Bücher aus dem Verlag Die Furt

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Jürgen Leskien
Kieloben
Die unglaubliche Geschichte einer Seefahrt

Intoleranz und Rassismus made in GDR so direkt zu erleben, damit hatte Joe Laska, als Journalist, als Maschinenassistent der letzte Mann an Bord, nicht gerechnet. Eigentlich wollte er nur mit einem Geschenk, einem Kutter zum Fischen, nach Angola zurückkehren. Was ihm an Bord, in der Hitze des Maschinenraums, in der Enge von Kombüse und Kammer widerfährt, beschwört Visionen der Angst herauf, läßt sein "grünes Land", wie er die DDR nennt, zum zweiten mal untergehen. Als sich dann dubiose Militärs des Schiffes bemächtigen, ist Laska plötzlich verschwunden.

Wurde er aus dem Weg geräumt, ist er mit seiner schönen Mulattin vor den Männern des Generals geflohen? Sergeant Fernandes will es herausfinden und kommt dabei zu Tode.

Jürgen Leskien: Kieloben. Die unglaubliche Geschichte einer Seefahrt. 1. Aufl. 2001 Paperback, 215 Seiten, Format 12 x 19 cm.
Preis 10,00 Euro       ISBN 978-3-933416-26-1






Leseprobe Jürgen Leskien: Kieloben


Der Fall

Natürlich gab es auch in diesem Fall die üblichen Informationsverluste und Pannen. Ein älterer Mitarbeiter, der wegen des bevorstehenden Umzugs an einem nervösen Magenleiden litt und während der Feiertage im Außenministerium zur Stallwache verdonnert worden war, hatte hinter vorgehaltener Hand von einem Inferno an Bord gesprochen. Die Morgenzeitung mit den großen Buchstaben tönte sogleich "Höllenfeuer im Maschinenraum". Das war ein Mißverständnis, und das klärte sich erst auf, als der Abteilungsleiter des Beamten Mittwoch nach Ostern vom Skilaufen in den Alpen wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte. Er mußte entdecken, dass sein Unterstellter, der portugiesischen Sprache nicht mächtig, aus einem verstümmelt Bericht, der über den Ticker aus Luanda eingelaufen war, das Wort "Inverno" herausgefiltert hatte, was in besagter Sprache wohl Winter heißt und lediglich im Zusammenhang mit der Ausrüstung des Schiffes Erwähnung fand.
Allerdings erwies sich jener Teil der Zeitungsmeldung als richtig, im dem stand, dass ein Besatzungsmitglied verschwunden sei.

Insgesamt hielt man im Amt den Fall für nicht bedeutend. Eine solche Beurteilung aber hängt von der Sicht auf die Ereignisse ab. Schließlich hatte das angolanische Fernsehen ausführlich über das Einlaufen des Schiffes berichtet und den Leuten von CCN war die verspätete Ankunft des EISVOGELs in Luanda sogar eine Dreißig-Sekunden-Meldung wert. Dazu kam, dass der ostdeutsche Publizist und Schriftsteller Joe Laska, der als Maschinenassistent zur Besatzung des Schiffes gehörte, bis zum Zwischenstopp in Gran Canaria in regelmäßigen Abständen von Bord berichtet hatte. Im Morgenmagazin des Ostdeutschen Radios Brandenburg wurden durch ihn, im Gespräch mit dem Moderator, die Hörer über den Zweck der Fahrt aufgeklärt und die Situation an Bord eindrucksvoll geschildert. Diese sehr frischen und lebensnahen morgendlichen Seefunkgespräche, wie sie der Intendant des Senders in der Dienstbesprechung lobte, hatten unter anderem zur Folge, dass Leute aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen dem Sender Geld für den Kauf eines weiteren Schiffes anboten. Ein geschlossener Umschlag mit eintausenddreihundertfünfzig Mark war sogar beim Pförtner der Rundfunkanstalt eigens zum genannten Zweck abgegeben worden. Mindestens diesen Leuten mußte nun erklärt werden, welche Umstände zu den katastrophalen Verhältnissen an Bord geführt hatten. Das aber wird noch dauern ...

Inzwischen sickerten Einzelheiten aus den Befragungen der Besatzungsmitglieder durch, soweit sie überhaupt befragt werden konnten. Während am Dienstag, dem vermeintlichen Unglückstag, das Vorderschiff bereits auf Grund lag und der Maschinenraum teilweise unter Wasser stand, hatte der Kapitän noch im Vollrausch in der Koje gelegen. Als die Hafenpolizisten mit schwerem Werkzeug in das Schiff eindrangen und ihn weckten, soll er einem der Polizisten die Faust ins Gesicht gestoßen haben, versehentlich, was sicher auch die Wahrheit ist. Der Verantwortliche des Enterkommandos, ein Sergeant namens Romeo Fernandes, der drei Jahre an einer Polizeischule der DDR studierte hatte und heute noch eine Frau in Berlin-Marzahn seine Liebste nennt, erklärte in vorzüglichem Deutsch, dass der Genosse Kapitän, noch in der Koje liegend, verlangt habe, man möge die weißen Tiere von seiner Brust nehmen und auch die entfernen, die an den Wänden und an der Decke hingen. Als das Schiffsoberhaupt dann aber urplötzlich um sich schlug und mit einer abgebrochenen Whiskyflasche gegen die Wand seiner Kammer anrannte, um sich selbst der Tiere zu entledigen, hatte man ihn schließlich überwältigt und in das städtische Hospital "Americo Boavida" gebracht. Dort liegt er nun zum Entgiften auf der Intensivstation. Für eventuelle Befragungen fällt er aus, zwei Wochen noch, oder drei, meinen die Ärzte.

Über die Tage auf Gran Canaria befragt, verwies der Koch auf das Schiffstagebuch. Er zeigte sich überrascht, als Sergeant Fernandes ihm mitteilte, dass mehrere Seiten des Buches, eben jene die Gran Canaria beträfen, durch Verschütten einer Flüssigkeit, wahrscheinlich war es Tusche, Tinte oder eine Art Plakatfarbe, unleserlich geworden waren. Zu seinen Kollegen an Bord wollte er sich nicht äußern. Man möge das verstehen, bat er, er habe aus DDR-Zeiten betreffs Nachfragen zu Arbeitskollegen so seine Erfahrungen.

Was diesen Joe Laska betrifft, könne er nur Gutes sagen. Der hat seine Arbeit besser gemacht als mancher Profi, der schon ein Leben lang zur See fuhr. Und trotzdem war etwas mit dem Assi. Der Alte nannte ihn gleich in den ersten Tagen der Reise ein arrogantes Arschloch. Ohne dass der es gehört hat natürlich.
Das eigentliche Problem: Man kam nicht richtig ran an ihn, auch wenn er einen in der Krone hatte. Als hätte der sich immer im Griff.
Und er schrieb allen Scheiß in solch ein dickes Buch, jeden Tag. Wir wollten darin mal lesen, als er in Grand Canaria im Puff war, oder irgendwo da an Land. Aber wir haben das Buch nicht gefunden, dabei war er ohne Tasche, nur einfach so, von Bord gegangen. Der kennt das Schiff besser als wir, hatte der Alte geknurrt, was natürlich eine Übertreibung war.

Bereits am Dienstagnachmittag hatte General Trosso einen Fährtenhund an Bord des Kutters bringen lassen. Der Schäferhund hatte seine Schnauze in Laskas Bettwäsche gedrückt und war dann geradewegs zum Hafentor geschnürt und von dort zur Ilha, an den Strand. Hier hatte er sich vor einer bunten, mit weit heruntergezogenem Wellblech gedeckten Hütte hechelnd niedergelassen. Die Hütte gehörte der zweiundvierzigjährigen Mulattin Rosalinda Poe. Der Hundeführer hatte die Ankunft des Sergeanten abgewartet, Rosalinda Poe war eine bekannte Malerin.

Der Sergeant rief zunächst mehrmals laut ihren Namen, klopfte dann an die Pfosten des Vordaches, bevor er mit zwei Fingern die leichte Tür aus Holz und Moskitogaze aufstieß.

Neben der breiten Schlafmatte hinter einem halb zugezogenen, blauen Batikvorhang brannte mit kleiner Flamme eine Petroleumlampe. Nach einem Blick auf die Uhr schraubte der Sergeant den Docht herunter, die Flamme erlosch. In Augenhöhe über der Lampe, an die Wand gepinnt, hing ein handtellergroßes Foto, das die Malerin in jüngeren Jahren an der Seite eines weißen, mittelgroßen Mannes mit Nickelbrille und Bürstenhaarschnitt zeigte. Auf dem linken Ärmel des Hemdes das er trug, war deutlich das Abzeichen der Freien Deutschen Jugend mit dem Strahlenkranz zu erkennen. Der Sergeant vermutete stark, dass dieses Foto den Gesuchten zeigte und steckte das Bild in die Brusttasche seiner Uniformbluse.

Während Polizisten unterer Ränge am Strand noch die Fischer befragt hatten und sie mit pikanten Neuigkeiten aus Rosalindas Hütte fütterten, erbat sich der Sergeant in der deutschen Botschaft nähere Informationen zum Bürger Joe Laska. Wenn man mehr über den Mann wüßte, könnten seine Leute auch gezielter vorgehen. Bei allem Personenschutz oder wie man in Deutschland das Geheimhalten von Lebensdaten nannte.

Viel aber war in der Botschaft nicht zu erfahren. Die Sekretärin des wichtigsten Deutschen im Lande kannte vom Autor Laska aber immerhin drei seiner Afrikabücher. Sie wusste, dass er zwei, oder drei oder noch mehr Jahre hier im Busch gearbeitet hatte, dass sich das Gerücht hielt, er habe mehrere Kinder mit schwarzen Frauen irgendwo in den Bergen.

Dem Sergeanten war der Zufall zur Hilfe gekommen. Während er mit der Sekretärin im Vorzimmer Kaffee trank, rief ein deutscher Bürger aus der Stadt, aus dem Hotel "Tropico", an. Er wolle nur mitteilen, dass er und noch ein Schriftstellerkollege eben angekommen seien und sich nun um einen Termin beim Informationsministerium bemühen. Im Auftrage ihrer Gewerkschaft, und natürlich aus eigener Überzeugung, werden sie dort gegen die, ihrer Meinung nach, ungenügenden Bemühungen der Regierung bei der Aufklärung der Morde an kritischen, angolanischen Journalisten protestieren und dem Herrn Minister eine entsprechende Erklärung übergeben. Der Sergeant war sofort aufgesprungen und ins Hotel gefahren.

Die Reisenden aus Berlin hatten Senior Fernandes im Zimmer 410 des Hotels empfangen. Der Raum war zwar eng, aber klimatisiert und man mußte nicht die kostbaren Dollar im Restaurant für Getränke ausgeben. Dieser Geiz der Deutschen kränkte Romeo Fernandes, schärfte aber seine Sinne gegenüber jedem Wort das er zu hören bekam. Er erklärte ihnen, worum es ging, dass aber das zeitweilige Verschwinden ihres Kollegen an sich kein Problem sei, weil er, worauf alle Zeichen deuten, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit sich vor der Stadt, auf der schönen Insel Mussulo, vergnüge. Wenn es nicht die Havarie an Bord des EISVOGELs gegeben hätte, müsste man gar nicht miteinander reden. Allerdings, das habe er in Berlin gelernt, "Vorbeugen ist besser als Heilen". Und was sie über Joe Laska wüßten.

Als sie, wie ihm schien, bedrückt schwiegen, baute er ihnen eine Brücke. Sie sollen ja nicht dessen Bücher beurteilen. Und Deutschland ist groß, vielleicht sei er ihnen gar gänzlich unbekannt?!

Nun ja, hatte der Jüngere, ein hagerer Mann, mit fliehender Stirn und schütterem blonden Haar, begonnen ... Er kenne ihn ganz gut, den Laska, obwohl man sich in den letzten Jahren aus den Augen verloren hatte. Leider.

Das alte und neue Ost-West Problem. Er und sein Kollege, sie seien nämlich beide aus dem ehemaligen Westberlin, während Laska bis vor kurzem im Stadtbezirk Prenzlauer Berg gewohnt habe. Als die Schriftsteller der Stadt nach der Mauer zusammenkamen, sah man sich oft. Das seien gute Gespräche gewesen. Damals, in der ersten Neugier aufeinander. Nun, da es die Mauer nicht mehr gäbe, sähe man sich in Berlin wohl nicht mehr so oft, hatte Romeo Fernandes, ein wenig überrascht, auch aus ganz persönlichem Interesse gefragt.

Ja, so könne es auch beschrieben werden. Einen Bruch habe es wohl geben, als man Laska, im Verein mit zweiundzwanzig anderen Autoren, zunächst nicht im gemeinsamen Schriftstellerverband haben wollte. Die Begründung lautete, er, wie die anderen Genannten, er habe mit im Saal gesessen und die Hand gehoben, als der Berliner Verband Ost im Frühsommer neunundsiebzig Kollegen wegen politischer Aufmüpfigkeit einfach ausschloß und ihnen das Leben vergällte. Laska sei wohl vor allem auf Betreiben eines Kollegen auf diese Liste der Ungebetenen gesetzt worden. Sein Name? Der Name spiele keine Rolle. Der Witz aber - Laska habe am Tage jener abgeschmackten Ausschlußveranstaltung nicht anwesend sein können, da war er hier, hier in Angola, und habe Lastwagen repariert. Das schließt nicht aus, dass er, wenn er im Saal gewesen wäre, mit seinem damaligen Erkenntnisstand durchaus diesen Ausschluß per Handheben befürwortet hätte, das räumt er heute durchaus ein, aber er war eben nicht dabei und sein Name auf besagter Liste sei eine neue Form der Denunziation, die jener rührige Kollege, die DDR-Zeit betreffend, vorgibt aufzudecken. Aber das nur nebenbei.

Moment, habe der Hagere mit einer gewissen Schärfe eingeworfen, das gehört zur Beantwortung Ihrer Frage! Die Liste war nämlich öffentlich gemacht worden, lag auf diese Weise den Bibliotheken, den Verlagen, den Sendern vor! Natürlich wurde er geschnitten, der Laska. Ja, er hatte Kontakte zu diesem Sicherheitsministerium der DDR. Darüber hat er gesprochen, gleich nach der Wende. Und er hat hier in Angola im Kriegsgebiet gearbeitet. Wie sollte das zum Beispiel ohne Arbeitskontakte zur "Sicherheit" funktioniert haben? Das nun, müsse er, als Polizeioffizier hier im Lande, besser wissen.

Vor allem aber hat Laska mit seiner Biographie die Erfahrung machen müssen, wenn es irgend jemandem in den politischen Kram paßte, werden die Sachen wieder hochgezogen, in sorgsam ausgewählten Auszügen, dem politischen Tagesgeschäft nach zugeschnitten. Breitgelatscht und undifferenziert, ernsthafte Gespräche blockierend.

Romeo Fernandes hatte sich an den Schreibtisch gesetzt, die Beine weit von sich gestreckt und zum tieferen Nachdenken die Augen geschlossen. Dabei war er eingeschlafen. Als ihn ein Räuspern weckte, stand der junge Hundeführer vor ihm. Aus einer Plastiktüte hatte er einen marineblauen Leinensack gezogen.

Der Fährtenhund habe auf der Ilha, unter einem Müllcontainer versteckt, diesen zerschnittenen Seesack gefunden. Der Sack sei offenbar mit einem starken Messer aufgeschlitzt worden und der Blutfleck erschiene ihm noch nicht sehr alt. In der Seitentasche übrigens, die mit einem Reißverschluß verschlossen war, stecke wohl eine Mappe, oder ein Buch oder ein flacher Karton, wenn sich Senior Sergeant das bitte anschauen möge.
Ohne Mühe ließ sich der Reißverschluß an der Innenwand des Seesackes öffnen. Die merkwürdigen glatten Schnitte und die Reste von Blut an den Kanten des Gewebes interessierten den Sergeanten nicht.
In der Seitentasche steckte ein daumenstarkes Buch mit festem schwarzem Einband.
Es war das Tagebuch des Maschinenassistenten.

Romeo Fernandes verschloss die Tür des Dienstzimmers, wobei er die Tür mit der Klinke leicht anhob, schaltete den Tischventilator an, legte die Beine auf den Tisch und begann zu lesen ...










Rezensionen Jürgen Leskien: Kieloben



Er ist kein Unbekannter in Namibia: Jürgen Leskien, 1939 in Berlin geboren, hat einen alles andere als geradlinigen Lebenslauf, jedenfalls was seine berufliche Karriere betrifft. Die Bereitschaft zu neuen Erfahrungen hat ihn auch - im Unterschied zu den meisten anderen in der DDR lebenden Menschen – seit Ende der 1970er Jahre mit den im angolanischen Exil lebenden Flüchtlingen aus Namibia in Kontakt gebracht. Als "solidarity worker" wurde Leskiens auch berufliches Engagement im modischen Neudeutsch der vom Verlag präsentierten Biographie des Autors bezeichnet. Damals hieß dies wahrscheinlich eher "internationale Solidaritätsarbeit". Das klingt nicht nur weniger postmodernistisch "fancy" sondern entspricht wohl auch eher der Handfestigkeit, mit der Jürgen Leskien die Dinge so anzupacken pflegt.

Afrika hat den gelernten Motorenschlosser und Jagdflieger, der 1971 als Folge seiner seit dem Einmarsch in die CSSR gewachsenen Gewissensnöte als Offizier und Flugzeugführer aus den Luftstreitkräften der nationalen Volksarmee entlassen wurde und 1990 zum Abgeordneten in der letzten DDR-Volkskammer avancierte, seither nicht mehr losgelassen. In Namibia hielt er sich seit der Unabhängigkeit immer wieder in verschiedenen Funktionen auf. Als Schriftsteller verfasste er mehrere Bücher zu namibischen Themen und las mehrfach aus seinen Werken in der NaDS. Jetzt gibt es ein neues Buch von ihm, in dessen Idee und (Teil-) Manuskript er bereits einem interessierten Publikum in Windhoek vor einiger Zeit Einblicke ermöglichte.

Es bietet, wie der Untertitel ankündigt, "die unglaubliche Geschichte einer Seefahrt" an – und ist doch erheblich mehr als das. Wer einen Abenteuerroman erwartet, mag enttäuscht werden. In Teilen gewiss biographisch gefärbt, beschreibt die fiktive Handlung die Überführung eines aus alten DDR-Beständen ausgemusterten Fischkutters nach Luanda, wo der ziemlich marode Kahn nochmals entwicklungspolitisch nützlichen Zwecken zugeführt werden soll. Allerdings gibt es auch weniger wohltätige Hintergedanken, von denen Teile der Schiffsmannschaft motiviert sind. Der Journalist Joe Laska (der Gemeinsamkeiten mit dem Verfasser des Romans erkennen lässt) wurde als Maschinenassistent (im Jargon "Ölfuß" angeheuert, um die Überfahrt berichtend zu begleiten. Sein gewecktes Misstrauen hinsichtlich der keinesfalls ausschließlich humanitären und uneigennützigen Motive der Besatzung kostet ihn – das legt die Rahmenhandlung eingangs und am Schluss nahe – wohl am Ende der Reise das Leben. Der ernsthaft den rätselhaften Fall des verschwundenen Laska untersuchende Polizist in Luanda jedenfalls wird wegen der Ausübung seiner Dienstpflicht getötet. Dies ist ein nicht unwichtiges Detail, weil es nicht die einseitige (Un)Schuld an (Selbst)Bereicherungstendenzen vortäuscht sondern verdeutlicht, dass es jene, die sich aus Gier um Recht und Gesetz wenig kümmern, überall auf dieser Welt gibt.

Der Hauptteil der Schilderung dient den gruppendynamischen Prozessen, die sich im Rahmen der mehrwöchigen Überfahrt an Bord zwischen der fünfköpfigen Mannschaft abspielen und im Tagebuch des Ölfußes aus dessen Sicht festgehalten wurden. Die Verlagswerbung stellt dabei die offen zutage tretenden rassistischen Ressentiments der in der DDR sozialisierten Akteure in den Vordergrund. Deren Ansichten und Verhaltensweisen belegen in der Tat, dass der reale Sozialismus wohl kaum weniger Vorurteile oder autoritäre Verhaltensweisen produzierte als der kapitalistische Westen. Trotzdem scheint mir weder dieser Aspekt und weniger noch die Verpackung als Pseudo-Krimi das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Buch.

Viel eher gewinnt es an Gewicht durch die Einblicke, die es in die Gefühlswelt und Persönlichkeitsstrukturen von Menschen ermöglicht, die dem zwanghaften Wechsel zwischen so unterschiedlichen Gesellschaftssystemen und deren Werten und Normen wie von denen des realsozialistischen (kollektiven) hin zu denen des bürgerlich-kapitalistischen (individuellen) in den beiden Teilen Deutschlands ausgesetzt wurden. Deren (Des)Orientierung und Anpassungsversuche an die neuen Realitäten tauchen immer wieder und nur vermeintlich am Rande auf. Für mich stellen sie das Kernstück dieser literarischen Verarbeitung dar. Viele kleine Begebenheiten und Reminiszenzen eröffnen faszinierende Einblicke in eine Welt der Widersprüche, lassen die schmerzhafte Suche nach neuer Identität und Sinnhaftigkeit deutlich werden.

Es sind diese scheinbaren Randgeschichten, die den Wert der Lektüre ausmachen. Etwa das Schicksal der Kranfahrerin, die ihren Arbeitskollegen bei einem Betriebsunfall tötet und sich dann das Leben nimmt, weil er ihr langjähriger heimlicher Geliebter war. Oder die menschlichen Episoden anlässlich des Zwischenstopps im Fischereihafen auf den Kanarischen Inseln, wo Joe Laska nicht nur Konversation mit einem "Besserwessi" der Marke Alt-68er betreibt, sondern auch auf einen DDR-(Früh)Rentner in Urlaub trifft. Selbst bis zum erzwungen vorzeitigen Ruhestand Matrose, erläutert dieser nahezu liebevoll seiner eher verständnislosen Frau mit den zwiespältig-nostalgischen Gefühlen, die Erinnerungen nicht nur an schlimme Zeiten wecken, die Eigenschaften dieses von ihm selbst einst als Arbeitsplatz genutzten Schiffes.

Solche und ähnliche, manchmal fast en passant erzählten Einsprengsel gehören ebenso wie die einschlägigen Rückbesinnungen und Standortsuchen des Hauptakteurs und Erzählers Joe Laska zu den Kernelementen, die innerhalb der Rahmenhandlung die eigentliche Entdeckung sind. Es ist das überkommene Leben in einer nunmehr aufgrund der Macht des Faktischen als anachronistisch geltenden Gesellschaftsformation, die über vierzig Jahre einen Teil deutscher Identität mitprägte, über die wir am meisten erfahren. Afrika dient dabei eigentlich nur als Projektionsfläche, und die Kutterfahrt als der dramaturgisch inszenierte Handlungsort. Dies macht "Kieloben" keinesfalls weniger, eher mehr lesenswert.
Henning Melber, Nordic Africa Institute, Universität Upsala, Schweden, 5.11.2001





Der Fischkutter "Eisvogel" wird von Rostock nach Angola überführt. Joe Laska, Journalist und Maschinenassistent, berichtet für ostdeutsche Medien der Nachwendezeit über die Fahrt. Sein Tagebuch läßt den Leser an den unglaublichen Zuständen teilhaben. Alkohol, ein Kapitän, der seine eigenen Vorstellungen hat, eine Havarie vertuscht und das Schiff persönlich umflaggt und die Enge an Bord erzeugen ein Szenario, das es nur auf Schiffen geben kann.

Zunächst im Hintergrund, dann immer deutlicher hervortretend, stehen Geheimdienstler, die dem Buch über das rein Seemännische hinaus Pep geben. Als 3. Schiene werden immer wieder Reflexionen über den ehemals real existierenden Sozialismus in der DDR eingestreut. Kurze, atemlose Sätze in deutlicher Sprache treiben die Handlung. Wegen der vielen Anknüpfungspunkte zur DDR-Geschichte vor allem in Ostdeutschland zu empfehlen.
ekz-Informationsdienst; ID 37/01 – BA11/01; 492.995.8




Verschwundener Passagier

Der Schriftsteller Joe Laska ist Teil der fünfköpfigen Besatzung eines Kutters, der von Rostock (DDR) nach Luanda (Angola) unterwegs ist. Kurz nach der Ankunft ist Laska verschwunden. Mit einer Mischung aus Kriminalroman und Politthriller hält der Autor bis zur letzten Seite die Spannung. Eindringlich erzählt er von Intoleranz und Rassismus in der ehemaligen DDR.
buch aktuell, Herbst 2001-10-25





Eine Seefahrt – gar nicht lustig

Der Anfang hat etwas von einem Krimi: In Luanda geht der eben aus Deutschland eingetroffene "Eisvogel" auf Grund, und der Maschinenassistent des Schiffes ist verschwunden. Locker und nicht ohne Humor beschreibt Jürgen Leskien die schwer durchschaubare Situation. Aber auf der Suche nach dem Verschwundenen, der nicht nur Maschinenassistent, sondern auch Schriftsteller ist, finden sich dessen Aufzeichnungen über die Fahrt. Nun wird es ziemlich ernst, und leider bleibt auch der Humor auf der Strecke.

Jürgen Leskien hat eine so passende Geschichte und Konstellation für seine Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart gefunden, daß man vermuten könnte, sie muß erlebt sein, ist doch die Wirklichkeit oft entgegen aller Kunsttheorie einen Zahn schärfer als die noch so gut erdachte Kunst: "Eisvogel" – ein Schiff der einstmaligen Fischereiflotte der DDR – sollte angolanischen Fischern einer Genossenschaft zugeführt werden, die mit den Erlösen aus den Fängen der nächsten Jahre das Boot bezahlen. Außer dem Schriftsteller und dem Koch sind die anderen drei Besatzungsmitglieder erfahrene Seeleute, lang gediente Offiziere der Rostocker Fischereiflotte.

Die Fahrt ist nicht nur wegen der Stürme und natürlichen Risiken der Seefahrt gefährlich. Auf engem Raum ganz allein auf weiter See entblößen sich die Charaktere, werden Kleinigkeiten existentiell, und Antipathien steigern sich zu Gefühlen aus klassischen Tragödien. Aber nicht vor allem darum geht es. Leskien zielt auf Konkreteres. Sein Tagebuchschreiber Joe Laska (wer den Bezug zum Autorennamen nicht entdeckt, muß einen ganz miesen Deutschlehrer gehabt haben!) wird in der ständigen Konfrontation mit den vier anderen (und einem gefundenen "Brigadetagebuch" der letzten Besatzung, natürlich einer "Sozialistischen Brigade") geradezu zur Auseinandersetzung mit der DDR getrieben. Sie waren "das Volk", das D-Mark wollte, und sie bleiben die ewigen Mitläufer.

In der Gestalt des Kapitäns – ehemals Fangleiter und damit eine Art Betriebdirektor – begegnet uns ein DDR-Funktionär übelster Sorte: selbstherrlich und verlogen, den Aufgaben nicht gewachsen und die Untergebenen schikanierend. Damals wie heute die egoistischen Interessen und sein menschenfeindliches Denken mit hohlen Phrasen kaschierend. Menschenfeindlich, weil rassistisch, rücksichtslos gegenüber Kreatur und Natur und gegenüber den Ansprüchen zukünftiger Generationen. Kein Wunder, daß das Solidaritätswerk nicht gelingt, denn inzwischen wurden neue Fäden geknüpft. Die Cleveren dieser Welt finden sich überall zu Geschäften, die kleinen Leute bleiben auf der Strecke.

Ein hartes Buch und ein ehrliches, denn man spürt mit jeder Zeile: Laska/Leskien leidet unendlich und will und kann es sich nicht leicht machen. Zum einen ist die Fahrt mit diesen vier Typen eine Tortur, man kann ja auf hoher See nicht aussteigen und ist voneinander abhängig. Zum anderen schmerzt ihn die Erkenntnis, daß es den Sozialismus, für den er sich eingesetzt hat, nicht gab. Das beweist er mit Fakten wie der Ausbeutung angolanischer Fanggebiete zu DDR-Zeiten, vor allem aber über die Erinnerung seines Protagonisten an die Ereignisse, deren er sich schämt. Im Unterschied zu anderen literarischen Auseinandersetzungen mit der DDR gestattet sich der Autor keine Relativierung oder Teil-Entschuldigung, was dem Ganzen einen leise eifernden Zug gibt. Aber darunter macht es ein Weltverbesserer nicht.

Ob Jürgen Leskien ungewollt oder bewußt die Rolle des Intellektuellen Laska problematisiert hat, ist für mich unerheblich, wichtig allein, daß er diesen Schreiber als Einzelgänger und Schöngeist in Frage stellt. Laska versteht es nicht, die potentiellen Verbündeten, etwa den sanften Chief oder den schikanierten Koch, zu gewinnen. Er verschwindet mit der schönen schwarzen Rosalinde auf einer afrikanischen Insel. Der angolanische Sergeant Romeo Fernandez, mit der Aufklärung des Falles betraut und in Besitz der Aufzeichnungen Laskas, wird ermordet. Jürgen Leskien hat wenig Hoffnung, was die Zukunft der Menschheit betrifft. In Sachen DDR-Vergangenheit und Gegenwart hat er uns viel zu sagen, gerade, weil es weh tut.
Christel Berger, Neues Deutschland v. 03.08.2001





DDR auf See

Joe Laska alias Jürgen Leskien mag lieber Müsli und Rotwein als Rum, er trägt eine Intellektuellenbrille und grübelt gerne masochistisch über die DDR-Vergangenheit. Nicht gerade der Typ eines ölfüßigen Maschinenassistenten für eine lange, rauhe Seereise also. Das kann nicht gut gehen. Und so geschieht es auch. Das Schiff der einstmaligen Rostocker Fischereiflotte läuft in Luanda auf Grund, das wohl gemeinte Solidaritätswerk scheitert an gemeinen Geschäftemachern, das "Volk" der Schiffsbrigade zerfleischt sich selbst und der empfindsame Tagebuchschreiber Joe geht mit der rassigen Rosalinde auf einer Insel verschütt. Arg viel selbstquälerische Bewältigungsarbeit.
Berliner Zeitung vom 25./26.8.01




Lebenspralles Erzählen mit Anspruch und Esprit

Die unglaubliche Geschichte einer Seefahrt von Jürgen Leskien: "Kieloben"

In den Bücherregalen stehen nicht wenige Titel deutscher Autoren, die ihre Geschichten in Afrika angesiedelt haben beziehungsweise über das Verhältnis der Deutschen zu fernen Kontinent schreiben. Einer von ihnen, Jürgen Leskien (Jahrgang 1939), meldet sich nach über einem Jahrzehnt journalistischer Tätigkeit dieser Tage mit seinem Buch "Kieloben" einprägsam als Schriftsteller zurück.

Im Mittelpunkt seiner Erzählung steht der ostdeutsche Publizist und Schriftsteller Joe Laska, der als Maschinenassistent auf dem "Eisvogel" angeheuert hat. Fünf Mann sind an Bord bei der Überführung von Rostock-Warnemünde nach Luanda. Doch der Fischkutter verunglückt bei der Überfahrt nach Angola, dessen Land und Leute der Autor bestens aus zahlreichen Aufenthalten vor Jahrzehnten kennt. Mit Titeln wie "Ondjango", "Das Brot der Tropen", "Einsam in Südwest" oder "Shilumbu – was will er in Afrika" hatte er seine Erlebnisse als solidary worker in Angola, Tansania und Namibia verarbeitet und seinen Ruf als "Afrikaner" unter den ostdeutschen Autoren begründet.

Die neue Geschichte ist fast wie ein Reisetagebuch angelegt. In kappen Eintragungen verschmelzen Gegenwärtiges und Vergangenes. Der Text ist spannend, hat Anspruch und Esprit. Ohne die Form zu missachten oder den Schreibstil gering zu schätzen, geht es dem Autor vorrangig um den Inhalt. Er schildert mit ansprechender Kompetenz und mit aller Offenheit, was er in seinem Leben erfahren hat. Und dennoch ist "Kieloben" weit mehr als ein autobiografisches Buch. Leskien liebt das Authentische, entwickelt aber durch Verschieben, Auflösen und Zusammenführen von Erfahrenem und Traumhaftem eine bemerkenswerte Kraft. Er dichtet, indem Faktisches verdichtet wird. Auch seine Rückblenden deuten keinesfalls auf einen Tatsachenbericht hin.

Leskien geht seinen Erinnerungen, Eindrücken sowie Bildern nach und schreibt sie mehrdimensional nieder. Er spielt mit dem aus der Wirklichkeit gewonnenen Material, was die Erzählung lebensprall, manchmal aber auch schwer lesbar macht. Das Erzähltempo überschlägt sich zuweilen. Wie allerdings Handlungsfäden zu einem Geschichtengespinst verwoben werden und wie das Figurenensemble in Handlungsabläufen verknüpft wird, verrät allerhand dramaturgische Erfahrung. Mehr noch, der Autor reflektierte literarisch, wie Deutsche mit Brüchen in ihren Biografien umgehen. Sein Können scheint insbesondere in seinen Reflexionen über Unwetterfahrten zum Nachfühlen auf. Allein schon deshalb dürften die Leser auf die nächsten Arbeiten aus seiner Feder gespannt sein.
Jürgen Temper, Nordkurier vom 10.10.2001






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