Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Gerda Weinert
Fische im Glas

Die Autorin erzählt in 13 Geschichten von Menschen, die an Grenzen stoßen. Oft sind es selbst gezogene Grenzen, die ihre Helden nicht mehr überwinden wollen oder können. Geschichten also von ganz gewöhnlichen Verlierern. Gerda Weinert schildert (Über)lebensstrategien, etwa die von Rogers Mutter, die sich immer so toll anzieht, wenn Männer zu Besuch kommen oder vom obdachlosen Petersburger Kriegsveteran, der seine Orden ausgerechnet an die Enkel seiner Feinde verkauft und dessen Kater Grigori ihm beim Überleben nur kurze Zeit helfen kann. Und sie erzählt von Gudrun, die nicht nur gelegentlich hervorgeholt werden will, zum Huttragen, die das Gefühl hat, schreien zu müssen, sogar das Bedürfnis verspürt, gehört zu werden."Doch die Kehle scheint abgeschnürt ... Kein Ton kommt. Darf auch nicht. Es könnte ja doch irgendein Mensch in der Nähe sein."

Gerda Weinert: Fische im Glas. Erzählungen.1. Auflage 2000. Paperback, 108 Seiten, Format 11 x 18 cm.
Preis 8,00 Euro       ISBN 978-3-933416-11-7






Leseprobe Gerda Weinert: Fische im Glas


Der Schrei

.. Immer lauter und schriller brechen die Worte aus Gudrun heraus. "Hätte ich damals geahnt, daß ich heute ... Und was wäre anders verlaufen? Nichts. Gar nichts." Sie erschrickt vor der eigenen Heftigkeit und vor der Nachbarin auch, die eben draußen vorübereilt. Ob sie mich gehört hat? Aber die Fenster sind neu und sehr dicht.

Die schöne alte Standuhr schlägt halb neun. Doch Gudrun ist mit ihren Gedanken noch zu nahe bei den bösen Tatsachen als daß ihre Hand auch nur reflexartig gezuckt hätte. Nein, sie greift nicht nach der Tasche.

Es ist noch dieselbe graue Tasche mit dem Schulterriemen, die Gudrun täglich mit zum Unterricht genommen hatte. Nun steht die Schule leer. Die Kinder von hier und den Dörfern ringsum, werden per Bus in die Kreisstadt gebracht. Einige Lehrer sind übernommen worden. Gudrun nicht. Sie war plötzlich verkehrt qualifiziert. Russisch. Einst außerordentlich wichtig. Und nun? Für die wenigen Freiwilligen reichen die vorhandenen Russischlehrer allemal und zwar in Kurzarbeit.

... Mit ziemlichem Herzdrücken hatte sie sich still in ihr Schicksal gefügt. Doch die Überzeugung, daß Arbeit dem Leben erst Sinn verleiht, daß sie Zufriedenheit bringt und oft auch Freude, hat Gudrun nie fallenlassen. Nur wollte sie Jörg mit diesen altbekannten Wahrheiten nicht auf die Nerven gehen. Und der meinte tatsächlich: "Kannst doch für immer zu Hause bleiben", und da fiel zum ersten mal der Satz vom Es-sich-gemütlich-machen.
Gemütlichkeit zu zweit an Sonntagen und abends, das ja. Aber allein und jeden Tag? Wie sollte das gehen? ...

Bei der Bevölkerung, da ist er beliebt. Auch nach der nächsten Wahl war er wieder erster Mann des Kreises geworden und Gudrun konnte ihn nicht spüren lassen, daß sie so froh darüber gar nicht war. Sie weiß, wenn er spricht hängen die Blicke der Menschen an seinen Lippen, als könnte er Wunder verkünden. Und er geht oft unter Leute. Eröffnet Ausstellungen, legt Grundsteine, weiht Straßen ein, besucht Kindergärten und Altersheime, gratuliert zu Vereinsjubiläen, zeichnet die schnellste Feuerwehr aus und so weiter und so weiter. Zu solchen Anlässen hat er Gudrun gern neben sich. "Das kommt immer gut", hatte er einmal gesagt und vielleicht auch die Bilder dabei im Sinn gehabt, die der Zeitungsfotograf zu machen pflegt.

Eines Tages fiel Jörg ein, daß Gudrun wohl mit Hut eine wirksamere Erscheinung wäre. Sie fuhren extra nach Berlin, ein paar Hüte zu kaufen. In der Kreisstadt hatten sie das beide nicht gemocht. Er nicht, weil keiner wissen sollte, was sie beim nächsten Anlaß eventuell tragen würde, und sie nicht, weil sie sich hier, wo sie inzwischen fast jeder kannte, großspurig vorgekommen wäre. Kaum jemand in dieser ländlichen Gegend gab sein Geld für so luxuriöse Teile aus. Gudrun fühlte sich nie recht wohl mit diesen Bedeckungen. "Ich bin doch nicht die Queen", hatte sie einmal gesagt.
Jörg hatte geschwiegen und nur gegrinst.

Plötzlich rennt Gudrun ins Schlafzimmer und zerrt einen der Hüte von hoch oben aus dem Schrank. Den weinroten mit dem grauen Tüll hat sie erwischt und gleich danach auch die Schere in der Hand. Gudrun will das Ding kurz und klein schneiden, die Schnipsel im Zimmer umherstreuen, sie Jörg auf den Schreibtisch schmeißen.
Nein! Das wäre Hysterie! Gudrun erschrickt ja bereits darüber, daß die Schere dem Hut so nahe ist und läßt beides auf den Frisiertisch gleiten.

Wieder ertönt das etwas rauhe, dumpfe Schlagen der Uhr. Gudrun zählt mit und weiß doch genau, daß es neun Schläge sein werden. Jetzt schließt Hanna den Laden auf, denkt sie, hockt sich vor die Uhr und sagt leise: "Hanna, denkst du an mich?" Gudrun beginnt heftig zu weinen. Heftig aber tonlos und ihre Hände kneten den Hausschuh, den Jörg im Wege hat stehenlassen.

Mit Hanna war sie einst in derselben Oberschulklasse gewesen. Hanna wurde Buchhändlerin, arbeitete in der "Volksbuchhandlung" der Kreisstadt und hat das Geschäft später geleitet. Es war Teil ihres Lebens geworden, den sie nicht missen konnte. Als die Auflösung des Ladens und die Entlassungen für sie und die beiden Kolleginnen besiegelt waren, griff Hanna zu. Sie wurde Geschäftsinhaberin. ...

Über ein Jahr ist es jetzt her, als es sich ergab, daß kein weiterer Kunde im Laden war, und Gudrun sich nach Hannas Ergehen erkundigte ... Spontan fragte sie, ob Hanna sie gebrauchen könne. "Wenigstens stundenweise." Gudrun spürte, daß ihre Wangen vor Spannung zu glühen begannen. Die Stille schien eine Ewigkeit zu dauern. Hannas Lächeln war fort. Ihre Augen hatten sich ein wenig verengt. Endlich öffnete sie die Lippen. "Aber du bist doch jetzt die Frau des ..."
"Das macht nichts. Ich bin deshalb doch keine andere. Aber, wenn du nicht willst ..."
"Doch, doch", sagte Hanna und dann waren sich die Frauen sehr schnell einig geworden. Und Hanna mußte versprechen, möglichst zu vergessen, wer der Mann ihrer neuen Angestellten war. "Wenigstens bei der Arbeit, ja?" bat Gudrun.

Als sie Jörg von ihrer neuen Arbeit erzählte, hatte er nur gesagt: "Wenn du meinst ... Bücher sind ja was Schönes."
"Ach, Sie jetzt hier?" Eine ehemalige Schülerin von Gudrun stutzte bei ihrem Anblick.
"Ja", antwortete sie nur und stieg die Leiter hinauf, das gewünschte Buch von ganz oben aus dem Regal zu ziehen. ... Einmal, als Gudrun dem Lieferanten half, Bücherpakete in den Laden zu tragen, damit das Auto nicht so lange an der dichtbefahrenen Straße parken mußte, sagte ein Mann zum anderen: "Nun guck dir das an!"
Dieser Satz klang für Minuten in Gudrun nach und sie war froh, daß Hanna ihn nicht gehört hatte. Womöglich hätte sie gesagt: Hol' du keine Pakete mehr rein. ...

Jörg indes hatte seit Monaten angeblich keine Zeit mehr gehabt, zu Autorenlesungen zu gehen. Einmal fragte Gudrun: "Ist es, weil wir dort Bücher verkaufen?"
Natürlich hätte ich dich gern neben mir", antwortete er.
"Hältst mir einen Platz frei und wenn's anfängt, komme ich."
Er murmelte etwas Unverständliches, und Gudrun ließ es vorsichtshalber dabei bewenden. ...

Kürzlich setzte Jörg sich sehr aufrecht ihr gegenüber in den Sessel und sagte mit ernster, fast fremder Stimme: "Ich muß mit dir sprechen." Seine Miene wirkte maskenhaft starr und verriet nichts Gutes ... "Bei mir im Amt wird geredet", sagte Jörg. "Die Leute fragen, ob wir es finanziell nötig hätten, daß du als Verkäuferin arbeitest ...
"Dann siehst du dich leider gezwungen, mir Kündigung abzuverlangen", ergänzte Gudrun mit bebender Stimme.
Er setzte ein hartes, kaltes "Ja" und sie redeten an jenem Abend kein Wort mehr miteinander. ...

Jetzt erhebt sie sich, läuft ziellos in der Wohnung umher und flüstert: "Ich will nicht allein sein wie für immer abgestellt in diesem Hause und nur gelegentlich hervorgeholt werden, zum Huttragen." Und wieder hat sie das Gefühl, schreien zu müssen. Spürt sogar das Bedürfnis, gehört zu werden. Wenigstens von Jörg.

Gudrun hastet aus dem Haus. Eilt in die Garage. Die Nachbarin ruft: "Nanu, heute wohl bißchen spät dran?"
Gudrun versucht zu lächeln. Dann läßt sie den Wagen an. Fährt in Richtung Kreisstadt, wegen der Nachbarin und jenen, die über Zäune oder durch Gardinen lugen.
Unterwegs verläßt Gudrun die Straße. Nimmt einen einsamen Feldweg durch blühende Wiese bis zum Wald. Ordnungsgemäß läßt sie den Wagen am Waldesrand stehen und geht mit schnellen Schritten. Sie meidet die breiten Wege, hört nicht die Vögel und sieht am Boden die schönen Muster aus Licht und Schatten nicht. Sie findet einen Wildpfad. Auf dem hastet sie weiter bis keiner der Wege mehr zu sehen ist. Endlich bleibt sie stehen. Sie muß ihren Atem beruhigen. Im Kopf dröhnt es, das Herz rast. Die Augen werden weit und starr. Der Mund öffnet sich. Sie will schreien wie es eine gequälte Kreatur zu tun pflegt. Doch die Kehle scheint abgeschnürt, zugestopft oder eingeklemmt












Rezensionen Gerda Weinert: Fische im Glas



Stille, standhafte Zeitgenossen
Die Beeskowerin Gerda Weinert erzählt Geschichten in leisen Bildern

Von denen, die sich die Nase an der harten Wirklichkeit stoßen und doch nicht anders können, erzählt Gerda Weinert. Pförtner Otto aus der Titelgeschichte "Fische im Glas" ihres Erzahlungsbändchens ist solch ein Mensch: Er holt sich einen Herzknacks, weil er gegenüber den kleinen und großen Verbiegungen seines Ideals nicht schweigen kann, wenn von dem was allen gehören soll, was mitgenommen wird, in der Arbeitszeit statt zu arbeiten auf Versammlungen salbadert wird – und stirbt, als er auch sein Ideal sterben sieht.

1990 hat die Beeskower Autorin diese nur wenige Seiten lange Geschichte aufgeschrieben. In der Reihe der 13 Erzählungen, zumeist in ihrer märkischen Heimat angesiedelt, markiert sie durchaus keinen Bruch. Die alltäglichen Zwänge und Verstrickungen, die kleinen Freuden und Bosheiten, die Quellen, woraus einfache Leute ihre Stärke holen, haben sie schon immer interessiert. Normales Leben, zum Weinen und zum Lachen. Die alte Frau "im verlorenen Winkel", die sich mit der ungewohnt jungen Hausgenossin anfreundet, obwohl die keine Gardinen vor den Fenstern hat, ihre Schwester im Geiste in der "Witwe Adele", die sich nach dem Tode ihres alles andere als freundlichen Ehemanns hin und wieder mit einem Schlückchen aus den zahlreichen Pullen belohnt, mit denen er sie Zeit seines Lebens betrogen hat.

Wie man seine Einsamkeit überwindet, das ist nicht tiefenpsychologisch ausgelotet, sondern in behutsamen leisen Bildern erzählt. In der Arbeit, im Tätigsein für andere finden ihre Frauen wie das alte Mädchen Brunhilde oder die Kriegerwitwe Tante Elli eine Antwort. Doch wenn einem eben das verwehrt wird, wie der einstigen Lehrerin und jetzigen Ehefrau eines bedeutungsschweren Kreispolitikers? Da gibt es heute Grenzen, die nicht auf die hergebrachte Weise überwunden werden können. Neue Themen für Gerda Weinert, die es auf wenigen Seiten vermag, im scheinbar Nebensächlichen Wichtiges aufblitzen zu lassen. In der Informationsflut ein melancholisch-heiteres Inselchen, wo der Leser dem Menschen begegnen kann.
Anni Geißler, Märkische Oderzeitung v. 10.11.2000





Beeskower Miniaturen

Die seit langem in Beeskow lebende Schriftstellerin Gerda Weinert hat ein neues Bändchen mit Prosa vorgelegt. Der Verlag Die Furt, der zeitgleich ein Buch des Kummerowers Wolfram Zebe veröffentlichte, brachte soeben ihr Bändchen "Fische im Glas" heraus. Erzählungen, wie angegeben, sind es eigentlich nicht, sondern eher Feuilletons oder Short storys, also Kurzgeschichten. Aber wichtiger als das Genre ist, was die Geschichten in sich bergen. Und da muss ich sagen, in "Fische im Glas" ist für jeden Leser etwas zu entdecken.

Die Titelgeschichte lässt sich an Verknappung kaum überbieten. Pförtner Otto stirbt im Dezember 1989. Sein letzter Wille ist, an einem Wochentag nach der Arbeitszeit bestattet zu werden. Also findet das Begräbnis an einem nasskalten, stockdunklen Winterabend statt. Die Trauernden erscheinen mit Kerzen und Taschenlampen. Der da begraben wird hatte verinnerlicht, was einmal "sozialistische Moral" genannt wurde. Kurz vor seinem Tod, im Herbst 89, war um ihn herum etwas Ungewöhnliches losgegangen. Otto, der sich Korrekturen des Staatswesens anders vorgestellt hatte, meinte: "Soweit hätt's nicht zu kommen brauchen."
Im Krankenhaus, die Haare weiß die Augen trübe geworden, sieht er Bilder: "Ein Fisch im Glas. Denkt das muss so sein. Fragt sich, warum muss das so sein? Denkt, nein, alles muss so nicht sein."

Otto stirbt, als die Wende in Gang kommt. Seine ihn überlebenden Freunde kommen zu Erkenntnissen wie: "Verdammt noch mal, ja, wir haben die Karre sausen lassen. War bequemer, als 'Halt' zu schreien. Bis schließlich welche angefangen haben damit. Sind mehr und mehr geworden. Nicht wir, andere", bekennt die Ich-Erzählerin.
Und sie stellt bedrückt fest, dass das vermeintlich schöne Märchenland längst eine elende Mottenkiste geworden war.

Wie hier auf dreieinhalb Druckseiten das seelische Erlebnis der Wende aus einer spezifischen Sicht aufleuchtet, ist bemerkenswert. Hervorheben möchte ich auch die anrührende Geschichte "Eines Tages im Frühling" vom obdachlosen Petersburger Kriegsveteranen Anton Antonowitsch, der seine Orden "ausgerechnet an die Enkel seiner einstigen Feinde" verkauft und dessen Kater Grigori ihm beim Überleben nur kurze Zeit helfen kann.

Auch andere Lebensstrategien schildert Gerda Weinert in den dreizehn Storys, etwa die von Rogers Mutter, die sich immer so toll anzieht, wenn männlicher Besuch kommt. Aber ich will nicht zuviel verraten.
Wie gesagt, es gibt in dem Bändchen mancherlei zu entdecken, sozusagen über große und kleine Fische.
Till Sailer, Märkische Oderzeitung v. 10.06.2000







[Gesamtverzeichnis]   [Startseite]



Fische im Glas
Leseprobe
Rezensionen
Die Autorin