Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Hildegard & Siegfried Schumacher
Großmutters Rock

Hildegard und Siegfried Schumacher erzählen von einer Kindheit in den 30er Jahren. Wer "Sommer mit Judith" gelesen hat, dem kommen die Hauptfiguren und der Schauplatz der Geschehnisse bekannt vor. Tiergartenhöhe, eine kleine Siedlung in der Nähe einer kleinen Stadt, in der die Großeltern leben, ist das Paradies des Ich-Erzählers. Mit seinem Hund Wolf trainiert er für die Archenreise im Falle einer Sintflut, probiert mit Großvaters Pfeife und Knastertabak das Rauchen und bringt die Wahl des Schützenkönigs durcheinander.
Doch dann treten Ereignisse ein, die ihn am Paradies zweifeln lassen. "Ich dachte an Paul Koberstein und Fritz ... Olle Staats hatte Glück gehabt, sein Bruder Emil nicht. Glück hatten auch Judith, Frau Rebekka und Herr Leo, die entkommen waren."

Hildegard & Siegfried Schumacher: Großmutters Rock. 1. Auflage 2000. Festeinband, 128 Seiten, Format 15 x 20,5 cm. Illustration Sophie Natuschke
Preis 10,00 Euro       ISBN 978-3-933416-21-6


Leseprobe Hildegard & Siegfried Schumacher: Großmutters Rock


Großmutters Rock

Ich fand Fahnen sehr schön. Am schönsten, wenn sie im Wind flatterten oder bei heftigem Wind sogar knallten ...
Nach dem Mittagessen, als Ruhe im Haus war, suchte ich im Holzschuppen eine Stake, glatt und rund und mindestens doppelt so lang wie ich. Schon mit halbem Auge sah ich, daß sie sich wunderbar zur Fahnenstange eignete. Leise stieg ich auf den Boden und fand in Großmutters Truhe unter den Kleidern, Röcken und Blusen, die aus der Mode gekommen waren, eine Fahne mit Schwarz und Weiß und Rot. Damit zog ich mich in den Holzschuppen zurück. Ich fand einen Hammer, fand Nägel mit herrlich großen Köpfen ... und Tatsache, ich schaffte es, die Fahne gerade an die Stange zu nageln. "Hör zu", sagte ich zu Wolf, der mir aufmerksam zuschaute, "Wir machen die Runde. Wir marschieren wie die Leute in der Stadt, und wir singen oder du kannst bellen, verstehst du?" Wolf legte den Kopf schief und wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen, daß er einverstanden war.

Ich überlegte, was ich singen konnte. Es mußte zur Fahne passen. Mir fiel ein, was ich von den Marschierern in der Stadt gehört hatte. Also sang ich das Lied, in dem die Fahne schwarzweißrot flattert, bis in den Tod flattert sie. Ich sang, so laut ich konnte, um die Nachbarn aus ihrem Mittagsschlaf zu wecken.
Ich ließ gerade wieder die Fahne schwarzweißrot flattern und bemühte mich um einen kräftigen Schritt, da rief Nachbar Austelat mir zu, "das ist bereits eine Weile vorüber, junger Mann!"
Bei Stillers war der Tod an der Reihe. Beim Pastor flatterte ebenfalls die Fahne, und er, der Mann Gottes, hatte es sich unter seinem Boskop gemütlich gemacht, einem mächtigen Apfelbaum, wo ein Gartentisch mit Stühlen aufgestellt war. Dort stand eine Schüssel mit extraroten Erdbeeren und daneben eine Schale mit Zucker. "Komm einmal her, mein Sohn!"
Ich kam der Aufforderung gern nach. Die Erdbeeren leuchteten herrlich reif.

"Ja," sagte der Herr Pastor zu mir, "das waren noch Zeiten, da herrschten noch Ruhe und Ordnung im Land ..." Er strich über das schwarzweißrote Fahnentuch und das sah sehr feierlich aus. Ich durfte mir drei Erdbeeren nehmen und in Zucker tauchen, damit ich Kraft auf den Weg hatte.
Wie die Erdbeeren schmeckten! Wie meine Kraft wuchs! Gleich marschierte es sich noch einmal so leicht, und mein Gesang wurde lauter. Bei Bräunings schlief alles. Herr Fuchs war munter, wie es sich für einen Jugendherbergsleiter gehört. Er lachte, als er mich sah. "Die Zeiten kommen wieder!" rief er. "Nur größer und schöner, und die Fahne wird auch anders aussehen!" Ich sang gerade wieder vom Tod.

Herr Weinhold stand unter seinen drei Birken hinter der weißgestrichenen Gartenpforte ... Er hob seinen Stock und salutierte, wie man mit einem Gewehr salutiert Darüber freute ich mich. Mit festem Schritt marschierte ich auf unser Haus zu.
Dort wartete Besuch, Herr Austelat. Er stand neben Großmutter und zeigte auf meine Fahne. "Da sehen Sie es, Frau Schack, eine Beleidigung der Republik."
Nun wollte Großmutter wahrhaftig niemand und nichts beleidigen. "Sie können doch nichts dafür", versuchte er sie zu beruhigen, "und das unschuldige Kind hat ja keine Ahnung. Er strich mir übers Haar, grüßte freundlich und ging.

Kaum war er außer Sicht, entriß Großmutter mir die Fahne. Sofort brüllte ich los. Das alarmierte Großvater. Tante Gustchen kam ebenfalls angerannt, um mir beizustehen. "Laß ihm doch das alte Ding!"
"Von wegen!" sagte Großmutter und berichtete von Herrn Austelats Verdächtigungen. Ich stand daneben und schluchzte. Sehr kräftig schluchzte ich, um den Streit zu meinen Gunsten zu entscheiden.
Großvater kratzte sich den Hinterkopf. Er nahm die Fahne, zog sein Taschenmesser hervor, und mit einem Ritsch war der untere rote Teil abgetrennt. Den stopfte er sich samt Messer in die Hosentasche. Er gab sie mir gekürzt zurück, und dadurch beruhigt hörte ich auf zu schluchzen. "Siehst du", wandte er sich an Großmutter, "nu is die Fahne schwarz und weiß, und dat is die Fahne von Preußen. Und wir leben in Preußen, da werden wir wohl unsere Fahne haben dürfen."

Die Welt war in Ordnung. Ich machte mich auf, mit meiner neuen Fahne eine neue Runde zu marschieren, und Wolf war schwanzwedelnd dazu bereit. Eine Schwierigkeit gab es mit dem Gesang. Schwarzweißrot ging nicht mehr. Marschieren ohne Lied? Unmöglich! Ich überlegte angestrengt, und mir fiel ein, Preußen, das war der Alte Fritz. Von ihm sang man "Fridericus Rex, unser König und Herr". Aus, weiter nichts. Was machte das? Vom anderen Lied hatte ich auch nur zwei Zeilen gekannt.

Ich kam bis zu Bauer Staats. War er auch nur ein kleiner Bauer mit einem einzigen Pferd, so hatte er doch einen ansehnlichen Misthaufen. Auf dem stand er, als ich mich singend näherte. Er schlug die Zinken der Gabel in den Mist, legte seine Hände auf den Knauf des Stiels und rief mich an. Ich guckte mißtrauisch. Erdbeeren wie der Pastor hatte er nicht. Weil er aber ein Auge zukniff und nichts Bedrohliches an sich hatte, ging ich auf ihn zu. "Wat haste da für'n Fetzen?" fragte er.
"Kein Fetzen", klärte ich ihn auf, "die Preußenfahne, die Fahne von Fridericus Rex."
"Dat olle Reptil," belehrte er mich und verzog das Gesicht, "dem kommen schon die Würmer aus der Neese."
Würmer aus der Nase? Ich versuchte mir das vorzustellen und mußte mich schütteln.
Er hatte leichtes Spiel, mir die Fahne abzunehmen. Ehe es mir recht bewußt wurde und ich losbrüllen konnte, beruhigte er mich: "Du bist'n kerniger Junge, da brauchste 'ne kernige Fahne. Verstehste?"
Ich nickte. Er hatte kernig gesagt, und kerniges Holz war gutes Holz, das wußte ich von Großvater.
Bauer Staats riß mit einem Ruck das Fahnentuch ab. Am liebsten hätte ich laut aufgeschrien, aber Bauer Staats hatte mir eine kernige Fahne versprochen, und das olle Reptil mit Würmern in der Nase. Er ging mit mir in den Schuppen, wo eine alte rote Matratze lag. Einszweidrei trennte er den Stoff ab, hielt das rechteckige rote Stück hoch, musterte es und schien zufrieden. Dann nagelte er es an die Stange. "So", sagte er und hielt mir die neue Fahne hin.
Schlecht sah die nicht aus. Sie war wieder größer. Und wie das Rot leuchtete! Ich fragte trotzdem: "Und das Kernige?"
"Guck mal", erklärte er, "hier die Fransen." Er zeigte auf die ausgefransten Ränder.

Ich fragte Bauer Staats nach einem kernigen Lied. "Tja", sagte er zögernd, als fehlte ihm noch allerlei Wissen von der roten Fahne. Er stieg auf den Misthaufen und buddelte meine alte Fahne unter. "Tja", wiederholte er schließlich, "am besten singste dat, wat Emil singt." Er stellte sich so in Positur, wie er mich empfangen hatte, und stimmte an: "Völker, hört die Sirenen, auf zum letzten Gefecht die Internationale erkämpft das Menschenrecht." Danach forderte er mich auf: "Sing mit!"
Ich tat es. Kämpfen kam vor und Gefecht und Recht, lauter gute Wörter.
Ich sang aus vollem Halse und trat kräftig auf. So langte ich bei Austelats an. "Ach, du großer Gott!" rief er und drohte mit der Faust. Oder hatte er gegrüßt?

Weiter zum Pastor. Der saß noch immer unter seinem Boskop. Sowie er mich zu Gesicht bekam, sprang er wie von der Tarantel gestochen auf und schrie: "Die Fahne des Weltuntergangs! Komm her, sofort!"
Ich machte, daß ich fortkam. Im gesteigerten Tempo marschierte ich auf das nächste Grundstück zu. Herr Bräuning hatte ausgeschlafen. Bei meinem Anblick bekam er glasige Augen und kreischte: "Himmlischer Vater, die Heidenfahne!" Er hob seinen Krückstock, als wollte er sich auf mich stürzen.

Wolf bellte wie wild und ich begann zu rennen. Herr Fuchs stand vor der Jugendherberge. Er breitete die Arme aus, und ich rannte auf ihn zu: "Beruhige dich", sagte er, sei ein deutscher Junge! Laß nur, das bringen wir in Ordnung." Er ging mit mir ins Haus und fragte, wie ich zu der Fahne gekommen sei. Ich erzählte es ihm. "Der Staats also", sagte er und nickte.
In der Wäschekammer saß seine Frau an der Nähmaschine. "Hanna", sagte Herr Fuchs, "bring mal für den Enkel von Schacks die Fahne auf den neusten Stand"
Links und rechts nähte sie in die Mitte der roten Fahne einen weißen Kreis. Darin befand sich ein schwarzes Kreuz, an dessen Enden Haken saßen.
"So einfach geht das?", fragte ich.
"So einfach." Herr Fuchs schlug mir auf die Schulter, wie man einem guten Kameraden auf die Schulter schlägt, und begleitete mich hinaus. "Halt, weißt du, was du jetzt singst?"
Das wußte ich natürlich nicht. Er brachte mir das passende Lied bei: "Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen, SA marschiert mit ruhig festem Schritt." Ich machte mich wieder auf den Weg ... freute mich über meinen festen ruhigen Schritt und daß Wolf mir auf dem Fuß folgte.

... Von weitem winkte mir Herr Weinhold von seinem Platz unter den drei Birken zu. "Recht so", rief er, auf meine Fahne zeigend, "erst die Vergangenheit und jetzt die Zukunft! Hurra, hurra, hurra!"
Darüber freute ich mich. Und als ich Nachbar Dörr sah, der wohl auf dem Weg in die Stadt hinunter war, denn er trug einen Hut und nicht wie sonst seine graue Mütze, streckte ich die Brust raus und guckte, so kühn ich konnte. Er blieb wie erstarrt stehen. Dann kam er auf mich zu und schrie: "Das ist doch nicht wahr! Der Enkel von Wilhelm und die Fahne von den verdammten Braunen!"

Ich war wie gelähmt, aber nur für einen Moment. Ich drehte mich um und rannte los. Durch Staats' Roggen rannte ich, weil Nachbar Dörr vielleicht nicht durch reifen Roggen rennen würde, das war nämlich eine Sünde, wie Großmutter sagte. Ich hoffte, daß Nachbar Dörr diese Sünde auch kannte und sie mich retten würde. Tatsächlich, sie rettete mich! Quer durch das Feld rannte ich zu Bauer Staats. Kaum daß er meine Fahne erblickte, verfärbte er sich. Er begann zu schimpfen, packte mich, zog mich mit der einen Hand hinter sich her, schimpfte weiter und schwang in der anderen Hand die Forke. Wolf kniff den Schwanz ein und schlich uns in sicherer Entfernung nach.

Wir näherten uns dem Haus meiner Großeltern, und ich sah, daß der Pastor, Nachbar Dörr, Herr Austelat und Herr Bräuning heftig auf meine Großeltern und Tante Gustchen einredeten. Sofort blickten alle auf uns. Einen Augenblick war es ganz still. Der Pastor deutete auf meine Fahne mit dem schwarzen Kreuz im weißen Kreis und sagte: "Die ist ja gar nicht so schlimm!" Da saß Bauer Staats dem Pastor schon am Hals. Die andern bemühten sich, die beiden zu trennen.

Großmutter aber nahm mich bei der Hand und ging mit mir ins Haus. Sie stieg die Treppe zum Boden hinauf, öffnete die Truhe und suchte unter den Kleidern, die aus der Mode gekommen waren, einen blauen Rock hervor. Der Stoff war mit roten und weißen Blümchen übersät. Er sah aus wie eine blaue Wiese, die im Frühling blüht. Daraus nähte Großmutter eine Fahne und sagte zu mir: "Dagegen kann keiner was haben."

So sicher wie sie war ich nicht Später machte ich mich mit der neuen Fahne und meinem Freund Wolf zu neuer Runde auf. Zuerst zaghaft – marschieren ließ es sich auch schlecht danach – sang ich, was Tante Gustchen mir öfter am Abend vorgesungen hatte "Die Blümelein sie schlafen im hellen Mondenschein, sie nicken mit den Köpfen auf ihren Stengelein". Und das obwohl die Sonne noch am Himmel stand. Niemand schien das etwas auszumachen... Keiner beanstandete meine Fahne, keiner schimpfte. Großmutter war eine sehr kluge Frau, fand ich.








Rezensionen Hildegard & Siegfried Schumacher: Großmutters Rock



Eine Kindheit in den 30er Jahren. Auch damals fiel der Satz: "Nichts wird mehr so sein, wie es war." Der leicht unterernährte Junge, der Ich-Erzähler Friede aus Berlin, wird in die Sommerfrische zu den Großeltern geschickt. genießt dort das bäuerliche Leben, im Stall, auf den Feldern, mit Nachbarskindern in Wald und Wasser. Die Idylle trügt, die SA marschiert, die bald ausbrechenden Brände können nur von Kommunisten gelegt worden sein. Die Menschen werden abgeholt in "Konzentrationslager", Angst breitet sich aus. Der Großvater versucht, seine Menschlichkeit zu bewahren, den "Staatsfeinden" moralisch und tatsächlich beizustehen. Gegen die Übermacht des "gesunden Volksempfindens" ist er machtlos. Doppelsinnig am Schluß Großvaters Frage, als er seinen Enkelsohn auf dem Kirschbaum sucht: "Wo bist Du, Friede?"
Ansprechende, spannende, sensible Erzählung. – Für viele.
Dorothe Dantes, ekz-Informationsdienst; ID 1-2/02-BA2/02; 498.810.7





Was die Sintflut, von der der junge Friede in der Bibel liest, betrifft, so kann er sicher sein: die Tiergartenhöhe am Rande der märkischen Kleinstadt wird unerreichbar bleiben. Dort verlebt und erlebt der Junge immer mal wieder lange Wochen bei der Großmutter, Großvater und Tante Gustchen, bei Hund und Huhn, auf dem See, im Wald und auf den Feldern. Untergewichtig ist Friede und Schatten auf der Lunge hat er auch, vornehmlich geht es also um das Herausfuttern, um die Stabilisierung seiner Gesundheit. Nebenher stabilisiert sich aber auch eine Art von Weltbewußtsein über Eindrücke, Gespräche und Erlebnisse. aus denen Erfahrungen werden.

Die 13 locker miteinander verbundenen Geschichten handeln zwischen 1932 und 1933, und die Autoren, die wie schon in "Sommer mit Judith" Kindheitsmuster Siegfried Schumachers verwenden, führen über einprägsame Episoden vor, daß eine andere als die biblische Flut, die braune des Nazismus nämlich, nach und nach durchaus die idyllische Höhe über der Alten Oder erreicht. Friede lernt, behutsam und doch deutlich von den Großeltern informiert, daß man nicht mehr alles zu jedem sagen darf, daß man – und lockt der Hitlerdolch des Jungvolkes noch so sehr – nicht alles mittun darf der eigenen Würde wegen. Und er wird Zeuge mancher Brutalität und ersten Widerstands in Aktion auch.

Das Buch, ohnehin glänzend erzählt, enthält großartige Szenen (etwa in der titelgebenden Episode "Großmutters Rock"), es ist stimmig im lokalen und Zeitkolorit, es bringt in vielen Details, es bringt in vielen Geschichten Hintergründe und geschichtliche Kausalitäten zur Sprache, es ist trotz der Zeiten, die immer böser werden, in durchaus heiterem Gestus geschrieben, so daß den Lesern in vielerlei Hinsicht Bescheid gegeben wird. Mit dem Handelsvertreter Mühlenbeck, dem Antifaschisten Paul Koberstein und dem Sonderling Bord, von den Großeltern ganz zu schweigen, bevölkern Figuren das Buch, die für Hoffnung und Haltung stehen.
Wieder ein Kinderbuch der Schumachers, dem man weite Wirkung wünschen muß.
S. P., Beiträge Jugendliteratur und Medien 2/01





Trotz des harten Themas viele leise Töne

Der Untertitel dieses Buches könnte auch lauten: Geschichte in Geschichten. Beide Autoren legen uns dreizehn Geschichten vor, die in die Jahre des aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland führen. Wer das Buch "Sommer mit Judith" gelesen hat, dem werden die Hauptfiguren bekannt vorkommen. Sie finden den Jungen Friede wieder, seinen Großvater, die Großmutter, Tante Gustchen und deren Nachbarn. Und der Schauplatz der Geschehnisse ist wiederum Tiergartenhöhe, eine von einer kleinen Stadt abgelegenen Siedlung, wo jeder jeden kennt.

So abgelegen, könnte man erwarten, da werden die Menschen von den großen gesellschaftlichen Veränderungen nur gestreift, nein, sie sind ganz konkret und schmerzhaft betroffen, in sie einbezogen. Das vermögen die Autoren durch ihre Erzählkunst deutlich zu machen. Die Reihenfolge der Geschichten trägt erheblich dazu bei. Während in der Titelgeschichte das Vorschulkind Friede im Vorfeld der Reichstagswahlen mit einer selbstgefertigten schwarzweißroten Kaiserreichsfahne naiv und unerfahren durch den Ort zieht, wird er bis zur letzten Geschichte zu der erschütternden Einsicht geführt, daß Nazianhänger aus seiner nächsten Umgebung dafür sorgen, Andersdenkende zu töten.

Geschrieben ist das Buch aus der Sicht des vielschichtig erfaßten Jungen. Die literarisch geprägte Sprache des Kindes und insbesondere des Großvaters mitunter recht deftige Ausdrucksweise lassen die Geschichten sehr lebendig wirken. So werden die literarischen Figuren und ihre Handlungen gut vorstellbar. Durch ihre Sprache werden beide hervorragend charakterisiert. Der Großvater in seiner Verschmitztheit, seinem Witz, hintersinnigem Humor, tiefem Ernst und großer Nachdenklichkeit. Der Enkel hingegen zeigt sich als pfiffiger, phantasievoller, abenteuerlustiger und empfindsamer Junge. Beide eint ihre Harmonie mit der Natur und ihre Liebe zu allem Lebendigen. Da schwingt viel Gemeinsamkeit zwischen beiden, und es läßt schmunzeln, wenn bemerkt wird, wie der Junge dem Alten nacheifert.

Obwohl die Thematik dazu verleiten könnte, ist kein hartes Buch entstanden. Schöne leise Töne sind in ihm enthalten, vor allem, wenn vom Familien- und Naturerleben erzählt wird, wenn das Kind durch die Erfahrung und Altersweisheit des Großvaters lernt "dahinterzukieken".

Widersprüche, die den Jungen zu Erkenntnissen führen, tun sich besonders in solchen Geschichten wie "Die Brücke über dem Tal" auf. Friede findet ein schönes Bild für den Fluss, an dem er steht: ,,Das Wasser glitzert als liefen Tausende kleine Silbermäuse darüber hin." Am Viadukt aber, der über den Fluß führt, hängen eine Hakenkreuzfahne und ein Spruchband mit der Verherrlichung Hitlers. Als Antwort daneben ein großes NEIN vom politischen Gegner.

Dieses Buch ist wieder eines für die gesamte Familie. Es ist ein Buch, von dem in Abwandlung einer Bemerkung Tante Gustchens über den Handlungsreisenden Harry gesagt werden kann, die Schumachers können erzählen, dass man glaubt, dabei zu sein.
Ingeborg Stelzer, Dresden; Märkische Oderzeitung v. 28./29.10.00, Oberbarnim-Echo



Ein Buch, das Spaß bereitet und Geschichte vermittelt
Weihnachten, die Zeit des Schenkens, ist nahe. Auch in diesem Jahr sollten Eltern ein Buchgeschenk auf den Gabentisch acht- bis zehnjähriger Kinder legen: "Großmutters Rock" von Hildegard und Siegfried Schumacher ist kürzlich erschienen. Es schließt sich inhaltlich an "Sommer mit Judith" an.
Aus der Sicht der Ich-Erzähler – in Gestalt des kleinen, sensiblen und doch recht kernigen Jungen Friede – entsteht ein reales Abbild des Lebens der Menschen in dem Dörfchen Tiergartenhöhe zu Beginn der Nazizeit in Deutschland. Mosaikartig zusammengefügt, geben die Autoren in 13 Episoden eigenes Erleben und Erfahren mit dem damaligen Zeitgeschehen an die jungen Leser weiter.

Man erfährt, dass Bargeld in Großvaters Familie rar war. Seine Altersrente betrug damals im Monat 32,75 Mark. Aber Lebensnotwendiges lieferten fleißigen Menschen auf dem Lande die fruchtbare Erde und das Vieh. Mit Schmunzeln liest man von dem Frühstück in der Futterküche, blickt mit Anteilnahme auf die rührende Kinderfreundschaft zwischen Friede und dem jüdischen Mädchen Judith und ihr Abenteuer mit dem Angelkahn zurück. Die Leser erfahren auch etwas über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus, über Menschen, die in den KZ-Lagern für immer verschwanden. Mit Freude nehmen die Leser aber wahr, dass Friede vom neuen Leben seiner geliebten Judith in Amerika erfährt.

Eine besondere literarische Delikatesse ist Friedes Erfahrung mit der Symbolkraft von Fahnen in der Titelgeschichte "Großmutters Rock". Als Friede die schwarz-weiß-rote Fahne des deutschen Kaiserreiches vom Hausboden holt und mit ihr unter Absingen eines passenden bekannten Liedes durch das Dorf marschiert, erfährt er sehr unterschiedliche "Beifallsbekundungen" von den Betrachtern. Ebenso geht es ihm mit allen anderen Flaggen, die in Deutschland einst Usus waren.
Doch Großmutters alter blauer Rock mit unzähligen hellblauen, roten und weißen Blümchen bedruckt, wurde zur "richtigen" Fahne für einen kleinen Jungen. Dieses Blümchenmuster schmückt auch den Einband des sehr lesenswerten Kinderbuches, das auch älteren und alten mitlesenden Erwachsenen Lesegenuss bescheren wird.
Kyritzer Tageblatt v. 17.11.2000



"Großmutters Rock" – zum Anschauen und Lesen

"Man muß es gar nicht lesen. Das Buch ist so schön. Allein das Angucken ist schon ein Vergnügen." ... "Man fühlt sich schnell heimisch in den Geschichten." Deshalb sei das Lesen Vergnügen und Anregung zum Nachdenken gleichermaßen.
Schumachers lasen drei Geschichten vor: "Bahne", "Großvater ackert" und "Schützenfest". Die Reaktionen des Publikums bewiesen es: So mancher Zuhörer erinnerte sich – schmunzelnd – an die eigene Kindheit. Ob es die Passage mit den Kniestrümpfen oder die mit dem Katschischießen war – das kam vielen, vor allem den älteren, bekannt vor. Nachdenklich stimmte vor allem jene Szene, in der der Großvater seinem Enkel "Konzertlager", das so wenig mit Musik gemein hatte, erklärte. "Aber es sind nicht alle Geschichten so politisch", sagte Siegfried Schumacher. "In einer anderen bringt der Opa dem Jungen Friede das Rauchen bei."

Genau diese Mischung zeichnet das Buch, das autobiografische Züge trägt, aus. "Wir wollten den ganz normalen Alltag von Anfang bis gute Mitte der 30er Jahre darstellen", sagte Siegfried Schumacher, "um so zu zeigen, wie der Faschismus damals hochgekommen ist." Denn es werden heute schon wieder Sätze gedacht oder gar ausgesprochen, die auch damals am Anfang standen.
Märkische Oderzeitung v. 8.12.00, Bad Freienwalde


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