Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Hildegard & Siegfried Schumacher
Davongekommen
allem Heil und Unheil

Friede denkt über sein Leben nach: War der Nazidolch keinen Pfifferling wert? Der Vater schenkte ihm seinen Verdienstorden und sagte: "Damit kannst du spielen." Als der Himmel über Berlin brannte, wurde er Soldat. Mit siebzehn! Gilt der Fahneneid auf einen Verbrecher? Steht das Töten über dem 5. Gebot? "Junge, du musst sofort wieder weg", sagte die Mutter, als er aus dem Krieg nach Hause kam. – So viele Fragen, so wenige Antworten.

Hildegard & Siegfried Schumacher: Davongekommen allem Heil und Unheil. 1. Auflage 2008. Paperback, 183 Seiten, Format 13,5 x 20 cm.
Preis 12,80 Euro       ISBN 978-3-933416-76-6


von den gleichen Autoren erschienen:
Fast ein Sonntagskind
Großmutters Rock
Sommer mit Judith
Bratapfelzeit



Leseprobe – Hildegard & Siegfried Schumacher – Davongekommen










Rezensionen – Hildegard & Siegfried Schumacher – Davongekommen

Als Friede der SS ein Schnippchen schlug
vierter Band der Schumacher-Erinnerungen

Das von den Bad Freienwaldern Autoren noch gemeinsam konzipierte und von Siegfried Schumacher verfasste Buch ist das vierte in Folge, das Erinnerungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts thematisiert. Vieles was in "Großmutter Rock", "Fast ein Sonntagskind" und "Sommer mit Judith" erzählt wird, greift der neue Band auf.
Diesmal steht Friede im Mittelpunkt. Friede – ein beziehungsreicher Name. Nicht Siegfried, der germanische Held – "Friede", das ist familiär, fast intim. So hat ihn der Großvater genannt. Und es ist auch eine Familiengeschichte mit starkem Lokalbezug, die sich von jenem Großvater des in seinem "Denkersessel" eingenisteten, nun schon über 80-Jährigen über den jungen Friede bis zum 14-jährigen Urenkel Max erstreckt. Zivilcourage ist der rote Faden, der ihre Geschichten zusammenhält.

Davongekommen allem Unheil. Ja, dieser Friede ist durch den Krieg gekommen. Körperlich gesund, Schaden an der Seele nehmend sicherlich, aber immerhin. Aber allem Heil? Wie kann man dem Heil, das man doch sucht, davongekommen sein? Dieser Widerspruch treibt alles an.
Da ist zunächst der Wunsch, hinzu zu gehören, so einen Blut-und-Ehre-Dolch zu haben, wie die Hitlerjugend ihn vergab. Sich dem zu entziehen, sich nicht vereinnahmen zu lassen, das wird einem nicht in die Wiege gelegt.
Schumacher erzählt, misstrauisch die eigenen Erinnerung immer wieder hinterfragend, wie es bei Friede war. Die Freundschaft mit dem Großvater, der seinem jungen Freund eine gehörige Portion an kritischem Denken auf den Weg gab, die ihn gegen die braune Infiltrierung immunisierte. Daneben wurden aber auch die Freund- und Liebschaften Wurzeln der Souveränität gegenüber "kackbrauner Unterordnung".
"Nein, sein Verdienst war es genauso wenig wie es ein Zufall gewesen war. Das war gewachsen, Stein um Stein wie ein Mosaik", schreibt Schumacher.

Eine brisante Szene: Der Werbeversuch für die SS. Die Jungs in der Freienwalder Landwirtschaftsschule haben dem Werbeoffizier ein Schnippchen geschlagen. Abenteuerlich und mutig. Aufgeschrieben gerade zu einer Zeit, da die Debatte über den SS-Dienst von Erwin Strittmatter und Günter Grass und vor allem ihr Schweigen darüber die Öffentlichkeit bewegt. Stanislaus Büdner, Strittmatters Held im "Wundertäter" zieht trotz Freiwilligenmeldung 1938 nicht mit fliegenden Fahnen in die Barackenkaserne ein. Aber die SS? Kein Thema für die Nachkriegsliteratur in der DDR? Eher war wohl angesichts der eben erst offenkundig gewordenen SS-Verbrechen die Zeit nicht reif dafür, die Rekrutierung Minderjähriger als mögliche Entschuldigung zu akzeptieren.

Schumachers Friede hingegen, dessen Geschichte 50 Jahre später auf eine ganz andere Lebensgeneration trifft, kann souverän mit dem Erlebten umgehen. Mehr als Strittmatter, der eigenen Erinnerungen mit denen seines gestorbenen Freundes Peter Jokostra verdichtete und zur Fiktion gemacht hat, erzählt Schumacher aus der Erinnerung. Die Tücken dieses Unterfangens werden dem Leser mitgeteilt – was gut ist, schafft er doch damit ein Stück kritische Distanz zu seinen Erinnerungen.

"Wir wollten eine Antikriegsbuch schreiben", erzählt Siegfried Schumacher von den Gesprächen mit seiner 2003 gestorbenen Frau, als die Ideen zu diesen Erinnerungsbüchern geboren wurden. Und so beschreibt er eindringlich die Angst des Heranwachsenden, durch den Einzug zum Kriegsdienst Unwiederholbares zu verpassen. Und die Hoffnung, diesen Krieg zu überleben.

Am Tag als "Davongekommen" in die Buchläden kam, gab es erstmals ein feierliches Gelöbnis von Bundeswehrrekruten vor dem deutschen Reichstag. Vielleicht hilft das Buch manchem Rekruten, selber kritisch zu bleiben. Wie diesem Friede.
Ulf Grieger, Märkische Oderzeitung vom 4./5.10.2008






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