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Lothar Sonnemann
Bittere Medizin
Als Landarzt in Spreenhagen

Wie wird aus einem, vor dem Krieg jenseits der Oder geborenen, ein "Ossi" oder ein "Wessi"? Aus dem Autor wird ein Ossi in Storkow im Land Brandenburg, der sich nie vorstellen konnte, einen anderen Beruf als den eines Eisenbahners zu ergreifen. Und doch wird er Arzt. Als im Nachbarort der beliebte Landarzt Dr. Fischer verhaftet wird, er war während des Krieges Lagerarzt in Auschwitz, wird Lothar Sonnemann dessen Nachfolger. Sonnemann schildert Episoden aus seiner Tätigkeit als Landarzt, seine Schwierigkeiten mit dem real existierenden Sozialismus und seine "Zusammenarbeit" mit der Staatssicherheit.

Lothar Sonneman: Bittere Medizin. Als Landarzt in Spreenhagen. 1. Auflage 2002. Paperback, 137 Seiten, Format 12 x 19 cm.
Preis 9,90 Euro       ISBN 978-3-933416-35-3






Leseprobe Lothar Sonnemann: Bittere Medizin


Irgendwas Unbekanntes, von dem niemand ahnte, was es sei übte an diesem Morgen eine lähmende, gespannte Unruhe auf uns aus. Es war, als käme ungewöhnliches auf uns zu, dem wir nirgends entgehen konnten. Die ungewisse Ahnung verwandelte sich vehement in greifbare Realität.

Der uneingeschränkt gute Geist des Hauses war unsere leitende Operationsschwester. Trotz oder gerade wegen ihrer Jugend strahlte sie stets Ruhe und Besonnenheit aus, besonders auf uns Assistenten, wenn die Situation noch so heikel und prekär war. Ob bei der Behandlung gerade mit Sondersignalen vorgefahrener Schwerverletzter oder am Operationstisch, wenn plötzlich Zwischenfälle allen äußerste Konzentration abverlangten, immer war Verlass auf ihren flinken Hände, mit denen sie vorausschauend dem Operateur stets im richtigen Augenblick das richtige Instrument in die Hände drückte.
Um so verwunderter waren wir, als sie an diesem Morgen in Hast und sichtlicher Erregung, ihres Lächelns und ihres ruhigen Blickes beraubt, das Zimmer betragt. Was sie uns zu sagen hatte, war von solcher Art, dass wir das Gefühl hatten, als würfe sie mit jedem ihrer Worte einen Stein auf uns: "In der Nacht ist in Spreenhagen der Doktor Fischer verhaftet worden. Man hat ihn fortgeschafft, und niemand weiß wohin!"

Betretenes Schweigen folgten ihren Worten. Wir blickten uns an, und jeder sah die Ungläubigkeit in den Augen des anderen. Ich war noch nicht längere Zeit Assistent im Hause und kannte den Kollegen nur flüchtig von Schulungen und Versammlungen. Er war in meiner Erinnerung eine große, stattliche Persönlichkeit, gewöhnlich in dunklem, zweifellos maßgeschneidertem Anzug, sehr freundlich, dabei zurückhaltend, und als altgedienter Landarzt wusste er Rat und Antwort, wenn er gefragt wurde.
Im Kreis der Kollegen sprach man von dem "Fischer da draußen", wie von einem in weiter Ferne, aber jeder schätzte seine treffsicheren Diagnosen, wenn er Patienten zu uns einwies. So hatte ich einiges über ihn erfahren: dass er seit Jahren ein bewährter und geschätzter Landarzt mit Verantwortung für ein ausgedehntes Territorium im Bereich der Alten Spree und des Oder-Spree-Kanals, gelegen westlich von Fürstenwalde, mit mehreren Dörfern und zahlreichen, verstreut in Wald und Wiesen gelegenen einsamen Siedlungen war, ein Praktiker alten Stils, am Tag und in der Nacht präsent für seine Patienten auf dem Lande.
Dieser Doktor Fischer verhaftet?

Wir tauschten unsere Gedanken über das uns unverständliche Geschehen aus und einigten uns schließlich darauf, dass es sich um ein übles Gerücht oder einen Irrtum handelte. Langsam, jeder beschäftigt mit dem Gehörten, stiegen wir hinauf zur chirurgischen Männerstation, um mit unserem Chef die Visite zu Ende zu bringen. Doch waren wir nicht richtig bei der Sache, und der Chef machte sich daran, Rüffel zu verteilen.

Im Verlauf der nächsten Tage schälte sich wie aus einem dunklen Schleier heraus die uns erschreckende Wahrheit. Diese war enttäuschend und bedrückend, aber es gab kein Entrinnen. Wir mussten es unwiderruflich zur Kenntnis nehmen: Unser verehrter Kollege Doktor Fischer war verhaftet worden. In der Nacht hatte man ihn aus seinem etwas abseits des Dorfes gelegenen Haus geholt.

Viel später durchgeführte Recherchen sollten ergeben, dass Doktor Fischer wegen häufiger Kontakte zum Westen, wie es damals hieß, langfristig von der Staatssicherheit der DDR beobachtet worden war. Auch, dass er ein Auto der Marke "Mercedes" fuhr, ließ ihn suspekt erscheinen. Als eines Tages auf dem Dienstweg die Nachricht über einen Doktor Paul Silvester Fischer aus Auschwitz beim Staatssicherheitsdienst in Fürstenwalde eintraf, hatte man zugegriffen.





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Lothar Sonnemann, Bittere Medizin
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