in meinen Augen erfolgreich für die Umsetzung einer Flut von neuen Gesetzen und Übergangsregelungen zur Krankenhausfinanzierung. Aber er wurde aus politischen Gründen vom Dezernenten für Gesundheit und Soziales zum 31.12.1990 entlassen.
Zur gleichen Zeit wurde ein neuer Verwaltungsdirektor eingestellt. Medizinische Einrichtungen sollten ja nun als Wirtschaftsunternehmen verstanden werden und Patienten als Kunden.
Diesen Übergang ins neue System konnte nach den Vorstellungen der Stadt am besten ein Volkswirt gestalten, wobei entsprechende Erfahrungen aus dem Alt-Bundesgebiet für besonders hilfreich gehalten wurden. Das war auch nicht ganz von der Hand zu weisen.
Beobachter des Auswahlverfahrens der Bewerber waren allerdings erstaunt, dass die Entscheidung gerade auf jenen Kandidaten fiel, den sie rein gefühlsmäßig an letzter Stelle eingeordnet hätten. Aber der Berufene war der einzige, der sofort zur Verfügung stand, denn er war z. Zt. arbeitslos. Das gab den Ausschlag.
Zuletzt hatte er ein Alten- und Pflegeheim von 80 Betten im Westen Berlins geleitet, was zweifellos nicht vergleichbar ist mit einem 1000-Betten-Schwerpunktkrankenhaus mit 17 Fachrichtungen.
So nahm er denn Anfang Dezember 1990 mit viel Vertrauensvorschuss auf Grund seiner "umfassenden Westerfahrung" die Arbeit in Frankfurt (Oder) auf. Bei der ersten Vorstellung im Kreise der Krankenhausleitung führte er sich mit den Worten ein: "Also damit das klar ist, jetzt habe ich hier das Sagen" und "Ich unterschreibe grün".
Diese Bedeutung kannte ich zwar nicht, ließ mir aber von einem verwaltungserfahrenen Freund sagen, dass verschiedene Unterschriftsfarben in der bundesrepublikanischen Verwaltungshierarchie üblich sind, so dass schnell erkennbar ist, wer einen Vorgang in der Hand hatte ...
Die neuen Finanzierungswege erforderten schon viel Umdenken, weil die Bedeutung des Geldes derartig in den Vordergrund trat, dass manche medizinischen Aspekte zweitrangig oder unverstanden oder ausgeblendet blieben. Entstehende Mängel oder Lücken sollte dann die ärztliche Ethik ausgleichen ...
Große Einbrüche, Kinder werden knapp
Nach 1989 gingen die Geburtenzahlen bei uns drastisch zurück auf zunächst 34 Prozent ...
Zu DDR-Zeiten lag der mütterliche Altersgipfel bei Geburt des ersten Kindes um das 21. Lebensjahr, in der Bundesrepublik begannen viele Frauen mit der Familiengründung erst um das 30. Lebensjahr ...
Viele unterstützende Angebote zur Kinderbetreuung in der DDR-Gesellschaft, die Kind und Ausbildung bzw. Beruf der Mutter leichter zu kombinieren gestatteten, mussten aus Finanzmangel der Kommunen erheblich abgebaut werden ...
Rezensionen Heinrich Brückner: Gewundene Pfade der Hoffnung
Der Kinderarzt und das Klinikum
Über seine 37 Jahre währende Arbeit als Kinderarzt berichtet Dr. Heinrich Brückner ...
Doch die Chronik, wie Brückner das gut 500 Seiten starke Buch selbst bezeichnet, ist weit mehr geworden ... weiterlesen
Märkische Oderzeitung, Frankfurter Stadtbote vom 16.5.2008
Entwaffnende Bescheidenheit
Ein höchst ungewöhnlicher Mensch hat ein höchst ungewöhnliches Buch geschrieben. Heinrich Brückner, 1928 im Erzgebirge/Sachsen geboren, ein Mann aus der "Flakhelfer-Generation", der in der DDR als Parteiloser eine große nichtuniversitäre Kinderklinik geleitet hat ...weiterlesen
Dr. Ernst Fukala, Deutsches Ärzteblatt, heft 44, 31.10.2008 und Kinder- und Jugendarzt 9/08
Heinrich Brückner ... versucht durch Zitieren eigener Aufsätze, der Tagebuchnotizen von Familienangehörigen, Bekannten und ehemaligen Mitarbeitern jeden Eindruck "goldbestaubter" Erinnerungen bewusst zu vermeiden ...weiterlesen
Annelore und Hans-Ulrich Tschirner, Quäker 4/2008-11-20
... Entstanden ist ein sehr interessantes Buch, in dem die Entwicklung der Klinik und der regionalen Versorgung aus alltagsgeschichtlicher und sozialgeschichtlicher Sicht akribisch geschildert wird, eingebettet in historische Zusammenhänge ...weiterlesen
Dr. Edith Holz, Müllrose, Brandenburgisches Ärzteblatt 7-8/2008
Der Kinderarzt und das Klinikum
Über seine 37 Jahre währende Arbeit als Kinderarzt berichtet Dr. Heinrich Brückner ...
Doch die Chronik, wie Brückner das gut 500 Seiten starke Buch selbst bezeichnet, ist weit mehr geworden. Sie berichtet über das Leben des Arztes von der Kindheit über das Studium in Leipzig, natürlich die 25 Jahre als Chefarzt der Kinderklinik in Frankfurt, aber auch über die Entwicklung des Klinikums insgesamt.
... Der Kinderarzt ist durch viele seiner früheren Bücher weit über die Region hinaus bekannt ... Quasi als Nebenprodukt seiner wissenschaftlichen Arbeit entstanden unter anderem "Bevor ein Kind geboren wird" und "Denkst du schon an Liebe?"
Weniger bekannt ist Brückners Engagement in Kuba. Auch darüber berichtet er.
Breiten Raum nimmt die Entwicklung des Klinikums ein. Schwierigkeiten beim Bau des neuen Bezirkskrankenhauses in Markendorf werden beschrieben, es geht um die Zusammenarbeit mit dem Lutherstift.
Brückner schreibt über Erlebnisse der Wendezeit 1989/1990, berichtet über Vorgänge im Klinikum und in der Kommunalpolitik. In der rückblickenden Bewertung ist er sachlich kritisch.
Das Dr. Heinrich Brückner dem Klinikum auch nach seinem Ausscheiden 1993 eng verbunden geblieben ist, belegt das Buch. Ein aktuelles Foto des Gebäudekomplexes ziert den Einband. Den Zustand der im Jahr 2004 leergezogenen Kinderklinik in der Seelower Kehre hat der Autor zwei Jahre später selbst dokumentiert.
Märkische Oderzeitung, Frankfurter Stadtbote vom 16.5.2008
37 Jahre Kinderarzt als Anwalt der Schwächsten
Ein höchst ungewöhnlicher Mensch hat ein höchst ungewöhnliches Buch geschrieben. Heinrich Brückner, 1928 im Erzgebirge/Sachsen geboren, ein Mann aus der "Flakhelfer-Generation", der in der DDR als Parteiloser eine große nichtuniversitäre Kinderklinik geleitet hat, gibt einen Lebens- und Arbeitsbericht, der alles enthält, was der Leser von einer soliden Biographie erwartet.
Er geht darüber aber deutlich durch eine bemerkenswerte Sorgfalt und Tiefgründigkeit, durch eine für seine Generation ungewöhnlich umfassende Weitsicht und durch ganzheitliches Denken hinaus.
Das Buch gewinnt seinen Rang aus zwei gewichtigen Gründen: zunächst durch die Tatsache, dass es eine der wenigen ostdeutschen Pädiater-Biographien ist, vor allem aber durch die Persönlichkeit des Autors. Dieser Leipziger Habilitierte ohne weitere Aussicht auf Hochschullaufbahn, brachte in Frankfurt/Oder das Kunststück fertig, die Kinderkliniken des Bezirkskrankenhauses (staatlich) und der Diakonie (konfessionell) in einer Person über fast zwei Jahrzehnte zu leiten, funktionell zusammenzuführen und zur Blüte zu bringen.
Daneben wirkte er als "Repräsentant der Religionsgemeinschaft der Freunde (Quäker)" in der DDR, war in dieser Funktion exterritorialer UNO-Beobachter und überdies als Autor mehrerer Aufklärungsbücher der ungemein populäre Sexualpädagoge für Kinder, Jugendliche und Eltern in der DDR und außerdem in Kuba.
Brückner zeigt sich als mutiger und selbständiger Mann, ob er in Klinga Indianer spielt, in Warschau eine Politposse entlarvt, in Havanna über Schwangerschaftsverhütung redet oder mit seinen Direktoren um die Milchküche seiner Klinik kämpft.
Sein Werk berichtet über persönliche und berufliche Erfahrungen von der nationalsozialistischen über die proletarische Diktatur bis hin zur konfliktreichen Demokratie im vereinigten Deutschland, wobei die medizinischen, geistigen und politischen Zeitströmungen intensiv reflektiert werden.
Das Buch ist zugleich eine illustrierte Geschichte der Kinderheilkunde in der DDR mit vielen regionalen Bezügen und bewahrenswerter Alltagsgeschichte. Zum sogenannten "Brandenburger Modell" d. h. der fachfremden Unterstellung kleiner stationärer Kinderabteilungen in diesem ostdeutschen Bundesland hätte den Leser eine Stellungnahme interessiert. Doch alle anderen Widrigkeiten sowie Begünstigungen in der Arbeit einer Kinderklinik im realen Sozialismus werden im Buch ausführlich beschrieben.
Brückner lebt und schreibt voller Engagement für "seine Sache", die vielen, den Kindern vorenthaltenen Rechte. Einen besser formulierten Vorwurf an bedenkenlose Verantwortungsträger, als "die tiefe Missachtung kindlicher Belange" hat der Rezensent noch nie gelesen.
Dabei schildert der Autor seinen kämpferischen Weg mit einer geradezu entwaffnenden Bescheidenheit, wo mancher Zeitgenosse seine beruflichen Erfolge aufgezählt hätte. Eitelkeit, der bekannte Problembereich biographischer Literatur, ist ihm fremd.
Bei Konflikten zeigt Brückner eine beeindruckende Haltung zum "Verständnis für beide Seiten", selbst wenn es um staatlichen Machtmissbrauch, um sozialistisches Mobbing oder um persönliche Nachteile geht. Besonders lesenswert sind die Betrachtungen über den Wandel in der Medizin und seine kritischen Gedanken zur Kinderheilkunde in der medizinischen Marktwirtschaft.
Der Autor hat auf ein Personenregister verzichtet, sein Buch aber sicher auch nicht für Schnellleser geschrieben. Bei fast 500 Quellenangaben wird der an der Kinderheilkunde interessierte Leser eine gut gefüllte Fundgrube in einem hervorragenden Sachbuch finden.
Dr. Ernst Fukala in: Kinder- und Jugendarzt 9/08
Heinrich Brückner ... versucht durch Zitieren eigener Aufsätze, der Tagebuchnotizen von Familienangehörigen, Bekannten und ehemaligen Mitarbeitern jeden Eindruck "goldbestaubter" Erinnerungen bewusst zu vermeiden.
Weltwirtschaftskrise und 3. Reich
Der Leser erfährt in den ersten Kapiteln etwas von den Schwierigkeiten und Problemen, mit denen sich eine Quäkerfamilie in der Weltwirtschaftskrise und im Dritten Reich auseinander setzten musste. ... Der Autor, zu einem durch das Nazi-Regime im sinnlosen Endkampf besonders dezimierten Jahrgang (1928) gehörend schildert dann seine Erfahrungen als 15-jähriger Luftwaffenhelfer im Umfeld der Stadt Leipzig.
Die Tagebuchaufzeichnungen eines Klassen- Luftwaffenhelferkameraden berühren auch ein gerade in jüngster Zeit viel diskutiertes Thema: die damalige Entscheidung Halbwüchsiger. "Einmal wollte man uns ... etwas Besonderes bieten. Die Kammersängerin Lydia Oswald sang begleitet von einem Streichquartett klassische Weisen. In der Pause versuchten SS-Leute, uns für die SS-Division "Hitlerjugend anzuwerben. Es war schwierig, die zudringlichen Kerle abzuwimmeln."
Studium der Medizin
... Die schwierigen Umstände des Neubeginns nach 1945, die verschiedenen Facetten des Einsatzes von Schülern und Studenten im Nachkriegs-Ostdeutschland, werden detailliert und dokumentarisch belegt geschildert. Sehr eindrucksvoll begründet der 19-jährige Studienbewerber in dem Aufsatz "Beruf und Verantwortung" seinen Berufswunsch aus pazifistischer Grundhaltung. Mit dem Abschluss seines Medizinstudiums, der Ausbildung zum Kinderarzt, nach Promotion und erfolgter Habilitation an der Universität Leipzig endet der mehr familiäre Teil des Buches.
Kinderarzt in Frankfurt (Oder)
Im Jahr 1968 übernimmt Heinrich Brückner die Funktion des leitenden Chefarztes der Kinderklinik des Bezirkskrankenhauses Frankfurt (Oder). Er lebt und erlebt seinen Beruf als Berufung. Wie er zusammen mit seinen Mitarbeitern den Aufbau einer zeitgemäßen Kinderklinik in oft mühsamer Kleinarbeit unter hohem persönlichen Einsatz vorantreibt und letztlich vollendet, ist höchst beeindruckend.
Daneben bringen ihm seine sexualpädagogischen Untersuchungen und die darüber publizierten Bücher internationale Anerkennung ein. Über die Arbeitsgruppe "medizinische und pädagogische Probleme der Sexualität" ... kam es zu ersten Kontakten mit einer kubanischen Delegation, die um Unterstützung bei der Durchsetzung von gleichen Rechten und Pflichten für Mann und Frau in Kuba warb ...
Heinrich Brückner hat sich ... vor Ort so intensiv in diese Bemühungen eingebracht, dass ihm in Anerkennung seiner Verdienste nach 20-jähriger Zusammenarbeit im Jahre 2000 die goldenen Finlay-Medaille der kubanischen Akademie der Wissenschaften verliehen wurde.
Wiedervereinigung
In den letzten Kapiteln seines Buches schildert Heinrich Brückner alle mit der Wiedervereinigung auftretenden Probleme, Verunsicherungen und Verbesserungen in seinem Verantwortungsbereich. Nach diesen vielfältigen Erfahrungen und dem hohen persönlichen Engagement verdienen seine Eindrücke und Ausblicke nach seiner Emeritierung im Jahre 1993 besondere Aufmerksamkeit ...
Die Rezensenten bedauern, dass Heinrich Brückner über seine Zeit als Mitglied und Schreiber der einzigen Quäker-Jahresversammlung im sozialistischen Lager und die damit möglicherweise verbundenen Konflikte bzw. Gespräche mit staatlichen Institutionen der DDR nichts berichtet.
Dieses Buch ist allen zu empfehlen, die sich für den Blick eines Quäkers auf seine Lebensabschnitte im Dritten Reich, über die DDR bis zum wiedervereinten Deutschland interessieren. Eine Vielzahl von Literaturangaben zu den einzelnen Kapiteln unterstreichen die Bemühungen des Autors, seine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse in größeren Zusammenhängen zu spiegeln und zu reflektieren.
Annelore und Hans-Ulrich Tschirner, Quäker 4/2008-11-20
... Entstanden ist ein sehr interessantes Buch, in dem die Entwicklung der Klinik und der regionalen Versorgung aus alltagsgeschichtlicher und sozialgeschichtlicher Sicht akribisch geschildert wird, eingebettet in historische Zusammenhänge.
Der 1928 geborene Autor hat drei Gesellschaftssysteme bewusst erlebt. Die Lebenslinie Heinrich Brückners und seine weltanschauliche Orientierung mit einer humanistischen und solidarischen Grundeinstellung und gewaltfreien Konfliktlösungsstrategie kommt deutlich zum Ausdruck.
Das Buch ist in 18 themenbezogene Kapitel gegliedert. In den Kapiteln 1-4 werden die Kinder- und Jugendzeit einschließlich der Erfahrungen am Ende des II. Weltkrieges, das Studium und erste Berufserfahrungen geschildert. In den folgenden Abschnitten wird die Tätigkeit als Chefarzt de Kinderklinik mit allen Rückschlägen sehr detailliert behandelt. Sehr interessant ist auch die Darstellung spezieller Bereiche, wie die Entwicklung der Neonatologie unter Einbeziehung der sanften Geburt und Pflege des Neugeborenen sowie der Aufbau der genetischen Abteilung und die Einflussnahme auf die sexualpädagogische Erziehung.
Unzählige Mitarbeiter werden gewürdigt und die große Bedeutung der Teamarbeit wird hervorgehoben. Die Würdigung des Kindes, einem schwachen Glied der Gesellschaft, wird immer deutlich.
Sehr interessant ist auch Schilderung der Zusammenarbeit mit dem kubanischen Gesundheitswesen. Dabei entstand Literatur zur Sexualerziehung und Geburtsleitung, zum Stillen und zur Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern. Am Ende des Buches befindet sich eine kapitelbezogene Quellenangabe, eine Zusammenfassung der Publikationen des Autors sowie eine Zeit-, Struktur- und Personaltafel.
Dem Autor ist es gelungen, ein bedeutendes zeitgeschichtliches Dokument zu erarbeiten mit sehr interessanten persönlichen Aussagen in Verbindung mit den geschilderten Ereignissen. Die Lektüre ist spannend und es lohnt sich, die"gewundenen Pfade der Hoffnung" zu gehen. Hier hat sich ein wirklicher Anwalt der Schwächsten zuWort gemeldet
Dr. Edith Holz, Müllrose, Brandenburgisches Ärzteblatt 7-8/2008