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Roland Gruner
Kein Feuer, keine Kohle

In den letzten Wirren des Zweiten Weltkrieges beginnt die Geschichte von Anne und ihren Freunden. Die Turbulenzen jener Zeit hinterlassen Spuren im Leben der Menschen, das durch Hunger und Leid geprägt ist. Einige Jahre später ist Anne zu einer hübschen jungen Frau herangewachsen. Als ihr Jugendfreund Heiner das Dorf verläßt, um Musik zu studieren, wendet sich Annes Schicksal. Fortan ist ihr Leben durch tragische Ereignisse bestimmt. Nach einem nicht ganz zufälligen Wiedersehen von Anne und Heiner scheint sich das zu ändern und eine glückliche Zukunft steht in Aussicht. Doch das Schicksal bestraft kleine Schwächen gnadenlos und bricht den Stab über ein ganzes Leben - ein kurzes Leben, reich an Freude und Schmerz und an den schönsten Gefühlen, deren ein Mensch fähig ist.

Roland Gruner: Kein Feuer, Keine Kohle. Roman. 1. Auflage 2002. Paperback, 240 Seiten, mit zehn Zeichnungen des Autors. Format 19 x 12,5 cm.
Preis 10,0 Euro       ISBN 978-3-933416-32-2








Leseprobe Roland Gruner: Kein Feuer, keine Kohle


Die allgemeine Lage entspannte sich und ließ es zu, dass die Kinder wieder ihre Streifzüge unternehmen konnten. Nach Wochen des Stubenhockens spürten alle Tatendrang. Die Lebensmittelvorräte waren aufgebraucht und es begann die Zeit der knurrenden Mägen, auch für die Herzogbande, die in der Gegend herumstreifend nach Essbarem suchte. Den Amerikanern waren die Russen gefolgt, die übereinstimmenden Meinungen zufolge als kinderlieb galten. Also wollte Anne überprüfen, ob dort wenigsten etwas Brot zu bekommen wäre, zog sich wie ein Junge an und versteckte ihre Haare unter einer großen Schirmmütze. Eine Gruppe russischer Soldaten arbeitete im Wald; sie fällten Bäume und schlugen die Äste ab. Ihre freien Oberkörper glänzten im Sonnenlicht, Schweiß und Zigarettenqualm erzeugten einen stechenden Geruch in der Mittagshitze. Zögernd wagten sich die Kinder heran und arbeiteten bereitwillig mit, in der Hoffnung auf eine Belohnung. Die Soldaten nutzten die Gelegenheit für eine Pause und legten sich ins weiche Moos.

Robert blieb in Annes Nähe und beobachtete die Umgebung. "Anne, dreh dich mal unauffällig um", sagte er leise. Aus dem Hintergrund tauchte ein wild aussehender Offizier mit Schlitzaugen und hoch stehenden Backenknochen auf, der grimmig in die Runde blickte. "Der ist ja zum Fürchten." Anne wurde unheimlich zumute. Auch das bohrende Hungergefühl steigerte den Mut der Kinder nicht, der ihnen beim Anblick dieses Menschen längst in die Hose gerutscht war. Den zwar unverständlichen Worten, aber eindeutigen Handzeichen konnten sie entnehmen, dass sie einen Graben ausheben sollten. Der Schweiß trat ihnen nicht nur wegen der Anstrengung auf die Stirn.

Neben Robert arbeitete der kleine Hannes, völlig erschöpft und in der Aufregung stotternd: "W...wollen die mit uns K...Krieg spielen?"
"Die wollen uns abknallen und begraben", sagte Robert zu Anne.
"Ich hab mal was von Dschingis Khan gelesen. Das war ein Mongole, der mordend durch Asien und Europa gezogen ist. Er könnte wie der da ausgesehen haben", fuhr Robert fort. "Mu..., mu..mußten die Opfer vorher auch ihr G...rab schaufeln", stotterte Hannes weiter. "Hört auf mit den Gruselgeschichten! Ihr macht euch doch selber verrückt", erwiderte Anne barsch.

Der Mongole unterbrach die Unterhaltung mit einem Schuss in die Luft und bedeutete den Kindern, sich an den Rand des unfertigen Grabens zu setzen. Unvermittelt drückte er nochmals ab, und immer wieder – so lange, bis das Magazin seiner Pistole leer war, als müssten einige vom Krieg übrig gebliebene Patronen noch vertan werden. Die Kinder wurden leichenblass. Hannes erweckte den Eindruck, als habe er bereits mit dem Leben abgeschlossen. "Verda...dammt", sagte er, "nun hab ich mir zu guter Letzt noch in die Hose gesch...issen."

Für einem Moment trat Stille ein. Die Spannung wurde unerträglich, während der Mongole eine Wodkaflasche aus der Hosentasche zog, sich selbst die Hälfte des Inhalts ohne eine Schluckbewegung durch die Kehle rinnen ließ und laut rülpste, den Rest schließlich den Kindern reichte, die wenigstens einen Schluck trinken mussten. Der Wodka feuerte bis hinunter in die leeren Mägen. Während die Kinder nach Luft rangen, verteilten die Russen Brot und jagten sie davon. Robert konnte sich nicht erinnern, jemals so schnell gelaufen zu sein; doch weit kamen sie nicht, denn der Wodka auf nüchternem Magen zeigte Wirkung.

"Wir wa... waren wa...wahrscheinlich unerwünscht", meinte Hannes. "Ihr Großen hättet ja Soldaten sein können, und die mö...mögen sie nicht."
"Gar nicht so unlogisch", sagte Anne, die ihre Mütze abnahm und wie verwandelt sogleich als Mädchen dastand. Der Schreck saß allen in den Gliedern. Erschöpft legten sie sich ins Gras am Rande einer Kuhweide und kramten das Brot heraus, um ihren Mägen außer dem Wodka noch etwas Festes zukommen zu lassen. Mit finsteren Mienen kauten sie auf den harten Kanten herum.
"Und f...für dieses Mistzeug hab ich mir in die Hose geschissen", murmelte Hannes, der mit einem Taschentuch provisorische Reinigungsversuche unternahm..

Nach den fünften Glas warteten die drei Skatspieler noch immer auf die Hauptperson, den Arzt aus der Frauenklinik. "Und warum, mein lieber Joseph, versetzt uns dein Kollege" Seine Sprache war schon etwas verwaschen. "Wenn ich dir sage, es geht um eine schicksalhafte Angelegenheit, dann ist das schon weit untertrieben. Wir müssen ihm nämlich ein paar ganz knifflige Fragen stellen."
Augusts Schulkamerad Doktor Joseph zeigte auch bereits Alkoholwirkung. "Und warum stellt ihr mir diese Fragen nicht?"
"Weil du an der falschen Stelle arbeitest. Wir brauchen den Genickologen, oder wie die sich dort schimpfen." August sprach absichtlich von "wir", um das gemeinsame Interesse zu bekunden.

"Worum geht's denn?"
"Um eine Patientin, die in der Frauenklinik liegt", antwortete Heiner, um endlich das Problem beim Namen zu nennen.
Doktor Joseph sah beide fragend an. "Na und ?"
August versuchte sich in einer Erklärung. "Diese junge Frau könnte eventuell ..., man weiß es eben nicht genau, sozusagen, du weißt schon ... schwanger sein."
Der Doktor zupfte sich bedächtig kopfschüttelnd an seinem Kinnbart. "Und ihr beide habt mit ihr ...? Schöne Scheiße!"
"Nein, nein", verbesserte August schnell, "nur einer. Wir, das heißt Heiner muss wissen, ob sie überhaupt schwanger ist, oder ob sie ihn verarscht. Verstehst du?"
"Das kann ich euch allerdings nicht beantworten, und mein Kollege wahrscheinlich auch nicht, selbst wenn er es wüsste."
August winkte verächtlich ab. "Eure Geheimniskrämerei ist zum Kotzen.".
"Na endlich", rief Joseph dem um sich blickenden Doktor Christoph zu.
Joseph machte alle miteinander bekannt, bestellte Bier und erklärte dem Neuankömmling: "Wir fachsimpeln schon, und zufällig über ..."

Wie vom Himmel gefallen stand das Bier vor Christoph. Der setzte an und trank den halben Liter in einem Zug aus. Joseph staunte: "Mann, du musst ja total ausgetrocknet sein."
"Bin ich auch. Du weißt doch, wie trocken die Luft im OP ist."
"Nun red mal weiter, bevor Christoph einschläft", sagte Joseph zu Heiner.
Heiner beeilte sich. "Also, ein hypothetischer Fall: Eine junge Frau liegt wochenlang in einer Frauenklinik. Auch ihr Vater weiß nicht, warum. Man findet nichts."
"Aber irgendwelche Beschwerden muss sie doch gehabt haben?", fragte Christoph nach.
"Ja, unklare Bauchbeschwerden"
"Das ist natürlich kein konstruierter Fall?", behauptete Joseph.
"Natürlich nicht. Weshalb sollte ich ...?" Auf Heiners Gesicht stand Ratlosigkeit..
"Dann beschreibe mir die Frau!" Christoph schien etwas zu ahnen.
Heiner beschrieb Sophie so genau er konnte.
"Und der Vater ist ein prominenter Musiker", erklärte Christoph dem staunenden Heiner. Um keine falschen Hoffnungen zu wecken, fügte er schnell hinzu: "Sie ist meine Patientin, doch die Schweigepflicht verbietet mir ..., du verstehst? Aber ich würde mir an deiner Stelle nicht allzu viele Sorgen machen."

In der Hoffnung, die Andeutung richtig verstanden zu haben, fragte Heiner weiter. "Und sag mal, wie verhält es sich mit dem Vaterschaftsnachweis? Ich meine – prinzipiell?"
"Das ist ganz einfach. Es ist nur ein Ausschluss möglich, das heißt: Man kann nur nachweisen, dass jemand nicht der Vater ist."
"Gut, das wäre doch schon was", sagte Heiner etwas erleichtert. Ein bisschen klüger als vorher war er schon.
Auf dem Heimweg schimpfte August: "Richtige Hosenscheißer sind das. Na ja, es war ein Versuch." Er hatte Christophs Andeutung offenbar überhört.
"Aber ganz umsonst war der Versuch doch nicht", entgegnete Heiner.
"Ich wüsste nicht, was die Übung gebracht haben sollte. Schön blau sind wir." Die beiden lallten und bemühten sich, ihre Lautstärke zu dämpfen.
"Seit dem wir an der Luft sind, macht mein Unterkiefer, was er will", stellte Heiner fest. "Aber der Alkohol schärft das logische Denkvermögen."
"Glaubst du?", bezweifelte August.
"Ich weiß es. Also, pass auf: Jetzt haben wir August. Guck nicht so, ich meine den Monat. Und es war im Februar, als ich das letzte Mal mit ihr ... Also wäre sie theoretisch im ... na, sechsten Monat und müsste schon einen kullerrunden Bauch haben – meine ich."
"Meinst du. Und um das herauszukriegen, musstest du dich im Beisein zweier Ärzte besaufen? Wann hast du denn ihren Bauch zum letzten Mal gesehen?"
August schwieg und Heiner grübelte.
"Ich werde dir sagen, was du machen musst: Lass die Dinge einfach laufen", fuhr August fort. "Sieh mal! Du liebst sie nicht mehr. Deshalb kann sie dich nicht mal damit strafen, dass sie sich einem andern an den Hals wirft. Also greift sie zum letzten Mittel – zur Erpressung. Ja, ich hab's, sie erpresst dich ...









Leserecho Roland Gruner: Kein Feuer, keine Kohle



Eine Liebesgeschichte in schwerer Zeit

Gruner erzählt eine Liebesgeschichte, die nicht, wie sein Berufsleben vermuten lässt, im Ärzte-Millieu angesiedelt ist. Und doch hat der Autor Erlebtes verarbeitet. Die Geschichte spielt Ende des Zweiten Weltkrieges und danach in Gruners erzgebirgischer Heimat. Auch wenn alle im Buch vorkommenden Personen und Namen frei erfunden und Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen rein zufällig sind, wie der Autor versichert ...
Die Illustrationen hat Gruner erst geschaffen, als der Text bereits fertig war. Entstanden sind zarte, duftige Bleistiftzeichnungen, bei denen er vernehmlich seine Hauptheldin ins Bild setzt ... Nicht nur mit der Liebesgeschichte scheint der Autor den Nerv vieler getroffen zu haben ...
"Genauso war es, das will ich unbedingt zu Ende lesen."
Elke Schlegelmilch, Märkische Oderzeitung v. 8./9. Mai1.2002




"Kein Feuer- keine Kohle", schon der Titel des Buches weist auf einen romantischen Inhalt hin und läßt vermuten, daß es von einer Frau geschrieben wurde. Aber der Name des Autors und ein Blick auf die Rückseite des Bändchens belehren den Leser eines Besseren. Ein Mann wagt sich in eine sonst den Links und Pilchers vorbehaltenen Domäne.
Mit Feingefühl, Witz und Ironie wird das Leben im Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit aufgezeigt. Deftiges dörfliches Leben, Feste, Lebensfreude haben in dieser Zeit einen genauso festen Platz wir der Tod und das Grauen. Der Mensch paßt sich der Situation an, er engagiert sich. Die Nazis verschwinden in ihren Löchern und die, die vorher nur Mitläufer waren trinken jetzt bereitwillig den ihnen angebotenen Wodka und rufen "Druschba" statt "Heil Hitler". Eine Situation, die den Menschen im Osten Deutschlands, welche die Wende bewußt miterlebt haben noch gut in Erinnerung ist. Aber vielleicht will der Autor auch nur auf diese Eigenschaft des Menschen hinweisen?

Eine ansprechende Geschichte, mit Witz und Ironie geschrieben. Obwohl an manchen Stellen für den mit der erzgebirgischen Landschaft nicht vertrauten Leser vielleicht etwas langatmig geraten, beweist sie, daß die oben erwähnte Domäne auch von Männern besetzt werden könnte, wenn diese sich nur trauen würden.






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Klaus Goll, Literarische Skizzen aus dem Oderland
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