Bücher aus dem Verlag Die Furt

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Wolfgang Kahl
... wer sich die Musik erkiest
Kirchenmusik in Fürstenwalde – Ein Kantor erzählt

Über 50 Jahre, von 1952 bis 1994 hat Wolfgang Kahl als Kantor der Domgemeinde die kirchenmusikalische Arbeit in Fürstenwalde geprägt. Nach seiner Pensionierung setzte er seine Arbeit als Leiter der Storkower Kantorei fort, bis er 2005, im Alter von 77 Jahren, endgültig den "Ruhestand" antritt.
In seinem Buch beschreibt er die Entwicklung der Kirchenmusik, die Arbeit mit "seinen" Chören in Fürstenwalde und Storkow, Höhen und Tiefen seiner Arbeit und seines Lebens.

"Als ich auch den letzten Aufgabenbereich abgegeben hatte und nun kein Ziel mehr da war, auf das hin ich hätte arbeiten können – so wie es doch über 50 Jahre lang gewesen war – gingen meine Gedanken immer häufiger zurück in die Vergangenheit. Sie festzuhalten wurde mir zum Bedürfnis, hatte ich doch das Glück, ein ganzes Leben lang in und mit der Musik, die Werner Tiki Küstenmacher als 'Gottes liebste Sprache' bezeichnet hat, wirken zu dürfen.".

Wolfgang Kahl: Wer sich die Musik erkiest. 1. Auflage 2008. Paperback, 368 Seiten, Format 13,5 x 20 cm.
Preis 19,00 Euro       ISBN 978-3-933416-75-7








Leseprobe Wolfgang Kahl: Kirchenmusik in Fürstenwalde


Schwierige Jahre des Anfangs und doch wunderbare Zeichen der Hoffnung

Die erste Zeit in Fürstenwalde war nicht leicht. Die Tatsache, dass nun plötzlich ein hauptamtlicher Kirchenmusiker da war, der nicht nur sonntags den Gemeindegesang begleitete und ab und zu zur Verschönerung der Gottesdienste mit dem Chor auftrat, sondern der für das gesamte musikalische Geschehen bestimmend verantwortlich sein sollte, war für alle neu.
Auch, dass Kirchenmusik nicht nur Zierrat und Beiwerk ist, das man zwar gern hat, aber ohne das es notfalls geht, ... das war für Fürstenwalde noch völliges Neuland. Es war eine Umstellung für die Pfarrer. Sie mussten sich daran gewöhnen, dass nun jemand auf dem Gebiet der Musik, des Singens und der Liturgik kompetenter war, als sie selbst und selbständig arbeiten konnte und wollte.

Mein Aufgabenfeld war sehr groß, eigentlich viel zu umfangreich, aber damals gab es noch keine Gewerkschaft in der Kirche, keine Mitarbeitervertretung, die auf die Zahl der Arbeitsstunden achtete und irgendwie dachte man auch gar nicht an derartige Dinge.
Ich hatte an jedem Sonntag zweimal Organistendienst, im Sommer um 7.30 Uhr und um 9.30 Uhr und im Winter anstelle des zeitigen Gottesdienstes dann am Spätnachmittag um 17.30 Uhr. Einmal monatlich war nach dem Vormittagsgottesdienst Abendmahlsfeier. Nach dem Gottesdienst war Kindergottesdienst und auch zu dem musste gespielt werden.
Das andere Hauptgewicht lag auf der Chorleitung mit Gottesdienstsingen, gelegentlichen Konzerten, Sonderanforderungen und den wöchentlichen Proben, sowie Notenbeschaffung, Teilnahme an den Chortreffen, natürlich auch Geselligkeit bei Ausflügen oder Chorvergnügen. Der schon einmal vorhandene Kinderchor (gleich nach Kriegsende von Pfarrer Bräuer geleitet und von unglaublich vielen Kindern besucht), war nur noch selten aktiv. Ihn wieder aufzubauen, war monatelang erfolglos.


Eingemauert, nicht gern geduldet – aber wir musizierten dennoch

Es war Mitte Februar 1969 ... Ich hatte eine Druckerlaubnis für Plakate beantragt. Bachs Johannespassion war unser nächstes Vorhaben in diesem Jahr. Da dies schon Anfang März passieren sollte, war es höchste Zeit, dass die Plakate endlich gedruckt wurden. Mehrfach hatte ich nachgefragt, ob die Genehmigung da sei. Erst hieß es, sie sei noch nicht da, später erfand man irgendwelche Ausreden als Begründung des Ausbleibens. Ich musste doch endlich wissen, woran ich war. So rief ich meinerseits beim Rat des Kreises an und wir vereinbarten einen anderen Termin zwei Tage später.

Was ich dann erlebte, konnte einem auch Angst machen. Drin saßen an einem Tisch der Referent der Abteilung Innere Angelegenheiten (ein überaus scharfer, sehr unangenehmer Typ), der Referent für Kirchenfragen, der Referent für Kultur und ein vierter Mann, dessen Funktion ich nicht kannte. Ich war allein, kam mir vor, wie bei einem Polizeiverhör.
Dann ging es los. "Sie haben eine Erlaubnis für Plakatdruck beantragt. Wie kommen Sie zu diesem ungewöhnlichen Schritt, wo sie doch wissen, dass dies nicht üblich ist?"
Das war ja nun eine mehr als dämliche Frage, hatten wir doch vor weniger als einem Jahr solch eine Erlaubnis bekommen. Ich erwiderte: "Vor einem Jahr haben wir von Ihnen solch eine Genehmigung bekommen. Das müssten Sie doch wissen, es müsste in Ihren Akten erkennbar sein. Wir hatten Plakate und keine Druckerei hätte ohne Ihre Genehmigung gedruckt."

Dann wurde mir vorgeworfen, ich hätte keine Genehmigung zur Durchführung dieses Konzertes beantragt. Das stimmte. Es war damals ein Streitpunkt zwischen Staat und Kirche. Veranstaltungen außerhalb der Gottesdienste sollten angemeldet und genehmigt werden. Die Kirche aber wollte sich nicht in ihre Angelegenheiten hineinreden lassen und selbst bestimmen, was gottesdienstlichen Charakter hat und was nicht. Gottesdienste brauchten nicht gemeldet werden.
... Ich legte meinen Standpunkt dar, dass die Johannespassion reiner Bibeltext sei, wir mit Gebet beginnen und dem Segen schließen würden und dass dies für uns Gottesdienst sei. Die Antwort von denen: "Was Gottesdienst ist und was nicht, entscheiden nicht Sie, sondern wir."

Die nächste Behauptung war, es bestünde überhaupt kein Bedarf für derartige Musik. Es gäbe die Thomaskirche in Leipzig und die Kreuzkirche in Dresden, die würden ausreichen für die paar Interessenten.
Dümmer ging es schon fast nicht mehr. Das war ja ihr großer Ärger, dass ihre Beobachter und Spitzel melden mussten, wie die Menschen zu unseren Aufführungen von allen Seiten herbeiströmten und drinnen die Plätze nicht ausreichten.
Dann hieß es, ich hätte durch die fehlende Anmeldung bei ihnen versäumt, abzuwarten, ob unsere Aufführung in das Gesamtprogramm des Fürstenwalder Kulturgeschehens hineinpasste.
Es gab aber gar kein kulturelles Geschehen, es passierte ja nichts. Als ich dies ansprach, wurden die Mienen noch eisiger.
Jedenfalls sollte ich zur Kenntnis nehmen, dass unsere Aufführung nicht stattfinden könne.

Die Nachricht vom "Verbot" der Aufführung ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt. In den Betrieben war es das Gesprächsthema. Herr Bürmann, der Inhaber der Buchhandlung, die auch Einlasskarten für unsere Aufführung ausgab, rief mich schon kurz danach an, er hätte keine Karten mehr, brauche dringend Nachschub. Es habe ein regelrechter Ansturm nach Einlasskarten eingesetzt.
Das war nun eine Auswirkung, die sich die Herren beim Rat des Kreises so wohl nicht vorgestellt hatten.

Es verging eine Woche, als wiederum das Telefon bei mir klingelte. Ich solle zur Abteilung Inneres kommen und mir die Druckerlaubnis abholen ...
Ich musste dort außer der Genehmigung noch eine ernste Belehrung entgegennehmen. Man habe vom Verbot der Aufführung abgesehen, weil die umfangreichen Vorbereitungen schon so weit gediehen seien. In Zukunft hätten wir alle derartigen Vorhaben zu melden. Dann würde entschieden, ob dies inhaltlich und terminlich in den Gesamtkulturplan der Stadt passe und dann würden wir die Genehmigung erhalten, bzw. Änderungsvorschläge oder auch Ablehnung. Bei Genehmigung sei es eventuell möglich, auch Druckerlaubnis für Plakate zu bekommen, was aber auch von der Gesamtlage abhinge.
Ich nahm es zur Kenntnis, mehr auch nicht. Wir würden in Zukunft den gottesdienstlichen Charakter unserer Aufführungen noch deutlicher machen – dabei kam uns entgegen, dass wir alle Aufführungen bei freiem Eintritt durchführten – wir würden ein paar Plakate per Hand selbst anfertigen und diese eben nur an Kirchen und anderen kirchlichen Gebäuden aushängen.
Dies und die Bekanntgabe in Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen in Fürstenwalde und Umgebung sowie die mündliche Propaganda der Chorleute würden genügend Besucher anlocken. Keinesfalls würden wir um Genehmigung bitten oder anmelden.

Kirchenmusik in Fürstenwalde

Finale

Für meine letzte große Aufführung und einen Abschiedsgottesdienst hatten wir den 18. und 19. September vorgesehen. Mein großer Wunsch war, diese beiden Veranstaltungen im Dom durchzuführen. Zwar war er noch immer eine große Baustelle, aber er hatte ein Dach, Fenster waren schon eingesetzt und die große Chorempore war schon betretbar. Freilich, es zog durch viele Öffnungen noch immer fürchterlich, auf der Chorempore standen Wasserpfützen, das gesamte Dominnere war eingerüstet und Baumaterial lag überall herum, aber es musste gehen. Leider gab es in dem Jahr keinen warmen Spätsommer, sondern außergewöhnlich kaltes Wetter. Ich war zunächst begeistert über den riesigen Platz, der sich uns auf der Chorempore bot ...

Das Oratorium Paulus von Felix Mendelssohn-Bartholdy sollte aufgeführt werden, also ein Werk, für das ein großes Orchester nötig war. Bei der Generalprobe zeigte sich, dass für ein Werk solchen Ausmaßes auch die scheinbar so große Empore nicht ausreichte. Ich konnte die Kontrabässe und den Pauker nicht sehen. Sie standen hinter einer dicken Säule. Der riesige Chor (Kantorei, Kinder- und Jugendkantorei) war nicht unterzubringen, wir mussten die Männerstimmen eine Empore höher auf der künftigen Orgelempore aufstellen ...
Es war hundekalt und der Solobassist Thomas Mäthger schimpfte wie ein Rohrspatz über die vermeintliche Unvernunft, die Aufführung an diesem Ort machen zu wollen. Nach seiner Meinung wäre die Katholische Kirche geeigneter gewesen und hätte auch Anspruch auf diese Aufführung gehabt, nachdem sie uns 25 Jahre lang als Aufführungsort gedient hatte ...

Der Dom füllte sich. Menschen über Menschen kamen ... Zum Teil hatten sie sich Decken mitgebracht, um vor der Kälte schützen zu können ... Es war eine ganz eigenartige, wunderbare, einmalige Atmosphäre. Das Wissen darum, dass wir so nie mehr beieinander sein würden, und so nie mehr musizieren würden drückte allem seinen Stempel auf. Ich durfte noch einmal das eigentlich nicht zu beschreibende Glücksgefühl erleben, ganz eins zu sein mit allen Mitwirkenden, mit ihnen ganz aufzugehen in der Musik und dabei nicht nur als Dirigent zu geben, sondern auch zu empfangen. Das sind Ausnahmemomente, die man nur selten erleben kann.

Und dann passierte etwas vollkommen Unvorhergesehenes: In einem Augenblick der Stille, noch im Anfangsteil, genau vor dem ungemein eindrucksvollen Choral "Wachet auf, ruft uns die Stimme" fingen die Glocken an zu läuten. Es war 18 Uhr und da läuteten sie an jedem Tag. Man hatte vergessen sie abzustellen. Sie waren so laut zu hören, dass ich unmöglich weitermachen konnte ...
Endlich war es vorbei und es konnte weitergehen. Hinterher war es, als hätten die Glocken dazu gehört. Es gab nicht enden wollenden Beifall, stehende Ovationen, Bravorufe ...
Gespannt waren wir auf die Presseberichte. Aber wir suchten vergeblich nach einer Kritik, einer Besprechung einem Bericht. Die Presse schwieg, musste schweigen, denn sie war gar nicht zugegen. Es war wie zu DDR-Zeiten. Ein Armutszeugnis für die örtlichen Zeitungen.




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Kirchenmusik in Fürstenwalde
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