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Hilde, 19, Lehrerstudentin, flieht im Januar 45 allein mit dem Fahrrad bei Schnee und Frost aus Polen. Eine Bombennacht beendet den Traum von der Abschlußprüfung. Im April 45 Flucht Richtung Westen. Das Zusammentreffen mit zwei KZ-Häftlingsfrauen und der Überfall auf die Flüchtlinge in einer Feldscheune lassen Hildes Weltbild zerbrechen.
Welch ein Glück, den Krieg überlebt zu haben. In der neuen Welt wird sie Lehrerin. Sie und ihr Mann bauen ein Schule nach ihren Vorstellungen auf. Doch das Glück hat seinen Preis.
Hildegard & Siegfried Schumacher: Fast ein Sonntagskind. 1. Auflage 2005. Paperback, 136 Seiten, Format 13,5 x 20 cm.
Preis 12,80 Euro ISBN 978-3-933416-58-2
von den gleichen Autoren erschienen:
Davongekommen
Großmutters Rock
Sommer mit Judith
Bratapfelzeit
Leseprobe Hildegard und Siegfried Schumacher: Fast ein Sonntagskind
Der letzte Atemzug des Krieges
Am nächsten Tag wurden die Handwagen bepackt. Zum Schluß mußten wir mehr wegräumen, als auf dem Wagen Platz gefunden hatte. Zwar sagte Mutti: Immer nur das Nötigste, um im gleichen Augenblick etwas heranzutragen, was sie später fortschaffen mußte. Die Zeit drängte. Gerüchte verbreiteten sich in der Stadt: Der Russe habe die Oder überschritten.
Für den Morgen des 19. April 1945 war der Abmarsch festgelegt ...
Ehe wir uns auf den Weg machten, ging Mutti noch einmal durchs Haus. Aus meiner Fluchterfahrung hatte ich geraten, die Wohnungstüren nicht abzuschließen. Mutti fiel es schwer, die Tür offen zu lassen. Werkstatt und Keller wurden auch nicht verschlossen. Mutti musterte jedes Möbelstück, die Gardinen, die Sofakissen, strich über das Radio, ein Blaupunkt, hielt die Kuckucksuhr an. Ich war sicher: Mutti rief die Erinnerungen ab, und all das machte es ihr nicht leichter, dieses Stück ihres Lebens hinter sich zu lassen ...
Der Flüchtlingsstrom floß in Richtung Fürstenberg ... Wieder neigte sich der Tag dem Ende zu. Ich verließ die Hauptstraße, bog in einen größeren Waldweg ein. Ich kam an einen See. Ich wollte anhalten, als ich vor mir ein Häuschen sah. Oder war es eine Laube? Langsam fuhr ich näher. Die Fenster waren geschützt mit Fensterläden. Ich probierte das Gartentor. Das war zu. Ich beugte mich über den Zaun. Der Sicherungshaken war vorgelegt. Tür auf. Eine Veranda. Die war offen. Ich stellte mein Fahrrad hinein, umkreiste das Häuschen. Der Garten war bestellt. Ein Fensterladen ließ sich öffnen. Ich drückte gegen das Fenster. Es gab nach. Ich kletterte in die Stube. Sah mich um. Dämmerlicht. Nur was hockte neben dem Schrank in der Türecke? Schmuddlig blau-weißgestreift? Ich sah genauer hin.
"Was macht ihr hier?" fragte ich
Die beiden Gestalten zitterten. So ausgemergelt wie sie waren, glichen sie mehr Gespenstern. „Wo kommt ihr her?" fragte ich.
"Ravensbrück"
"Fürstenberg", sagte die andere Gestalt.
"KZ", hörte ich.
KZ? In Ravensbrück sollte auch ein KZ sein? Das sollten Staatsfeinde sein? Ich stand auf, zog den Fensterladen heran, verriegelte ihn, schloß das Fenster. Eine Tischlampe stand auf dem Tisch. Ich knipste sie an. Licht flammte auf.
"Kommt her", sagte ich und zeigte auf die Stühle, "setzt euch."
Sie kamen näher, zögernd, hockten sich auf die Vorderkanten der Stühle. Ich heiße Hilde", sagte ich und hielt ihnen die Hand hin. Vorsichtig gaben sie mir ihre. Eva hieß die kleinere, Agnes die größere. Wer älter war, konnte ich nicht erkennen. Beide sahen uralt aus.
Ich spürte, daß sie Hunger hatten. In der kleinen Küche fand ich Haferflocken. Hinterm Haus hatte ich eine Pumpe gesehen. Ich holte Wasser, schob mein Fahrrad ins Haus. Kleinholz lag neben dem eisernen Herd. Fast wie zu Hause. Salz war vorrätig. Ich kochte eine dicke Haferflockensuppe! Teller auf den Tisch. Aufgefüllt. Ich erinnerte mich an das Brot. Drei handliche Scheiben schnitt ich ab. Eine Tüte Pfefferminztee fand ich. Ich sagte den beiden, sie sollten nicht so hastig essen. Es fiel ihnen schwer, doch sie bemühten sich. Der Tee war ohne Zucker. Aber heiß war er. Im kleineren Zimmer standen zwei Betten. Decken waren vorhanden. Bettzeug nicht. Sie legten sich hin und schliefen sofort.
Im Volksempfänger hörte ich, daß Hitler tot sei. Das ist das Ende, dachte ich. Ich sah die beiden Häftlinge vor mir und fand es gerecht. Ich legte mich auf die Liege im Wohnzimmer. Einschlafen konnte ich nicht. Ich mußte an meine Familie denken. Und ich saß da mit zwei Häftlingen. Würden wir entdeckt werden, könnte es unser aller Tod sein. Vorsicht, dachte ich. Vorsicht, der Krieg ist noch nicht aus. Mit dem Gedanken muß ich eingeschlafen sein. In der Nacht tauchten immer wieder die beiden Häftlinge auf. Ich sah die toten Augen der alten Frau, sah die Soldaten an den Bäumen. Mein Freund Fritz lag bei mir. Ich spürte, dass er weinte. Davon wurde ich munter. Mein Kopfkissen war naß.
Mit dem ersten Morgenlicht stand ich auf. In der Küche fand ich einen großen Wäschetopf. Einen Eimer Wasser holte ich von der Pumpe, schüttete ihn in den Topf, machte Feuer. Ich sah mich in der Küche um. Vier Erbswürste fand ich, Tütensuppe und Haferflocken. Es würde einige Tage für die beiden reichen.
Alte Hosen und zwei Jacken lagen oben im Schrank. Sogar Nähzeug. Die beiden Frauen sahen in die Küche. "Wollt ihr?" fragte ich. Sie nickten. Wasser holen, Topf füllen. Warten. Ich bereitete eine Erbssuppe vor, Tütensuppe, aber eßbar.
Die beiden Häftlingsfrauen hatten sich ihrer Kleidung entledigt. Sie wuschen sich gegenseitig. Sie waren Knochen mit Haut. Die Brüste schienen eingetrocknet. Ich mußte wegsehen.
Die Suppe schmeckte gut, die Scheibe Brot köstlich. Eva kam aus der Neumark. Sie hatte eine Liebschaft mit einem Polen gehabt. Gerade dreißig Jahre war sie. Agnes hatte in Berlin Flugblätter verteilt. Sie war über fünfzig. Das erfuhr ich beim Essen. Ich sagte, daß ich meine Familie suchen müsse. Es war eine Ausrede, aber ich hatte Angst zu bleiben. Blieb ich, mußte ich die Russen fürchten, die Deutschen aber auch. Ich beschimpfte mich als Feigling, ohne meinen Entschluß zu ändern.
Am liebsten hätte ich mich irgendwo in den Chausseegraben gesetzt. Aber die Russen kamen. Ich trat weiter mein Rad bergauf, bergab und hatte Glück, fand Anschluß an eine Familie: Vater, Mutter, zwei Jungen, ein Mädchen.
In der Nacht fanden wir und andere Flüchtlinge Quartier in einer Feldscheune. Meine Fluchterfahrung signalisierte mir: Vorsicht! Ich verkroch mich auf dem obersten Boden, ganz hinten im Stroh.
In der Nacht kamen die Russen. Sie plünderten und nahmen den Flüchtlingen Uhren und Wertsachen ab. Sie vergewaltigten auch Frauen und das Schreien und Weinen der Kinder drangen bis zu mir hinauf, obwohl ich mir die Ohren fest zuhielt. Es fielen auch Schüsse. Männer, die ihren Frauen, Väter, die ihren Töchtern zu Hilfe kommen wollten, wurden abgeknallt.
Schreie! Weinen! Gestöhn! Saßen die Mörder in jedem Volk?
Erst spät am nächsten Tag, als kein Ton mehr zu hören war, wagte ich es, aus meinem Strohberg herauszukriechen. Die Scheune war leer. Auf der Tenne sah ich mehrere eingetrocknete Pfützen Blut. Ich schlich aus der Scheune. Mein Fahrrad war weg. Weiter zu Fuß. Ich vermied es, mit Menschen zusammenzutreffen.