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Wolfram Zebe
Der kleine und der große Klaus
Dorfgeschichten von gestern und heute

Von Bauernschläue, Schicksalsschlägen, Solidarität und verschiedenen Anfängen nach Krieg und anderen Wendezeiten erzählt der Bauer aus Leidenschaft Wolfram Zebe in seinem neuesten Buch.
Komisch und spannend mitzuerleben, wie große Ereignisse manchmal ganz klein werden, wenn man sie von unten betrachtet – und eine spitze Feder hat.

Wolfram Zebe: Der kleine und der große Klaus. Dorfgeschichten von gestern und heute. 1. Auflage 2003. Paperback, 184 Seiten, Format 12 x 19 cm.
Preis 9,90 Euro       ISBN 978-3-933416-44-5








Leseprobe Wolfram Zebe: Dorfgeschichten



Der Tierarzt und der Rucksackbulle

Doktor Vieweg hatte bereits an die fünfzig Jahre den Bauern ihr Vieh geheilt.
... Damals, als er frisch von der Universität kam und sich hier ansiedeln wollte, hatte er seine liebe Not, bei den Bauern Fuß zu fassen. Er wollte Neuerungen einführen, aber Bauern hängen an alten und bewährten Traditionen. Da kam zum Beispiel die künstliche Besamung der Kühe ins Gerede. Keiner der Landwirte kannte und wollte das. Bulle bleibt Bulle, meinten sie. Er mußte ihnen wieder und wieder erklären, daß es doch wirklich kein künstlicher Samen sei, den er den rindernden (brünstigen) Kühen einführt.

Bauer Krüger fragte: "Warum sagt ihr dann künstliche Besamung? Nee, nee, das ist gegen Gottes Gebot, Natur bleibt Natur." Er lief sogar ins Pfarrhaus zum Herrn Pastor, was der wohl dazu sagt. Pastor Liebling gab eine Antwort, die ihn nicht sehr zufrieden stellte: "In der Schrift finde ich keinen Vers, der das verbietet. Aber die Araber haben das schon in alter Zeit getan, um ihre Pferde zu züchten. So lasset den lieben Gott walten, und wenn es gelingt, kann es nicht gegen sein Gebot sein."

"Schön", meinte Krüger, "wenn es so ist, dann lasse ich auch den Viehdoktor walten." Er bestellte ihn, als eine Kuh rinderte. Mißtrauisch begegnete er dem jungen Doktor Vieweg: "Meine beste Kuh rindert. Das sag ich Dir, junger Mann, wenn das Kalb ein Krüppel wird, dann zahlst du mir den Verlust und brauchst dich hier im Dorf nicht mehr sehen zu lassen."
Auf Krügers Hof sah Dr. Vieweg fast alle Bauern aus dem Dorf stehen und warten. Sie empfingen ihn schweigend und misstrauisch ....

Er nahm all seinen Mut zusammen, griff zu seinen Geräten und schritt hocherhobenen Hauptes durch die neugierig Wartenden, die ihm bereitwillig Platz machten.
"Welche ist es?" fragte er Bauer Krüger. Der grinste hinterhältig: "Du bist doch der Doktor, find sie heraus!" ...
Vieweg ging in den Stall, in dem zweiundzwanzig Kühe an den Ketten zerrten, es war Futterzeit. Er lief die Reihe entlang, musterte aufmerksam die Kühe. "Die Klara ist es – und du duzt mich erst, wenn wir zusammen ein paar Gläser getrunken haben!"
Einige Bauern fingen an, beifällig zu nicken. Dann machte er sich an die Arbeit. Als er das Glasröhrchen der Kuh in die Scheide führte und das andere Ende in den Mund steckte, um den Samen einzublasen, reckten alle schweigend ihre Hälse. Krügers Frau Frieda, die sich das Spektakel nicht entgehen ließ, rang ihre Hände und rief in die Stille: "Mein Gott, mein Gott, nimmt man den armen Viechern ooch noch das letzte Vergnügen."

Vieweg hat sich damit seine erste Anerkennung erworben. Bei Lenchen Brüchler, dem kundigen Kräuterweib, allerdings nicht. Zum Bauern Metscher ist er bald danach gerufen worden, der wollte auch eine Kuh besamen lassen. Als er auf den Hof kam, empfing ihn die Bäuerin: "Der Bauer ist auf dem Acker, ich zeig Ihnen die Kuh – und dann habe ich in die Wand einen Nagel geschlagen, dort können Sie ihre Hose aufhängen." Vieweg stutzte, doch dann brach er in unbändiges Gelächter aus, daß sich die Bäuerin, verständnislos schweigend, anhörte. Später, als er mit seiner Arbeit fertig war, sagte sie staunend, "Ach, soo machen Sie das."

Einige Zeit später wollte er die Trächtigkeitskontrolle bei Metschers besamter Kuh machen. Was aber sah er, als er in den Stall kam? Die Brüchlerin saß hinter den Kühen auf einem Melkschemel, die Bibel auf dem Schoß, Sprüche vor sich hin murmelnd. Er blieb ein wenig in der Stalltür stehen, um zu hören, was sie sprach. Aber er konnte kein Wort verstehen. Dazwischen stand sie auf und rieb die Euter der Kühe mit irgend etwas ein, wobei sie immer wieder unverständlich vor sich hin brabbelte.

"Frau Brüchler, was machen Sie da?" fragte er. Die Kräuter-Lene schreckte auf und drehte sich jählings zu ihm, die eben besprochene Kuh schlug ihr den bekladderten Schwanz um die Ohren. Lene erkannte den jungen Tierarzt und schimpfte gleich los: "Geh! Geh! Raus aus dem Stall! Jetzt ist alles verdorben. Schu! Schu! Geh raus!" und wedelte dabei mit ihren Armen und der Bibel.

"Aber Lenchen, was machst du da nur?" rief er sie mit ihrem Namen.
"Die Kühe sind krank, die Milch ist eitrig. Ich heile sie. Raus, raus!"
Vieweg zog an einer Zitze den Milchstrahl auf seine Hand, die Milch war flockig: "Gelber Galt, denk ich!"
"Was is?"
"Gelber Galt. Das ist eher eine Melkerkrankheit, die kommt, wenn nicht ordentlich ausgemolken wird. Die Kühe brauchst du nicht zu besprechen."
Jetzt giftete sie zurück: "Das will ein Viehdoktor sein und meent, der Franz is krank und die Lina is krank!" Sie bekreuzigte sich, tippte mit dem Finger an Viewegs Stirn und rannte, die Bibel unter dem Arm, ohne ein Wort weiter zu sagen, mit zornigem Blick aus dem Stall.

Vieweg untersuchte die besamte Kuh. Dann ging er schmunzelnd in die Küche: "Wo ist der Bauer?"
"Der ist mit dem Knecht auf dem Acker", lamentierte sie, "nu hamse die Brüchler-Lene verscheucht. Und mit der Milch wird gar nichts mehr. Der Böse sitzt inne Küh, nun kann ich die Milch wegschütten – oh je ...?
"Aber, aber ..." wollte er sie beschwichtigen. "Was ist mit der Milch?"
"Die Molkerei schickt sie zurück. Flockig ist sie, ja ..."
"Ja ja, ich weiß. Wer melkt eigentlich?"
"Lina. Und der Franz hilft ihr dabei. Die haben was miteinander, immer muß ich schimpfen, nichts machen sie richtig." Die beiden waren Magd und Knecht beim Metscher-Bauern.

Vieweg kam andern Tags in die Küche zurück mit vielen kleinen Fläschchen in der Tasche: "Ich laß alle Kühe untersuchen, aber eins ist klar: Gelber Galt. Das kommt, weil nicht ordentlich ausgemolken wird. Das sag dem Bauern. Entweder ihr bringt ihnen Ordnung bei, oder ihr melkt selber." .... Nach einigen Tagen kam er wieder und nahm neue Proben, dieses Mal war die Milch besser in Ordnung. ... Als er aus dem Stall kam, stutzte er, weil aus dem offenen Küchenfenster lautes Reden schallte. Der Bauer stritt mit der Bäuerin, Franz und Lina saßen dabei: "Holst die Lene zum Besprechen, so´n Quatsch. Die Lina hättste dir vornehmen müssen, und den Franz dazu, wenn sie nicht richtig ausmelken."

"Aber Lene hat sie doch geheilt, jetzt ist die Milch gut."
"Nischt hat sie gemacht, der Vieweg hats gleich gewußt. Haste der ooch noch Geld gegeben?"
"Nee – doch, nur 'ne Stiege Eier und ´n Stücke Speck. Geld nimmt se nich, sagtse."
"Das hätte auch noch gefehlt. Ich hab den beiden die Leviten verlesen. Das ist jedenfalls billiger ... Ich hab gesagt: Wenn ihr beiden nicht melken könnt, fliegt ihr raus! Im hohen Bogen!"

Die beiden senkten ihre Köpfe und versprachen das Blaue vom Himmel.
... Aber Magdalene Brüchner konnte seitdem den Doktor Vieweg nicht leiden ...







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