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Henry-Martin Klemt
Menschenherz

Das beim "3. Festival Internazionale di Poesia" in Italien preisgekrönte Poem "Da sein" bildet die poetische Klammer für Klemts Zwischenbilanz. Sie vereint 52 Arbeiten aus den letzten zwölf Jahren. Dabei leistet der Dichter sich Sentiment ebenso wie ironische Schärfe. Wirklich daheim ist er nur in der Liebe. Aus ihr schöpft er Hoffnung – auch auf Gerechtigkeit.
Marat, Ché Guevara und Ulrike Meinhof, Bert Brecht und Gerhard Gundermann wandern durch seine Texte ebenso wie jene Unbekannten, die er in seinen Versen porträtiert. Klemt "hat nie aus dem Ohr verloren, dass Poesie mit Musik, mit Melodie zu tun hat, und wenn er poetisch philosophiert, dann ist der Extrakt sangbar wie ein Volkslied ...", schreibt Klaus-Dieter Schönewerk.
Klemts Tagträume sind von sarkastischem Realismus, seine Nachtgesänge ein elegisches Tasten nach dem anderen. Seine Lichtblicke aber bannt er mit der Kamera.

Henry-Martin Klemt: Menschenherz -Tagtraum, Lichtblick, Nachtgesang. Gedichte. Broschur, 100 Seiten mit 17 Fotos. Format 16, 9 x 22 cm
Preis 9,99 Euro       ISBN 978-3-933416-23-0

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Leseprobe Henry-Martin Klemt: Menschenherz


Drittes Nachtstück

Wie kommt die Nachtigall in mein Gedicht?
Es gibt sie. So wie Spielen und Verzicht.
So wie Vergeblichkeit und Obsession.
Wie das Verstummen vor dem letzten Ton.

Es gibt sie noch. Wie Weiher, Schilf und Mond.
Refugium, millionenfach geklont.
Geträumte Träumer für ein Hurenstück.
So wie Verona. Wie Kohlhasenbrück.

So wie den Schattenruf der Fledermaus.
Das leere Grab und das verlassne Haus.
Wie zwischen Finsternis und Dunkelheit den Strich

geahnten Horizonts, der Welten trennt,
von denen keine noch die andre kennt.
Es gibt die Nachtigall. Es gibt vielleicht auch mich.








Rezensionen Henry-Martin Klemt: Menschenherz


Ins Menschenherz tauchen wie in ein Gewässer

Obwohl Henry-Martin Klemt mit seinen 42 Jahren noch als junger Dichter gilt, schätze ich sein Talent seit über 15 Jahren und finde es immer neu bestätigt. Erfreulich, dass der tüchtige Journalist und Familien-Ernährer weiter den Platz für Poesie freihält in seinem "Menschenherz" ...
Fast scheue ich den Begriff Gedichtband. Konservativ, wie ich bin, erinnern mich Format, Layout und fotografische Garnierung eher an laute Prosa als an leise Poesie. Aber ich vermute, die Unter-Dreißig-Jährigen mögen solch ein "out-fit", farbschrille Wasserfläche mit kaputter Puppe auf Books-on-Demand-Einband. Die Gestaltung von Außen- und Innenleben ist original Klemt. Der Dichter, gelernter Facharbeiter für Drucktechnik, ist zugleich Urheber von Fotos, Typografie und Satz. "Menschenherz – Tagtraum, Lichtblick, Nachtgesang" ist quasi ein Ein-Mann-Buch ...

Der Dichter Klemt fällt mir nicht zuerst durch Einmaligkeit auf. Man meint manchmal, Vorbilder und Vorgänger zu erkennen. Aber bewundernswert finde ich immer wieder neu die Suggestion seiner Stimme. Ich höre ihn, wenn ich ihn lese. Da ist das Pathos des Volkstribuns und die Zartheit des Barden und der rührende Ton des behutsam lehrenden Vaters. Ich höre im Hintergrund Größen wie Neruda und Jewtuschenko, vermischt mit Dichterfreunden von nebenan.
Im Vordergrund aber spricht er, leicht mit der Zunge anstoßend und mit unverwechselbarer Sprachmelodie, verblüffend starke Sätze wie diesen: "Wo jeder Laut sich jedem Stein verbindet, dort suche ich nach meiner eignen Mitte." Und verblüfft dann auch durch starke Weichheit: "Wie kommt die Nachtigall in mein Gedicht? Es gibt sie, so wie Spielen und Verzicht." Und er endet dieses "Nachtstück" mit "Es gibt die Nachtigall. Es gibt vielleicht auch mich."

In die Atmosphäre dieses Büchleins kann man eintauchen wie in ein unklares Gewässer, das aus nächster Nähe reichlich Aufklärung gewährt. Mag sein, das ein anderer Leser mehr das Sangliche liebt, das vielen Texten innewohnt. Mir sind diese Gedichte gesprochen am liebsten.
Till Sailer, Blickpunkt vom 27.07.02


Klaffende Wunde, Menschenherz

Da hat einer Gedichte geschrieben, und sie gesammelt in einem Buch mit dem Titel »Menschenherz«. Es ist ein schönes Buch geworden, farbig der Einband, schwarz-weiß die Fotos. Unter dem Titel stehen die Worte »Tagtraum, Lichtblick, Nachtgesang«.
Viele Themen werden in den Gedichten behandelt, nein, in Poesie verwandelt. Henry-Martin Klemt beherrscht die dichterischen Mittel, ganz gleich, ob er in volksliedhaften Reimen zum Leser spricht oder in freien Rhythmen.
Der Vorteil einer solchen Sammlung besteht darin, dass man immer wieder darin lesen kann, dass man auswählt.
Das zweite Gedicht im Buch, 1999 geschrieben, heißt »Selbstbildnis ohne Antwort.« Die letzte Strophe lautet:

»Wie oft hast du die Füße, wund / gesetzt auf unbekannten Grund, / auf niemands Bitte und Geheiß? / Wo ist die Spur, die von dir weiß?«
Oft stellt Klemt in seinen Gedichten Fragen, lässt Raum zum Nachdenken. Antworten soll der Leser finden. Die Gedichte provozieren auf unterschiedliche Weise, vielgestaltig sind sie in der Machart. Da gibt es die Liebesgedichte, wie das »SECHS-UHR-MORGENS-LIED-für Rita«, in dem der Angler zärtlich an seine Liebste denkt: »Ich liebe dich, wie diese Stunden,/in denen ich fortgeh, als sei/ schon Trost für dein Warten gefunden/ mit Diebel, mit Aal und mit Blei.«

Stellvertretend für die politischen Gedichte, die der Band vereinigt, zitiere ich »CHE 2001« über den Revolutionär Che Guevara: »Es ist ein Aufschrei über das Verlorene - und die Hoffnung doch./– Uns bleibt ein Mann, der nie alt war, / der uns am Abgrund noch Halt war,/ für den das Niemals schon bald war:/ Commandante Che' Guevara.« Es sind im Band eine Reihe solcher Gedichte, auch verzweifelte und ratlose.

Was mich betrifft, so liebe ich besonders das Gedicht »KERL WIE'N BAUM«, gewidmet dem toten Sänger Gundermann. Es ist 1998 entstanden und die letzte Strophe geht so: »War'n kerl wie'n Baum / Hat den regen geliebt/ Und den schneeweißen schnee / und das licht im zenit / All die erde im schoß / All den himmel im haar/ Und'n schmetterling sitzt / Jetzt im gras wo das war«
Berührende Verse, genau und originell gearbeitet – in einer Rezension über den Gedichtband »Menschenherz« könnte viel gesagt, ausgewählt und zitiert werden. Über siebzig Gedichte . ich wünsche ihnen viele Leser.
Günter Görlich, Neues Deutschland vom 5.4.2002



Sensibler Skeptizismus und anrührende Poesie

"Tagtraum, Lichtblick, Nachtgesang" lautet der Untertitel des neuen Buches von Henry-Martin Klemt. Tatsächlich deckt die Palette der Texte fast alle lyrischen Sujets ab: Liebeslyrik, Lieder und Balladen, politische Texte, Landschaftspoesie und die Auseinandersetzung mit der bundesdeutschen Wirklichkeit. Klemt gehört zu jenen ostdeutschen Poeten, die schon seit je die Literaturszene Deutschlands auf besondere Weise bereichert haben, er reimt virtuos, benutzt aber auch freie Rhythmen, er versteht sein Handwerk auf unnachahmliche Weise. Seine Balladen sind von sensiblem Skeptizismus und delikater, ganz eigener Poesie, die man so schnell nicht vergisst.

Mehrere Balladen hat er Revolutionären gewidmet. Hier bewegt er sich in der Nachfolge Brechts, Nerudas und Cardenals. So schildert er in "Marat" einen Revolutionär, den alptraumhafte Gedanken während eines Wannenbades heimsuchen, kurz vor dem Mord durch Charlotte Corday. Es gelingen dem Autor große, eingängige Bilder, groteske Szenarien, die das unsägliche Tun des selbsternannten Revolutionärs infrage stellen. Verlierer ist, wie immer, das Volk.
In seinem "Epitaph für Ulrike Meinhof" versucht er eine Würdigung, eine Erklärung dieser widersprüchlichen Persönlichkeit, doch entzieht sich nicht diese "Menschin" jeglicher Interpretation? Ich glaube nicht, dass sich Meinhof für lyrische Überlegungen eignet, allzu sehr schwankt ihr Charakterbild (noch) in der Geschichte.

Das Unvermögen, sich in dieser Welt heimisch zu fühlen, die fragile Existenz des lyrischen Ich's, mag das Gedicht "Drittes Nachtstück" ausdrücken, indem es die Nachtigall beschwört, jenen Vogel, der zunehmend seltener, auf seinen Weg nach Süden abgefangen und gefressen wird, aber: "Es gibt sie noch.../...so wie Verona". Und nach dieser Anspielung auf das berühmte Zitat aus "Romeo und Julia": "Es gibt die Nachtigall. Es gibt vielleicht auch mich." Von Selbstzweifeln aber auch von Hoffnung auf Erfüllung, zeugt die zarte Liebeslyrik.

Für Klemt ist Harmonie ohne Irritation eine fragwürdige Harmonie. Nichts ist von Dauer, alles vergänglich, das Leben, Beziehungen ... Seine Verbundenheit mit der ostdeutschen Landschaft ist in anrührenden, sehr poetischen Bildern beschrieben.
Im "Der Fisch" wird die merkwürdige Diskrepanz aufgezeigt, die zwischen Jägern und Gejagten besteht, einerseits bewundert der Angler die Schönheit des Fischs: "Ich kenne seines Rückens dunklen Glanz...", andererseits schlägt er als Raubtier Mensch, einem archaischen Trieb folgend, zu: "mein stummer Lehrer, den ich töten will..."
In "Mir" rechnet er mit beißender Ironie mit Ost und West ab, in "Josefs Gebet", mit der Enge des Ostens, und die triste Idylle des Alltags wird im "Naja Lied" und in der "Ballade von den Landnehmern" beschrieben.

Henry-Martin Klemt hat ein Buch vorgelegt, das, mit herben Schwarz-Weiß-Fotos bereichert, unbedingt gelesen sein muss. Es drückt die Befindlichkeit des modernen Menschen aus, sein gebrochenes Verhältnis zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Verena Raupach, Mönchengladbach



Suche nach der eigenen Mitte

"Diese Stadt bietet / zwei Möglichkeiten, berühmt / zu werden: Erschieß dich oder / box dich durch." Henry-Martin Klemt "erboxt" sich sein Brot und - vielleicht - seinen Ruhm als Journalist in Frankfurt (Oder), unterwegs auch in Wirtschaftsdingen, und verfaßt nebenher teils bissige, teils sehnsüchtige Verse über seine Hassliebe aus Beton. Im "Frankfurter Sonett" muß er gestehen: "Dort such ich nach meiner eigenen Mitte."
Ob er sie findet? Zum Begleiten lädt er ein mit seinem "Menschenherz – Tagtraum, Lichtblick, Nachtgesang", dritter Lyrikband des in Berlin Geborenen, verlegt im Verlag Die Furt vor den Toren der Oderstadt. Vorweg: Selten hat der Leser kurzweiligere Lyrik erfahren. In freie Formen gebannte Liebe, politische Balladen oder sanfte Landschaftspoesie - das Handwerk sitzt, verschiedenartig reimend und sujetsierend.

Während sich der Autor mit Dichterdiplom selbst ein Rätsel bleibt, schmökert der Leser jener Mitte entgegen, die sich in liedhaften Zeilen verbirgt. Auch Revolutionäre werden besungen. Che Guevara, Ulrike Meinhof oder Gerhard Gundermann. Politrock, zu dem nur noch die Gitarre fehlt. Doch dann: Welch delikate Ironie in zarter Lyrik! "Wo eben die Sterne noch schwammen / kriecht bleiern der Tag aus dem See. / Ich packe die Ruten zusammen / und reiche ihm sacht meinen Zeh."
Vielleicht liegt sie eher im Besinnlichen, die "eigene Mitte". Zu wünschen wär's ja. In solchen Licht- und Seeblicken, traumhaft schön auch von der Kamera des Autors festgehalten: Romantisch-grausame Oderflut läßt kurz verharren; Meer umschäumt Gesteinsbrocken; Schilf durchwächst ein einsames Boot.
Den – ebenfalls vielseitigen – Fotografen Klemt interessieren neben den Naturgewalten, dem Zurück zur Natur, Symbole, Raster- und Stanzflächen. Pathos und Zartheit wechseln sich ab, das Menschenherz bleibt widersprüchlich, groß.
Thilo Kunze, Forum, Das Brandenburger Wirtschaftsmagazin, 10/2000





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