Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Hildegard & Siegfried Schumacher
Sommer mit Judith

Tiergartenhöhe ist das Paradies für den Jungen. Eine kleine Siedlung, abgelegen von einer kleinen Stadt. Hier verlebt er eine unbeschwerte Kindheit bei den Großeltern. Auch Judith, ein Mädchen aus Berlin verbringt die Sommer dort.
Das Leben ist unbeschwert und voller Abenteuer.Alles könnte so bleiben – wenn Judith nicht ein schwarzhaariges jüdisches Mädchen wäre. Die meisten Nachbarn begegnen Judith zunehmend feindlich und der Junge muß erfahren, daß man nicht ungestraft Umgang mit einer "Judensau" hat.
Eines Tages gelingt es nicht mehr, allen und allem aus dem Weg zu gehen. Der nur wenig ältere Hermann, der ihnen einmal das Leben gerettet hat, schneidet Judith den Zopf ab und schlägt den Jungen zusammen. "Nachbar Weinhold hörte seine Schreie nicht. Er sah nichts. Herr Bräuning – der Junge bemerkte es erst jetzt – hatte die ganze Zeit am Zaun gestanden und nichts unternommen."

Hildegard & Siegfried Schumacher: Sommer mit Judith. 2. Auflage 2000. Festeinband, 110 Seiten, Format 15 x 20,5 cm. Illustration Barbara Schumann
Preis 10,00 Euro       ISBN 978-3-933416-06-3





"Sommer mit Judith" hilft jungen Menschen,
Geschichte zu verstehen
und Verbindungen zu ziehen zu heutigem Fremdenhaß.

Es fordert, zum Nachdenken heraus
über Menschenrechte, über Toleranz im Umgang mit Fremden.

Das Buch ist für Schulen in Klassensätzen erhältlich.



von den gleichen Autoren erschienen:
Davongekommen
Fast ein Sonntagskind
Großmutters Rock
Bratapfelzeit


Leseprobe Hildegard & Siegfried Schumacher: Sommer mit Judith


Für Großmutter war Ostern das wichtigste Fest und es begann am Gründonnerstag mit dem Stiepen ... Dazu kamen Judith und der Junge gerade zurecht.

Als sie schon im Bett lagen, sagte der Junge zu Judith: "Morgen müssen wir früh aufstehen." Großvater beeilte sich am Gründonnerstag besonders, als erster im Gange zu sein. Er nahm seine Stieprute, die besonders dick und lang war, und begann alle aus den Betten zu stiepen, daß die grünen Blättchen nur so fortstoben. Er lüftete die Bettdecke und haute zu. Das konnte ganz schön ziehen. Besser war es, selbst früh auf den Beinen zu sein und die Familie zu überraschen. Dabei sagte man: Stiep, stiep Osterei, gibst du mir kein Osterei, stiep ich dir den Rock entzwei. Die Bestiepten sprangen auf und überreichten, was sie vorbereitet hatten. Am Gründonnerstag war das Aufstehen immer eine große Jachterei. Darüber klärte der Junge Judith auf.

Das Morgenrot begann erst ganz sacht über den Horizont zu linsen. Der Junge überlegte, ob er sich noch einmal umdrehen sollte, um dem Tag bei der Morgenwäsche Zeit zu lassen, doch er fürchtete, noch einmal einzuschlafen. Er faßte hinter sein Kopfkissen, wo er die Stieprute hingelegt hatte. Ganz leise stand er auf, ging zu Judith, lüftete vorsichtig die Zudecke, holte aus – und stoppte. In Berlin hatte Judith nichts Gutes erlebt, da durfte er nicht einfach zuhauen. Leicht tippte er Judith mit der Stieprute an und sagte seinen Spruch auf. Judith fuhr empor. Blitzschnell legte er seine Hand auf ihren Mund. Sie durfte nicht schreien und das Haus rebel-lisch machen. Er legte seinen Zeigefinger auf die Lippen. Judith nickte und flüsterte: "Ich hab ein Osterei für dich." Aus dem Nachttisch neben dem Bett holte sie ein großes goldnes Schokoladenei mit roter Schleife.

"Danke", sagte er, "aber nun mußt du mich stiepen." Sie tat es genauso vorsichtig wie er. "Hau ruhig doller zu, ich vertrag es."
Judith schüttelte den Kopf. "Geschlagen werden ist sehr schlimm."
"Ist doch Spaß", sagte er.
"Geschlagen werden ist sehr schlimm." Sie wiederholte es und begann leise zu weinen. Da stand er nun und war ratlos. Zum Glück fiel ihm sein Stiepgeschenk ein. Es war ein Osterhase mit Kiepe, in der kleine Zuckereier lagen. "Hier."
"Danke." Sie versuchte unter Tränen zu lächeln, aber es sah nicht sehr fröhlich aus ...

Tante Gustchen hatte jedem eine Tasche genäht, in der sie die erstiepten Schätze sammeln konnten die Taschen hatten lange Leinenriemen, so daß man sie um den Hals hängen konnte und beide Hände zum Stiepen frei hatte.
Zuerst machten Judith und der Junge sich zu Nachbar Weinhold auf den Weg. Sie sagte: "Du mußt reden." Er nickte. Judith war neu im Stiepgeschäft. Er hatte seine Erfahrungen.

Nachbar Weinhold stand unter seinen drei Birken und sah ihnen entgegen. Er schwenkte seinen Hut und salutierte mit dem Krückstock, als sei es ein Säbel. "Immer rein, junger Mann!" rief er und öffnete die Gartentür. Dann musterte er Judith. "Na, du auch", sagte er, nachdem er ein wenig gezögert hatte.
Die Frauen warteten im Haus. Der Junge machte einen Diener und Judith einen Knicks, weil sie vor der Begrüßung nicht zuschlagen wollten. Dann taten sie es sehr sanft, schließlich waren es Damen, und er sagte den Stiepspruch auf. Sie schienen Weinholds in Verlegenheit gebracht zu haben. Der Junge linste zur Seite und bemerkte, daß drei Eier bereit lagen. Tante Trudchen nahm aber noch eines aus einer Porzellanhenne und gab jedem zwei.
Die Eier sahen wirklich kunstvoll aus. "Mit uralten germanischen Volkskunstmotiven bemalt", sagte sie und mit einem Blick auf Judith, "davon verstehst du wohl nichts."
Judiths Gesicht überzog sich mit feinem Rot. Der Junge sagte schnell: "Von Kunstmotiven versteht Judith eine Menge, ich weiß besser bei Lokomotiven Bescheid." Sie bedankten sich und machten, daß sie fortkamen.

Herr Bräuning war ein pensionierter Bankbeamter und wählte Zentrum. Von ihm erhielten sie ein riesiges goldnes Pappei. "Das müßt ihr euch teilen", sagte er. Im Ei steckten ein großes Büschel Ostergras und drei Sahnebonhons. "Schönes Teilen", meinte der Junge zu Judith, als sie draußen waren ...
Als er zur Jugendherberge einbiegen wollte, sagte Judith: "Geh allein, da wohnen Nazis."
"Ist doch Ostern."
Judith schüttelte den Kopf. "Ich kenne die Nazis besser als du."
"Hermann ist unser Freund."
"Glaubst du das?"
"Er hat uns nichts getan", gab er zu bedenken.
"Bitte", sagte Judith leise, "geh du allein, ich warte hier auf dich. Hast du nicht bemerkt, bei Weinholds waren sie auch komisch."
"Sie haben doch nichts gesagt."
"Weil du dabei warst", entgegnete sie.
"Komm", sagte er und wollte die Jugendherberge auslassen. Judith hielt ihn fest. "Geh rein, ist besser so."

Zwar konnte er sich das nicht erklären, doch er tat Judith den Gefallen. Herr Fuchs stand in der Diele. "Guck mal zu Hanna" , sagte er, "die hat etwas Besonderes für dich." Er schob den Jungen auf die Küche zu. Frau Fuchs gab ihm ein blutrot gefärbtes Ei. Als er es drehte, sah er einen weißen Kreis und in dessen Mitte ein schwarzes Kreuz mit Haken dran. Natürlich kannte der Junge das Zeichen. Aber auf einem Osterei? Er sah Hanna Fuchs erstaunt an, und sie erklärte ihm: "Das ist ein Ei von unserm Führer Adolf Hitler." Das haute ihn fast um, und es fuhr aus ihm heraus: "Muß der viele Eier haben!"
"Für jedes arische deutsche Kind!" sagte sie stolz.
Der Junge dachte, der Hitler macht es wie der olle Blume, der Gutsgottlieb einen Eierkorb für die Kundschaft mitgibt, bloß der Führer braucht viel mehr, wenn er in jede Stadt und in jedes Dorf seine Eier schickt.

Bei Pastor Müller war von Ostereiern nicht die Bohne zu sehen. Er schenkte Judith und dem Jungen einen Spruch, wie er sie im Kindergottesdienst verteilte. Die hatte er sowieso haufenweise. "Lasset die Kindlein zu mir kommen", las er, als könnten sie das nicht allein, strich ihnen sanft über den Kopf und wandte sich Judith zu. "Er läßt jedes Kind zu sich kommen." Auf dem Bild, das auf allen Spruchkarten gleich war, strömten die Kinder in Scharen herbei. Wenn sie aber wüßten, daß sie nicht mal ein lumpiges Zuckerei bekämen, würde keines kommen, das war sonnenklar.

Die anderen Nachbarn waren großzügiger, und dann klopften sie beim alten Staats an, der als großer Meckerkopp verschrien war und sich früher als Kommunist ausgegeben hatte. Er schenkte jedem zwei Taubeneier. "Gib sie deiner Großmutter zum Ausbrüten", sagte er zu dem Jungen, "das sind Eier von Brieftauben, damit könnt ihr die Post beschieten."

"Wart ihr schon bei Bords?" fragte Großmutter, als sie in der Küche die Ostertaschen auspacken wollten. Der Junge tat wie taub, denn aus der Nähe war Herr Bord ihm doppelt unheimlich. "Nachbarn sind Nachbarn", sagte Großvater in einem Ton, der keinen Widerstand duldete.
"Ich komme ja mit", flüsterte Judith dem Jungen zu.
"Bei Fuchsens hattest du Angst."
"Sind auch Nazis."
"Und Herr Bord ist verrückt."
"Nazis sind schlimmer", sagte Judith leise.

Herr Bord kam auf sie zu. "Haut nur zu, ist doch Spaß." Den Kopf hin- und herdrehend, murmelte er: "Noch ist es Spaß, wer weiß, wer weiß." Er sah die beiden an. "Schön, euch zusammen zu sehen, sehr schön. Nur wie lange noch, wie lange noch."
Das sollte einer verstehen! Herr Bord hatte es wahrhaftig am Kopf.

Zu Hause begannen sie ihre Schätze auf dem Küchentisch auszubreiten und zu erklärten, woher sie stammten. Großvater mußte das blutrote Ei in die Augen gestochen ha-ben. Er nahm es, um es genau zu besehen. "Wat soll denn dat?" fragte er und zeigte auf das Hakenkreuz.
Ein Führerei", klärte der Junge ihn auf.
Tante Gustchen hob es gegen das Licht. "Sieht nicht schlecht aus."
"Quatsch!" fuhr Großvater sie an. "Ostern hat mit Hitlers Eiern nichts zu schaffen. Oder hat dir der Pastor ein schwarzes gegeben?"
"Nein!", sagte Judith, "das hier." Sie hielt ihm den Spruch hin.
"Ein schöner Spruch", versuchte Großmutter Pastor Müllers bescheidene Gabe zu entschuldigen.

Großvater wischte das mit der Hand fort. "Der Schwarze is und bleibt 'n Knicker. Und dat mit dem Hakenkreuz, wenn dat man kein Kuckucksei is."
Er sollte recht behalten. Das Hitlerei wurde heim Eiertrudeln angeschlagen. Es roch nicht gut. Großvater verzog die Nase, pellte es aber trotzdem, und innen sah es grün und blau aus. Großvater warf es, so weit er konnte, ins Buchengestrüpp und sagte: "Außen hui und innen pfui!"








Rezensionen Hildegard & Sieghfried Schumacher: Sommer mit Judith


"Sommer mit Judith" – kein beliebiges Buch

Ein brisantes Buch, ein zeitgemäßes, legen uns Hildegard und Siegfried Schumacher vor. Empfehlenswert ist es für Leser von zwölf Jahren an. In drei Teile gegliedert, läßt es uns die Jahre 1933/34 miterleben. Seine Anziehungskraft liegt in der Darstellung deutscher Geschichte, die nicht allgemein abgehandelt wird. Vielmehr wird von der Freundschaft zwischen einem jüdischen Mädchen und einem nichtjüdischen Jungen erzählt, die auch ihre Familien einschließt. In unserer Zeit wachsenden Fremdenhasses erhält das Buch einen hohen Stellenwert, gewährt es doch Einblick in aufkeimenden und zunehmenden Judenhaß.

Überwiegen im ersten Teil das friedliche Spiel und die ungetrübte Ferienfreude der Kinder, so zeigen sich im zweiten Teil erste Angriffe auf das jüdische Mädchen. Zuletzt tritt der Judenhaß als gesamtgesellschaftliches Phänomen dann offen zutage Begrenzt auf eine Kleinstadt zeigen die Autoren konzentriert differenzierte Vorgange, wie sie sich im ganzen Lande entwickeln.

Ein Kabinettstück ist ihnen im Dialog zwischen der Großmutter und einem SA-Mann gelungen. Die alte Frau interessiert in ihrer Naivität überhaupt nicht das Verbot, bei Juden zu kaufen, wenn sie nun, einmal Stopfwolle braucht, die ein arisches Geschäft nicht anzubieten hat. Hier zeigt sich selten gewordene Auflehnung gegen die neuen Machthaber und ihre Ideologie. Diese Passage provoziert Gedanken, was gewesen wäre, wenn die Mehrzahl der Deutschen sich aufgelehnt und den Anfängen gewehrt hätte.

Der Junge dagegen erfährt die Ohnmacht und Hilflosigkeit in vollem Umfang. Er kann Judith nicht vor tätlichem Übergriff schützen, als sie Osterwasser holen wollen. Und in dieser Ohnmacht des Einzelnen ist zugleich die Ohnmacht des Großteils deutscher Menschen zu begreifen

Ist dies nun ein bitteres Buch? Nein, es ist ein sehr lebendiges Buch, das heitere Episoden enthält, das von vielen Details lebt, die das ländliche Leben erfahrbar machen. Und ländliches Leben widerspiegelt sich auch in Sitten und Bräuchen, wie beim Osterfest, beim Alltagsgeschehen auf dem Feld während der Roggenernte.

Anrührend ist es, wie die Erwachsenen aus beiden Familien sich bemühen den Kindern ihren Unbekümmertheit zu erhalten, obwohl für sie die politische Bedrohung deutlich erkennbar ist, oder gerade deshalb. Schade nur, daß von dem, was Judentum ausmacht, wenig zu erfahren ist. In den Gesprächen der Kinder, die mit zunehmender Anfeindung und Bedrängnis immer yertrauter miteinander werden und sich inniger einander zuwenden, hätte sich dazu sicher Gelegenheit ergeben.

Aus der Großen Zahl beliebiger, zeitloser Bücher für Kinder hebt sich, dieses wohltuend heraus. Es charakterisiert Menschen in ihrer Zeit, hilft jungen Menschen, Geschichte zu verstehen und Verbindungen zu ziehen zu heutigem Fremdenhaß. Es fordert, zum Nachdenken heraus über Menschenrechte, über Toleranz im Umgang mit Fremden. Ich kann mir vorstellen, daß das Buch guten Stoff für einen Film bildet.
Märkische Oderzeitung v. 8.3.99




Erinnern ist Abschied

Der in Bad Freienwalde lebende Schriftsteller Siegfried Schumacher wurde zum neuen Vorsitzenden des Deutsch-Polnischen Literaturbüros Oderregion gewählt. Für dieses Jahr schlug der neue Vorsitzende unter anderem einen deutsch-polnischen Leseherbst mit Autoren von beidseits der Oder vor. Schumacher schrieb mit seiner Frau Hildegard zahlreiche Kinder- und Jugendbücher.
Zuletzt erschien von ihnen das Kinderbuch "Sommer mit Judith". Aus der Sicht eines Zehnjährigen erzählen sie von süßen, fruchtigen Sommern, in denen eine Kinderfreundschaft sich zu bewähren hat. Am Ende gibt es einen Abschied ohne Wiederkehr.

Judith, ein deutsch-jüdisches Mädchen aus Berlin, verbringt mit ihren Eltern ihre Feriensommer in einer ostbrandenburgischen Kleinstadt. Der Leser taucht ein in die odernahe Landschaft, wandert mit den Kindern in Wälder, fährt über Seen. Sogenannte einfache Leute sind die Pensionseltern. Die Unmerklichkeit gesellschaftlicher Wandlungen zur Zeit des Faschismus kennzeichnet die Atmosphäre der Kleinstadt. Erst das Braun der Uniformen stellt Bedrohungen aus, und der jugendliche Nachbar wird zum Banditen, als er Judith das lange schwarze Haar abschneidet.

Judiths Verteidiger, so gering sein Verständnis für die Vorgänge auch sein mag, wirft sich vor sie. Der Schmerz, den er dabei erleidet, wird ihn am Vergessen hindern. Der Junge registriert in seiner Umgebung eine Art Krankheit. Seine Naivität läßt ihn die veränderten Zeitzeichen nicht genau bewerten. Sein Menschsein schützt ihn. Diese Prägung hat er von Großeltern und Eltern erhalten. Zwar sind diese selbst nicht immer gefeit vor dem Gift der Einflüsterungen. Aber wie sich der Abschied von glücklichen Sommern in Schmerzhaftigkeit vollzieht, daß die Freundin des Jungen unwiederbringlich verloren ist, so ist seine Verletzung tief

Das Faszinierende und betroffen Machende der erzählten Geschichte ist die Darstellung des Alltags im Leben gewöhnlicher Menschen der 30er Jahre in einer Kleinstadt. Deren Nähe zueinander hebt sich auf durch den Bruch mit Toleranz und Zuneigung, mit Achtung und Anteilnahme. Der gewaltsame Verzicht auf den "gesunden Menschenverstand", die eigene Vergewaltigung durch Abwenden oder Wegsehen, durch Dulden von Unmenschlichem scheint endgültig. Dadurch ist die Freundschaft zu Judith verloren. Judiths Freund ist nicht verführbar. Er nicht. Dafür andere. Daß sich auf dem Buckel uns vertrauter Landschaft ein böses Kapitel Ausgrenzung und Vertreibung, Vernichtung abgespielt hat, ist das heute noch nachvollziehbar? Unsere Neigung zu vergessen und zu harmonisieren, ist sie der Bewältigung von Gegenwart dienlich?

Die Schumachers erzählen ihre Geschichte still und unspektakulär. Sie hat nichts vom Abenteuerlichen. Die inneren Vorgänge der Kinder sind die Abenteuer. Aber wir hätten sie gerne vor dem Leiden bewahrt. Die Schumachers schreiben detailgetreu über Vergangenes und Gegenwärtiges. Barbara Schumann hat mit der Gestaltung des Buches ein wunderbares Stück Illustrationskunst geliefert.
Märkische Oderzeitung vom 25.03.99



Hildegard und Siegfried Schumacher sind bekannte und beliebte Kinder- und Jugendbuchautoren. Im Osten der Republik, in der Ex-DDR. Ihr Oeuvre beläuft sich auf nahezu dreißig Titel; viele davon in fremde Sprachen übersetzt. Kaum jemand aus der jüngeren Generation in den neuen Ländern, der ohne Lektüre wenigstens eines der Schumacherschen Bücher groß geworden ist. Machte man posthum eine Best- und Longsellerliste von DDR-Kinderbüchern auf, dann rangierte z. B. "Andy, Chef der Familie" gewiß unter den ersten Zehn.

Nun hat das Familiengespann nach (zu)langer Zeit eine Erzählung vorgelegt, die aufmerksam machen muß. Nicht nur, weil die Autoren erstmals ein historisches Sujet gestalten, nicht nur, weil – deutlicher als in früheren Büchern – Autobiographisches einfließt (aus der Kindheit Siegfried Schumachers), sondern vor allem wegen der brennenden Aktualität des Geschehens, in dem Parallelen zur Jetztzeit allenthalben auffallen, ohne daß sie ausdrücklich hervorgehoben würden. Die bittere Entdeckung beschämender Ähnlichkeiten im Menschen- und Unmenschenverhalten angesichts dumpfer Gewalt wird dem Leser zuteil durch den Erzählgang. Der bleibt stets am Alltäglichen, es wird nichts überhöht, Zufälle oder kleine Wunder werden nicht bemüht.

Ein Junge mag ein Mädchen. Er ist schlicher Leute Kind, sie kommt aus besseren Kreisen und aus Berlin. Und ist Jüdin. Sie kommt mit ihren Eltern alljährlich zur Sommerfrische (so hieß seinerzeit der Urlaub auf dem Lande) ins oderbruchnahe Kleinstädtchen. Man spielt und scherzt und fährt Kahn. Was dann folgt, ist der episodenweise Abbau der Idylle. Die Nazis machen sich breit, die Biederen machen mit, die Dummen sind begeistert. Ein Mann, der von seiner Umgebung für irre gehalten wird, zeigt Haltung. Ehrenhaft verhalten sich die Frauen und die älteren Weisen. Sonst keifen und hetzen und schweigen alle mit.

Diese Geschichte, eine, die vor Auschwitz spielt, führt zu einem "einigermaßen" guten Ende. Nach tiefster Entwürdigung des Mädchens wird es mit Vater und Mutter aus diesem Deutschland noch fliehen können. Geht also nicht ins Gas, sondern nach Amerika. Ich möchte die Erzähler hier ausdrücklich vor dem Vorwurf, eine milde Lösungsvariante gewählt zu haben, in Schutz nehmen. Die Widerspiegelung des Vorgangs, der aus Harmonie Perverses entstehen läßt, war ihre Absicht. Und die ist ästhetisch beispielhaft realisiert worden. Ich habe das Buch als ein Wambuch gelesen, nicht nur an Kinder adressiert. Es ist geschrieben von H. und S. Schumacher. Aus Freienwalde. Das liegt in Brandenburg.
Beiträge Jugendliteratur und Medien 3/99




Vom Mut einer Großmutter

Daniel Goldhagens These, alle Deutschen seien in den dreißiger Jahren potentielle Judenhasser gewesen ("Hitlers willige Vollstrecker", 1996), wurde seinerzeit heftig diskutiert, und kürzlich wertete man eben dazu die publizierten Tagebuchaufzeichnungen von Victor Klemperer als einen weiteren sachlichen Gegenbeweis. Dass auch epische Texte in diesen Diskurs einzugreifen vermögen, zeigt das Kinderbuch "Sommer mit Judith". Es wurde von dem in der DDR hinlänglich bekannten Schriftsteller-Ehepaar Hildegard und Siegfried Schumacher verfasst. Die vorangestellte Widmung lässt einen authentischen Hintergrund vermuten.

Die Titelfigur ist ein Schulkind. In den Ferien kommt es mit seinen Eltern von Berlin aus stets aufs Land. Im Dorf verlebt es bei Tante Guste und den Großeltern des gleichaltrigen Jungen Siegfried, Friede genannt, eine abenteuerliche und zugleich befreiende Zeit. Das Mädchen und der Junge erkunden die Umgebung, setzen kleine Schiffe im nahegelegenen See aus, unternehmen Ausflüge mit und ohne Eltern, übernachten im Freien und knüpfen Freundschaftsbande.

Doch das Geschehen spielt in den dreißiger Jahren, und auch in das scheinbar abgelegene Dorf, in dem sich das damalige Parteienspektrum wie in einem Brennglas spiegelt, dringen die nazistischen Parolen vor, und einige der vormaligen Freunde der Großeltern entpuppen sich als deren bissigste Verfechter. Der um wenige Jahre ältere Hermann, Sohn des SA-Mannes Fuchs, trifft mehrfach auf Friede und Judith, beleidigt beide und befiehlt dem Jungen drohend, sich von jener "Judensau" zu trennen und die "Blutschande" damit abzuwenden. Das Mädchen erzählt Friede von noch um vieles ärgeren Erlebnissen dieser Art aus seiner Berliner Schule. Und Mutter Rebekka und Vater Leo, ein Anwalt, haben bereits schlimmste Vorahnungen. Angst verbreitet sich.

Aber auch Mut. Im neuerlichen Ferienaufenthalt zum nächsten Osterfest, besonders jedoch in den Sommerferien werden die Anwürfe gegen die jüdische Familie und ihre Gastgeber offener und militanter. In einer ergreifend gestalteten Szene ist es die Großmutter, die den Verbotsvorschriften der SA trotzt, eine Barriere zunächst mit Wortgewalt und naiver Weisheit niederreißt und dann zum boykottierten jüdischen Händler Jobitz vordringt und bei ihm einkauft. Dieser Mut überträgt sich auf den Jungen, der dem körperlich überlegenen Hermann am Ende widersteht, indem er ihn zumindest dabei stört, Judith einen Zopf abzuschneiden.

Das Ende der Erzählung, deren Spanne etwa ein Jahr umfaßt, ist offen. Zwar gedenken Judith und ihre Familie nach Amerika auszuwandern, was von den beiden Kindern als äußerst schmerzlich empfunden wird, aber es verbergen sich hinter dieser Absicht auch Hoffnungen auf Überleben und vielleicht gar auf ein Wiedersehen. So erscheint der Abschied voneinander mit dem Austausch von Andenken sentimental, aber die lakonische Art der literarischen Darstellung, die poetische Kraft der Zeichnung jener Begegnungen zweier Kinder verwischen diesen Eindruck.

Die eingebrachten phantasievollen Träume der beiden, oftmals mit Märchen-Elementen verbrämt, nehmen sich wie Enklaven aus in den sie umgarnenden harten Ritualen einer um sich greifenden nationalsozialistischen Krake. Diese wiederum kommt nicht nur mit Geschrei daher, sondern beispielsweise auch im Detail des beim "Stiepen" als Geschenk erhaltenen Ostereies, bemalt mit einem Hakenkreuz, doch der Großvater entdeckt zu diesem äußerlichen Affront den bereits angefaulten Inhalt, und das "Geschenk" fliegt in hohem Bogen ins Gestrüpp.
Insofern ist die Geschichte einerseits zart und unverstellt, andererseits eminent politisch und höchst brisant. Und aktuell dürfte sie allemal sein.
Reiner Neubert, Freie Presse (Chemnitz) vom 10.09.99



Eine ländliche Idylle im Osten Berlins. Auf dem Bauernhof seiner Großeltern verbringt ein Junge drei Sommer mit Judith, einem Feriengastkind aus Berlin. Überaus stimmungsvoll werden Kinderspiel, Träume und Ausflüge derzunächst 9jährigen (?) Protagonisten geschildert. Nach und nach schiebt sich über die leise Freundschaftsgeschichte der historische Schatten. Es sind die Sommer 1933 bis 1935. Judith ist Jüdin.

Statt spektakulärer Aufmärsche und brutaler Szenen erzählen die Autoren aus verständnisloser Kindersicht vom aufkommenden Antisemitismus, der Angst und Unsicherheit der Nachbarn, dem Wegsehen und Mitmachen. Die Geschichte endet mit einem "harmlosen" Übergriff, bei dem der Junge für Judith vehement eintritt, und der Auswanderung von Judiths Familie. Gerade durch seine "leise" Gangart wirkt die Geschichte zu dem besetzten Thema um so mehr und kann trotz des etwas faden Covers breit empfohlen werden. Ein starkes Buch, mit dem sich das gestandene Autorenpaar nach der Wende erstmals "zurückmeldet".
Robert Elstner, ekz-Informationsdienst; ID 27/99 – BA 9/99 424.863.1



Positives Gegengewicht zum Fernsehen

Ein positives Gegengewicht zu negativen Auswirkungen des Fernsehens auf Heranwachsende (Schmuddeltalks bereits am frühen Nachmittag, Gewalt und Horror verharmlosende Zeichentrickfilme) findet man in den öffentlichen Bibliotheken, In der Kyritzer Stadtbibliothek ist das Engagement der Mitarbeiter groß. Die Mitarbeiter gehen auf die Lesebedürfnisse kleiner und großer Leser ein und nehmen sich Zeit für beratende Gespräche. Kürzlich wurde das Kinderbuch "Sommer mit Judith" von Hildegard und Siegfried Schumacher vorgestellt. Es ist geprägt von hoher Emotionalität, ist durchdrungen vom Gedanken der Autoren an das Gute im Wesen und Walten der heutigen jungen Generation.

Zeitgeschichtlicher Hintergrund des Buches ist der Ausbruch der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933 in Deutschland nach dem Muster der faschistischen Diktatur in Italien. Ein jüdisches Mädchen und ein arischer Junge träumen sich in eine phantastische Abenteuerwelt hinein. Judiths Vater hatte dem Jungen ein weiß-blau-rotes Traumschiff "Anna Katharina" geschenkt. Die Kinder tauften es in einem alten Angelkahn voller Regenwasser mit Natron-"Sekt" und träumten sich alljährlich in den Sommerferien in ferne Welten, bis die Zeitverhältnisse die Kinder trennten. Judiths Familie floh aus Hitler-Deutschland nach Amerika.

Ob sich die Kinder jemals wiedergesehen haben? Sollten sie noch leben, denken sie gewiß oft an das blau-rot-weiße Traumschiff und vergessen einander nie! Die Hilfe älterer Erwachsener – als Zeitzeugen – ist gefragt wenn es um das Erklären vor Zusammenhängen und Begriffen geht!
Was bedeutet Boykott jüdischer Geschäfte? Was ist ein "Stürmer-Kasten"? Das schlichte Äußere der Erzählung unterstreicht das Anliegen der Autoren: Konzentration auf den geschichtlich bedeutsamen Inhalt und Menschlichkeit.
Annemarie Kurzke, Kyritz; Märkische Allgemeine v. 4.5.9




Friede verlebt wie jedes Jahr den Sommer bei den Großeltern und bei Tante Gustchen. "Der Junge freut sich daß Judith gekommen war. Nach Tiergartenhöhe war sie gekommen, dem Anhängsel auf dem Berg oberhalb einer sehr kleinen Stadt."
So beginnt die Geschichte von Hildegard und Siegfried Schumacher und damit weiß der Leser bereits fast alles, was er über Land und Leute wissen muß. Später kommen noch Judiths Eltern hinzu – Herr Leo und Frau Rebekka, ein paar Nachbarn, Wolf der Hund und die "Anna–Katharina", der schönste Spielzeugdampfer, der je den nahegelegenen See befahren hat.
Judith reist mit ihren Eltern Jahr für Jahr im Sommer von Berlin nach Tiergartenhöhe, um dort ihre Ferien zu verbringen. Die Kinder fiebern dem Sommer entgegen. Es gibt dann fast nichts, was ihre Wünsche und Träume stören kann – höchstens die Regeln der Erwachsenen, aber die hält man ein, solange man gesehen wird, sonst ist man ungebunden und frei.

Alles könnte gut bleiben, wenn Judith nicht ein schwarzhaariges jüdisches Mädchen wäre und die Nazis mit ihren verlogenen Parolen und ihrem Rassenwahn nicht die Menschen und das Leben vergiften würden. Die meisten Nachbarn begegnen Judith zunehmend feindselig und der Junge muß erfahren, daß man nicht, ungestraft Umgang mit einer "Judensau" hat. Sie versuchen zwar allem und allen aus dem Weg zu gehen, aber nicht immer gelingt das.
Eines Tages überfällt sie der fanatische Hitlerjunge Hermann. Er schneidet Judith den Zopf ab und schlägt den Jungen zusammen. "Der Junge flog zu Boden und krümmte sich vor Schmerzen. Gellend hörte er Judiths Schreie. Er wollte aufstehen, doch es gelang ihm nicht. Plötzlich sah er Nachbar Weinhold. 'Hilfe!' schrie der Junge. 'Hilfe!' Nachbar Weinhold hörte diesen Schrei nicht. Er sah nichts. Er öffnete die Pforte zu Bräunings Grundstück. Herr Bräuning – der Junge bemerkte es erst jetzt – hatte die ganze Zeit am Zaun gestanden und hatte nichts unternommen. Judiths Eltern müssen für sich und ihr Kind ums Leben fürchten und so entscheiden sie sich, Deutschland zu verlassen.

Es ist der letzte gemeinsame Sommer für Judith und Jungen. Sie wissen, daß ihre Trennung endgültig sein wird. Judith schenkt Friede zur Erinnerung ihr "Lieblingsarmband" Es ist "von meiner Großmutter", erzählt sie. "Sie hat es von ihrer Mutter geerbt und die von ihrer und noch weiter her. Damit du mich nie vergißt".
Eine Geschichte, die ruhig, schön und verheißungsvoll beginnt, endet in Kummer, Schmerz und Trennung. Umstände, die Judith und der Junge nicht beeinflussen können, erzwingen das Ende ihrer Freundschaft, den Anfang einer naiven Liebe. Hildegard und Siegfried Schumacher erzählen mit großer Anteilnahme. Dem Leser bleibt der autobiographische Hintergrund nicht verborgen. In der Widmung schreiben die Autoren: "In Erinnerung an Ilse Jobitz und Ellen Werner, Freundinnen aus unserer Kindheit."

Dem Buch sind viele junge Leser zu wünschen, denn das Vergangene ist nicht tot: Es verlangt nach Mahnern, die selbst erfahren haben, was geschieht, wenn es den Erwachsenen an Mut und Gewissen fehlt.
Benno Pubanz, Güstrow; Nordkurier v. 26.06.99



Plötzliche Leere

Eine Kleinstadt in einer Flußlandschaft. Auf der Endmoräne ein Anwesen, in dem drei Generationen zeitweilig zusammenleben. Immer im Sommer. Das Leben zweier Kinder in den 30er Jahren. Es ist unbeschwert, abenteuerlich, wenn die Leser die Entdeckungen während des Spieltages als abenteuerlich annehmen. Ich habe sie angenommen, weil zum Beispiel die Anstrengungen einer Roggenmahd, das Binden von Garben, das Aufstellen zu Hocken und das Nächtigen in einer dieser Hocken zu den wunderbaren Entdeckungen gehört, die heute kaum noch nachvollzogen werden können.

Die Großeltern Siegfrieds und die Eltern Judiths sind in achtungsvoller Freundschaft verbunden. Die beiden Kinder erleben zusammen mehrere wunderbare Sommer. Zunächst fast unmerklich mischt sich in ihr Spiel der Nazialltag, der die kleine Stadt in ein Klima von Intoleranz, Haß und Ausgrenzung führt. Die sich kannten und auch vertrauten, werden zu anderen. Judith wird nicht unter Deutschen gelitten. Judith ist ein jüdisches Kind. Es hat kein Recht, den deutschen Osterbräuchen zu folgen, ein deutsches Eis zu schlecken, in der deutschen Kleinstadt zu atmen.

Doch die Kinderfreundschaft ist stark. Die Prägung des Jungen ist eindeutig und unverrückbar. Und groß ist sein Schmerz, als Judith mit ihrer Familie emigrieren muß. Es wächst im Jungen eine Leere, die nie wieder gefüllt werden kann. Das ist der Schmerz, der ihn im Leben nicht verlassen wird. Verwundet wurde er ja schon, als Judith durch jugendliche Nazigewalt ihre Zöpfe verlor. Überhaupt die Zöpfe, das Haar Judiths! Hier gelingen Bilder, die die aufkeimende Liebe des Jungen charakterisieren, ohne daß er weiß, was ihm geschieht. Ein solches Ins-Bild-Setzen ist als literarische Leistung nicht jeden Tag zu finden und schon gar nicht herzustellen. Die Geschichte von Hildegard und Siegfried Schumacher ist leise und am Alltag von Kindern und Erwachsenen festgemacht. Sie wartet mit Details auf, die wir längst vergessen hatten. Deren Wiederbelebung – das ist auch ein Lesegewinn.
Hans Joachim Nauschütz, Märkische Oderzeitung v. 4.6.99


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