Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Klaus Werner Hennig
Michel Deutschner

Wegen "sittlich-moralischer" Verkommenheit erhält Michel einen Verweis von allen Erfurter Oberschulen. Sein Vater sitzt wegen Beteiligung an den Verbrechen der Wehrmacht in Bautzen. Seine Mutter befürchtet, ihr Sohn könnte ebenfalls verhaftet werden und schickt ihn nach Westberlin.
Michel kehrt aus dem Notaufnahmelager Marienfelde zurück. In der Internatsschule ist der Direktor ein fröhlicher Zecher, der Internatsleiter kriminell, die Biologielehrerin nymphoman, der Schularzt homosexuell. Trotzdem besteht Michel das Abitur. Als der Vater nach neun Jahren 1956 entlassen wird, sind die Kinder erwachsen, seine Frau ihm entfremdet und die Arbeitsverhältnisse unerträglich. Michel fährt Richtung Osten zum Studium, der Vater in den Westen. Die Familie ist wieder geteilt.
Eine Auseinandersetzung über Schuld und Moral in der Diktatur.

Klaus Werner Hennig: Michel Deutschner. 1. Teil.Freye Deutsche Jugend. 1. Auflage 2003. 360 Seiten. Paperback. Format 12 x 19 cm
Preis 15,00 Euro       ISBN 978-3-933416-41-4








Leseprobe Manfred Bauer: Der Sitzenbleiber


Michel schritt gemächlich den schmalen Pfad an der Thüringischen Landesbibliothek hinunter, sah schon das Gartenhaus des Altmeisters durch zartes Frühlingsgrün schimmern, erwartete sich hier im Goethepark bei Vogelgezwitscher und dem Geplätscher der Ilm ein wenig Ruhe und Entspannung, da stand unvermittelt ein graziles Geschöpf mitten im Weg vor einer Staffelei. Mit wild zerzaustem Haar, in Schuhen aus Schweinsleder mit Stahlkappen, die dem Arbeitschutz auf jeder Baustelle Genüge getan hätten, kalk- und zementbestaubt, von spitzen Mauersteinen gekerbt, kein Senkel in den Ösen, nur den einen Fuß in einem wollenen Strumpf, der andere nackt im derben Leder, ein übergroßes Männerhemd ohne Kragen über den Körper bis an die Kniekehlen gestreift, auf dem Rücken mit großen Buchstaben MONI in grüner Farbe gepinselt. Wie ein Profi im Boxring, so stand die Mal-Mamsell vor ihrer Staffelei, mit der gestreckten Rechten den Pinsel auf die Leinwand titschend und Michel verschlug es den Atem: Moni malte im Park nach Modell an einem Scheißhaufen. Gerade eilte Professor Schlumm des Weges hinan, seine Vorlesung über marxistische Ästhetik im Geiste rezipierend. Seine Spektabilität blieb geschockt vor dem Öl stehen, wäre beinahe in das Sujet getreten.
Jetzt erst kommt Klaus zur Besinnung. „Was machst du hier!“ schreit er sich selbst an. „Was hast du angestellt, verfluchte Scheiße! Du kannst doch Rudi da nicht einfach so liegen lassen!“

"Was erlauben Sie sich da? Das ist ja modernistischer Abstraktionismus monströsester Dekadenz. Den hatten wir in den Zwanzigern längst hinter uns gelassen, Fräulein Maronke. In keiner meiner Vorlesungen sind Sie persönlich erschienen, aber öffentlich sich in Goethes Garten abalbern mit diesem Tachismus perversitär!" Professor Schlumm klagte es mit erstickender Stimme, denn offensichtlich ist das Fräuleinchen die besondere Begabung dieser Schule. Der Professor möchte ihr helfen und sie vor der fälligen Relegation durch den Prorektor bewahren.

"Ich male das Wesen des Staates", erwiderte die Künstlerin beiläufig, damit dem Kack die Krone aufsetzend und verrührte erdbraune und dottergelbe Farben auf ihrer Palette, ging zwei Schritte nach vorn, bückte sich und nahm ein wenig vom Haufwerk, um den Hundekot exkrement unter den Farbmodder zu mischen. "Realistischer ist selbst in der Renaissance nicht gemalt worden, Herr Professor. Kennen Sie die Geheimrede Chruschtschows" Wenn mein Werk im Albertinum zur Ausstellung käme, stänke es über die Brühlschen Terrassen an der Hofkirche vorbei bis zum Italienischen Dörfchen, wo die Jury gern speist, unüberriechbar bei Ostwind, total!"

Schlumm schauerte. So ein Persönchen! Gefährdet meinen akademischen Lehrbetrieb. Immer mehr Spaziergänger blieben stehen. Von der nahen Musikhochschule drangen einzelne Instrumentaltöne in Blech wie Beifallsgemecker. Dazu Gesangsfetzen einer Sopranstimme. Eine würdige Dame, die schon viel Kunst in ihrem Leben gesehen haben dürfte und wahrscheinlich selber welche macht, sprach von Tauwetter, da gebe es immer viel Schlamm. Dabei gestikulierte sie erregt mit ihrer Nachbarin und stocherte wie wild mit einer Schirmspitze in Richtung Moni, die sich darum aber überhaupt nicht scherte. Schließlich schrie Monika Maronke entrüstet: "Wer hat denn den Köter hier Gassi geführt" Ich habe nämlich überhaupt keinen Hund!" Na bitte.

Ein Produktionsarbeiter aus dem Mähdrescherwerk ging vorüber und konnte nur die Nase rümpfen: "Äks bäks, dieser sozialistische Realismus stinkt mich an!"
Der Professor wandte sich hilfeheischend an Michel. "Die Arbeiterklasse riecht den Schund gegen den Wind! Was sagen Sie denn zu diesem Haufwerk" Jedermanns Unflat ins Kunstschöne erheben zu wollen, purer Unfug!"

"In einer kommunistischen Gesellschaft werde der Staat absterben, lehrt Stalin, auch wenn er vorübergehend in der Diktatur des Proletariats erstarkt, sagt Stalin. Das ist ein Widerspruch, aber kein antagonistischer, lehrt Stalin. Da können künstlerische Extrema solche Übergangserscheinungen antizipieren, Herr Professor." ...



Beim Kaffeetrinken kommt der Vater zwangsläufig über die Haft in Bautzen ins Erzählen, was ihm ja bei der Entlassung streng verboten worden ist. Er bittet im Interesse aller, davon nichts auszuplaudern. Das macht die Sache noch spannender, zumal der Vater nur noch flüstert und Michel nimmt auch Abstand von seinem Vorhaben, den Bericht mit Giselas Tonbandgerät aufnehmen zu wollen

"Von den Russen wurde im Februar fünfzig die Strafanstalt in deutsche Verwaltung übergeben." Der Vater trinkt einen Schluck Kaffee, räuspert sich und spricht weiter. "Wir hatten gehofft, daß mit der Volkspolizei alles besser und vernünftiger geregelt würde, aber das Gegenteil trat ein. Die Verpflegung wurde immer mieser. Der Drill und die Schikanen nahmen zu. Ihr erinnert euch, wie drastisch unser Briefverkehr eingeschränkt wurde. Unter den russischen Bewachern konntet ihr Schreiben soviel und sooft ihr wolltet. Jetzt kleinformatig in Schreibdruckschrift! Zur schlimmsten Folter für uns im Lager wurde das mangelhafte Essen. Die Suppe bestand nur noch aus klarem Wasser mit stinkenden Kohlrüben und ein paar Graupen, schlechterdings Viehfutter ...

Der Vater unterbricht seinen Bericht, atmet schwer, trinkt einen Schluck Kaffee, steht auf und läuft im Zimmer hin und her. Seine Familie bleibt sitzen und wartet gespannt auf den Ausgang der ungeheuerlichen Geschichte. Die Mutter ist besorgt, möchte lieber, daß über lustige Dinge gesprochen werde und fragt, ob sich der Vater nicht besser hinlegen und morgen weitererzählen möchte. Er wird dann nachts wieder nicht schlafen können, den Schlafanzug durchschwitzen und im Traum laut aufschreien, befürchtet sie. Aber die Kinder sind ungeduldig, denn schließlich behandelt ihr Vater nicht den Boxeraufstand in China, sondern berichtet von dem Hungerstreik im Gelben Elend, an dem er selbst so aufregend beteiligt war.

"Plötzlich wurde die Tür zum Saal aufgerissen und Hunde-Schulz, der Leiter der Anstalt, stürmte mit einer Schar von zwanzig bis dreißig zweibeinigen Hunden herein. Nach dem Roten Kreuz habt ihr Schweine gerufen", brüllte er mit knallrotem Kopf wie ein Tier und hielt seinen Schlagstock in Schädelhöhe gezückt. Damit schlagen wir euch kreuzweise auf die Fresse, bis es rot rausspritzt! Pfiff dreimal mit der Trillerpfeife und seine Meute stürzte sich auf uns und prügelte uns bestialisch von den Pritschen runter aus dem Saal. Auf die Köppe müßt ihr schlagen, feuerten sich die Volkspolizisten gegenseitig an. Jedem sein rotes Kreuz auf die Platte! Vor dem Saal hat es mich dann voll erwischt. Ich hatte Hunde-Schulz noch zu dem Orden, den er für seine Aktion mit Sicherheit bekäme, gratuliert, da sauste ein wuchtiger Schlag auf meinen Hinterkopf, ich taumelte, fiel die Treppen herunter, verlor das Bewusstsein und wachte erst auf dem Steinfußboden einer Karzerzelle in meiner Blutlache liegend auf. Wie lange ich da ärztlich unversorgt gelegen habe, kann ich nicht genau sagen, aber mindestens einen Tag ...





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Großmutters Rock
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