Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Erika M. Olsen
... und die Vögel singen weiter

Die Autorin nimmt ihr Tagebuch zur Hilfe und blickt zurück: auf ihre Kindheit in der Industriestadt Hof und der Kleinstadt Hirschberg bei den Großeltern; auf ihre Jugendjahre im Berlin der Vorkriegs- und Kriegszeit.
Viele kennen wir aus eigener Erfahrung oder aus Erzählungen unserer Eltern und Großeltern. Genauso war es bei uns zu Hause, genauso haben wir in den Bombennächten im Keller gesessen, genauso erfindungsreich haben wir uns durchs Leben geschlagen.
Erika Olsen schildert das Lebensgefühl einfacher Menschen und schreibt Familien- und Zeitgeschichte seit dem Beginn unseres Jahrhunderts. Eine "Arme-Leute-Geschichte", spannender als all die vielen Geschichten von den Reichen und Schönen.

Erika M. Olsen: ... und die Vögel singen weiter. 2. Aufl. 2001. 241 Seiten, 14 Fotos. Format 12,4 x 19 cm. Paperback
Preis 8,50 Euro       ISBN 978-3-933416-08-7


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Leseprobe Erika M. Olsen: ... und die Vögel singen weiter



Emma sucht einen Mann

Emma antwortete eifrig auf Heiratsannoncen in der "Grünen Post". Endlich bahnte sich ein Erfolg an. Es schrieb ein Witwer aus dem Thüringer Wald, er hatte vier Kinder und eine alte Mutter, die seit dem Tode seiner Frau den Hauhalt führte. Er war Glasbläser, hatte ein eigenes Haus mit Garten und Kleinvieh. Über die Osterfeiertage waren Emma und Gisela eingeladen.
Ja, das wäre wohl das Richtige. Gisela wollte immer schon Geschwister haben, dazu ein Haus mit Garten in Waldnähe.

Frühmorgens am Ostersonnabend ging es zum Bahnhof. Ab Hirschberg gab es Wagen dritter und vierter Klasse. Man fuhr Dritter, da waren harte Holzbänke in den Abteilen, in der Vierten gab es nur eine Bank an der Wand entlang. Im Wagen befand sich ein Ofen, den der Schaffner heizte. Während der Fahrt zwischen den Haltestellen kletterte er außen auf dem Trittbett von Wagen zu Wagen, um die Fahrkarten zu knipsen. Langsam und immerzu bimmelnd, bei Wegkreuzungen ohne Schranken laut pfeifend, ging es bergauf und bergab bis nach Schönberg. Dort kam der "richtige" Personenzug, mit dem sie bis Plauen fuhren. Nach mehrmaligem Umsteigen waren sie am Nachmittag am Ziel, einem Ort am Ende der Welt, so schien es.

Herr Greiner erwartete sie schon. Der Witwer war ein dünner hohlwangiger Mann, in einen abgetragenen Wintermantel gehüllt. Er lud Emma und Gisela auf ein Pferdefuhrwerk, das mit Stroh und alten Decken bedeckt war. Langsam zockelte der dürre Klepper über Feldwege und durch Wald. Hier lag noch tiefer Schnee und es war empfindlich kalt. Die guten Sachen zerdrückten sich unter den kratzigen Decken. In schwer verständlichem Dialekt erzählte Herr Greiner von seinen Kindern. Immer einsamer wurde die Gegend, und Dunkelheit machte sich breit, als sie am Ende eines langgestreckten Tales endlich Häuser sahen. Müde und hungrig waren sie, aber auch neugierig auf die – vielleicht – neue Heimat. Vor einem alten ungepflegten Haus hielten sie.
"Nen Augenblick, ich will bloß Pferd und Wagen zum Nachbarn bringen, ich habs geborgt, dann gehn mer gleich nein."
Die Großmutter hatte schon den Tisch gedeckt, einen großen Topf Pellkartoffeln auf dem Tisch ausgekippt, eine Pfanne mit zerlassenem Speck und für jeden einen Topf Malzkaffee hingestellt.

Am nächsten Morgen, im Halbdunkel des Bodenzimmers, stand der Atem sichtbar vor dem Mund. "Schau mal, Mutti, auf der Zudecke liegt Schnee, deshalb ist es so kalt hier." Nun sah Emma es auch, das zerbrochenen Bodenfenster war nur notdürftig mit Pappe vernagelt, und der Wind hatte den Neuschnee hereingeweht.
Schnell hinab in die warme Küche. Die Katzenwäsche vor aller Augen war rasch erledigt. Auf dem Tisch dampfte die heiße Suppe aus dunklen Roggenmehlklütern in Ziegenmilch, dazu gab es eine Scheibe grobes Schwarzbrot. Mit langen Zähnen quälte sich Gisela die ungewohnte Speise hinein. "Wirst dich schon dran gewöhnen", tröstete Herr Greiner, "hier kannst du viel Ziegenmilch trinken, die ist gesund."

Dann saß er schon wieder am Arbeitstisch. "Sie müssen entschuldigen, daß ich noch arbeiten muß, habe gestern viel Zeit versäumt und nach Ostern kommt der Händler. Der holt die fertige Ware von allen Glasbläsern ab. Bei ihm können wir auch bestellen, was wir aus der Stadt brauchen. Doch was brauchen wir schon groß. Ein bißchen Garten für Gemüse hat jeder und einen kleinen Kartoffelacker, dazu noch etwas Kleinvieh. Und Geld zum Ausgeben haben wir sowieso nicht."

Emma war enttäuscht. Sie hatte gedacht, heute hübsch angezogen im Wald spazierenzugehen, im Garten den Kindern Eier zu verstecken und mit ihnen zu spielen. Statt dessen lag draußen Neuschnee, ein eisiger Wind pfiff ums Haus und die Kleidung der Kinder mußte überall ausgebessert werden. Sie nahm sich den Korb mit den zu stopfenden Strümpfen vor. Peinlich berührt entschuldigte sich die Oma: "Ich ka scho lang nix mehr nähe, mei Finger zittern so sehre, koa kei Nadel mehr eifädele. Aber nu sin Sie doa, nu werds scho wern. De Gartenorbeit mach ich scho noch, auch das Viehzeug, es tät scho genüge, wann se sich um die Kinner ihre Schulorbeiten kimmern täten und um de Wäsch ausbessern. Dann könnse immer noch mein Sohn bei de Orbeit helfe."

Gisela sah Herrn Greiner bei der Arbeit zu. Auch die Kinder hatten jedes seine Aufgabe. Alles sah so leicht und mühelos aus, gesprochen wurde kaum, jeder wußte was er zu tun hatte. Anstrengend war wohl nur das Blasen an der heißen Flamme. Immer wieder wischte sich Herr Greiner den Schweiß von der Stirn, die Wangen hatten leuchtend rote Flecken und oft schüttelte ihn der Husten. Emma hatte schon mit Schrecken mitbekommen, daß sein Taschentuch nach dem Husten Blutflecke hatte, also TBC, die Glasbläserkrankheit. Das war wohl kein Mann für sie.
Traurig sahen ihnen Greiners Kinder nach, als sie wieder nach Hirschberg zurückfuhren.








Rezensionen Erika M. Olsen: ... und die Vögel singen weiter


"... und die Vögel singen weiter", heißt das Buch, das die Eisenhüttenstädterin Erika M. Olsen geschrieben hat. Die Autorin ist älteren Eisenhüttenstädter sicherlich noch als Bildautorin von "Neuer Tag" bekannt. Als Rentnerin wurde sie für die Sparte Schreibende des Kunstvereins Eisenhüttenstadt e. V. aktiv.
Dort gab sie Anfang der 90-iger Jahre bereits Kostproben aus ihrem Buchmanuskript. Dabei geht es vor allem um Erinnerungen an die eigene Kindheit in den fränkischen Orten Hirschberg und Hof sowie die Jugendjahre in Berlin in den 30er und 40er Jahren. Sie klingen aus mit ihrem Umzug nach Eisenhüttenstadt , das damals noch Stalinstadt hieß. Das Titelbild zeigt eine alte Zeichnung aus dem 18. Jahrhundert. otos aus dem Familienalbum lockern den Text noch mehr auf, der flüssig geschrieben das Lesen zur Kurzweil macht.
Märkische Oderzeitung v. 18.12.99



Erika Olsen reizt mit Authentischem – 77-jährige Eisenhüttenstädterin erzählt ihr Leben

"Ich könnte dir was erzählen!" Leider bleibt diese Ankündigung zu oft folgenlos. So verschwindet das farbenreiche, widerspruchsvolle, tragische und optimistische Leben mit den Personen aus dem Gedächtnis. Dort, wo viel später vielleicht einmal ein Familienforscher ansetzt, findet er oft nur noch ein paar dürre Fakten. Wie gut, daß es Leute wie Erika M. Olsen gibt, die über ihr Leben erzählen und das so pointiert und spannend, daß daraus ein Leseerlebnis mit Aha-Effekt wird: Genauso waren die Sitten bei uns zu Hause, so haben wir in den Bombennächten in den Kellern gesessen, so haben wir uns erfindungsreich durchs Leben geschlagen ...

Die 77-jährige Eisenhüttenstädterin, die früher als Sprechstundenhilfe, Bibliothekarin, Fotokorrespondentin, Reiseleiterin und Industriekauffrau arbeitete, setzte sich hin, schrieb eigene und Familiengeschichten auf, fand im Verlag Die Furt Jacobsdorf Aufmerksamkeit für ihre Erinnerungen.
Das Büchlein mit dem Titel "... und die Vögel singen weiter" ziert eine Ansicht von Hirschberg an der Saale aus dem 18. Jahrhundert, dem Städtchen, in dem die Autorin ihre Kinderjahre zugebracht hat. Das Buch verspricht auf den ersten Blick Idylle – doch gerade die löst Erika M. Olsen nicht ein. Denn Leben im 20. Jahrhundert ist alles andere als idyllische – in ganzen Bibliotheken voller Sach- und belletristischen Büchern ist es beschrieben. Doch der Leser stellt staunendfest: Aus der Sicht der sogenannten einfachen Leute kann es viel spannender sein als bei so mancher literarischer Figur.

Man lese nur einmal, wie die Heranwachsende die geschiedene Mutter bei der Suche nach einem neuen Mann und Ernährer begleitet! Mehr als in theoretisch-kritischen Analysen wird aus den kommentarlosen Geschichten und Tagebuchseiten klar, wie man sich mit dem Faschismus arrangierte, schockierende Erlebnisse wie die Reichskristallnacht verdrängte und wie hart das Erwachen in den Bombennächten war.
Märkische Oderzeitung v. 29.03.2000



Die Autorin nennt es eine Arme-Leute-Geschichte. 1986 stirbt ihre Mutter 91jährig, das lebenslange Band zwischen Emma und Gisela zerreißt, die Tochter blickt zurück ...

Erika Olsen schreibt schlicht und aufrichtig, nimmt ihr Tagebuch zu Hilfe und hält sich an die Tatsachen der Jahre, die für die Mutter vom Kaiserreich bis in die DDR, für sie selbst von der Weimarer bis in die Berliner Republik reichen. Wir treffen das Kind in ärmlichen Verhältnissen in Hof und Hirschberg, das junge Mädchen im Berlin der Vorkriegzeit, immer hautnah an der Zeitgeschichte, und wenig später im brennenden Inferno der letzten Kämpfe um Berlin. Die junge Frau lebt verheiratet im Häuschen mit Garten in Basdorf bei Berlin und zieht geschieden ihre zwei kleinen Jungen in Eisenhüttenstadt groß.

Die erste Erschütterung in diesem Frauenleben: Der Verlobte bleibt im Krieg. Und wie sich die Bilder gleichen: Der Verlobte der Mutter, Emmas große Liebe, blieb vor Zeiten auch im Krieg. So oder ähnlich lesen sich deutsche Biografien unter zwei Weltkriegen. Wir kennen vieles aus eigener Erfahrung oder aus den Erzählungen unserer Eltern und Großeltern. Vom Kohlrübenwinter 1918 und von den Hamsterfahrten auf Land nach 1945.
Wir liegen beim lesen auf der Laue, prüfen und vergleichen mit der eigenen Lebensgeschichte. So manches Mal gibt es einen stich ins Herz. Zum Beispiel, wenn das begabte Mädchen aufs Gymnasium soll, einen Freiplatz bekommen würde, die Mutter aber abblockt: Da können wir nicht mithalten, was willst du anziehen, und – Mädchen heiraten sowieso. En Kapitel für sich sind die Männer im Leben von Emma und Gisela, manchmal möchte man dazwischen gehen und Mutter und Tochter vor einer Dummheit bewahren.

Dann wieder anrührend: Ganz ohne politische Bildung und trotz der verheerenden Nazipropaganda findet Gisela zu einer menschlichen Haltung gegenüber russischen Zwangarbeiterinnen in ihrer Firma, hilft einer einsamen jüdischen Frau in ihrem Wohnungsversteck zu überleben ...
Sie holt auf und arbeitet zu DDR-Zeiten in mehreren Berufen, ist Bibliothekarin, Industriekauffrau, Fotokorrespondentin.

Einerseits werden die alten Geschichten erzählt, andererseits wird etwas Einmaliges, eben individuelles Leben, widergespiegelt. Für mich ist diese "Arme.Leute-Geschichte" spannender als all die properen Geschichten von den "Schönen und Reichen".
Spätsommer 3/2000






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