Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Klaus Goll
Vermutungen
Geschichten aus der europäischen Provinz

Ob Tschinque-Tschento oder Trabant, ob Paris oder Pedara – in diesen Erzählungen geht es um das Ineinander von privaten Lebensläufen und den großen politischen Veränderungen, die die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts geprägt haben.
Die Erzählungen in diesem Buch überwinden geographische, sprachliche und soziale Barrieren und gehen dem Wunsch nach, die realen Umstände zu verstehen, die das Leben der Menschen und somit die Geschichte der Länder, wie Deutschland und Italien, prägen.

Klaus Goll: Vermutungen. 2003. 118 Seiten. Format 12 x 19 cm
Preis 9,80 Euro       ISBN 978-3-933416-97-2



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Leseprobe Klaus Goll: Vermutungen


Fiat 500
Italienisch ausgesprochen: Fiat tschi'nque-tschénto. Ein westdeutscher Mensch kannte so ein Auto natürlich. Manche fanden und finden es todschick. In Italien ist der alte Tschínque-tschénto, erfuhr ich später, eine Legende wie der Trabant in der DDR und der Käfer in Westdeutschland. Mehr noch, angesichts der beengten Wohnverhältnisse und der offiziellen Prüderie war der 500er einmal eine legendäre Liebeslaube für unzählige Italiener.
Davon hatte ich im Dezember 1985 keine Ahnung. Meine Frau fuhr mich zweimal mit diesem angeblichen Auto, erklärte mir, wie man mit dem Apparat umging, und dann musste ich fahren. Dazu in einer Stadt, die ich nicht kannte. Wer weiß, wieviele Kilometer ich irrtümlich gefahren bin.
Aber erst einmal musste ich das Ding bedienen lernen. Ich war schon den DKW F7, F8, den IFA F9, den Wartburg und dann viel, viel Trabant gefahren, 500, 600, 601. Nun besagt zwar die Statistik, dass Italiener im Durchschnitt etwas kleiner sind als Deutsche, die Süditaliener kleiner als die Norditaliener, aber ein bisschen erschrak ich schon vor diesem Auto.
Ein Trabant ist dagegen eine geräumige Luxuslimousine. Die Räder sind klein, die Fenster sind klein, es gibt drei verschiedene Hebel an der Lenksäule, zwei verschiedene Autoschlüssel, um diese verkorkste Miniausgabe eines Käfers zu öffnen und in Gang zu setzen, und auch die Klaviatur für die Scheinwerfer ist ziemlich kompliziert. Es handelt sich aber um einen Viertakter im Gegensatz zum Trabant, und ebenso im Unterschied zum Trabant liegt der Motor hinten.
Dieser Motor ist der schlechteste nicht. Er funktioniert fast ohne Benzin und bringt das Miniauto tatsächlich auf die Geschwindigkeit von etwas über achtzig Kilometer in der Stunde. Der Krach ist erheblich, aber die Italiener sind weniger lärmempfindlich. Es gibt Leute, die behaupten, der Tschínque-tschénto besitze auch eine Federung und Stoßdämpfer. Mag ja stimmen. Bei dem Auto meiner Frau konnte man das nicht vermuten. Es war überhaupt ziemlich demoliert. Sie gestand mir, dass sie ein paar Mal beim Betrachten der Schaufenster ein anderes Fahrzeug gerammt hatte.
Immerhin, die hässliche kleine Blechkiste fuhr. Man musste allerdings den Startschreck überleben. Der Starter dieses winzigen Automobils macht nämlich Lärm wie ein Panzer, aber blechern, hustend, das ganze Auto bibbert und scheppert, wenigstens zwei Startversuche sind im allgemeinen unumgänglich, doch dann springt der Motor meistens an, und man kann sich darauf verlassen. Dass man beim Herunterschalten Zwischengas gegeben musste, lernte ich schnell, schließlich war ich auch noch den 500er Trabant gefahren.
Mit diesem rasanten Gefährt hatte ich mich also in den chaotischen Stadtverkehr Roms zu stürzen. Die Personenwagen fürchtete ich weniger. Die sahen mich, und ich konnte den famosen Blickkontakt mit ihnen versuchen. Aber die LKWs und die Busse! Von denen sah ich nur die Räder. Ich hab’s überlebt. Dank euch, ihr Italiener! Und Glück hatte ich auch. Ich fuhr nämlich nach den Regeln der Straßenverkehrsordnung. Und darauf waren nicht alle gefasst. Nicht dass ich die Straßenverkehrsordnung inzwischen vergessen hätte. Aber ich erinnere mich jedesmal besonders daran, wenn ich den Brennerpass nach Norden überquere. Passiere ich ihn in südlicher Richtung, dann fällt mit zuerst ein, kein Verkehrshindernis zu sein.
Ein Italiener wird nie verstehen, weshalb ein Fußgänger an einer roten Ampel wartet, obwohl kilometerweit kein Auto zu sehen ist. Und wieso muss man an einem Stoppschild sein Fahrzeug buchstäblich zum Stehen bringen?








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Klaus Goll, Literarische Skizzen aus dem Oderland
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