Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Klaus Goll
Zwischen den Stühlen ist noch Platz
Nordostdeutsche Jahre

Der in Stettin geborene und in einem Dorf an der Oder aufgewachsene Autor lässt sein Leben und seine Erfahrungen Revue passieren. Kindheitserinnerungen leben auf. Mit seiner Rückkehr in die DDR als 16-Jähriger, die er 1953 mit den Eltern verlassen hatte, den Schwierigkeiten um einen Studienplatz, ideologisch festgefügte Ausbildungsziele und seine Tätigkeit als Lehrer reflektiert Klaus Goll sein Leben in der DDR, der BRD und heute in Italien

Klaus Goll: Zwischen den Stühlen ist noch Platz. Nordostdeutsche Jahre. 1. Auflage 2003. 224 Seiten. Umschlag: Gerhard Wienckowski. Format 12 x 19 cm
Preis 12,00 Euro       ISBN 978-3-933416-38-4








Leseprobe Klaus Goll: Zwischen den Stühlen ist noch Platz


Fenske
An den erinnere ich mich kaum. Mein Vater hat uns mal mitgenommen und uns bei Fenske Brause gekauft. Er trank natürlich Bier. An Fenskes Haus, am "Krug" also, gingen wir aber oft vorbei.
Der Krug, die älteste Gaststätte im Dorf, lag an der Oder gleich hinter dem Sandweg am Wasser, den wir entlang gingen bis in die Elsen, ein Erlenbruch, einen Sumpf, in dem Erlen wuchsen und wachsen. Durch die Elsen schlängelt sich ein Fußweg. Rechts ist der Erlensumpf links hinter den Erlen am Wegrand sind ein paar Streifen Wiese, die in Vorzeiten den Bauern als Bleichstellen dienten. Da gibt es viele Mücken. Man geht möglichst schnell und vertreibt gegebenenfalls die Mückenschwärme mit einem Erlenzweig, den man am Wege bricht. Hinter den Elsen, den Erlen also, öffnete sich rechts ein sanft ansteigender großer Garten, eher Felder, die durch Streifen vom Obstbäumen geteilt wurden. Heute steht dort eine Bungalowsiedlung.

Da war man dann schon "Im See", die Wiesen traten zurück, ganz nahe war der "See", der nur ein schmaler alter Oderarm ist, nach unten hin offen zur Oder. "Im See" standen nur wenige Häuser, aber dort gab es zwei Sandgruben mit Bollwerken, zu einer Sandgrube gehörte sogar eine kleine Fabrik, die Betonteile herstellte. Zwischen der Uferzone und den Hügeln führte vom Oberdorf ein Sandweg in den Gartzer Schrey, einen schönen Wald, der der kleinen Stadt Gartz gehörte wie früher unser ganzes Dorf und wo es Spazierwege und zwei große Ausflugsgaststätten mit Bollwerken gab.
Eine Oberförsterei gab es dort auch. Der Oberförster, der dem Führer ganz vertraut und einen Sohn im Krieg verloren hatte, erschoß seine Frau, seine beiden Töchter und sich selbst, bevor die Russen über die Oder kamen.

Von Fenske wollte ich erzählen, an dessen Krug mit Vorgarten, Gartentischen und Stühlen und dem niedrigen Gastraum wir oft vorbei kamen, wenn wir zum See gingen.
Noch vor Fenske war die Wirtschaft von Richard Hammel, einem kleinen, kräftigen, energischen, zuerst rothaarigen, dann grauen Mann, der ungemein fleißig war ebenso wie seine Frau Elfriede. Sie hatten auch vier Kinder, und die Wirtschaft war nicht groß, die Landwirtschaft, ihr Bauernhof, meine ich. Bei Hammel ging ich nicht gern allein vorbei, denn sie hatten immer viele Gänse, und die waren richtig aggressiv, wenn sie Güssel führten.
Bei Fenske im Krug hat mein Vater Skat gespielt, dort hat er sich für damalige Zeiten unerhört weich über die Juden geäußert, und sein bester Freund hat ihn bei der Gestapo denunziert. Fenske war auch Schiedsmann im Dorf.

Neulich nun hat mir einer was von Fenske erzählt:
Fenske, das war ein strammer, bißchen dicker Mann, aber hart. Er war auch ein strammer Nationalsozialist. Wo er nach dem Krieg abgeblieben ist, weiß ich nicht. Es scheint aber, daß er unter falschem Namen irgendwo in Norddeutschland gelebt hat. Mein Vater, sagt der Erzähler, hat ihn ein paar Jahre nach dem Krieg auf dem Bahnsteig in Neustrelitz getroffen. Aber Fenske hat sich verleugnet. Er hat einen anderen Namen genannt und so getan, als ob er meinen Vater nicht kannte. Aber mein Vater war sicher, daß es Fenske war. Sie waren ja zusammen auf dem Treck, auf der Flucht.

Als der Krieg vorbei war und sie zurück kamen, haben sie in Bergholz erst mal angehalten, und mein Vater und ein anderer Mann sind zu Fuß runter an die Oder, um zu sehen, wie die Lage ist. Es war alles schon ruhig und ziemlich geordnet, die Russen hatten ihre Kommandantur unten bei Wetzels, und bei euch war die Küche.
Aber im Dorf war noch der Pole von Richard Hammel, Jochen. Richard Hamme1 war doch im Krieg, und Elfriede hatte einen Polen bekommen. Wenn der nicht so spurte, wie er sollte, keine Lust zu arbeiten hatte oder frech wurde, dann ging sie zu Fenske. Dann kam Fenske mit einem Knüppel und schmockte dem Polen was ein.
Da hat Fenske beschlossen, lieber nicht ins Dorf zurückzukehren. Der Jochen soll auch ein paar Häuser von den Nazis angesteckt haben, wurde erzählt: das Haus vom Bürgermeister, der war doch dein Onkel, und auch das, wo Hinz, der Köster, der Lehrer, wohnte. Da soll aber auch viel Munition im Keller gelegen haben.

Fenske hatte auch eine polnische Hilfe, ein siebzehnjähriges Mädchen, Polka wurde sie gerufen. Sie war befreundet einem von unseren vier Polen. Aber wie das so war, ein Dienstmädchen, das war oft auch noch was anderes. Jedenfalls bekam Polka 1944 ein Kind, das war von Fenske. Wenn das rausgekommen wäre, hätte Fenske Schwierigkeiten gekriegt. So wurde so getan, als ob das Kind, ein kleines Mädchen, das Kind von Polka und unserem Polen war.
Ich hab die Polka übrigens noch wiedergesehen. Unsere Polen haben wir nach dem Krieg besucht, sie waren aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Warschau. Wir haben ihnen auch Bescheinigungen gebracht, daß sie bei uns gearbeitet haben, mein Vater und ich. Sie hatten es ja auch nicht so schlecht bei den Bauern. Meistens aßen sie mit am Tisch. Das sollte ja eigentlich nicht sein, aber schließlich arbeiteten sie wie alle auf dem Hof.

Wir sind in den siebziger Jahren zweimal dort gewesen, haben auch immer etwas mitgebracht. Später sind wir nicht mehr hingefahren. Sie hatten ja kaum was da, eine solche Unordnung, kannst du dir gar nicht vorstellen, und die Männer waren schon am Vormittag betrunken.
Polka war verheirat und hatte mehrere Kinder. Die älteste war ziemlich korpulent. "Fenske war auch nicht dünn", hat Polka gesagt.
Mein Besucher geht. Draußen mischen sich gerade zwei Ströme von Menschen, die von den Duty-Free-Schiffen am neuen Bollwerk zurück zur Brücke und von der Brücke zum Bollwerk eilen. Die Brücke verbindet das deutsche und das polnische Ufer. Die Leute auf der Straße sprechen fast alle polnisch.









Rezensionen Klaus Goll: Zwischen den Stühlen ist noch Platz

Unfertig wie das Leben
"Die Intellektuellen lügen das Leben edel ... Wenn sie dabei nur nicht so intolerant wären", schreibt Klaus Goll und fixiert seine eigene Position zwischen den Stühlen. Auf Augenhöhe mit den Hintern der vermeintlichen Geschichtemacher zur Rechten wie zur Linken. Eine undankbare literarische Perspektive, die aber immerhin eine Menge Platz bietet: für Bitterkeit und Koketterie, Trotz und Widerstandfähigkeit, Wut und leise, nach innen strahlende Genugtuung.
All das findet sich in Golls 220 Seiten starkem Lebensbericht "Zwischen den Stühlen ist noch Platz. Nordostdeutsche Jahre" wieder. Das Manuskript ist so unfertig, wie das Leben selbst, von dem es handelt und das dem Slawisten, Lehrer und Übersetzer aus dem Dörfchen Mescherin an der Oder schon 1985 nach Rom führte. Um seiner Liebe und um seiner Freiheit willen.

Goll entwickelte beizeiten den präzisen Blick des Unzufriedenen, der nach Ursachen seines Unwohlseins forscht und sie manchmal auch brachial serviert bekommt. Golls literarische Porträtskizzen aus einem Dorf im Oderbruch sind souverän, geschliffen. Er kennt seine Leute und er liebt, die wie er gar nichts besonderes sind. Außer, dass sie einen entlegenen Landstrich zum Leben erwecken. Außer, dass sie einen Krieg im Herzen durch die Jahrzehnte schleppen: "Ich hab gesehen, ein Dorf umbringen", sagt einer zu ihm. Von anderen erfährt er die Geschichte des verratenen Deserteurs, über die der Ort sonst den Mantel des Schweigens breitet. Wer ihn wegzieht, findet gebrochene Seelen, aus Ruinen auferstandene Diener jedes nur möglichen Herrn, aber auch das empfindliche Geflecht der Familienbande in einer Dorflandschaft, die Goll wie eine Kaltnadelgrafik zu zeichnen versteht.

In seinem biografischen Bericht hingegen verkürzt sich manches, auch aus Sorge, DDR-Vergangenheit zu verklären. Die SED-Obrigkeit gerät zum homogenen Gegengewicht der eigenen moralischen Ansprüche und Lebensansprüche. Das ist kaum verwunderlich, entstanden große Teile des Manuskriptes doch in der unmittelbaren Nachwendezeit. Goll hat geschrieben gegen das Vergessen und für das Verstehen – um das er selbst noch ringt.
Henry-Martin Klemt, Neues Deutschland v. 05.09.2003






Zwischen den Stühlen heißt das gerade erschienene Buch von Klaus Goll, der ursprünglich aus Mescherin stammt ... 1986 nach Italien zog und dort auch heiratete ...
Das neue Buch ist ein erzählerischer Report vorwiegend über Golls nordostdeutsche Jahre ... über die Menschen in der Uckermark – in Eberswalde, Mescherin, Joachimsthal und Greifenhagen.
Klaus Goll war Übersetzer fürs Russische, bevor es ihn in das für DDR-Verhältnisse exotische Italien verschlug. Dort saß er mit seiner DDR-Bürgerschaft in Zeiten des Kalten Krieges zwischen allen Stühlen. in seinem Buch erzählt er nun von seiner Jugend ... in der deutschen demokratischen Nachwuchsschule, in der Studienzeit vor und nach dem Mauerbau.
Klaus Golls Buch spielt mit der Provokation. Sie soll verstören, macht aber auch neugierig. In einer Mischung aus biografischer Erinnerung und literarischer Erzählung eröffnet sich ein betont subjektiver, ums Detail bemühter Abriss über deutsche Jahre in der DDR.
Das Ganze ist leicht und flüssig zu lesen. Goll ist erklärungsbesessen, aber auf eine liebenswert kurzweilige, lakonische, ausgesprochen spannende Art für alle, die sich erinnern oder die DDR erklären lassen wollen.
Jürgen Barber, Märkische Oderzeitung v. 16./17.8.2003




[Gesamtverzeichnis]   [Startseite]



Klaus Goll, Literarische Skizzen aus dem Oderland
Leseprobe
Rezensionen
Der Autor