Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Gerda Weinert
und niemand sang Kalinka
Eine Reise ins Russische

"Für mich waren die Sowjetsoldaten unsere Befreier vom Faschismus. Eine russische Ärztin heilte mich vom Typhus. In der Schule lernte ich Gorki, Puschkin und Gogol kennen.
Je gründlicher ich zu denken und zu hinterfragen begann, um so blasser wurde mir der Glorienschein unserer "großen Brüder". Aber ein Gefühl der Vertrautheit ist geblieben und das Wissenwollen, wie es ihnen geht, ob - und wie sie sich zurechtfinden in der neuen, veränderten Ordnung.
Einige Antworten darauf fand ich während eines Aufenthaltes in Minsk und St. Petersburg im Jahre 1993. Mit diesem Buch gebe ich sie weiter."

Gerda Weinert: Und niemand sang Kalinka. Ein Reise ins Russische. 1. Auflage 2003. 134 Seiten, mit zahlreichen Fotos. Format 12 x 19 cm.
Preis 9,90 Euro       ISBN 978-3-933416-42-1








Leseprobe Gerda Weinert: und niemand sang Kalinka


Wir hatten die Wahl: Begegnung mit einer Minsker Überlebenden des Holocaust oder Teilnahme am Feiertagsgottesdienst, vom Metropolit persönlich zelebriert. Drei Stunden lang. "Man muß aber nicht so lange dableiben", sagte Monika.
Die gute, alte Inge, die wir bis dato nur bei den Mahlzeiten zu Gesicht bekommen hatten, und die bei manchem verstecktes Lächeln auslöste mit ihren häufigen Erwähnungen irgendwelcher Barmherziger Schwestern, entschloß sich, mit der anderen Gruppe der Juden zu gedenken.
Bettina erzählte, daß sie als Kind, als Jugendliche und als sozialistisches Brigademitglied einmal im Jahr nach Buchenwald gemußt hatte, zu mehr und mehr ungeliebten Aufmärschen und Kundgebungen. Möglich, daß das Musik in den Ohren der "Wessis" war.
Ich setzte dagegen, daß ich nur einmal in Buchenwald gewesen sei. An einem gewöhnlichen Tag. Mit Freunden. Lange allein vor dem Berg, zumeist armseliger, Kinderschuhe gestanden, an Anne Frank, "Jakob der Lügner" und "Nackt unter Wölfen" gedacht - und plötzlich Wasser in den Augen gehabt hatte.

Der "Sputnik" brachte uns zu der auffallend schönen "Heilige-Geist-Kirche". Wie zwei spitze Stifte hoben sich die weißen Zwillingstürme vom klaren Blau des Himmels ab. Die Messe, bereits begonnen, kam über Lautsprecher nach draußen. Und da war es wieder, dieses Schilf. Sein Zweck erschloß sich uns. Würdevoll trugen Gläubige es vor sich her. Vermutlich in Ermangelung von Palmwedeln.

Alles strebte dem Portal zu. Wir schlossen uns an. Gedränge, Gebetsgemurmel, Bekreuzigungen. Kurz hinterm Eingang nahmen viele andächtig ein warmes Getränk zu sich. Geweihtes Labsal?
Prunk und Pracht und Geruch von Menschen und Rauch. Kerzen allüberall.

Etwa fünf Meter weit kamen wir. Hätten warten und warten müssen, nur Zentimeter um Zentimeter vorrücken können, um eventuell irgendwann einen Blick in das Kirchenschiff zu tun.
Wir zwängten uns wieder nach draußen. Versuchten durch einen Nebeneingang. Doch der endete in einem Raum mit großem Tisch. Darauf ein Korb voller kleiner Brote. Der Tisch des Herrn? Ein Priester war momentan nicht zugegen. Hastig klaubten zwei alte Frauen verstreute Krumen in Plastetüten. Nicht für unsere Augen bestimmt. Rückzug. Wieder durch unsägliches Gedränge. Hatte es hier eine explosionsartige Wiedergeburt von Religiosität gegeben? War sie trotz Unterdrückung vorhanden gewesen?

Wir fühlten uns fehl zwischen all diesen Gläubigen. Sahen Bettler stumm in Nischen stehen, wurden von Kindern bedrängt, die Geld wollten. Man erkannte uns als Fremde, obgleich wir fast schweigend einhergingen.
Viktor schlenderte umher. Die Ärmel der hellgrauen Popeline-Jacke, nach westlicher Manier, bis fast zu den Ellenbogen geschoben. In der Hand zwei von diesen wachsgelben Opferkerzen. "Ich hab zu Hause eine Ikonenecke", sagte er. Aber es klang, als hätte er ebenso zwei Blumen bei sich tragen und sagen können: Ich hab daheim eine Vase ... Mag sein, sich mit diesen Kerzen bedenkenlos auf der Straße zu zeigen, hatte bereits viel von neuer Freiheit.

Bettina, Friedhelm und ich hegten seit der Stadtrundfahrt den Wunsch, das bißchen übriggebliebene Altstadt zu besichtigen. Wohlgepflegt, überwiegend zweigeschossig, zumeist in Rottönen und romantisch verschachtelt, die alten Häuser. Kleine, saubere Innenhöfe.
"Riecht ihr was?" Friedhelm drehte sich schnüffelnd um die eigene Achse.
"Irgendwo verbrennt Kuchen", sagte ich.
Je länger wir schnupperten, umso mehr brachten wir den Geruch mit Kaffee in Verbindung. War's nur die Sehnsucht danach? Was wir im Hotel als solchen bekamen, erschien uns inzwischen eindeutig Ersatz mit Zichorie. In meinem Koffer befand sich ein Pfund Kaffee. Gastgeschenk. Für den Fall, daß sich diesbezüglich etwas ergab.
Friedhelms Nase führte ihn eine Außenwandtreppe empor, an deren Ende eine Tür offen stand.
"Du kannst den Leuten doch nicht in die Wohnung steigen", rief ich.
"Na, klar. Wer die Tür so auf läßt ..."
Liebe Güte, zu DDR-Zeiten haben wir auch die Haustür sommers weit offen gelassen. Vielleicht war hier noch keine Angst vor unliebsamen Eindringlingen nötig? Keine Zeit, diesen Gedanken auszusprechen.

Als habe er einen begehbaren Pfad im Gebirge entdeckt, winkte uns Friedhelm fröhlich zu sich. Tatsächlich. Eine Schänke! Sehr dämmrig. Kaum Gäste. Hinterm Tresen braute eine hübsche junge Frau in einem Becken glühenden Sandes in winzigen, langstieligen Bechern Mokka. Als Friedhelm die Frau bei ihrem ungewöhnlichen Tun fotografieren wollte, huschte sie abwehrend zur Seite. War das Geschäft illegal?
Friedhelm und ich verzichteten auf den Mokka, weil es die Wirtin hätte kränken können, wenn wir Wasser dazu verlangt hätten. Frauke nippte vorsichtig und verdrehte die Augen.

Wir fanden wieder eine offene Tür. Die eines Archivs. Als erste Ursula hinein. Vielleicht gab's ja etwas zu erkunden. In einem kleinen Raum, hinter einem großen Schreibtisch, erhob sich höflich ein freundlich blickender Mann. Er war hochgewachsen, hatte dichtes, ergrautes Haar und ein fast faltenloses Gesicht. Nein, zu zeigen gebe es hier nichts. Alles nur Akten und streng verwahrt. Lächelnd bat der Mann um Nachsicht wegen seiner unzulänglichen Deutschkenntnisse.
Weshalb er denn an Pfingsten arbeite, fragten wir.
"Nu, ohne Arbeit kein Leben." Der Mann erzählte uns, daß er Lehrer gewesen war. Für die Fächer Ästhetik, Ethik und Literatur.
Anne fragte, wie alt er denn sei. Und wieder dieses Lächeln. Er sah die wunderschöne Anne an, als wollte er sagen, ich verzeih dir die taktlose Frage und, bitte verzeiht mir, daß ich schon fünfundsiebzig bin. In Wirklichkeit sagte er freilich nur die Zahl. Wir schauten ihn bewundernd an. Er wirkte viel jünger, gesund, vital und zart zugleich.
Möglichweiser um abzulenken von seiner Person, begann der Mann plötzlich Heines "Loreley" zu rezitieren.

Und wir? Wie verhält man sich in derartiger Situation?
Einige waren stumm vor Staunen, Andere flüsterten die Verse leise mit. Ich dachte, dieser Mann will uns eine Freude machen. Aber es hatte auch etwas Beklemmendes, so dazustehen und diese Darbietung entgegenzunehmen. Mußten wir jetzt nicht Emotionen zeigen? Wir rationellen Deutschen, die Gedichte, wenn überhaupt, nur im stillen Kämmerlein lasen oder irgendwelche Pflicht-Lyrik aus "Goldener Schulzeit" in Bierlaune gemeinsam zusammenpusselten bis auch dem Letzten der Text ausging?

Dann doch Emotionen. Völlig unerwünschte. Unser Ego schämte sich. Der Mann deklamierte nun irgendein deutsches Heldenepos, das wir absolut nicht kannten. Er schien zu merken, wie es uns peinigte, dies Unwissenheit kundtun zu müssen, brach die Rezitation ab, sagte: "O, Text weg. Vergessen." Ein weiser Mann. Und wie zur Rehabilitation unseres Selbstbewußtsein noch etwas, das wir nicht kennen konnten: "Russische Abendserenade", sagte der Mann und begann mit sanfter, klarer Stimme hingabevoll zu singen.

Wir standen reglos. Lauschten und schauten, als erlebten wir nun, in diesem kargen Büro, tatsächlich ein Wunder. Als der fremdklingende, zärtliche Gesang verstummte, applaudierten wir leise. Kein profanes Geplapper mehr. Nur Dank noch, "Doswidania" und "alles, alles Gute". Ich ging als erste auf den Mann zu, ihm die Hand zu reichen. Bei der Berührung spürte ich das Verlangen, ihn zu umarmen. Tat es und küßte ihm die Wange. Die anderen gaben ihm still die Hand. Der Mann begleitete uns bis an die offene Tür. Niemand wagte, ihm etwas zu schenken. Niemand wagte, ihn zu fotografieren ...

Über eine gewundene, zweiseitig begehbare Außentreppe mit feingeschmiedetem Geländer, erreichten wir die nächste, weit geöffnete Tür. Das Haus war zweigeschossig mit orangefarbener Fassade, die strenge, geradlinige, fast weiße Schmuckelemente aufwies. Aus drei Wörtern las Bettina heraus, daß dies ein Museum war. Eine etwa fünfzigjährige, sehr schlicht wirkende Frau trat uns entgegen, sprach etwas, dem wir mühsam entnahmen, daß sie heute keine Billetts verkaufen dürfe, da eigentlich geschlossen sei. Doch schon begann sie eilfertig die Beleuchtung einzuschalten und schickte sich zu einer Führung an.
"Wir müssen ein bißchen was hier lassen." Friedhelm zückte sein Portemonnaie. Alle traten wir an das gläserne Spendengefäß. Gaben gewiß viel mehr, als der Eintritt gekostet hätte. War das der Hintersinn der Öffnung außerhalb der Öffnungszeiten?
Mir hatte die Begeisterungsfähigkeit der Frau so imponiert, daß ich zurückblieb, ihr einen kleinen Taschenrechner zu schenken. Aber die Frau, anstatt sich einfach nur ein bißchen zu freuen, schloß hurtig die Verkaufsvitrine auf und schenkte mir genau jene Reproduktionen, die mir so gefallen hatten.

... Brigitte, Dagmar und die schöne Anne bewohnten ein Zwei-Zimmer-Appartement. Als sie zu Tisch kamen, erzählten sie, daß plötzlich der nervöse Maler ihre Räume betreten - und sich wie selbstverständlich in einen Sessel gesetzt habe. "Der muß die Zimmernummer an der Rezeption erfahren haben", sagte Brigitte. Arglos hatte ihm Brigitte erzählt, wo unser Quartier war. Und seinen Namen zu sagen, wenn man sich miteinander unterhält, ist auf der ganzen Welt üblich.
Auch im Entree-Bereich saß ständig Aufsichtspersonal. Aber an der Rezeption herrschte Großzügigkeit. Mir war beispielsweise unser Schlüssel ausgehändigt worden, ohne daß ich den Hotelausweis vorlegen mußte. Wir behielten den Schlüssel fortan bei uns. Komplikationen gab es deswegen nicht.
Ein bißchen Angst um unsere Sachen hatten wir wohl alle. Trugen Geld, Papiere und Wertgegenstände stets bei uns.

Friedhelm meinte, man müsse sich die Zimmerfrauen freundlich stimmen. Womit er wohl mehr ehrlich stimmen meinte. "Ich lege jeden Morgen einen Dollar auf's Bett", sagte er, " und habe sogar täglich frisches Bettzeug.
Das hatten wir alle. Was eigentlich unnötig war. Und frische Handtücher auch.
Trotzdem waren Bettina und ich einig, keine "Morgengaben" hinzulegen. Wir besaßen halt keinen Job in der Bundesregierung wie Friedhelm, der sich sogar einen eigenen Gärtner leisten konnte. Und noch eine Rechtfertigung fanden wir: Bei uns lag stets allerlei Kleinzeug herum. Wie hätte eine Zimmerfrau da erkennen können, was für sie bestimmt war und was nicht?








Rezensionen Gerda Weinert: und niemand sang Kalinka



Und niemand sang Kalinka - Mit diesem Titel fiel mir letztens, bei einem Gang durch die Hutten-Buchhandlung, ein kleines Büchlein in die Hände. Ich nahm das Büchlein, aber legte es an seinen Platz zurück. Denn heute überlegt man ja, ob man sich ein Buch kauft. Schon fast wieder draußen, kehrte ich um, nahm es aus dem Regal und kaufte es.

Es ist eine Reisebeschreibung von Gerda Weinert, die den Leser nach Minsk und St. Petersburg führt. Ich war neugierig geworden, was die Autorin, im Jahr 1993, bei ihrer Reise erlebt hatte.
Zu Hause begann ich zu lesen und legte die Lektüre erst wieder aus der Hand, als ich auf der letzten Seite angekommen war.
Bilder entstanden vor meinen Augen, die mir von meinen Reisen allzu bekannt sind. Die Menschen mit ihren Problemen und täglichen Sorgen, aber auch mit ihrer herzlichen Gastfreundschaft den Besuchern gegenüber, waren mir plötzlich wieder ganz nah.

Und wenn Gerda Weinert ihren Besuch in der Gedenkstätte Chatyn schildert, dann steigt auch in mir wieder das beklemmende Gefühl auf, das ich hatte, als wir zu viert, 1994 dort an diesem Ort der Trauer, die Einzigen waren.
Im Mai 2003 war es dort für mich anders. Es war zur Zeit des Schuljahr-Endes in Belarus. Schulklassen mit ihren Erziehern besuchten diesen Ort und zwischen den Klassen der Jüngeren sah man Mädchen in der traditionellen Schulkleidung und fast schon junge Männer mit den Schärpen der Abiturienten, die mit Blumen kamen und auch auf diese Weise die Opfer ehrten und Abschied von der Schulzeit nahmen.
Auf jeder Seite gab es für mich Schilderungen, die mich an meine Reisen zu Zeiten der Sowjetunion, aber auch an die Jahre nach der gesellschaftlichen Veränderung erinnerten.

Ein kleines Büchlein, das auch für Leser interessant sein dürfte, die diese Orte noch nicht kennengelernt haben und für alle, die eine solche Reise schon selbst erlebten – eine Lektüre der Erinnerung.
Hans-Joachim Klett, Frankfurt (Oder), Klartext 3/03



Ungewöhnliches Reisebuch der Beeskower Autorin Gerda Weinert

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen – eine fast unübersehbare Reiseliteratur scheint diesem geflügelten Wort Recht zu geben. Doch was bleibt Erzählenswertes, zieht man die gängigen Informationen über Land und Leute ab? Bei Gerda Weinert, der Beeskower Autorin, ein ganzes Büchlein voller erstaunlicher Geschichten ... Bei einem Trip von acht Tagen und nur zwei Stationen: Minsk und St. Petersburg!

Alle gut gemeinten Ratschläge, wie man sich vorbereiten müsse auf solch ein Erlebnis mit dem Studium vn Büchern und Stadtplänen, ignorierte diese Reisende. Es beschwerten sie allein die Erinnerungen ihres Mannes von einem Autorenaustausch zu DDR-Zeiten und die Wunschträume einer Bekannten, geboren in Russland. Ansonsten reibt sie sich jeden Morgen die Augen blank, um die Welt der einstigen "Freunde" zu sehen, wie sie ist, in diesen Junitagen des Jahres 1993.

Gerda Weinert kehrt nirgends den erfahrenen Menschen heraus, der sie ist, sie schreibt ihre Eindrücke fast mit kindlicher Naivität auf: Begegnungen mit der Reisegruppe des Vereins "Internationale Bildung und Begenung", mit dem Personal in Bahn und Hotel, den Leuten im Kreis der Familie, auf der Straße, in der Kirche, im Museum, im Restaurant, bei offiziellen Anlässen wie der pompösen Einweihung eines Begegnungszentrums in Minsk oder der improvisierten nächtlichen Hafentour. Alles bleibt Stückwerk, ein Eindruck verdrängt den nächsten: das Tal der Trauer in Chatyn, der Besuch im Verlag, die Folgen von Tschernobyl, Winterpalais und Zarskoje Selo ...

Und doch bleiben sie in Erinnerung durch die Gefühle von Freude und Ohnmacht, von Bestürzung und Wiedererkennen, durch Gespräche und Erlebnisse mit den zufälligen Gefährten für eine Woche, mit Bettina aus Erfurt und denen aus dem Westen. So formt sich auch ohne aufgesetzte Kommentare ein Bild des Lebens von Besuchern und Besuchten, ganz ohne Exotik, doch nicht ohne Überraschendes. Auch die Amateurfotos bedienen die Alltagssicht.
Gerda Weinert bekommt es so fertig, dass diese Tage im Juni nicht nur ihr unvergessen bleiben sondern, dass ihre Leser bei der nächsten Reise vielleicht auch mehr ihren Augen und Ohren vertrauen.
Anni Geisler, Märkische Oderzeitung vom 6./7.9.2003






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