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Wolfram Zebe
Ein Hund namens Sowas
Lausbubengeschichten

"Onkel Jonathan, wie war das früher, als Sie so alt waren wie wir?"
"Ooch, ich war so brav wie ein Engel, so etwas gibt es heute gar nicht mehr, er lächelt dabei ein wenig."
"Haben Sie nie mit Steinen geschmissen?", will Matz wissen.
"Ich? Ich wußte gar nicht, wie ein Stein aussieht."
"Haha, das glaube ich nicht", rief Jonni.
"Hast recht, ich war nicht viel anders als ihr, wir haben auch allerlei angestellt. Aber es war eine schwere Zeit im Krieg danach. Doch wir haben auch viel Interessantes erlebt, so was kennt ihr heute kaum noch."
"Erzählen Sie uns davon?", fragt Jenni.

Wolfram Zebe: Ein Hund namens Sowas. Lausbubengeschichten. 1. Auflage 2006. 72 Seiten, Format 14,5 x 20,5 cm. Mit Illustrationen von Bernhard Ast
Preis 9,50 Euro       ISBN 978-3-933416-65-0








Leseprobe Wolfram Zebe: Ein Hund namens Sowas


Kartoffelkraut und Mäuse

Es ist Herbstzeit. Das Laub haben sie ordentlich geharkt, alte Äste darf Jonni mit einer Säge abschneiden. Die drei sind mit Eifer dabei, es macht ihnen Spaß.
"Jonni", ruft der Alte, "lauf zum Bürgermeister und frage, ob wir die Gartenabfälle verbrennen dürfen." Die Kinder jubeln. Das fetzt, ein Feuer! Matz ist begeistert.
Bald brennt ein lustiges Feuer. Jonathan schickt Jenni in seine Küche, sie soll einige große Kartoffeln aus dem Korb holen.
"Wozu? Zum Schmeißen?", rutscht es Matz heraus.
"Dazu nimmst du doch Steine. Du wirst schon sehen." Er wirft die Kartoffeln ins Feuer. "Und jetzt holt euch was zum Sitzen. Da hinten liegen ein paar Holzkloben. Wir machen eine Pause."
"Warum schmeißen Sie die Kartoffeln da rein?", fragt Jenni.
"Werdet schon sehen", sagt Jonathan.
"Weißt du eine Geschichte, Onkel Jonathan?", fragt sie.
"Ja doch, darum sollt ihr ja die Pause machen. Bis wir die Kartoffeln aus der Glut holen."

"Also: In den Herbstferien machte es uns damals viel Spaß. Die Felder waren abgeerntet, man konnte laufen, Drachen steigen lassen, selbstgebastelte, versteht sich. Zum kaufen hatten wir kein Geld. Wer den größten Drachen gebaut hatte, der am höchsten stieg, war Sieger. Mir ist einmal die Drachenschnur gerissen, sie war über zweihundert Meter lang. Ich mußte drei Kilometer hinterher laufen.
Und auf den Kartoffelfeldern war Erntezeit, da war was los. Viele haben mitgeholfen, wir Kinder auch. Kartoffelerntemaschinen gab es noch nicht, der Schleuderradroder, der von zwei Pferden gezogen wurde, warf die Kartoffeln aus der Erde. Alles wurde mit den Händen aufgelesen. Manchmal, wenn der Bauer Krüger eine Pause machte, um sich die Tabakspfeife zu stopfen, durften Friedrich und ich abwechselnd den Roder fahren. Da saß ich auf dem Sitz und war stolz. Ich führte die Pferde an der Leine, sie waren brav, sie kannten ihren Weg. Ich hatte immer ein paar Mohrrüben in der Hosentasche, damit wurden die beiden meine guten Freunde. Am Anfang und am Ende der Furche mußte ich mit einem Hebel die Maschine ein- und ausrasten. Das war gar nicht so leicht."

"Das durftest du machen?", fragt Jonni, "wie alt warst du da?"
"Dreizehn, so wie du jetzt. Der Bauer hat dann auch zwischendurch mit der Egge das trockene Kartoffelkraut zusammengeschleppt. Wir haben es auf Haufen gestapelt und durften es abbrennen. Mit Forken haben wir die Glut von einem Haufen zum anderen getragen."
"Mann, da war was los, damals", staunt Jonni wieder.
"Na sicher, das hat mächtig Spaß gemacht. Der Rauch der Kartoffelfeuer war bis ins Dorf zu riechen, die Kartoffelernte war immer wie ein Fest. Und ins Feuer haben wir ein paar der schönsten und größten Kartoffeln geworfen, so, wie ihr jetzt."
"Warum?", fragt Matz.
"Warte es ab. Es waren halt Kartoffelferien, die halbe Schulklasse war mit auf dem Feld. Wir durften immer einen vollen Kartoffelkorb mit nach Hause nehmen. Wer fleißig war, bekam auch zwei Körbe. Abends durfte ich manchmal nach Hause kutschieren und die Pferde ausspannen. Ich habe sie getränkt und ihnen Futter eingegeben. Und wenn es Vesperzeit war, wurde es richtig lustig. Alle saßen beisammen, wir Kinder und die Frauen. Sie haben ihre Kaliten geholt, da waren die Stullen drin."
"Was ist denn das, 'ne Kalite?", fragt Jenni.
"So hießen die alten Brottaschen, aus Holzspänen geflochten. Ich habe noch eine auf dem Boden zu stehen, ich zeig sie euch mal.

Und jetzt kommts: Heimlich haben wir Mäuschen gefangen, es liefen immer welche herum, sie verkrochen sich schnell in ihre Löcher. Aber wir waren fix, eine habe ich doch gefangen und in die Hosentasche gesteckt. Nachbars Heiner und der Sebastian auch, sie waren Meister dabei.
Auf einmal – da schrie Tante Emma, Heiners Mutter, schrie, als ob sie jemand aufgespießt hätte. Was war geschehen? Haben Heiner und Sebastian ihr doch heimlich ein Mäuschen in die Kalite geschmuggelt. Und dieses kleine liebe Tierchen ist ihr beim Aufmachen direkt an die Nase gesprungen – hat vor Angst zugekniffen – so ein Spektakel. Bauer Krügers Frau schimpfte uns aus. Sie trat ganz dicht an Sebastian heran, sie kannte diese Streiche und wackelte drohend mit dem Finger unter seiner Nase: So was dürft ihr nicht mit den Großen machen! Sie hatte sich grade zu den anderen gesetzt, um ihr Brot zu essen – da schrie sie ebenso auf. Ist doch ein Mäuslein ganz unschuldig aus ihrer Kitteltasche geklettert, an ihrem Kittel hoch bis an den Hals – herrje! Sebastian hatte es flink wie ein Taschendieb in ihre Kitteltasche gezaubert, jetzt ist er ausgerissen."

Die Kinder konnten vor Lachen kaum Luft kriegen, als Jonathan weiter erzählte, daß die Maus vor Angst in ihren Halsausschnitt geschlüpft war: Sie krabbelte auf ihrem Bauch, die Krügerin ist herumgetanzt und hat um Hilfe geschrien. Der Bauer wollte das Mäuslein befreien und in ihren Busenausschnitt fassen, da hat sie ihm eine gelangt – aber jetzt sind wir alle ausgebüxt.

"Und nun holt die Kartoffeln aus der Glut, aber vorsichtig, damit ihr euch nicht die Finger verbrennt."
Jonni rollt sie mit einer Hacke heraus, die Knollen sind ganz schwarz verkohlt. Onkel Jonathan bricht sie auseinander, da leuchtete es golden und dampfend aus der schwarzen Kruste.
"Nun kostet mal", sagt er. Jonni und Jenni pusten in ihre Hände, so heiß sind die Kartoffeln. Es schmeckt ihnen herrlich, mehlig, rauchig. So haben sie ihnen noch nie geschmeckt.






Rezensionen Wolfram Zebe: Ein Hund namens Sowas



Mit Mostrich gefüllter Kuchen

Ein Hund namens Sowas heißt das fünfte Buch, welches Wolfram Zebe aus Kummerow veröffentlicht hat. Der kleine oder auch große Leser erlebt mit Kai und Jonni, deren Schwester Jenni und Klein-Matz einige Abenteuer.
Elf Geschichten laden ein, den Lausbuben immer dicht auf den Fersen zu bleiben.
Mein Anliegen ist es, die Kinder wieder zum Lesen zu animieren. Heutzutage sitzen die Kleinen stundenlang vor dem Fernseher oder dem Computer. Das kann nicht gut sein, sagt Wolfram Zebe.

Der 78-Jährige hatte noch so manch Episode aus seiner Jugendzeit im Kopf. Seine Frau Irene ermunterte ihn, diese doch einfach mal aufzuschreiben. Weitere Anregungen bekam er teilweise zugetragen. Zum Beispiel bei einem Gespräch über den Gartenzaun.
Eine Frau aus der gegenüberliegenden Bungalowsiedlung erzählte ihm von einem Aprilscherz. Da hatten sich die kleinen Racker gleich mehrere Streiche ausgedacht. Zu guter Letzt fielen sie doch auf ihren Nachbarn rein, als sie in den mit scharfen Mostrich gefüllten Kuchen bissen.
Die andere mit dem Karnickelstall, der im Keller zusammengebaut wurde und dann nicht mehr ins Freie paßte, erlebte der 78-Jährige in der eigenen Kindheit. Meine Mutter musste sich damals sogar auf die Kohlen setzen, weil sie nicht mehr aufhören konnte zu lachen, erinnert sich der 1928 in Breslau geborene und seit 1973 in Kummerow lebende Autor noch heute.
Märkische Oderzeitung vom 5. Juli 2006







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