Bücher aus dem Verlag Die Furt

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Dorothea Kleine
Das fünfte Gebot
Plädoyer für einen Staatsanwalt

Vier Mordfälle in Ostdeutschland zwischen 1986 und 2002 bilden den Hintergrund für das in weiten Teilen dokumentarische Buch. Nach dem Zusammenbruch der DDR gerät der Staatsanwalt Horst Helbig mit seinen Fällen plötzlich in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Seine "alten Kunden" nutzen die Gunst wohlfeilen Medieninteresses und versuchen ihn und seine bisher geleistete Arbeit zu diskreditieren.

Dorothea Kleine: Das fünfte Gebot. Plädoyer für einen Staatsanwalt. 1. Aufl. 2005. Paperback, 208 Seiten., Format 11,5 x 17,5 cm.
Preis 9,50 Euro       ISBN 978-3-933416-60-5


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Leseprobe Dorothea Kleine: Plädoyer für einen Staatsanwalt


Ich hatte nun endgültig genug von ihm. Ich konnte nicht mehr. Es mußte etwas geschehen.
Am Morgen machte ich den Kindern das Frühstück, sagte zu meinem Mann: "Ich gehe jetzt zum Gericht und reiche die Scheidung ein."
Mir war in diesem Moment alles egal, sollte er toben und mich schlagen. Ich wollte die Scheidung und sonst nichts.
Ich ging ins Schlafzimmer, um mich für den Gang zum Gericht anzuziehen. Die Kinder saßen noch in der Küche und frühstückten. Ich stand im Nachthemd vor dem Kleiderschrank, da spürte ich, wie mir jemand eine Schlinge um den Hals warf. Mein Mann war, ohne daß ich es bemerkt hatte, ins Zimmer gekommen. Ich riß das Ding, es ist war sein Hosengurt, mit beiden Händen von meinem Hals. Da begann er, mich mit seinen bloßen Händen zu würgen, drückte seine Daumen auf den Kehlkopf. Ich schrie, was ich konnte. Die Kinder kamen angerannt. Ich wurde ohnmächtig.

Als ich wieder zu Bewußtsein kam, war ich allein im Zimmer. Ich versuche aufzustehen, es gelang mir nicht. Ich hatte keine Kraft. Ich saß am Boden, hatte die Beine ausgestreckt, stützte mich mit beiden Armen nach hinten ab. Eine hilflose Position. Mir war schwindlig und entsetzlich schlecht. In diesem Moment kam er ins Zimmer, sagte: "Verdammte alte Hure, du lebst ja immer noch." Setzte sich auf meine Beine, würgte mich. Ich konnte mich nicht wehren. Wieder verlor ich das Bewußtsein.

Als ich wach wurde, war ich völlig nackt, er lag auf mir, vergewaltigte mich. Es war widerlich. Er demütigte mich. Als er merkte, daß ich bei Bewußtsein war, sagte er: "Du lebst ja noch", Wieder würgte er mich. Ich fiel wieder in Ohnmacht. Und wieder vergewaltigte er mich. Ich erlebte ein Horrorszenarium. Mir war endgültig klar, er wird mich töten. Eine wahnsinnige Angst überkam mich. Ich flehte ihn an, bettelte um mein Leben, versprach, die Scheidung nicht einzureichen, nicht zum Gericht zu gehen. ...

"Die Kinder waren ins Zimmer gekommen, sahen wie er mich würgte. Sie hatten Angst, er würde mich töten. Sie rannten los, liefen in ihre Schule, sagten der Lehrerin, Vati will unsere Mutter umbringen. Die Direktorin zögerte nicht, benachrichtigt die Polizei.

... Die Polizisten klingelten in dem Augenblick, da mein Mann mich erneut vergewaltigte. Er stand auf, ging in den Korridor, sah durch den Spion, erkannte die Polizisten, ahnte, sie ließen sich nicht abweisen. Also kam er zu mir zurück, befahl, ich solle mir Nachthemd und Bademantel anziehen. Dann zündete er eine Zigarette an, steckte sie mir in den Mund, ordnete an, ich solle mich in die Küche setzen, drohte mich umzubringen, wenn ich den Polizisten etwas sagte. Nachdem was ich erlebt hatte, zweifelte ich nicht daran, daß er es tun würde ...

Die Polizisten hatten ihre Aufgabe erfüllt, wandte sich zum Gehen. Das war meine Chance, ich sprang auf und schlüpfe mit den Polizisten aus der Wohnung. Ich hatte nur ein Nachthemd und einen Bademantel an, die Füße stecken in Stofflatschen.
Mein Mann wagte es nicht, mich festzuhalten, noch waren die Polizisten da. Aber er kam hinter mir her. Ich lief über den Hof, zur Straße hin. Die Polizisten stiegen in ihr Auto und fuhren davon.
Mein Mann holte mich ein, griff mich, versuchte mich ins Haus zerren. Ich klammerte ich mich am Fallrohr der Dachrinne fest. In diesem Augenblick kam eine junge Frau mit einem Kinderwagen über den Hof. Sie steuerte direkt auf uns zu. Das ist die Rettung, dachte ich. In ihrer Gegenwart wird er es nicht wagen, mir Gewalt anzutun. Ich ließ das Fallrohr los, ging auf die Frau zu, sagte: "Bitte helfen Sie mir."

Die Frau musterte meinen sonderbaren Aufzug, wunderte sich ein wenig, sagte aber nichts. Mir war alles egal. Ich schloß mich ihr an, ging neben ihr her über den Hof bis zur Straße. Mein Mann hat seinen Plan noch immer nicht aufgegeben. Es war wohl die merkwürdigste Prozession, die unsere Straße je gesehen hat. Da ging eine Frau mit einem Kinderwagen. Ein spärlich bekleideter Mann auf der einen Seite, ich in meinem Aufzug auf der anderen Seite des Kinderwagens.
Wir kamen bis zur Straße. Wahrscheinlich dachte mein Mann, in diesem Aufzug würde ich nicht weit kommen, irgendwann müßte ich umkehren ..

Im Krankenhaus stellte man Würgemale und blutende Wunden am Hals und totale Erschöpfung fest. Ich wurde zur stationären Behandlung aufgenommen. Nun liege ich hier im Krankenhaus, bin in Sicherheit, aber meine Kinder sind tot.


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Er wird die Kinder töten und niemand wird ihm den Mord nachweisen können. Er wird das perfekte Verbrechen begehen.
Und so sieht sein Plan aus. Er wird mit den Kindern frühstücken, gegen Mittag wird er sie zur Oma bringen, die das Mittagessen für sie gemacht hat. Nach dem Essen geht Oma ins Krankenhaus, um Anna zu besuchen. Die Kinder werden in ihrem Zimmer spielen. In dieser Zeit wird er in die Dachwohnung gehen, den Gashahn aufdrehen, die Kinder in die Küche der Dachwohnung locken, die Klinke abmontieren. Dann sitzen sie in der Falle. Selbst wenn sie schreien, es wird sie niemand hören. Sie sind gefangen und werden sterben. Die Dachluke können sie nicht aufmachen, dazu sind sie zu klein, sie erreichen die Schubstange nicht.
Er wird sie veranlassen, Spielzeug mitzunehmen, damit es aussieht, als hätten sie öfter dort gespielt. Und er wird eine Matratze hinlegen, um den Eindruck zu verstärken, die kleine Küche wäre ihre Spielwiese gewesen.

Sein bester Einfall ist, er wird ihnen vorher ein Schlafmittel geben. Eine Stunde wird es dauern, bis sie tot sind. In dieser Stunde wird er sich im Nebenzimmer aufhalten, ihren Tod abwarten. Er wird dann wieder die Klinke anbringen. Die Klinke, denkt er, ist das wichtigste Detail seines Planes.

Und tatsächlich läuft sein Plan ganz nach seinen Wünschen. Nach dem Essen sind die Kinder in ihre Zimmer gegangen. Sie spielen. Zelinski geht unbemerkt hinauf in die Dachwohnung, stellt die Gasuhr im Treppenhaus an, dreht in der Küche alle vier Brennerhähne auf. Da stutzt er, es kommt zu wenig Gas aus den Brennern, zu wenig, um drei Kinder zu töten. Der Druck ist viel zu schwach. Er überlegt, was die Ursache sein könnte, vielleicht sind die Brennerhähne verstopft. Er muß eine Lösung finden. Er geht zurück in die Wohnung, holt eine Wasserpumpenzange, schraubt die Zuleitung zum Gasherd ab. Nun strömt genügend Gas aus, nun wird es reichen. Er darf nicht vergessen, die Zuleitung später wieder an den Gasherd anzubringen. Niemand würde ihm glauben, daß Kinder sich eine so große, schwere Zange besorgen, um die halb verrostete Zuleitung zum Gasherd abzuschrauben.
Die Vorbereitungen sind getroffen, er geht zurück in die Wohnung.

"Kinder", sagt er, "wißt ihr was, heut ist Sonntag, da wir gehen in die Hobby-Bar Eis essen." Die Kleinen freuen sich. Zelinski muß nun einen Dreh finden, sie in die Dachwohnung zu locken. Er kennt ihre Arglosigkeit, also sagt er: "Bevor wir zur Hobby-Bar gehen, zeige ich euch, wo ich mich verstecken werde, wenn Mutti aus dem Krankenhaus kommt. Sie will mich ja nicht mehr sehen. Nehmt euer Spielzeug mit, da kann ich an Euch denken, wenn ich dort oben so allein bin."

Anja greift sich einen Plüschhasen, Uwe einen Teddy. Nun ruft er die Kinder in die Küche. "Ich habe Tee für euch gekocht. Tee ist gesund, trinkt mal."
Anja und Uwe trinken brav, schlucken die aufgelösten Tabletten. David zögert. Der Tee schmeckt bitter. Er will den Tee nicht. Als der Vater nicht hinsieht, spuckt er das Zeug aus.
Zelinski führt die Kinder in die Dachwohnung. Zufrieden stellt er fest, daß sich die kleine Küche inzwischen mit Gas gefüllt hat. David ist mißtrauisch. "Vati", sagt er, "es stinkt hier so komisch, laß uns lieber gehen."
"Ach was", sagt Zelinski, "die Wohnung steht seit einem Jahr leer, es ist lange nicht gelüftet worden."
Die Kinder stehen verwirrt in der halbdunklen Küche. Zelinski zieht die Türklinke ab, verläßt eilig den Raum, legt die Klinke auf den Fußboden unweit der Tür. Er muß sie, wenn es vollbracht ist, wieder anbringen. Er wartet im Wohnzimmer, wartet, daß seine Kinder sterben. Er hat sich eine Flasche Wodka und Limonade mitgenommen, trinkt, raucht und sieht aus dem Fenster.

Anja und Uwe ist schlecht geworden, erleben Todesangst, sie fangen an zu schreien, zu betteln, der Vater soll sie rauslassen. Zelinski antwortet: "Seid still, auf dem Hof ist die Polizei. Wenn sie mich finden, nehmen sie mich mit."
David hat das Loch in der Tür entdeckt, das durch die abgezogene Klinke entstanden ist. Er beobachtet den Vater, sieht ihn am Fenster stehen, sieht ihn rauchen, sieht, wie er die Kippen auf dem Fensterbrett ausdrückt und wie er aus einer Flasche trinkt.

Die Kinder schreien. "Vati laß uns raus, Vati hilf uns." Sie flehen um ihr Leben.
Sie rufen nach ihrer Mutter, rufen ihre Oma. Zelinski bleibt hart. Er herrscht sie an, still zu sein. Bald verstummt Anja. Sie krümmt sich, erbricht sich und stirbt. Dann verstummt Uwe, er stirbt. David bricht bewußtlos zusammen. Ein Spalt unterhalb der Tür, läßt ein wenig Sauerstoff ins Zimmer.

Die Kinder sind still. Zelinski ist sicher, daß sie tot sind. Nun kann er den letzten Akt vollziehen. Er wird in die Küche gehen, die Zuleitung am Gasherd wieder anschließen, die vier Brennerhähne aufdrehen und, was das wichtigste ist, er wird die Klinke wieder anbringen. Nie wir ihm jemand die Schuld am Tod der Kinder nachweisen können. Ein tragischer Unfall. Die Kinder, wird er sagen, spielten am Gasherd, starben durch ihre eigene Unvorsichtigkeit. Er wird den trauernden, untröstlichen Vater spielen, der seine Kinder über alles geliebt hat, er nimmt sich vor, diese Rolle gut zu spielen.










Rezensionen Dorothea Kleine: Plädoyer für einen Staatsanwalt



Der heilige Pankratius und das achte Gebot

Das neue Buch der Cottbuser Schriftstellerin Dorothea Kleine "Das fünfte Gebot. Plädoyer für einen Staatsanwalt" ist im Verlag Die Furt erschienen. Am Dienstag erlebte es im Cottbuser Heron Buchhaus seine sehr gut besuchte Buchpremiere.

Hausherr Roland Quos fand einmal mehr zu einer Begrüßung, die pointiert Neugier weckte. Vom Leseherbst, dessen Wetter mehr zum Bücherfrühling passt, gelangte er zu den Eisheiligen im Mai, deren einer der heilige Pankratius ist. Dieser schütze gegen Lug und Trug, stehe damit für das achte Gebot ("Du sollst nicht falsch Zeugnis reden ..."). So erweise er sich als ein natürlicher Verbündeter von Horst Helbig. Der war vier Jahrzehnte lang Staatsanwalt und hat knifflige Mordfälle geklärt, indem er sich durch das Gestrüpp von falschen Zeugnis, Widersprüchen, Ausflüchten, Meineiden gewühlt hat. Wer das fünfte Gebot – Du sollst nicht töten" – übertreten hatte, musste wenigstens durch das achte zur Strecke gebracht werden.

Nun, da Helbig in Rente gegangen ist, sieht Dorothea Kleine die Zeit gekommen, dem Mann selbst ein Plädoyer zu halten. Sie begnügt sich aber nicht damit, im Stile eines Pitavals beliebige Fälle aneinander zureihen, sondern erzählt von drei Rechtsbrechern, die besonders grausame Morde begangen hatten, in der DDR dafür rechtskräftig verurteilt worden waren und sich nach der Wiedervereinigung als Opfer von Willkür, Misshandlung, Erpressung und Nötigung darstellten. Sie erstatteten – natürlich auf falsch Zeugnis bauend – Anzeige gegen Helbig und wussten sich mit einer bestimmten Art Presse im Bunde. Es hatte sich dieser in der DDR aber einer Parteikarriere und damit einer Beförderung und besonderem Wohlwollen entzogen, er wollte Menschen vor Verbrechern schützen und deshalb weiter Staatsanwalt sein. In der Zeit des Umbruchs übernahm er den staatsanwaltlichen Beistand beim Sturm auf die Staatssicherheit.

Trotzdem musste er viele gründliche Überprüfungen über sich ergehen lassen, die aber letzten Endes den untadeligen Ruf bekräftigten. Von all dem erzählt Dorothea Kleine in ihrem Buch, das der Leitende Oberstaatsanwalt Wilfried Robineck "ein packendes spannendes Buch über die Lebensleistung eines Mannes und eine Verschwörung von Verurteilten" nannte.

Dorothea Kleine hat Sprache und Stil voller Emotion und dabei ohne störendes Zierrat gewählt. Und sie fand an diesem Abend Stimme und Ton, dies vorzutragen. Es jagte manchem Schauer über den Rücken, als sie von den Untaten jenes Mannes vorlas, der aus Hass und Eifersucht seine Frau bestrafen will und ihr das Liebste nimmt, indem er die Kinder vergiftet, und sie auf an dieser Stelle besser nicht noch einmal wiederzugebende Weise misshandelt und quält. Es empört, wie er, von einem Mitgefangenen beeinflusst, sein freiwilliges Geständnis zurückzieht. Aber "Colombo" (sein Lieblings-Fernsehheld) Helbig enthüllt in toller Kleinarbeit die Wahrheit.

"Man kann, was man in diesem Beruf erlebt, nicht abhaken", bestätigt er mir später. Obwohl: Er könne aber gut schlafen. Immerhin habe er mit seiner Tätigkeit dem Recht zum Durchbruch verholfen. Erfolgsrezepte? Wie Colombo habe er auf Fakten gebaut, ihre Ursachen erkundet und Folgen bedacht. Er habe nie etwas als gegeben hingenommen, sondern immer hinterfragt. "Vielleicht habe ich auch eine psychologische Ader, die es mir erlaubt, mich in Menschen hineinzuversetzen. Viele Taten gehen doch aus schweren Persönlichkeitskonflikten hervor. Jene, die sie begingen, fühlen sich durch ein Geständnis befreit."

Es kommt an diesem Abend auch zu einer im gewissen Sinne historischen Begegnung zweier Literatur gewordener Gestalten. Es begrüßten sich der Richter Gottfried Werneburg, der einst aus Köln nach Cottbus gekommen war ... und Horst Helbig ... Werneburg über Helbig: "Er arbeitete mit größter Kompetenz, mit unerhörter Ausdauer und gründlich. Von Anfang an gab es nicht den geringsten Zweifel an seiner Rechtsstaatlichkeit. So waren wir immer, wie man heute sagt, auf Augenhöhe." Falsch Zeugnis hatte keine Chance. Pankratius sei Dank!
Klaus Wilke, Lausitzer Rundschau 03.11.2005
anläßlich der Buchpremiere im Cottbuser HERON-BUCHHAUS




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