Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Hans Joachim Nauschütz
Strubbelkopp

Strubbelkopp – das ist nur einer der Jungen, von denen die Geschichten handeln. Erzählt wird unter anderem von Pit und Stefan, die das Geheimnis der englischen Porzellanhunde im Fenster entdecken, vom Versuch, den Weihnachtskarpfen zu angeln, von Pawel, der jetzt Paul heißen muß, von Tolik aus dem Asylantenheim, der sich nach Kiew zurücksehnt, trotz des roten Pappschildes mit der Aufschrift Jude am Haus seines Großvaters, oder von dem Jungen, der auf den Eisvogel wartet.
Der Autor trifft den typischen Kindergedankengang, aber seine Figuren sind auch Kinder, die heute nicht mehr ganz alltäglich zu sein scheinen, z.B. Jungen, die glücklich sind im Wald zu spielen.
Das Buch versetzt auch erwachsene Leser unvermittelt in die manchmal wehmütigen Erinnerungen an die eigene Kindheit.

Hans Joachim Nauschütz: Strubbelkopp und andere Geschichten. 1. Auflage 1998. Festeinband, 99 Seiten, Format 15 x 20,5 cm. Illustration Wolfgang Würfel
Preis 8,00 Euro       ISBN 978-3-933416-04-9








Leseprobe Hans Joachim Nauschütz: Strubbelkopp


Eisangeln

Vor Weihnachten bricht zu Hause das Durcheinander über uns herein. Dafür ist niemand verantwortlich, sagt Opa, es ist eben so. Also auch nicht ich, der ich neun Jahre alt bin und in die vierte Klasse gehe. Meine Schwester Klara ist ebenso nicht verantwortlich, obwohl Mutti mit scharfem Blick auf mich und mildem Blick zu meiner Schwester meint: "Klara, Schätzchen, die Klügere gibt nach." Vater ist schon gar nicht verantwortlich, weil er nie Zeit hat.

Rundheraus, alles lastet auf Mutter. Aber deshalb kann sie natürlich nicht für alles, was die Familie angeht, verantwortlich sein.
Und weil ich das einsehe, greife ich ein. Ich sehe die Gefahr, die über unseren Köpfen schwebt, und ich greife ein. Gerade vor dem Weihnachtsfest ist das wichtig. Es sind Geschenke zu besorgen und zu verstecken. Es ist der Weihnachtsbaum auszusuchen. Die Gans muß gekauft werden.

Vergangenes Jahr zum Beispiel fehlte die Tannenbaumspitze. Klara hatte sie beim Abputzen des Baumes zerbrochen. Alle hatten gesagt, es muß eine neue gekauft werden. Und als der Baum stand und Mutti den Baumschmuck aus dem Keller geholt hatte, fehlte die Spitze. Und das am Heiligabend. War das ein Theater! "Wer ist dafür verantwortlich?" erregte sich Vater. "Ich natürlich", antwortete Mutter und schlug die Augen an die Zimmerdecke. Sie wischte sich die Hände mit der Schürze ab und ging wieder in die Küche. Sie tat mir sehr leid. Und da griff ich ein.

Im Werken hatten wir gelernt, aus Stroh, aus goldgelbem Weizenstroh, Matten zu flechten. Ich lief zu Frank, dessen Eltern Ziegen halten und die ein paar Morgen Land ums Haus haben. Ich bastelte aus dem Stroh eine Figur, die einem Engel ähnlich sah. Die setzten wir auf die Weihnachtsbaumspitze und schmückten sie mit Engelhaar. Ich erzählte zu Hause nicht, daß ich hatte Ziegenbutter essen müssen bei Frank. Es war kalt draußen, und ich bekam Kakao vorgesetzt und die Frage nach meinem Hunger. Ich bin immer hungrig, da muß nicht gefragt werden. Das Brot war mit Ziegenbutter bestrichen. Mein lieber Mann, die schmeckt sehr streng. Aber wegen dem Weizenstroh aß ich die Stulle auf. Ich nannte mich einen Helden, sprach aber nicht darüber. Der Strohengel auf der Weihnachtsbaumspitze sah mit schief geneigtem Kopf in unsere Weihnachtsstube. Alle waren zufrieden. Das war, wie gesagt, im vergangenen Jahr.

In diesem Jahr hatten wir zu Weihnachten nicht nur Schnee, sondern strengen Frost. Mindestens 12 Grad, sag ich mal. Jedenfalls fror es Stein und Bein, wie mein Opa sagt, wenn es sehr frostig ist. Ich kann mich nicht erinnern, daß es jemals so kalt gewesen wäre. Opa meint, er kenne sich mit Wintern aus, und ich sei einfach zu jung, um solche Sachen zu wissen. Er kann mindestens zehn kalte Winter aufzählen, und zu einem sagt er "Jahrhundertwinter". Aber ich sah das Unheil auf uns zukommen, weil keiner vom Weihnachtskarpfen sprach.

Karpfen in Biertunke, wißt ihr wie das schmeckt? Es handelt sich um Malzbier, nicht um irgend ein Pilsner, nein, Malzbier. Wir hatten vor ein paar Wochen wie üblich gewürfelt, welche Art Karpfen dran ist zu Weihnachten, Karpfen blau oder in Biertunke. Es gewann Biertunke. Aber – der Karpfen wurde nicht gekauft. Da wurde ich sehr unruhig. Ich sprach: "Der Karpfen muß noch gekauft werden. Wenn keiner Zeit hat, auch Klara nicht, dann kaufe ich ihn." Wir wohnen auf dem Dorf, zu dem kommt das Fischauto. Und wer nicht zuschlägt, der hat keinen Karpfen. Da ich einmal vor Jahren einen Geldschein verloren habe, bekomme ich in der Regel kein Geld in die Hand. Außer meinem Taschengeld, das ich noch nie verloren habe. Das reichte aber nicht für einen ordentlichen Karpfen.

Ich dachte lange über den fehlenden Karpfen nach, sehr lange, etwa eine Stunde. Ich schaltete sogar den Fernseher aus, weil der Trickfilm mich am Nachdenken hinderte. Ganz bestimmt hatten alle Nachbarn Weihnachtskarpfen gekauft, überlegte ich. Sie hatten ihre Kühlschränke mit den wunderbaren Sachen so vollgeknallt, daß der Karpfen keinen Platz mehr darin fand. Und weil es kalt war, lag das Familienfreßstück auf der Fensterbank und wartete vor sich hin. Ich brauchte nur auszuschwärmen und einen greifen. Von Franks Eltern wußte ich das ziemlich genau. Der Karpfen lag auf der Fensterbank. Ich sagte mir, daß ein geklauter Karpfen zu Weihnachten nicht das Richtige ist. Man hat ein schlechtes Gewissen, und die Biertunke rettet davon auch nichts mehr.

Dann hatte ich den Einfall. Ich schaute mir meine Angelausrüstung an. Ich wählte eine haltbare Schnurstärke für einen Fünfpfünder. Fünf Pfund mußte er schon haben, der Karpfen, wenn auch ich ein ordentliches Stück auf dem Teller haben wollte. Ich besorgte mir von Franks Vater einen Eisbohrer. Ich wanderte zum See. Ich mußte zweimal gehen, weil ich auch einen Campingstuhl brauchte. Fürs Warten. Ich hatte dicke Socken angezogen. Ich ging also auf das zwanzig Zentimeter dicke Eis. Ich wollte einen Karpfen. Hatte ich im Sommer nicht Barsche, Rotfedern und Plötzen aus dem See gezogen und auch einen Blei, obwohl der sehr vorsichtig ist? Waren die Fische nicht länger als zwölf Zentimeter gewesen? Hatte ich sie nicht in mein Fangbuch eingetragen, nachdem ich sie unter Zeugen, Mutti und Opa waren Zeugen, mit der Küchenwaage gewogen?

Am ersten Weihnachtsferientag, es war ein Freitag ging ich auf den See. Ich bohrte mit großer Anstrengung ein Loch in das Eis. Ich hackte es auf zu einem Viereck. Das heißt, ein Mann half mir dabei, denn ich hatte keine Axt oder ein Beil. Ich hätte Axt oder Beil nicht unentdeckt aus dem Stall holen können. Ich bereitete die Angel vor. Ich spuckte auf den Haken, wie ich es immer tat. Mein Anisteig klumpte und war bröcklig. Ich feuchtete ihn mit Spucke an. Da ging er geschmeidig auf den Haken.
Ich angelte acht Plötzen und einen Barsch. Ich wartete auf den Karpfen. Er kam nicht. Auf dem Eis gingen die Lichter an. Die Angler hatten Lämpchen mitgebracht. Ich hatte eiskalte Füße. Und der Karpfen kam nicht.

Als ich meine Ausrüstung einpackte, war ich sehr niedergeschlagen. Die Fische – es war vielleicht ein Kilo – vielleicht auch weniger. Ich brachte die Fische nach Hause und legte sie still in der Küche ab. Klara, Mutti und Vati und Opa standen um mich herum und sahen stumm zu, wie ich sie wog. Ihren Gesichtern sah ich an, daß ihnen endlich der Karpfen einfiel, der fehlte.
"Ich habe es versucht", sagte ich. "Ein Karpfen ist mir nicht an den Köder gegangen", sagte ich.

Alle nickten dazu, und ich hatte das Gefühl, ich könnte ein wenig stolz auf meinen Versuch sein. Da sagte mein Vater: "Der See wird jedes Jahr im August abgefischt und im November nochmal. Weißt du das nicht? Sie waren doch hier mit ihren Netzen. Ach, Ole, du bist mir ein Angler!" Mein Vater seufzte sogar. Und alle nickten wieder dazu, als hätten auch sie gewußt, was für ein Dämelsack ich bin.

Den Dämelsack habe ich mir nicht angezogen. Es wurde noch ein schönes Weihnachtsfest. Das kann ich allen versichern. Aber es gab keinen Karpfen in Biertunke. Und wenn ihn meine Familie nicht vermißt hat, ich habe ihn vermißt. Deshalb sagte ich am Abend des zweiten Feiertages: "Ohne Karpfen kein Weihnachten!"
"Wenn er recht hat, hat er recht", antwortete mein Vater und wickelte sein Marzipanstück aus dem bunten Papier. Es hatte die Form eines Karpfens, sah ich. Aber keinem fiel das auf.









Rezensionen Hans Joachim Nauschütz: Strubbelkopp



Nauschütz, den Lesern der "Beiträge" als gediegener Rezensent und in der Szene als umsichtiger Organisator von Fachtagungen zum Kinder- und Jugendbuch bekannt, hat mit seinem ersten, speziell an junge Leser adressierten Erzählband bewiesen, daß ihm das Metier liegt, daß er keine schlechte Figur macht unter den vielen, vielen, die für Kinder schreiben. Das Buch fällt aus dem Rahmen – nicht nur der Kuriosität wegen, daß ausgerechnet auf dem Titelblatt der Autorenname leicht verhunzt erscheint: aus Joachim wurde Joachiam. Aus dem Rahmen des Üblichen oder sogenannt Modernen fällt, daß in den elf Geschichten weder Spektakuläres noch etwas vorkommt, was sich in die chique Rubrik Tabubruch einreihen lassen könnte. Kein schwuler Vater, nirgends eine versoffene Mutter, von Inzest kei ne Rede; es fehlen Grausamkeiten und deftige "Ausdrücke". Heile Welt also, Vorbeiblick an der kindlichen Realität von heute? Gemach, gemach!

Wenn, dann mag das partiell zutreffen für die Episoden um Strubbelkopp, den Jungen vom Darß. Da wird viel Landschaft geschildert, da kommen heile Flora und heile Fauna zur Genüge vor, da ist der Handlungsraum idyllisch, und die Figuren leben auf Duzfuß mit Heide, Kirr und allem, was da kreucht und fleucht, und der Erzähler erfindet im Großvater und Onkel Adam Erzähler, die um Traditionen wissen und die alten Legenden kennen. Daß die Mutter ohne Arbeit ist, wird peripher erwähnt und überliest sich. Dennoch kommen Probleme zur Sprache, alltägliche, "kleine". Nur daß sie eher andeutet als ausbreitet.

Da muß einer schon ein genauer Mitfühlender sein, wenn er begreifen soll, daß Stefans Vater seine Seefahrten immer so einrichtet, daß er gerade dann unterwegs ist, wenn im Heimatdorf das Tonnenreiten stattfindet. Da steht nicht geschrieben: Der Vater hat Angst vor einer Blamage. Aber die Summe der Andeutungen und -spielungen läuft auf diese Erkenntnis hinaus. Wenn Stefan und sein Freund herausfinden, warum die Sommergäste vorzugsweise in Häuser ziehen, in deren Fenster englische Porzellanhunde stehen. und beide eine geschäftsförderliche Idee entwickeln, dann paßt das in die neuen Zeiten, die auch am Haff nicht mehr die alten sind. Schafböcke sollen in die Fenster, Schafböcke aus Papierteig. Na, wenn die das Gewerbe nicht beleben.

Dennoch, die Strubbelkopp-Geschichten wirken alles in allem zu wenig gebändigt, zu beiwerküberfrachtet. zu disproportioniert. Es gibt verwirrende Sprünge von erlebter zu erinnerter Handlung; breite Impressionen vernebeln das Wiederauffinden der Fabel, und mitunter passiert es sogar, daß die berühmt-berüchtigten Pistolen an die Decke gehängt werden und dann nie losgehen. Daß in "Das Riesengewicht" nach längerem Umherschweifen des Textes ein Schwarzspecht auftaucht, der Stefan und Freund Pit zu einem Eisenklumpen samt Henkel lockt – das ist kein schlechter Einfall. Da wird Unheimliches, Spannendes erwartet: Bombe, Schatztresor, Gespensterkübel, Piratengrab.

Der Leser muß sich genarrt fühlen, wenn ihm dann eine Dänensage serviert wird als Vermutung und unfortgesetzte Spinnerei. Abgesehen von dem hüttentechnischen Unsinn, daß das von den Dänen herübergeschmissene Gewicht aus Erz geschmiedet worden sei. Sagen sollen Sagen sein, als Vehikel für nicht durchdachte Geschichtenfinale taugen sie nicht. Oder es müßte anders zur Symbiose kommen. Nauschütz, der zu gewissem Grad bekennender Preuße ist, wäre hier mehr (erzählerische) Disziplin anzuraten. Das alles gilt nicht für die "noch ganz anderen Geschichten", die, ihrer sechse, das Salz des Buches ausmachen. Die Willy-Geschichte zum Exempel – ein feines und pfiffiges Erzählchen über die Identitätsfindung eines Knaben, der seinen Namen annimmt. Der Anfang der kleinen Groteske verspricht, was alles danach hält: "Erst seit ich in der neuen Schule bin, gibt es in meiner Klasse einen, der Willy heißt. Und das bin ich ..."

Und dann die Erpressergeschichte. Ein eulenspiegelnder Bursche setzt perfekten Alphabetismus ein, um zu einem Fußball zu kommen, und ein schelmischer Arzt spielt mit. Da, wie auch in den Erzählungen über Aussiedlerkinder und deren Erlebniserfahrungen in Deutschland, solche und solche, zeigt Nauschütz narratives Format. Da stimmen die Töne und die Zwischentöne auch. Dem Leser wird entsprochen, indem er getroffen wird. Vorher gab der Autor zu viel von ihm noch nicht Bewältigtes einfach weiter: hier aber ist Maß und ist Entsprechung. Beiwerk bleibt reduziert und verständnisdienend eingesetzt. Das schafft Atmosphäre, die bestimmten Reize, ohne die kein Buch auskommt, das eins eigentlicher Literatur ist. Hier anknüpfend, produktiv und (selbst-) kritisch, dabei bedenkend, daß Buchfiguren immer auch ein Maß an Unberechenbarkeit haben und beanspruchen dürfen, und zu nahe Nähe zu Pludra aufhebend, sollten dem nunmehr ausgewiesenen Kinderbuchautor Hajo N. weitere Würfe gelingen. Die Auszeichnung mit dem EBERHARD, dem Literaturpreis für umweltengagierte Kinderbuchtexte, muß ihn dazu ermuntern, wie sie ihn bestätigt hat. Bleib, was du sein wirst, Joachiam!
Steffen Peltsch, Beiträge Jugendliteratur und Medien 2/99






Liebevolle Geschichten vom Strubbelkopp

Da liegt ein kleiner Junge mit Heimweh im Gästebett bei Onkel und Tante. Alle Attraktionen der Stadt vermögen nicht, seine Sehnsucht nach Meer, Strand und Küstenlandschaft zu schmälern. Ein Hauch Wehmut zieht sich durch Hans Joachim Nauschütz' Buch mit den Geschichten vom "Strubbelkopp". Aber eben nur ein Hauch. Schon in der zweiten Geschichte begegnen die Leser dem "Strubbelkopp", der eigentlich auf den Namen Stefan hört, in dessen angestammter Umgebung Mecklenburg. Dort fühlt er sich wohl, kennt jede Baumwurzel, dort läßt er seiner regen Phantasie freien Lauf.

Gemeinsam mit Freund Pit findet Stefan im Wald verborgen ein riesiges metallenes Ding – ein Riesengewicht aus früheren Zeiten zum Wiegen von Pferden, vermutet Pit. Aber Stefans Gedanken gehen andere Wege: Der dänische König, der einst auch über Mecklenburg herrschte, hat aus Enttäuschung, daß ihm das Land nicht mehr gehört, das Gewicht von Dänemark aus mit einem Riesen Blasebalg ans andere Ostsee-Ufer geschleudert. Auch andere Figuren finden Platz in Nauschütz' Kinderbuch-Erstling, er jetzt herausgekommen ist: etwa der kleine Willy, der seinem Namen ein Ypsilon hinten anhängt, so wie Wilhelm der Eroberer es einst tat.

Unendlich liebevoll sind die Geschichten erzählt. Wolfgang Würfel hat sie mit feinstrichigen Illustrationen versehen. Der Autor trifft den typischen Kinder-Gedankengang. Aber seine Figuren sind auch Kinder, die heute nicht mehr ganz alltäglich zu sein scheinen, z. B. Jungen, die glücklich sind, im Wald zu spielen. Insofern läßt sich das Buch nicht nur dem Nachwuchs schenken, sondern versetzt auch erwachsene Leser unvermittelt in die manchmal wehmütige Erinnerung der eigenen Kinderzeit.
Märkische Oderzeitung v. 24.11.1998



Liebe zu den leisen Helden

Die Helden von Achim Nauschütz sind die Leisen. Die Phantasiebegabten. Die er kennt und liebt und nach denen er Sehnsucht hat. An die er seine Hoffnungen hängt und mit denen er sich verbündet als Erzähler von "Strubbelkopp und noch ganz andere(n) Geschichten". Überdies ist das im Verlag die Furt edierte Bändchen auch eine Liebeserklärung an die Heimat des Schriftstellers im Norden Deutschlands mit ihrer spröden Landschaft, ihren spröden Leuten.

Schon in der ersten Geschichte wird das deutlich, wenn Strubbelkopp irgendwo in Frankfurt (Oder) erwacht und sich den Darß ins Gedächtnis ruft, den Horizont an der See, den bernsteinglitzernden November. Nauschütz läßt seinen Titelhelden am Bodden durch die Geschichte wandern, läßt ihn das Geheimnis der englischen Porzellanhunde in den Fenstern der Gästehäuser entdecken und weckt mit dem Lied der Weidenholzflöte die Likedeeler aus der Störtebecker-Legende. Dabei ist es weniger eine äußere Dramatik, die an diesen Geschichten fasziniert, als vielmehr das genaue Hinsehen aus der unverstellten Perspektive der Kinder, die traumwandlerische Sicherheit, mit der Nauschütz sich auf ihre Empfindungen einläßt und ohne Künstelei den verschlungenen Pfaden ihrer Phantasie zu folgen vermag. Der kleine Kulle kann plötzlich lesen, aber das ist eher so eine Art Krankheit, weil sein Vater keine Zeit für ihn. hat. Willy hadert mit seinem kaiserlichen Vornamen.

Von Tolik aus dem Asylantenheim wird erzählt, der sich nach Kiew zurücksehnt und dort wie hier der JUDE ist, auf den ein rotes Pappschild an der Tür verweist. Oder Pawel, der jetzt Paul heißen soll nach dem Willen des Vaters. Wie kommt so jemand an, aus Rußland in Deutschland, aus der Vergangenheit in der Gegenwart? Nauschütz gibt keine Antwort, und im Erzählten stecken hundert Möglichkeiten. Aber jene, die der junge Leser sich wünscht, könnte zur Wahrheit werden. Auch die Illustrationen von Wolfgang Würfel sind von dieser Art. Mit leichter Hand, ironisch, sind sie – wie das ganze Buch – eine freundliche Einladung zum Neugierigsein.
Henry-Martin Klemt, Oderanzeiger vom 28.11.98






Lakonisch Erzähltes von Hans Joachim Nauschütz

Es ist ein spannendes Buch. "Strubbelkopp" klingt wie "Bienkopp". Zumindest ähnlich. Inhalt und Sprache der Geschichten erinnern auch irgendwie an Erwin Strittmatter. "Tinko" und so weiter. Aber sie sind von Hans Joachim Nauschütz. Und sie spielen auch nicht in der Lausitz. Eher im Brandenburgischen. Besonders aber in Mecklenburg-Vorpommern.
Und im Dänischen und im Ukrainischen. Und im Kopp eben.

Der erste Abschnitt handelt von Stefan. Das ist der Strubbel. Miniaturen aus dem Leben des liebenswürdigen, etwa zehnjährigen "Fischkopps" reihen sich aneinander. Nicht als Chronik, nur so. Alltag in den Ferien, Erlebnisse mit dem gleichaltrigen Pit. Keine Abenteuer, eher Belanglosigkeiten. Aber sie sind wichtig. Und originell. Für Kinder zumindest. Stefans Besuch bei Tante und Onkel im Brandenburg. Heimweh, hat er, und die Stille dort in der Stadt ist nicht die Stille seines Heimatdorfes an der Küste. Oder die Radfahrt in einen nahegelegenen Eibenwald. Gemeinsam mit Pit entdeckt man ein geheimnisvolles Gerät in der Erde. Ein Wurfgeschoß eines Riesen aus grauer Vorzeit? Porzellanhunde in Gaubenfenstern locken bei anderen Dorfbewohnern die Gäste an. Die Eltern von Stefan und Pit können derartige Lockmittel nicht bieten. Nun schmieden sie Pläne, wie man die Urlauber spe den anderen abspenstig machen könnte. Stefans Großvater hat früher oft Sagen und Mythen erzählt. Dazu schnitzte er kleine Stabflöten, die märchenhafte Töne von sich gaben. Nun da er tot ist, leben die Erinnerungen an ihn und seine Geschichten. Und sie verbinden. Und eine zweite Abteilung beschäftigt sich mit anderen Kindern. Kulle wird scheinbar krank, um damit Zuwendung seiner Eltern zu provozieren. Willi kommt in eine neue Klasse, und er benennt sich um: Willy mit Y hat mehr Zugkraft, und "Willy der Eroberer" tradiert die historischen Wilhelm(e) und Williams einschlägiger. Tolik ist ein Junge, der als umgesiedeltes Kind ukrainischer Juden in Deutschland seinen Platz sucht, aber immer wieder sind die Erinnerungen an den zurückgebliebenen Großvater in Kiew stärker. Auch Pawel, Sohn russischer Aussiedler, hat es schwer, sich in der Plattenbausiedlung, in der Schule und während mißlicher Situationen im Alltag zurechtzufinden. Aber die Träume von einer Katze mit roten Augen und einem Halsband mit Glöckchen ermuntern ihn stets aufs neue.

Auffällig ist der verkürzte, lakonische Stil. Der Leser erfährt ausschnitthaft, wie eben Stefan, Kulle, Tolik und die anderen ihre Bienen im Kopp summen lassen, daß die Haare strubbeln. Der Autor läßt sehr viel Raum für Assoziationen. Die psychologische Ebene scheint die wichtigere zusein Reflexionen, Träume, Folklore, Mythen und Sagenelemente verquicken sich mit dem normalsten Leben von Kindern hier und heute. "Des Kaisers neue Kleider", "Störtebeker", Riesen aus Märchen, Tonnenkönige, Bernsteinangeln, Weihnachtskarpfen gehören just zusammen mit der Jagd nach gediegenen Pensionszimmern, wiederentdeckten Eisvögeln, dem problemreichen Einleben von Aussiedlerkindern in Deutschland, Asylantenheimen und Vorbehalten der Einheimischen.

Die sparsamen Illustrationen von Wolfgang Würfel machen zudem wehmütig, weil sie an unzählige von ihm bebilderte Kinderbücher erinnern, die man von früher kennt. Gedacht ist das Buch für neunjährige Leser.
Reiner Neubert, Freie Presse Chemnitz v. 16.04.99







[Gesamtverzeichnis]   [Startseite]



Strubbelkopp
Leseprobe
Rezensionen
Der Autor