Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Lutz Lehnert
Weihnachten mit Till

Weihnachten ist mehr, als sich kiloweise Geschenke zuzuwerfen. Das jedenfalls sagt mein Freund und Gartennachbar Till. Und was er damit meint, hat er uns auch anvertraut: Zum Beispiel am Heiligen Abend selbstausgedachte Weihnachtsgeschichten erzählen. Sie zaubern Glanz in die Augen und Freude in jedes Herz. Allerdings polieren müssen wir an ihnen das ganze Jahr über. Denn nur so funkeln sie am Heiligabend wie Weihnachtssternchen über uns.

Lutz Lehnert: Weihnachten mit Till, 1. Aufl. 2006. 92 Seiten, Format 13,5 x 20 cm. Illustrationen: Wolfgang Parschau
Preis 9,80 Euro       ISBN 978-3-933416-69-8






Leseprobe Lutz Lehnert: Weihnachten mit Till


Und zu Sylvester ein Rotköppchen

Unverwandt hielt der Winter an, denn die Tage bis zum Jahreswechsel änderte sich das Wetter selten. Der kalte Geselle hatte sich tief in der Erde verkrochen und ärgerte mit grimmiger Stärke die Häuslebauer sowie die Wasserwirtschaft, deren eingefrorene Versorgungsleitungen den Bereitschaftsdienst immer wieder nach draußen trieben.
Wer seine Nase also mit Frischluft versorgen wollte, bekam sie gerötet und verschnupft zurück. Unsere Kinder störte das anscheinend nicht. Frederic, mein Jüngster, verlangte nach einem Nachmittagsspaziergang.
„Mit Onkel Till!“ setzte er rasch hinzu, als er mein verdutztes Gesicht bemerkte.

Till war sein einziger Onkel, der nicht sein Onkel war. Dieses Manko machte der jedoch bei meinen Kindern durch die eine oder andere kleine Geschichte wett, die er zum besten gab. Man wusste nur nie, wann das der Fall sein würde.
Tills Geschichten aber hatte der Winter ebenfalls mit in der Erde begraben. Darum wurde es Zeit, dass der Onkel eine für uns ausbuddelte. Ich schickte ihm durch meinen Ältesten eine Einladung zum Winterspaziergang, auf die er, wie es schien, bereits gewartet hatte. Während sich die eisige Luft unverzüglich auf unsere Nasen stürzte, bestürmten meine Kinder den Till mit der Bitte um sofortige Unterhaltung.
„Also gut!“ fügte er sich schließlich in sein selbst fabuliertes Schicksal, „ich werde euch ein schönes Volksmärchen erzählen!“
&#xVolksmärchen sind langweilig, Onkel Till“, maulte mein Großer. „Außerdem kenne ich schon alle.“

„Ronald, meine Märchen sind nie langweilig und garantiert unbekannt! Ich fang’ schon mal an: Da geht mir so das putzige kleine Rotköppchen ...“
„Rotkäppchen und der Wolf kennen wir schon“, wollten meine Kinder einwerfen, nur, Rotkäppchen hatte der Till nicht gesagt. Vorerst überprüfte er, wie sattelfest meine Knaben in seinem Märchengut waren.

„Wie hieß das Rotkäppchen in Wirklichkeit? Wie viel Geld hatte der Wolf gerade dabei? Wie? Was? Das wisst ihr nicht? Dann hört gut zu!“
Auf einmal begann das grimmige Märchen interessant zu werden.

„Da geht mir also dieses putzige kleine Rotköppchen mit einer Pulle Klaren, einer Stange Polenzigarillos sowie ...“
„Till, das sind noch Kinder!“ sah ich mich genötigt, diese seltsame Aufzählung zu unterbrechen.
Was fauchst du mich da an? Hab’ ich etwa das ganze Zeug eingepackt?“
Das war doch Rotkäppchens Mutter, dafür kann Onkel Till nichts“, stellte Frederic Tills eindeutige Unschuld fest.
Wartet – was Rotköppchen als drittes dabei hatte, weiß ich nun nicht mehr, und daran ist euer Herr Vater schuld!“
Was hat’n Rotkäppchen alles drin gehabt in ihrem Korb?“ wollte es Frederic nun ganz genau wissen.
Till, bitte!“ hob ich warnend meine Stimme. „Sonst muss ich die Kinder zurückschicken.“
Schrei mich nicht an, mein Lieber, wir sind schließlich nicht miteinander verheiratet!

Die Kleine geht also zur Großmutter, denn so eine arme alte Seele braucht oft mancherlei und kann sich allein weder nach Polen noch aus dem Walde trauen, da kommt ihr das kleine Rotköppchen einmal wöchentlich mit Nachschub gerade recht.
Und wie dieses rotköppige Ding so auf den Waldwegen trippelt und springt und nach Schmetterlingen hascht, kommt der bargeldlose Wolf des Wegs und stellte dem armen Kinde verfängliche Fragen.“

„Onkel Till, warum sagst’n du immer Rotköppchen zu dem Rotkäppchen?“ fiel jetzt Ronald der kleine Unterschied in der Bezeichnung des im Walde herumtollenden Mädchens auf.
„Kinder, ich kann nicht alles auf einmal erzählen, wartet also die Zeit ab!
Der graue Wolf fragt das Rotköppchen also: ‚Meinst du, dass du die Pulle heil zur Oma bringst, wenn du so weiter im Walde herumgaloppierst?’
‚Daran habe ich gar nicht gedacht’, stammelte das Rotköppchen. Und weil sie etwas dusselig, aber gut erzogen war, machte sie vor dem schrecklichen Wolf einen ganz tiefen Knicks, wobei der Inhalt des Ausschnitts in ihrer Bluse genauso hin- und herkullerte wie danach die Augen in dem fürchterlichen Wolfskopf. Der Wolf jedenfalls war anschließend eine Weile außer Gefecht gesetzt.’“

„Was hat denn das arme Rotköppchen mit dem Wolf gemacht, dass der nicht mehr fechten konnte?“ begann sich Freddi unseligerweise auch noch um die nachlassende Kampfkraft des grimmigen Grauen zu sorgen.
„Tja, was eben dusslige Mädchen, die wenig im Kopf, aber viel, viel Holz vor der ...“
„Tiiiiiill!“ Mein instinktiver Urschrei brachte meinen Nachbarn von seinem eingeschlagenen Märchenirrweg ab.
„Hm, ich darf’s deinen Söhnen nicht erklären und du willst es sicher nicht. Stimmt’s?“

Till erfasste die Situation ganz richtig. „Dann mach’ ich am besten im grimmschen Sinne weiter:

‚Soll ich die Flasche zur kranken Oma bringen, derweil du dich um die Blumen kümmerst, die ich hier überall herumstehen, aber noch nicht in deinem Körbchen sehe?’ fragte der Wolf, nachdem das Geschiebe und Gewoge in Rotköppchens Bluse ebenso zur Ruhe gekommen war wie sein Augenkarussell. Denn die Dreiviertelliterflasche schien im nicht halb so gefährlich zu sein wie dieses reizende Rotköppchen.“

An dieser Stelle dämmerte mir die Erkenntnis, dass ich alles nur noch verschlimmern würde, sofern ich Till abermals unterbrechen würde. „Hast gewonnen!“ knurrte ich darum mit des Wolfes Stimme. Und Till spann zufrieden sein Garn in Rotköppchens Tonlage weiter.

„’Du bist wirklich ein sehr, sehr lieber Wolf, und ich verstehe nicht, warum ich mich ausgerechnet vor dir in Acht nehmen soll?’ murmelte das staunende Kind dem großen Grauen hinterher, der inzwischen mit seinem gewaltigen Kiefer die Flasche am Schraubverschluss gepackt hatte und bereits auf dem Weg zu Rotköppchens Oma war. Er machte sich jetzt berechtigte Hoffnungen, dass die Alte ihn dieses Mal hereinbitten würde.

Vor Freude, das ahnungslose Mädchen eine Weile beschäftigt zu haben, sprang er wie ein Wilder über Stock und Stein und – zerbiss dabei den Schraubverschluss der Buddel.
Mit jedem weiteren Satz, den das Ungeheuer tat, schwappte ein ordentlicher Schluck klaren Fusels in die Schnauze des wilden Tieres. Nach achtzehn Sprüngen brach das dahinjagende Wölfchen zusammen, denn die Pulle war ratzekahl leer und der Wolf voll wie eine Strandhaubitze.“

„Onkel Till, was ist’n eine Strandhaubitze?“ wollte Klein-Freddi wissen, der in der Grundschule bis jetzt noch nichts über Artillerie gehört hatte.
„Was bringt man euch in der Schule überhaupt bei? Ihr wisst rein gar nichts! Also dann, verkriecht euch nicht bei den Mädels im Zivildienst, sondern geht wie euer Vater und ich zur Armee, dann werdet ihr schon hören, was Artillerie ist.

Das putzige Rotköppchen hatte inzwischen einen Strauß Kornblumen gepflückt und in den Henkelkorb getan. Sie fand auch rasch auf den rechten Weg zurück, weil sie nur die Schneise, die sie auf der idyllischen Waldwiese hinterlassen hatte, zurückfolgen brauchte und freute sich auf ihre Großmutter.

Großmutter freute sich gleichfalls auf den nahenden Besuch, denn ihr brannte vor lauter Einsamkeit seit mindestens drei Tagen die trockene Kehle. Mit der Stange Zigaretten und den Raubkopien bekannter sowie unbekannter amerikanischer Filmschaffenden, alles von Rotköppchens Eltern illegal eingeschleppt und die die attraktive minderjährige Kleine darum eigentlich gar nicht bei sich haben durfte, aber auch den Kornblumen wusste die enttäuschte Alte darum wenig anzufangen.“
„Was waren das für Raubkopien?“ Mein Großer zeigte sich plötzlich auffallend wissbegierig.

„Das ... auch das fragt ihr am besten euren Vater“, schob Till das nächste heikle Thema zu mir herüber.

„’Die Pulle, wo ist die Pulle?’ forschte die Großmutter im vor Scham feuerroten Gesicht des armen Mädchens, welches sich vor Schreck in den Henkelkorb gesetzt hatte.“

Dieser Passus gefiel mir sehr. Die Kleine war zwar doof, hatte aber den ganzen weiten Weg zur Großmutter hin unter starken Schamgefühlen leiden müssen. Ich ließ in Gedanken das Rotkäppchen im Korbe sitzen, weil ich jetzt wusste, warum Till das arme Ding permanent Rotköppchen genannt hatte, aber mein Till war nicht mehr zu stoppen.

„’Großmutter, war der liebe Wolf nicht da? Er wollte dir die Schnapsflasche netterweise bringen, während ich Blumen für dich gepflückt habe’, verwunderte sich das Rotköppchen.
’Wölfe sind nie lieb, jedenfalls nie zu alten Großmüttern. Das steht in jedem Märchenbuch. Und deiner scheint mir zudem ein unzuverlässiger grauer Bruder zu sein. Komm, wir gehen ihn suchen.’
Sehr weit mussten die beiden nicht gehen. Der Wolf steckte mit weit aufgerissener Schnauze in einem Ameisenhaufen fest, weil er einfach nicht auf die Beine kam. Manche der fleißigen Waldameisen bissen dem armen Grauen fürchterlich in seine Zunge, andere wiederum labten sich, eben weil sie so klein waren und durch den Flaschenhals der Buddel spazieren konnten, an einer Neige Klaren.
Anschließend wollten die säurehaltigen Biester die Kronjuwelen ihrer Ameisenkönigin rauben, weil sie der Schufterei ohne Urlaub und Pause überdrüssig waren.
Rotköppchens Oma fluchte derweil wie ein Droschkenkutscher, aber es half alles nichts. Der Wolf sowie ein paar Ameisen waren so randvoll, wie der Glaskolben leer war.
’Guck dir das an, wo das hinführt, wenn man säuft, und nimm dir ja keinen Kerl, der nicht wenigstens aus Gläsern trinkt!’

Jetzt verstand Rotköppchen, warum sie zu Hause vor diesem Untier gewarnt worden war. Er tat ihr aber trotzdem ein bisschen leid.“






[Gesamtverzeichnis]   [Startseite]


König Midas und sein Barbier
Leseprobe