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Rico Jalowietzki
Der Volontär
Im Irrgarten eines Traumberufs

Viele Leute sehen nur den Garten – das Leben von Journalisten in unmittelbarer Nähe von Macht, Reichtum und Glamour. Doch ein solches Dasein ist wohl nur wenigen Vertretern der schreibenden Zunft vorbehalten. In seinem Buch zeichnet der Autor den Karrierestart eines jungen Mannes bei einer regionalen Tageszeitung nach, der bereits nach wenigen Wochen im Beruf die Kehrseite der Medaille erkennt und diese mit voranschreitender Zeit auch immer stärker zu spüren bekommt.
Zwischen all den beschriebenen Irrungen und Wirrungen dürfte sich der Leser des Eindrucks kaum erwehren können, dass sich diese Geschichte durchaus auch im Osten Brandenburgs zugetragen haben könnte.

Rico Jalowietzki: Der Volontär. Im Irrgarten eines Traumberufs. 1. Auflage 2005.160 Seiten, Paperback. Format 13,5 x 20 cm.
Preis 9,90 Euro       ISBN 978-3-933416-59-9

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vom gleichen Autor erschienen: Das Geheimnis der Karpfenteiche





Leseprobe Rico Jalowietzki: Der Volontär


Der Sekttausch

Immerhin war der Volontär als voll ausgewachsener Mensch eine Flasche Sekt wert. Wenigstens kein Piccolo, zur Magnumversion hatte es aber auch nicht gereicht. 0,75 Liter Rotkäppchen halbtrocken, im Sonderangebot für 2,49 Euro in Supermärkten oder im Discounter auch mal am Grabbeltisch zu haben. Mehr konnte Paul Winter, Chef der Regionalredaktion des "Mark-Kuriers", für seinen Volontär nicht herausschlagen. Menschenhandel auf Aldi-Niveau.

Der Volontär musste also von heute auf morgen in die Frankenstädter Lokalredaktion. "Ihn könnten wir doch öfter mal verleihen", frohlockte ein Redakteur in Sektlaune. Es scherzte sich leicht, wenn man selbst nicht der Wanderpokal war. Immerhin fiel auch ein Gläschen für den Volontär ab. Doch der Schluck Blubberwasser konnte wahrhaft kein Trost für das Chaos sein, das den Nachwuchs-Journalisten in den kommenden Tagen erwarten sollte. Er hätte es sich gern erspart. Aber es ging ja nichts ohne ihn an sämtlichen Brennpunkten. So wurde es ihm zumindest zwei Jahre lang immer wieder eingetrichtert.

Komischerweise genau so lange, wie ein Volontariat in der Regel dauert. Danach hat der Mohr seine Schuldigkeit in den meisten Fällen getan und kann gehen. Und siehe da: Die Zeitung erscheint trotzdem weiter. Letztlich ist doch jeder ersetzbar.



Totaler Absturz

Die Eibenstedter in Feierlaune. Tausende zogen in den frühen Abendstunden am Redaktionsgebäude vorbei zum Festareal. Hinter den Fensterscheiben standen Redakteure und Volontäre währenddessen Kopf. Grund: Das Computersystem versagte bereits seit Stunden den Dienst. Schon am Vormittag regte sich auf den Monitoren plötzlich nichts mehr. Was nicht gesichert war, verschwand automatisch im Nirgendwo auf der Datenautobahn. Allein der Gedanke, im schlimmsten Fall den halben Text noch einmal schreiben zu müssen, konnte einen schon auf die Palme bringen. Denn die Technik stand ja bei weitem nicht zum ersten Mal still. Im Doppelt- und Dreifachschreiben hatte der Volontär in fast zwei Jahren ausreichend Erfahrungen gesammelt.

Doch diesmal war alles noch ein bisschen härter. Der Sommertag in Eibenstedt, draußen 35 Grad im Schatten, in der Redaktion Temperaturen nahe dem Siedepunkt, drohte im rettungslosen Untergang zu enden. Abwechselnd bemühten Redakteure und Volontäre das Telefon, um von den Technikern des "Mark-Kuriers" Informationen über den aktuellen Stand der Dinge zu erfahren. Doch immer wieder vertröstende Antworten à la "Wir arbeiten daran." oder "Die Telekom überprüft die Leitungen." Da keimte beinahe Hoffnung auf!

Als nach zwei, drei Stunden immer noch nichts in Gang gekommen war, kamen die Leute in Frankenstadt auf den genialen Einfall, einen Techniker nach Eibenstedt zu entsenden. Dieser kam dort aber nie an. Konnte er auch nicht! Denn wie sich ein paar Tage später herausstellte, genoss der besagte Mann einen freien Tag.

Am Nachmittag hatten die Techniker die Computer wenigstens so weit in den Griff bekommen, dass alle Beteiligten auf ihren Festplatten arbeiten konnten. Hieß letztlich: Texte konnten zwar geschrieben werden, für den Druckprozess schon bearbeitete Bilder blieben aber außen vor. So konnte die Zeitung natürlich nicht erscheinen. Oder man hätte die Leser mit dem Hinweis "Hier ist Platz zum Ausmalen" in den leeren Bildrahmen überraschen müssen.

In der allgemein herrschenden Not griff Wiebke Teschner am frühen Abend zum Telefonhörer und meldete sich bei Rainer Freygang von der Chefredaktion. Sie hatte sich aus der obersten Etage des "Mark-Kuriers" wohl einen Lösungsvorschlag erhofft. Doch es kam natürlich nichts. Nur ein Satz, der in diesen Situationen immer zu hören war. "Die Produktion hat Vorrang."

Wiebke knallte den Hörer entnervt auf die Gabel, schlug die Hände vor ihr wie immer perfekt geschminktes Gesicht und wiegte ihren Kopf mit der stets einwandfrei gestylten Frisur hin und her. "Ob du nun dort angerufen hast oder dir mit der Hand an den Arsch gefasst hättest", rief der Volontär ihr zu. "Das Ergebnis wäre auch nicht anders gewesen." Wiebke stimmte dem mit säuerlichem Lächeln zu.

Ihre Sorge: Im lokalen Aufmachertext sollte es um die abendliche Eröffnung des Stadtfestes gehen. Es war auch kein anderes Thema da, das den dafür eingeplanten Platz hätte füllen können. Rainer Freygang hatte angeordnet, dass sämtliche Text- und Bilddateien schnellstens auf Disketten zu speichern und nach Frankenstadt zu bringen seien. Dort wäre dann die Zeitung zusammengesetzt worden. Bei dieser Variante hätte der Partyauftakt am nächsten Morgen im "Mark-Kurier" ganz einfach nicht stattgefunden. Da hätte die Ausgabe auch gleich ganz eingestampft werden können. Sonst musste sich die Leserschaft ja irgendwie auf den Arm genommen vorkommen, wenn das größte Ereignis der Stadt nicht berücksichtigt worden wäre. Aber: Produktion ging eben vor.

Plötzlich geschah das Wunder: Die Leitungen zwischen Eibenstedt und Frankenstadt standen wieder. Also schnell alle Seiten fertig gemacht und per Computer abgeschickt. Auch der Hauptbeitrag zum Stadtfest konnte jetzt erscheinen. So, als wäre nie etwas geschehen. Kein Leser sollte von den Pleiten, Pech und Pannen am Vortag etwas bemerken. Die Zeitung steckte ja in aller Herrgottsfrühe pünktlich in den Briefkästen.

Warum blieb man in solchen Situationen eigentlich immer wieder an seinem Arbeitsplatz sitzen? Warum stand man nicht auf, nahm seine sieben Sachen und fuhr nach Hause? Warum lebte man nicht einfach nach dem Motto: Nach mir die Sintflut!

Der Volontär hatte sich das oft gefragt. War sein Verantwortungsbewusstsein immer noch so viel stärker als die Abneigung gegen seine Arbeit? Lag ihm immer noch so viel an den Lesern? Letztlich schrieb er ja für sie seine Artikel. Nicht mehr für sich. Und schon gar nicht mehr für seinen Arbeitgeber. Warum nahm er nicht seinen Hut, wenn er doch eh schon die Wochen und Tage bis zum Ende seines Volontariats rückwärts zählte? Hielt ihn das Geld? Er konnte keine plausible Erklärung finden.

Wäre ein Kollege aufgestanden, wäre der Volontär ihm sicherlich gefolgt. Das Dominoprinzip kennt keine Gnade! Kippt der erste Stein in der Kette, kippen alle anderen mit. Und es schien wohl kurz davor gewesen zu sein. Denn ein paar Tage später erklärte Wiebke: "Jungs, wenn ihr nicht so gut mitgezogen hättet, dann wäre ich hier vom Stuhl gefallen."
Fielen der Chefetage absolut keine Argumente mehr ein, um Redakteure und Volontäre bei Laune zu halten, wurde die ganz große Keule herausgeholt. Wer sich seinen Aufgaben nicht mehr gewachsen fühle, der könne sofort gehen, war dann von der Obrigkeit zu vernehmen. Schließlich stünde allein in Berlin ein Heer von Journalisten auf der Straße. Die würden natürlich ständig an die Türen des "Mark-Kuriers" klopfen. Viel war davon aber nie zu hören

Der Volontär malte sich liebend gern aus, wie es wäre, wenn ein gelernter Großstadtjournalist in Frankenstadt oder dessen Umgebung zum Dienst antreten würde. Die Masse der zu bewältigenden Aufträge, das Umfeld, die nicht immer leicht zu nehmenden Menschen, der gesamte Produktionsablauf – nach spätestens einem viertel Jahr hätten die Damen und Herren wohl freiwillig ihre Koffer wieder gepackt und das Weite gesucht.

Produktion, Produktion, Produktion ... Ließ den Volontär dieses Wort eigentlich nie mehr los? Nein! Konnte es auch nicht. Sein Leben drehte sich schließlich um dieses eine Wort. Diesem Prozess zwei Jahre lang ausgeliefert zu sein, ließ einen teuflischen Wunsch in ihm entstehen: Möge die Technik doch einmal einen derart schwerwiegenden Aussetzer hinlegen, dass die Zeitung am nächsten Tag gar nicht oder nur teilweise erscheinen kann. Sein Wunsch sollte sich nicht erfüllen. Standen die Computer am Tag mal vier Stunden lang still, musste diese Zeit am Abend prompt drangehängt werden. Es half ja nichts. Die Zeitung hatte in vollem Umfang zu erscheinen. Private Termine wurden in diesen Fällen immer weggewirbelt wie ein Blatt im Wind.

Eine Woche nach dem technischen Desaster von Eibenstedt ging Rainer Freygang von Bord des "Mark-Kuriers" – wie zuvor bereits der Chefredakteur. Der "Große Blonde" verabschiedete sich per Telefonkonferenz. Wiebke Teschner hatte dazu eigens den Lautsprecher an ihrem Apparat angestellt. So hatten alle etwas von der ach so ergreifenden Trennungsrede.

"Jungs, ihr hattet ja nicht mal eine Träne im Knopfloch", bemerkte Wiebke nach Ende des Gespräches mit ironischem Unterton. "Weshalb auch?", fragte der Volontär zurück. Die Dame des Großraumbüros fand daraufhin keine passenden Worte. So verlief die Abschiedsdebatte im Sande.

Allerdings: Hätten die Beteiligten zu diesem Zeitpunkt den potenziellen Nachfolger schon gekannt, vielleicht hätte sich der Kreis wenigstens für einen Hauch von Trauer erwärmen können. Und eventuell sogar noch schwarz getragen.




Der Zeltstreit

Da die Mühlen in der Beilagen-Redaktion etwas langsamer mahlten, blieb dem Volontär viel Zeit, Rückschau auf die vergangenen Monate zu halten.
In Gedanken sah er wieder die etwas eigenartig riechende Dame in die Frankenstädter Lokalredaktion treten, die völlig außer sich nach dem Redakteur mit dem Tätigkeitsbereich "Sabinensee" verlangte. Den hatte der "Mark-Kurier" aber derzeit nicht zu bieten. Also musste sich der Volontär der stark geschminkten Erscheinung namens Christine Sagert annehmen. Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine Zirkuskünstlerin, die das Publikum mit einer Affendressur beglückte. Daher also die eigenartige Duftwolke, dachte der Volontär bei sich.

Grund ihres Auftritts: Die Dame hatte der Betreibergesellschaft des "Sabinensees" ein Zirkuszelt verkauft. Behauptete sie zumindest. Nun wollte der Käufer dafür aber nicht bezahlen. Konnte er auch schlecht. Denn wer rückt schon freiwillig Geld raus, wenn einem für eine Sache zwei Rechnungen und drei Angebote von drei verschiedenen Leuten vorliegen.

Eine Grunderfahrung im Journalistenalltag: Wenn die Beteiligten in irgendeiner Angelegenheit gar nicht mehr miteinander können, dann kommt einer garantiert zur Zeitung gerannt. Natürlich mit einer bestimmten Erwartungshaltung so wie im Fall des unbezahlten Chapiteaus: Geht man an die Öffentlichkeit, wird der Fall bestimmt gelöst. Dabei vergessen die Leute aber meist, dass eine Zeitung kein Gericht ist. Und der Journalist kein Richter.

Christine Sagert hatte in dem Frankenstädter Unternehmer Bruno Hotzan ihren Buh-Mann gefunden, dem sie nach eigenen Angaben für sein Verhalten nun mal richtig eins auswischen wollte. Worauf sich der Volontär da eingelassen hatte, konnte er noch gar nicht ermessen, nachdem die Dame vom Zirkus die Redaktionsstuben unter lautem Getöse wieder verlassen hatte.

Denn jetzt ging der Zirkus für ihn erst richtig los. Es folgten unzählige Telefonate mit Hotzan, diversen Rechtsanwälten, Gerichten, zuständigen Behörden, der Betreibergesellschaft des "Sabinensees" und den angeblich anderen Verkäufern des Zirkuszeltes. Zwischendurch war dann auch noch mal Frau Sagert in der Leitung. Jeder erzählte dem Volontär etwas anderes.

Und natürlich hatte jeder aus seiner Sicht irgendwie Recht. So hatte der Bruder von Christine Sagert ebenso wie seine Schwester behauptet, Eigentümer des Zirkuszeltes zu sein. Als sich die Affendompteuse mit dieser Aussage am Telefon konfrontiert sah, schrie sie wie von der Tarantel gestochen: "Alles nicht wahr, alles Lüge!"

Auch der Volontär verschärfte seinen Ton deutlich. Nur mit etwas Gegenwind ließ sich die Dame am anderen Ende der Leitung anscheinend wieder beruhigen. Und dann verkündete sie plötzlich: "Also wissen Sie, mal unter uns gesagt: Mein Bruder ist als Kind vom Trapez gefallen. Seitdem hat er ein Ding an der Klatsche."

Das war doch mal eine Aussage! Leider konnte der Volontär diese Worte nicht im Artikel zum Thema unterbringen. Sonst wäre es wohl sein letzter Beitrag im "Mark-Kurier" gewesen. Entlassungsgrund: Heraufbeschwörung von Mord und Totschlag in der Zirkusszene. Also musste er etwas sprachliches Geschick an den Tag legen. Letztlich umschrieb er die heikle Feststellung so: "Vieles deutet auf einen Familienzwist in der Künstlertruppe hin." So konnte ihm keiner der Streithähne etwas anhaben.

Inzwischen standen alle Beteiligten kurz vorm Kollaps, nachdem der erste Artikel erschienen war. Darin fühlten sich sämtliche Seiten relativ gut verstanden. Trotzdem wurde jedes Wort auf die Goldwaage gelegt.
In solch heiklen Angelegenheiten darf sich ein Journalist nie auf eine Seite. Der Medienvertreter ist kein Staatsanwalt, der verschiedene Möglichkeiten hat, Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen. Der Volontär stand also zwischen den Fronten. Und die hatten ihr Pulver längst noch nicht verschossen.

"Volontär, hier steht ein riesiger Mann mit einer großen Axt in der Tür", rief Redakteur Richard Lopens an einem Nachmittag plötzlich lauthals durch die Frankenstädter Lokalredaktion. Bruno Hotzan war gekommen – allerdings unbewaffnet. Drei oder vier ellenlange Telefonate hatten ihm wohl nicht ausgereicht. Jetzt musste der Unternehmer dem Volontär seinen Standpunkt persönlich darlegen.

Und er hatte noch einen Trumpf im Ärmel: Hotzan zückte das so genannte Prüfbuch aus seinem Unterlagenstapel. Die Leute vom Zirkus hatten es ihm dummerweise in die Hand gedrückt, als sie die riesige Zeltplane aufgebaut hatten. In der Zirkusszene gilt nämlich allgemein: Wer das Prüfbuch besitzt, der ist Eigentümer des Zeltes. Ein Handschlaggeschäft ohne Kaufvertrag. Im härtesten Konfrontationsfall hätte Hotzan für Frau Sagert und Co. überhaupt kein Geld locker machen müssen. Er konnte ja das Prüfbuch sein Eigen nennen. Da hatten sich die Leute vom Zirkus wohl ein Selbsttor geschossen.

"Ich will das Zelt ja bezahlen", beteuerte Hotzan in den Redaktionsstuben immer wieder. "Aber eben nicht mehrfach." Immerhin ging es um eine fünfstellige DM-Summe. Christine Sagert machte derweil ein Friedensangebot und äußerte gegenüber dem Volontär: "Herr Hotzan soll das Geld an einen von uns überweisen. Wir werden uns dann schon irgendwie einig." Bei dieser Äußerung über ihren Bruder – der Volontär konnte es kaum glauben.

Vom Ausgang dieses Falles blieb der junge Mann übrigens verschont, da er urplötzlich in Eibenstedt arbeiten musste. Eine schnelle Versetzung hatte manchmal durchaus auch ihr Gutes.









Rezensionen Rico Jalowietzki: Der Volontär



...Ihr Buch ... hat mir sehr geholfen, weil eine unbearbeitete Zeit in meinem Leben dadurch plötzlich ins Schlaglicht kam. Ihre Erlebnisse erinnerten mich an ein längst vergangenes Volontariat beim Neuen Tag ...

Erschreckend ist ..., dass sich ein eigener Mikrokosmos in den Redaktionen herausbildet, der nichts mehr mit dem wahren Leben zu tun hat. Ihr Buch lässt die Leser an diesem Wahnsinn teilhaben, und es ist gut, dies einmal zu sezieren.

Nach meinem Abiturabschluss im Jahre 1965 kam ich unvermittelt und ohne Vorkenntnisse zur Kreiszeitung ... als Hilfsredakteur. Dort lernte ich erst einmal das Rauchen, das Spiegeln und recht und schlecht das Schreiben von Artikeln. Als Wochenblatt hatten wir nach der Fertigstellung fast immer ein paar Tage zurr Besinnung ... Später arbeiteten wir bis zur Besinnungslosigkeit und manchmal hatten wir erst zwei Stunden vor Abgabe die zündende Idee für die Mittelseiten. An dieser Arbeitsweise hat sich offenbar nichts geändert.

Ein viertel Jahr später löste man diese Zeitungen, die unwirtschaftlich waren, auf ... Mich übernahm man notgedrungen als fünften Volontär in Frankfurt ... Dort kamen sie natürlich in Schwierigkeiten, denn maximal vier Studienplätze in Leipzig standen ihnen zur Verfügung, einer musste auf alle Fälle wieder gehen.

Und so kam es, dass ich in der Landwirtschaftsredaktion eine erste größere Reportage vom Heinersdorfer Lehr- und Versuchsgut machen sollte, mit eigenem Bildreporter, ganz groß! Den schickte ich zum Bildermachen und nahm mir dann später die Jugendlichen einzeln vor, weil sie offensichtlich nicht reden durften. Es stellte sich heraus, dass viele Kühe verkalbten und die Krankheit auch für Menschen tödlich enden konnte, wenn die Erreger in den Blutkreislauf kamen.

Ich selbst schrieb natürlich einen scharfen Artikel, den ich später auch noch einmal etwas entschärfte. Das war aber nicht genug und ich schmiss denen dann praktisch den Artikel vor die Füße. Ich sagte ihnen, wenn sie die entscheidenden Stellen herausstreichen, können sie gleich meinen Namen mitstreichen. Und so besiegelte sich mein journalistisches Schicksal ... Meine journalistischen Zukunftspläne zerstoben, und jetzt bin ich eigentlich sehr froh darüber, dank Ihres Buches.

Im Stillen haderte ich immer noch manchmal mit dieser Situation. Hätte ich mich doch lieber mit Haut und Haaren verkaufen sollen? Hätte ich Ideale opfern sollen für die Karriere an der Zeitung? Eben dieser Zwiespalt beschäftigte mich bis heute, denn die ganze Lebensplanung hatte sich ja zerschlagen. Selbst als 60-jähriger hegte ich noch Zweifel ...

Ich stelle mir nun plastisch vor, ich wäre heute noch in der Maschinerie drin, hätte alle Ideale an die Zeitung verkauft und würde fernab vom Leben in irgend einer Redaktion meine kleine Welt zusammenbasteln. Sie sind es gewesen, der mich vom zweifelnden Schmerz befreit hat. Insofern danke ich Ihnen ganz herzlich ...
Andreas Gehrke





Ein Albtraumberuf?

Journalist, Redakteur oder Zeitungsmacher – das sind Berufe, die bei vielen jungen Menschen sehr begehrt sind. Vorstellungen vom Beruf? "Promis kennen lernen", "Lange ausschlafen" und "Immer auf den besten Partys sein". Aber bis in diese Liga steht ein langer und beschwerlicher Weg bevor. Davon weiß auch der Jungautor Rico Jalowietzki. In seinem Erstlingswerk "Der Volontär" berichtet er von seinen Lehrjahren bei einer Ostbrandenburger Tageszeitung.
Die Ostbrandenburger/innen werden erstaunt sein, wie spannend es bei der Tageszeitung zugeht, über deren Inhalt sie sich sonst eher langweilen. "Viele Menschen können sich nicht im Geringsten vorstellen", so Rico Jalowietzki, "was hinter den Kulissen eines Zeitungsverlages vorgeht."

Er absolvierte nach seinem Studium der Kulturwissenschaften ein Volontariat, so werden die praktischen Lehrjahre eines Redakteurs genannt, bei eben dieser Tageszeitung in Ostbrandenburg. Das war für den Schreiberlehrling eine spannenden Zeit. Doch schnell kam die Ernüchterung. Überstunden über Überstunden; Termine, die alte Redakteure nicht wahrnehmen wollten und kein Privatleben mehr. Er lernte die Kehrseiten des Traumberufes kennen.
Trotz aller Zweifel entschloß sich der junge Mann nach seiner Volontariatszeit, seine Zeitungstätigkeit um zwei Jahre zu verlängern. Er landetet auf dem Lande. "Das Geld hat gelockt", so Jalowietzki.

Zwischen Erntefesten, Jubiläumsfeiern und Feuerwehreinsätzen merkte der Jungredakteur, dass er so nicht weiterarbeiten konnte und wollte. Er traf die Entscheidung, nach vier Jahren im Dienste des Journalismus Schreibblock und Stift an den Nagel zu hängen und sein Leben wieder zu leben.

Ob es Zufall oder Bestimmung war, dass er eines Tages im Radio von dem Verlagsdienst versos erfuhr, weiß keiner. Aber das Projekt "Erfahrungsbericht eines Volontärs" war geboren. Nach intensiver Aufarbeitung und Zusammenarbeit mit seiner Lektorin ist ein Buch entstanden, in dem er in kurzen und authentischen Episoden den Alltag zwischen Terminen, Interviews, Straßenumfragen und Zeitdruck beschreibt.

"Ich möchte mit diesem Buch niemandem seine Illusionen rauben, sondern einfach ein authentisches Bild über den Beruf eines Redakteurs schaffen. Denn dazu gehört mehr, als nur ein bißchen rumzutippen."
Vor allem möchte er jungen Menschen einen Einblick geben und sie auf journalistisches Leben vorbereiten. Der Alltag im Lokaljournalismus liegt fern von Glamour, Promis und Reichtum. Es ist ein ernsthafter Beruf, bei dem man immer auf der Suche nach der Story für die nächste Ausgabe ist.
Finni Liening, Oderlandspiegel 20./21./05.2006







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