Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Jana Weinert
Die Früchte aus Nachbars Garten
Geschichten Ost-Westdeutscher Liebesbeziehungen

Sechs Paare, von denen jeweils ein Partner aus der DDR und der andere aus der alten BRD stammt, haben der Autorin auf ihrer Suche nach den ganz privaten deutsch-deutschen Einigungserfahrungen Rede und Antwort gestanden. In die Liebesgeschichten verwoben sind Berichte, wie Fremde zueinander finden, die noch vor kurzem voneinander in den aus dem Kalten Kriege geborenen Klischees dachten. Die eigenen Wurzeln zu erkennen und Vorurteile aufbrechen zu können ist auch für Menschen nicht leicht, die sich füreinander entschieden haben.
Mit Spannung erlebt der Leser mit, wie und wo im Privaten der Funke überspringt, der auf der Bühne der Politik auch zehn Jahre nach der Wende noch nicht so recht zünden will.
Mit einem Vorwort von Regine Hildebrandt.

Jana Weinert. Die Früchte aus Nachbars Garten. Geschichten Ost-Westeutscher Liebesbeziehungen. Paperback. Format 12 x 19 cm. 264 Seiten
Preis 4,50 Euro       ISBN 978-3-933416-22-3








Leseprobe Janan Weinert: Die Früchte aus Nachbars Garten


Ich denke nie an Provokation    [Leseprobe]
Irene, 47 Jahre, Publizistin; Partnerin von Max

Und bewegte mich träumend hinweg
Max, 53 Jahre, Taxifahrer, geschieden, ehem. Partner von Irene,

Hoffnung für Weihnachten
Torsten, Partner von Saskia, 35 Jahre, Fleischermeister,
Vater von zwei Kindern

Der Geruch des Ostens
Saskia, Partnerin von Torsten, 33 Jahre, Zahnarzthelferin,
Mutter von zwei Kindern

Wieder einmal machte ich einen Plan
Thomas, Partner von Georg, 35 Jahre, Architekturstudent

Immer wach sein
Georg, Partner von Thomas, 35 Jahre, Architekt

Von Gott, meiner Nase und der Bisexualität
Lisa, Partnerin von Joseph, 33 Jahre, Heilerziehungspflegerin

Endlich mal zu Hause
Joseph, 53 Jahre, Partner von Lisa, Psychologe

Sagen können: Das ist meine Frau
Hanna, 33 Jahre, Beamtin im Finanzwesen; Partnerin von Olga

Und ich leb' nur einmal
Olga, Partnerin von Hanna, 33 Jahre alt, Angestellte

... so laut ich will
Gerlinde, Partnerin von Hans, 58 Jahre, Gastronomin,
geschieden, verwitwet

Einen Platz haben, wo man hingehört
Hans, Rentner, 70 Jahre, Installateurmeister, geschieden,




Ich denke nie an Provokation
Irene, 47 Jahre, Publizistin, Partnerin von Max;

Lautsein auf und dieses selbstbewußte Gehabe. Sie schienen mir ein bißchen angeberisch und hochstaplerisch ... andererseits gefiel mir dieses Aggressive. Aggressiv im positiven Sinne von auf-etwas-zugehen. Beispielsweise kam damals ein Mann mit so einem riesigen Blumenstrauß zu mir in den Laden und lud mich ein. Den Blumenstrauß fände ich heute häßlich. Ein gekaufter mit viel Folie drum herum und Schleifchen und so. Den Mann hatte ich nie vorher gesehen. Aber ich war ihm irgendwo aufgefallen. Mit keinem Ostmann war mir so etwas passiert. Nie vorher hatte ich erlebt, daß einfach jemand kam, mir einen Blumenstrauß schenkte und sagte, er wolle mich einladen. Und mit dem Mann war ich dann eine Woche lang zusammen. Das war für mich ein richtiger Wendeschock.

Als wir das erste Mal in sein Auto einstiegen, sagte er zu mir: Also mach dir jetzt nichts daraus, daß das so ein teurer Wagen ist. Da sah ich mir das Auto an und sagte: Was denn, das ist ein teurer Wagen? Es war mir einerseits nicht bewußt, andererseits tat ich immer so, als sei mir egal, was jemand für ein Auto hat.

Gleich bei der ersten Begegnung hatte dieser Mann mir seine Visitenkarte gegeben. Und da stand dann Dr. H. G. und irgendeine maßgebliche Funktion in einer Partei. Das alles war für mich ein ganz fremdes Verhalten eines Mannes mir gegenüber. Ich verhielt mich aber kühl, als habe das keinen Eindruck auf mich gemacht. Einerseits verabscheute ich diese Statussymbole. Andererseits hatte ich ziemlich schnell den Verdacht, daß mir genau diese Äußerlichkeiten auch imponieren. Um es auf eine kurze Formel zu bringen: Nach der Wende begann ich zu genießen, daß es jetzt so etwas wie Unterschiede gibt, wie Reichtum, große Namen und Ansehen. Auch allgemein die vielen Möglichkeiten ... Was plötzlich alles möglich war zu tun und zu werden, das brachte mich durcheinander. Diese Vielfalt wollte ich zwar, aber es schien mir einfacher, mich erst einmal an jemanden zu binden, der das alles schon hatte – vermeintlich.

Unter den Ostmännern suchte ich mir immer die Zurückhaltenden, die Schüchternen. Ich hatte dann das Gefühl, den Mann erobern zu können. In mir sind sehr viele männliche Aspekte, mit denen ich groß geworden bin. Dazu gehört auch so eine Art Jagdtrieb: Jemanden erobern. Die Initiative ergreifen. Irgendwann spürte ich, daß mir weibliche Anteile fehlen. Das ängstigt mich auch. Ich versuche, sie in mir zu entwickeln. Jedenfalls bieten die Westmänner, die ich kennengelernt habe, dafür gute Übungsfelder. Sie sind offensiv, gehen drauflos, zeigen sich, treten selbstsicher auf. Was ja auch nicht immer wirklich stimmt. Ich kenne viele Westmänner, die erst einmal sagen: Das kann ich, das mache ich ... Und im Nachhinein muß ich oft feststellen, daß alles nur unverbindlich war. Dann bin ich wütend. Und ich ärgere mich über mich selbst ...

Ich hatte vor der Wende eine Illusion vom Westen, ein Idealbild von den Menschen dort, das natürlich überhaupt nicht stimmt. Ich fiel auch wirklich oft auf Mogelpackungen rein, und das ist etwas, was ich mit dem Westen verbinde, dieses Maskentragen. Auch untereinander sind die Westdeutschen sehr mißtrauisch. Das ist in dieser Gesellschaft offenbar so gewachsen. Vor der Wende glaubte ich, die Menschen im Westen seien, abgesehen von ein paar Ausnahmen, alle freimütig, offen, klug, schön. Sie seien vor allem ehrlich, kommunikativ und verbindlich. Diese Illusion entstand mir nicht aus unmittelbaren Erfahrungen. Nein. Dieses Bild gab es nur in meinem Kopf, ich hab es einfach gebraucht, ich hab immer meine Sehnsüchte auf das projiziert, was weit weg oder so unerreichbar war, daß ich meine Annahmen nicht überprüfen konnte, mich mit der Realität nicht zu konfrontieren brauchte. Und nun finde ich viel Lug und Trug und Bösartigkeit vor, und bin natürlich entsetzt.

Jedenfalls empfinde ich die Westdeutschen als sehr verschieden von uns. Aber auch interessant. Da werde ich immer wach, das bewegt mich. Das ist für mich eine Herausforderung. Das läßt einen nicht einschlafen. Du hast ja immer einen Widerstand. Immer etwas Neues, das einem auffällt. Immer Reibung. Dadurch entsteht Spannung. Und das ist, was ich suche. In einer solchen Partnerschaft hat man nicht nur diesen Gegensatz zwischen Mann und Frau. Der an sich ist ja schon spannend genug. Aber die Ost-West-Gegensätze geben da noch eins drauf. Und wenn ich wieder einmal in ein Fettnäpfchen trete, da muß ich dann überlegen: Passe ich mich jetzt an? Oder überdenke ich meine Haltung und vertrete mich, gehe in die Auseinandersetzung.

Mir fiel auf, daß im Westen dieser Standesdünkel, dieses Klassendenken stark verbreitet ist. Da gilt es, bestimmte Etikette einzuhalten. Zum Beispiel bei der Kleidung. So war in der letzten Einladung die wir bekamen, eine Kleiderordnung vorgeschrieben. Ich kleidete mich also, wie es von den Frauen erwartet wurde, trug aber auch meine Lieblingslederjacke. Diese Jacke ist dreißig Jahre alt. Die hat sich meine Mutter damals in der Mongolei gekauft. Eine einfache schwarze, kragenlose Jacke. Also, mir gefällt die sehr. Und immer wenn ich damit zu ostdeutschen Freunden oder Bekannten komme, höre ich: Oh, wo hast du bloß diese schöne Jacke her. Und als ich nun stolz mit meinem guten Stück zu dieser Einladung gehen wollte, sagte eine Westfrau, mit der Max befreundet ist: Sag mal, du willst doch wohl nicht diese schäbige Jacke anziehen. Ich war entsetzt und verunsichert. Ich dachte, das sei jetzt die Sicht der Westleute und wenn ich da zu dem Fest gehe, würden sich alle fragen: Wie kann die sich erlauben, auf dem sechzigsten Geburtstag des Herrn Vonundzu so schäbig gekleidet zu erscheinen. Also zog ich eine andere Jacke an. Ich sah dann hübsch aus, im Sinne der Kleiderordnung ... Max zuliebe halte ich die Anstandsregeln ein. Das ist für mich ein anhaltender Konflikt ... Max faßt es als Provokation auf, wenn ich etwas von der Etikette abweichendes tue. So meine ich das aber nicht. Ich denke nie an Provokation. Ich bin so. Ich muß immerzu erklären, warum ich dies mache und nicht jenes, warum ich mich mit diesem wohler fühle als mit jenem, warum das eine für mich wichtiger ist als das andere. Ich verstehe ja die Verführung, die in dem schönen Schein liegt, das Bestechende an der perfekt anmutenden Erscheinung. Aber inzwischen nervt mich das ...

Es gibt auch Sitten oder Anstandsregeln bei den Westleuten, die ich als angenehm erlebe. Was ich genießen kann ist zum Beispiel eine bestimmte Art, Tische zu decken. Das war bei mir früher eher nachlässig. Da wurde das Brot auf den Tisch gepackt, die Butter dazu und Speck und Zwiebeln. Das lernte ich inzwischen zu schätzen: Den Tisch mit einer Decke darauf, Blumen, schönes Geschirr, verschiedene Gänge mit kleinen Vorspeisen. Mir ist natürlich auch aufgefallen, daß die Westfrauen viel Energie darauf verwenden, Haushalt, Kochen, Putzen, also wieder das äußere Leben in Ordnung zu halten. Die wirbeln hierhin und dahin, nähen Kleider, bewältigen riesige Gärten. Eine Westfrau die faul ist, oder die zugeben würde es zu sein, kenne ich nicht. Ich hab das Gefühl, sie sind angestrengt bemüht, dieses Bild der Fleißigen, Erfolgreichen immer aufrecht zu halten. Auch das Bild der Gutaussehenden ...

Das ist eine Kultur, die es gelernt hat, Schwächen zu verbergen. Unwahrscheinlich perfektioniert sind die Leute darin. Und ich hab das Gefühl, daß sich die Frauen mit ihrem rastlosen Tätigsein ablenken von etwas eigentlichem. Wenn ich in Kneipen mit Westfrauen zusammensitze, merke ich, daß sie es nicht gewohnt sind, offen über Schwierigkeiten zu reden, sich einfach auszutauschen. Als ich einmal nur mit Männern in Italien war, hörte ich, wie sie sich über ihre Frauen unterhielten. Auch da hatte ich den Eindruck, sie reden nicht miteinander. Die Männer sprachen über Probleme, die schon seit zwanzig Jahren bestanden. Das würde ich gar nicht aushalten in meiner Beziehung. Wenn ich einen Konflikt habe, dann will ich den lösen ... Schwierigkeiten zu kaschieren und zwanzig Jahre damit zu leben, das hielte ich nicht aus.

Den Konflikt mit Max hatte ich schon ziemlich bald, so nach der ersten Liebesphase, also nach dieser Hoch-Zeit. Wie lange dauerte die? Ein paar Monate. Ich hab beim Sex gemerkt, daß Max sehr direkt ist. Was ich ja eigentlich mag: sofort eindringen und loslegen. Aber irgendwann fehlte mir eben doch Zärtlichkeit. Und das hätte ich niemals verheimlicht. Es kostete mich natürlich Überwindung, das anzusprechen. Ich denke immer gleich: Jetzt werde ich abgelehnt, jetzt wird er sich von mir trennen. Die große Angst, die hinter allem steht, ist wahrscheinlich die Verlustangst. Ich frag mich dann: Wovor fürchte ich mich wirklich, warum sage ich Max nicht, mir gefällt nicht, daß er mich kaum anfaßt? Und dann dachte ich, er ist vielleicht einfach jemand, dem es schwerfällt, zärtlich zu sein. Ich sprach mit ihm darüber und er erklärte sich mir. Aber ich sagte: Mir gefällt das trotzdem nicht. Ich leide darunter, daß du mich so selten anfaßt. Manchmal überlege ich auch, ob das wirklich stimmt. Denn wenn ich einen Mann hatte, der mir sehr viel Zuwendung gab, war mir das lästig. Ich weiß eigentlich auch, daß ich selbst Probleme mit Nähe habe. Aber mir genügt unser Zusammensein nicht, das ist mir zu wenig.

Ich will mal was Generelles sagen zu den Ost-West-Partnerbeziehungen. Ich finde diese Gegensätze unheimlich interessant.

Als ich Max kennenlernte, hatte ich gerade anderthalb Jahre keinen Mann mehr. Gerade im Frühling oder Sommer ohne Mann zu sein, finde ich richtig schrecklich. Einen Sommer lang war ich nun schon allein gewesen. Das nächste Frühjahr war da und ich dachte: Auch in diesem Sommer bin ich ohne Liebe. Männer aufzugabeln und mit ihnen ins Bett zu gehen war für mich nie schwierig. Ich hatte aber gemerkt, daß ich mich irgendwie beschädige, wenn ich mich mit jedem Mann, der mich interessiert gleich auf so eine Bettbeziehung einlasse. Und dann ist es vielleicht auch noch ein verheirateter Mann. Ich hatte also seit langem beschlossen, mich auf so etwas nicht mehr einzulassen. Ich nahm mir vor, bei den Männern etwas genauer hinzusehen. Ob da nicht auch ein Mann ist, mit dem ich eine längere Partnerschaft haben kann, wo sich auch etwas entwickelt, wo es nach der ersten Euphorie auch weiter geht ... Genau an dem Morgen des Tages, an dem ich Max kennenlernte dachte ich noch: Jetzt laß das mal alles sein, diese krampfhafte Suche nach einem Mann. Gott wird's schon richten. Genau diesen Satz habe ich gedacht. Es war ein schöner Tag. Pfingstsonntag.

Ich dachte, ich suche mir mal die Hoffmann-Villa. Eine Frau über die ich schreiben wollte, hat früher darin gelebt. Also fuhr ich in die Uferstraße. Und da war so eine langgestreckte Villa. Am Zaun saßen drei Leute. Ich fragte: Ist das die Hoffmann-Villa? Und einer der Leute, der eben später für mich Max war sagte: Nein. Die Hoffmann-Villa ist da drüben. Ich schaute in die gewiesene Richtung und sah das Haus, das ich in meiner Geschichte erwähnen wollte. Das ist im Bauhausstil gebaut, inzwischen verhunzt von der NVA, die da Leute einquartiert hatte ... Max sagte zu mir: Das gefällt Ihnen wohl nicht? Ich sagte: Nee, das ist nicht so mein Fall. Daraufhin entspann sich ein Dialog. Und Max – dessen Namen ich ja noch nicht kannte – hielt mir einen langen Vortrag über die Geschichte der Casa vor der er stand und über seine Familie.

Nach zwanzig Minuten bot er an, mir die Casa zu zeigen. Ich hatte darauf eigentlich keine Lust. Die Unterhaltung fand ich ganz schön, aber eine Führung durchs Haus? Ihm zuliebe ging ich mit. Schließlich saßen wir irgendwann in seinem Kaminzimmer. Und ich hatte mir den Mann noch immer nicht richtig angesehen. Sonst war immer das erste wonach ich mir einen Mann ansah: Kann ich mit ihm ins Bett gehen oder nicht? Interessiert er mich sexuell? Mit Max war das Gespräch interessant. Und als wir sein Zimmer betreten hatten, war er mir das erste Mal auch richtig sympathisch geworden ...

Max wurde mir ein weiteres Mal sympathisch, als er fragte: Möchten Sie Tee, oder Wein? Das hat mir unheimlich gefallen, daß mir jemand mitten am Tage Wein anbietet. Wir unterhielten uns nun nicht mehr über das Haus oder die Familiengeschichte. Es ging statt dessen gleich ans Eingemachte. Wir sprachen über Werte, die wir haben. Max stellte gleich sehr direkte Fragen: Wie ich lebe, was für mich wichtig ist, ob ich einen Freund habe. Fragen, die ich sehr interessant fand. Und er erzählte mir von sich. Ich denke, er erzählte mir Dinge, mit denen er meinte, meine Sympathie zu erringen. Aber gleichzeitig machte er mir immer auch noch andere Mitteilungen. Zum Beispiel sagte er: Meine Freundin hat ein Haus in Spanien. Mit ihr habe ich jetzt seit zwei Jahren nicht mehr geschlafen. Es ging gleich sehr persönlich zu. Sofort: Wer bist du, wer bin ich. Aber ich hatte mir Max in seiner Wirkung als Mann auf mich immer noch nicht angeschaut. Ich merkte nur, daß ich mich wohl fühlte. Wir verstanden uns gut. Ich trank immer mehr Wein und irgendwann kam ich an einen Punkt, da wußte ich, wenn ich jetzt nicht gehe, bin ich morgen früh noch hier. Schließlich stand ich abrupt auf und sagte: Ich muß jetzt gehen.

Max schien darüber ganz irritiert. Wahrscheinlich hatte er sich auch wohlgefühlt mit mir. Am Schluß sagte er noch: wenn ich mal wieder ein Fest in der Villa mache, dann lade ich dich ein. Wir tauschten unsere Telefonnummern aus. Und erst auf dem Rückweg, dachte ich: Was war das denn? Da war ich plötzlich völlig euphorisiert von dem Mann. Im nachhinein hatte ich das Gefühl, es hat geknallt. Aber ich wußte überhaupt nicht, wie Max denn nun körperlich auf mich wirkte. Das war mir vorher noch nie passiert. Erst auf dem Heimweg merkte ich, daß ich verliebt war. Zu Hause angekommen, dachte ich, er wird gleich ein Fest organisieren, um einen Grund zu haben, mich wiederzusehen. Dann verging ein Tag und noch ein Tag, und die ganze Zeit glaubte ich, Max ruft jeden Moment an. So verging eine ganze Woche. Er rief nicht an. Ich war fix und fertig. Ich wollte ihn wiedersehen und traute mich nicht, ihn selbst anzurufen und zu sagen was mit mir passiert war ...

Ich rief also bei Max an. Drei oder vier Tage lang erreichte ich ihn nicht. Und ich dachte, er müsse doch wenigstens am Telefon sitzen und auf mich warten, wenn er nun schon kein Fest organisiert. Dann – zwei Wochen später, ich war kaum noch am Leben – war er endlich am Telefon. Ich sagte: Hier ist Irene. Er: Welche Irene? Da bin ich völlig zusammengebrochen. Ich hatte ja geglaubt, es sei ihm genauso gegangen, wie mir. Die Irene aus Paserow, sagte ich. Er: Ach sag das doch gleich, ja, ich erinnere mich. Aber Max klang ein bißchen kühl. Heute glaube ich, Max gestand sich einfach nicht ein, daß er sich freute. Er ließ es nicht zu. Er reagierte, wie er es gewohnt ist: cool. Auch, weil es sich nicht gehört, Überraschung oder starke Gefühle hochkommen zu lassen. Also, das scheint sowieso bei den Wessis stark in der Sozialisation verankert zu sein: Dieses Coolsein. Gefühle nicht zeigen. Immer souverän alles im Griff haben. Ich rückte mit der Sprache auch sofort raus. Sagte, daß ich ihn treffen möchte. Er wollte dann gleich am Nachmittag nach Paserow kommen. Das überraschte mich nun wieder. Erst erinnert er sich kaum an mich und dann steigt er gleich in Berlin auf seinen Motorroller und kommt nach Paserow zu einer Verabredung mit mir?

An dem Nachmittag trafen wir uns. Als wir uns schließlich gegenüber standen, war ich auf einmal vor meiner eigenen Courage erschrocken. Max war schon da, als ich in der Villa eintraf. Und er kam mir mit einem ganz langen Küchenmesser entgegen. Also das war auch Verlegenheit. Er tat, als hätte er mich nicht erwartet und als hätte er mächtig was zu tun. Ich ergriff sofort die Initiative und erzählte ihm, daß ich damals auf dem Nachhauseweg so euphorisiert war und doch wissen will ob er als Mann für mich überhaupt in Frage kommt, körperlich. Ich guckte ihn mir an und dachte: Hm, irgendwie ist er nicht mein Fall, schon beginnende Glatze, graue Haare, ein bißchen Bauch, komische Figur. Das sagte ich aber nicht.

Dann saßen wir wieder in dem Kaminzimmer und redeten. Ich war gehemmt, So viele Widersprüche: Erst gehe ich voll auf ihn los, dann sitze ich da wie ein Mauerblümchen und sage nicht piep. Und Max fühlte sich sichtlich unwohl. Seine Mundwinkel gingen immer mehr nach unten. Ich fragte ihn schließlich, was er jetzt denke. Max sagte, so wie ich am Telefon war und bei der Begrüßung, hatte er die Vorstellung, ich würde ins Zimmer kommen, mir die Sachen vom Leibe reißen und mich auf ihn stürzen. Und jetzt sei ich so zurückhaltend. Was ich eigentlich von ihm wolle. Ich sagte: Ich bin nicht so locker und ungehemmt. So sehe ich mich gern. Das gibt es aber nur in meiner Phantasie. Ich tue manchmal so, aber das haut nicht hin. Ich sagte noch: Ich würde zwar gern mit dir schlafen, aber ich bin jetzt befangen ...

Plötzlich zog Max sein Oberhemd aus. Darunter trug er ein weißes T-Shirt. Das war so ein bissel abgetragen, aber blendend weiß. Ich sah Max? Arme und seinen Hals – und da gefiel er mir auf einmal. Ich fand ihn erotisch und war selbst überrascht. Und plötzlich setzte er sich rittlings auf meinen Schoß. Das war eigentlich viel zu schnell, viel zu überrumpelnd. Aber wie er so auf meinem Schoß saß, war er auf einmal so knuddelig, so griffig ... Wir fielen so übereinander her. Ein bißchen besinnungslos. Und von da an waren wir zusammen.

Der Hauptkonflikt, der gleich auftauchte, war, wie gesagt, Etikette, die ich nicht eingehalten hab, die ich bisweilen auch gar nicht kannte. Ein weiterer Konflikt ergab sich daraus. Max sagt: Du redest so viel, du stellst dich immer wieder in den Mittelpunkt. Du echauffierst die Leute, mit deiner Offenheit. Sei doch mal ein bißchen zurückhaltender. Ich hab das dann auch einmal probiert. Wir waren eingeladen bei Leuten, die aus dem Westen nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen sind. Sie bauten sich dort ein altes Haus aus und brauchten dabei Hilfe. Abends gab es ein schönes Essen und geselliges Beisammensein. Es war Sommer. Richtig heiß war es. Kornfelder waren drumherum. Und die Leute hatten alles so schön gemacht: Eine lange Tafel, weiße Tischdecken. Als wir ankamen, gab es erst einmal einen Aperitif. Es standen Blumen auf dem Tisch. Phlox. Da hab ich seit meiner Kindheit das erste Mal wahrgenommen, daß es Phlox ist, den ich so gern mag.

Als Kind verbrachte ich meine Sommer immer auf dem Dorf, bei meiner Großmutter. Da waren auch diese ganzen Gerüche nach Blumen, reifen Äpfeln, reifen Stachelbeeren und Johannisbeeren. Das hatte ich jahrzehntelang nicht mehr wahrgenommen. Ich hab früher sehr verkorkst gelebt, hab vieles mit Alkohol und Rauchen zugeschüttet. Zu DDR-Zeiten war ich ein richtiger Caféhaus-Mensch. Meine Zeit verbrachte ich vorwiegend in Kneipen ...Und nun sah ich dort auf dem Tisch diese Blume. Und ich erinnerte mich, die wuchs bei meiner Oma im Garten, wild und viel. Ich dachte: Ach, Kindheit. Glücklichsein. Und da nahm ich mir vor, diesmal einzuhalten, was Max mir gesagt hatte: Zurückhaltend sein. Das heißt, ich stelle mich nicht in den Vordergrund, ich erzähle nicht, sondern höre zu. Ich lasse alles auf mich zukommen und beobachte. Und es war grauenvoll. Ich hab mich so gelangweilt. Auch regte ich mich im stillen darüber auf, daß die Frauen dauernd sagten: Es ist doch hier wie in der Toscana. Guckt doch mal der Himmel, wie in der Toscana. Alle zehn Minuten ging das so. Ich konnte das kaum aushalten. Ich verstand es auch nicht. Als ob sie nicht da sein können, wo sie gerade sind. Oder als müßten sie den Wert der Landschaft noch steigern, durch diesen Vergleich, um zu betonen, was sie doch für einen guten Griff gemacht haben. Mir ging es wirklich schlecht, mit meiner Zurückhaltung. Aber ich kam aus dieser Rolle schließlich nicht mehr raus, solange wir dort waren.

Jetzt ist Max das erste Mal mit mir paddeln gewesen. Es war seine Idee und hinterher hat er auch gesagt, es habe ihm gefallen. So etwas hat er früher nie gemacht. Es entspricht ja auch nicht seinem Stand. Dem wäre ein großes Segelboot angemessener. Andererseits lebt Max insgesamt unstandesgemäß. Aber es kostet ihn eben doch ein bißchen Überwindung, in ein Paddelboot zu steigen. Es gibt ja viele Dinge bei Max, die ich nicht nachvollziehen kann. Zum Beispiel fährt er Taxi seit seinem Studium. Damit verdient er sein Geld, weil er genau auf diese Westgesellschaft keine Lust hat. Und das begreife ich erst jetzt so allmählich – daß es im Westen nicht geht, einfach nach seinem eigenen Gusto zu arbeiten. Da muß man sich bestimmten Regeln unterwerfen, muß erfolgreich sein, sonst wird man erledigt. Dieses Konkurrenzverständnis finde ich auch merkwürdig. Es ist immer darauf ausgerichtet, den anderen wegzuschubsen, auszuboten, niederzumachen. Es ist nicht Wettbewerb, wie ich es verstehe, daß man sich also anstrengt, gut zu sein und mal gewinnt, mal aber auch nur zweiter ist. Mir gefällt ja auch, daß Max diesen Kampf nicht mitmachen will. Mir gefällt, daß er sagt, er wolle ein bequemes Leben. Er hat seinen Standard so weit wie möglich heruntergeschraubt, so braucht er nur wenig zu arbeiten.

Ich sehe aber auch die Chance, mit ihm Beziehung zu lernen, Nähe zu lernen. ... Bei mir ist noch ganz vieles im Argen. Durch meine Kindheitsdefizite erwarte ich so viel von Max. Und da hab ich mir eine Aufgabe gestellt: Immer wenn ich von Max etwas beanspruche, wenn ich an ihn einen Wunsch habe, dann will ich diesen Wunsch erst einmal umdrehen und sehen, ob ich das, was ich von ihm will auch selbst geben könnte. Zum Beispiel denke ich: Ich will, daß er anruft, die Initiative ergreift. Aber: Würde ich jetzt anrufen? Will ich das? Will ich wirklich jetzt mit ihm zusammen sein, oder möchte ich nur, daß er sich um mich kümmert? Worum geht es wirklich? So drückt sich nämlich das Defizit meiner Kindheit aus: Jemand soll mich wollen und das auch zeigen. Mein Denken ist stark darauf gerichtet, etwas haben zu wollen. Ich will bekommen. Ich will nicht bezahlen. Will nichts dafür tun. Und nun übe ich, erst einmal zu sehen, ob ich meine Wünsche selbst erfüllen kann.

Defizite meiner Kindheit waren Nähe und Liebe. Meine ersten sechs Jahre sind aus meiner Erinnerung verschwunden. Ich kann mich an nichts erinnern und fühle auch nichts, das mit dieser Zeit in Zusammenhang stünde. Gleich nach meiner Geburt wurde ich weggegeben ... Erst war ich bei irgendeiner Frau, später in Heimen. Meine Mutter hat als Kindergärtnerin gearbeitet. Eines hat sich ganz zeitig bei mir festgesetzt: Ich werde nie heiraten. Das lebte ich auch sehr betont, dieses: Ich bin allein stark, ich brauche keinen Mann. Ich erkläre mir das heute so, daß ich auf meine Eltern eifersüchtig war. Meine Eltern sind ein richtiges Liebespaar, bis heute. Sie lernten sich kennen und verliebten sich ineinander. Sie waren immer sehr innig zusammen, haben vieles gemeinsam unternommen. Sie bekamen drei Kinder. Und diese Kinder störten die Zweisamkeit. Das empfand ich so. Schon sehr früh setzte sich das bei mir fest. Ich glaubte immer, es sei ganz was schlimmes, wenn zwei sich lieben – weil es für mich schlecht war. Und ich denke, daher rührt, daß ich immer sagte: Ich werde nie heiraten. ... Anderen gegenüber baute ich eine entsprechende Fassade auf: Immer stark. Immer selbstbewußt. Immer autark sein, niemanden brauchen. Es gab Männer, die mir später sagten: An dich hab ich mich nie herangewagt.

Die zwei Säulen, Liebe und Arbeit, fallen mir ein, wenn ich an mein Leben denke. Bei meinem beruflichen Weg gab es eine große Unterbrechung. Aber jetzt fühle ich mich damit sehr wohl. Und ich sage mir immer: konzentriere dich darauf. Ich weiche auch gern aus. Bei meinem Roman erlebe ich das wieder. Ich lasse mich schnell von der Arbeit ablenken. Aber ich weiß, das Schreiben ist mir gegeben, darin muß ich mich vervollkommnen. Das scheint mir manchmal, als käme es nicht nur von innen, sondern als gäbe es dafür einen Auftrag, von außen. Ich weiß keine Ursache dafür, daß ich plötzlich sagte, ich werde Schriftstellerin. Das war für mich ein viel zu großer Begriff. Inzwischen weiß ich, das ist mein Beruf, meine Berufung. Und da muß ich dran bleiben.










Rezensionen Janan Weinert: Die Früchte aus Nachbars Garten



Jana Weinert stellt Liebespaare vor – "Nie wieder einen Wessi"

Irene, Partnerin von Max, 47 Jahre, Publizistin, macht den Anfang in Jana Weinerts Buch "Die Früchte aus Nachbars Garten". Irene erzählt ihre Geschichte. Eine Geschichte der Liebe. Und der Trennung. Wie sie sich als ostdeutsche Frau nach der Wende von westdeutschen Männern angezogen fühlte. Von deren aggressivem Auftreten. "Aggressiv im positiven Sinne von auf-etwas-zugehen", erklärt Irene. Bis sie sich schließlich sagte: "Nie wieder ein Wessi." Doch auch der nächste Mann kam aus dem Westen.

Sechs Paare, zwölf Menschen in ost-westdeutschen Liebesbeziehungen lässt die Autorin Jana Weinert in ihrem Band "Die Früchte aus Nachbars Garten" zu Wort kommen. Über zwei Jahre hinweg hat sie Tonbandprotokolle angefertigt und schließlich in Textform gebracht. "Übersetzt", wie die Autorin sagt. Das Ergebnis konnte Weinert am Donnerstag in der Buchhandlung Melcher einem ost-westdeutschen Publikum vorstellen. Um damit für einige Nachdenklichkeit unter den Zuhörern zu sorgen.

Weinerts Vortrag beschränkte sich auf Irenes Geschichte. Ein Bericht, der nicht nur die Begegnung zweier Menschen schildert. Viel wird da über Lebensformen und Weltbilder geredet. Und Illusionen. "Vor der Wende glaubte ich, die Menschen im Westen seien alle freimütig, offen, klug, schön", so Irene. Sie wurde eines Besseren belehrt. "Ich fiel oft auf Mogelpackungen rein, das ist etwas, was ich mit dem Westen verbinde, dieses Maskentragen."

vDie anschließende Diskussion zeigte es, die Identifikation mit dem Gehörten stellte sich beim Publikum sofort ein. Maskentragen, ja, das verbände sie mit Westdeutschen, meinte eine Zuhörerin. Die Reaktion darauf kam von einem Mann: "Im Osten hatten wir auch Masken. Nur andere."

Es ist einer der Verdienste von Weinerts Buch – die Biografien der anonymen Erzählenden dringen ein in die Biografien der Zuhörer oder Leser. Distanz wahren ist kaum möglich, ob man die Ansichten der Sprecher teilt oder sie ablehnt. Die Wirkung mag an den Parallelen in den Lebensläufen der Menschen liegen, ist aber nicht zuletzt der Aufbereitung des gesprochenen Materials geschuldet. Die Dramaturgie ist spannend, die Schnitte, mit denen die Versatzstücke fein säuberlich aneinander gefügt wurden, bleiben unsichtbar. Zugleich wird klar, dass die Autorin ihre Interviewpartner mit Respekt behandelt. Intime Gefühle kommen zur Sprache, werden aber nicht als Effekt missbraucht.

Am Ende war es Weinert, die überrascht war. Sonst werde sie oft gefragt wie der Ossi und der Wessi denn nun eigentlich sei. Vielleicht hat man es in Brandenburg ja verstanden: die Antwort liegt in jedem selbst. Einen Zugang dazu eröffnet Weinert. Eine letzte Antwort gibt sie nicht.
Georg Zimmermann, Märkische Allgemeine Zeitung vom 22.03.2002





Annäherung vollzieht sich über Geschichten

... Von einer "Mauer in den Köpfen" zwischen Ost und West ist immer wieder die Rede. "Ich weiß oft nicht, wovon die anderen sprechen", klagt ein Zuhörer, der aus dem Westen nach Cottbus gekommen ist. Auch nicht alle der von Jana Weinert vorgestellten Beziehungen gehen gut ... Doch an diesem Abend las Jana Weinert die Geschichte von Joseph, der sich – aus dem Westen kommend – bei Lisa im Osten endlich zu Hause fühlt. "Die Kluft zwischen Ost und West ist noch unheimlich groß", weiß Jana Weinert. Doch sie ist entschlossen, dem ?etwas Positives entgegenzusetzen. Auch dafür, wie die Deutschen einander näher kommen können, weiß die Autorin Rat: "Es kommt darauf an, sich auszutauschen. Wir können uns nur über unsere Geschichte annähern." ...

Über den Vergleich mit Maxi Wanders "Guten Morgen, du Schöne", der aus dem Publikum kommt, ist Jana Weinert glücklich. Auch wenn sie ihn abwehrt. Maxi Wander sei zwar ein großes, doch ebenso unerreichbares Vorbild ...

Regine Hildebrandt, die im vergangenen Jahr verstorbenen SPD-Politikerin, schrieb in ihrem Vorwort zu den ost-westdeutschen Liebesgeschichten: "Genau da liegt das Problem: Was ich nicht kenne, kann ich nicht angemessen beurteilen. Was fehlt also? Der persönliche Kontakt zwischen den Menschen in Ost und West – nicht im Hotel, sondern im normalen Leben. Was ist unsere Hoffnung? Das durch diese Kontakte Hoffnungen gewonnen werden und sich Verständnis füreinander entwickelt." Genau das leistet Jana Weinerts Buch.
Ulrike Elsner, Lausitzer Rundschau vom 26.10.2002





Sehnsucht nach Nähe – Buch reflektiert die Liebe zwischen Ost und West

"Ich wünsche dem Büchlein ganz viel Erfolg!" Diesen Wunsch gab Regine Hildebrandt dem Erstling von Jana Weinert mit auf den Weg. Das Thema war der ehemaligen brandenburgischen Ministerin wichtig: Geschichten Ost-Westdeutscher Liebesbeziehungen. "Da ist der enge Kontakt, der enge Austausch, das Verstehenwollen selbstverständlich – und gelingt auch im Kleinen."

Und in der Tat, Jana Weinerts Gespräche mit sechs Paaren stimmen optimistisch, was das deutsch-deutsche Zusammenwachsen anbetrifft. "Die Früchte aus Nachbars Garten" – so der Titel des Buches – sind so fremd und exotisch nicht. Fleischermeister Torsten und seine Partnerin Saskia aus Westberlin binden die Liebe zu ihren Kinder, die Freude an Brandenburgs Natur und die unerbittlichen Zwänge der Marktwirtschaft weit mehr zusammen als die unterschiedliche Entwicklung in Westberliner Freundeskreisen und in der FDJ. Auch die homosexuellen Paare erlebten ihre Schwierigkeiten nicht aus den unterschiedlichen Systemen. Und selbst die Mühe, im Alter einen passenden Partner zu finden, erweist sich nur partiell als Folge der deutschen Zweistaatlichkeit: Für Gerlinde ist Geld und Vermögen nicht der Dreh- und Angelpunkt sondern die Familie. Ihr Selbstbewußtsein entspringt allerdings der in der DDR erfahrenen Vereinbarkeit von Ehe und Beruf. Wesentlich prägender, so scheint es, ist für Ost- wie Westdeutsche die Mitgift des häuslichen Umfelds.

Jana Weinert, Sozialpädagogin, hat es vermocht, ihre Gesprächspartner zu einem tiefen Nachdenken über sich selbst, ihre Lebensmaximen und ihre Ansichten von Partnerschaft zu bewegen. Ganz normale Bürger haben ihr Leben zu Protokoll gegeben und erzählen zum Teil atemberaubende Geschichten. Der Sehnsucht nach Nähe und Wärme steht vieles in dieser Welt entgegen – und gar nicht zuerst System- und Ländergrenzen.
Anni Geisler, Märkische Oderzeitung v. 18./19.05.2002





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Die Früchte aus Nachbars Garten
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