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Hans Joachim Nauschütz
Leben in Walldorf


Sonnenreich und regenarm war der Sommer 1989. In der Märkischen Schweiz schienen Wälder und Seen Zeichen auszusenden, was der Mensch sich und der Natur antut. Sommer und Herbst des Jahres wurden zu schmerzhaft empfundenen Prüfungen für die Festigkeiten von Freundschaften, für die Ernsthaftigkeit von Bemühungen, neue Lebensansätze zu finden.

Der Autor erzählt von Begegnungen mit der Natur und mit Menschen seiner Umgebung. Er berichtet von Auseinandersetzungen mit sich selbst, vom Verkümmern menschlicher Beziehungen, zuletzt vom Sterben eines Menschen. Und er lebt der Hoffnung auf menschlichen Umgang miteinander.

Hans Joachim Nauschütz: Leben in Walldorf. 2. Auflage 2001. Paperback, 93 Seiten, Format 12 x 19 cm. Umschlag: Peter Sottmeier
Preis 8,50 Euro       ISBN 978-3-933416-18-6








Leseprobe Hans Joachim Nauschütz: Leben in Walldorf


MANÖVERHÜGEL ist kein Name für Natur. Die Landschaft ist kuppig und wellig. Sie besitzt nur zwei Punkte, von denen aus man die MÄRKISCHE SCHWEIZ, das bläulich schimmernde Waldmassiv, darin die Seen liegen, im Blick hat. Wenn man von Münchehofe auf Dahmsdorfs Kirchturmspitze zuwandert und den Lehmrücken nahe Dahmsdorf erreicht hat. Und den Hügel oberhalb der Gaststätte Pritzhagener Mühle - der Weg führt aus dem Stöbbertal, welches hier einladend breit ist und Wiesen trägt, die Pferdekoppeln geworden sind. Von beiden Punkten aus kann man die Märkische Schweiz in Besitz nehmen mit den Augen. Das Wort Besitz verbietet sich in der Natur. Es hat sich immer verboten.
Der Hügel also, auf dem der preußische König Friedrich Wilhelm IV. "bei Gelegenheit der Königsrevue" die Parade der am Manöver beteiligten Regimenter abnahm.

Irgendwann, als WALLDORF als Dorf neu zu existieren begann, vielleicht war es das Jahr 1900, da zählte das Neudorf gerade fünf Jahre, hat man das Denkmal gesetzt, die Lindenallee gepflanzt, die breiten Stufen angelegt. Das Unternehmen wird nicht billig gewesen sein. Der Landkreis Barnim wird die Kosten getragen haben.

Ich stelle mir die vaterländische Feier vor. Links und rechts der eben gepflanzten Bäumchen haben sich die Angehörigen der Krieger- und Schützenvereine aufgestellt. Hinter ihnen wogt das Volk. Die Fahnen der Vereine werden gesenkt als Kränze zum Denkmal hinauf getragen werden. Es spricht der Landrat. Es sprechen Veteranen im Offiziersrang.
Von den Hohenzollern kann einer anwesend gewesen sein.
Tatsächlich aber ereignete sich die Feier 21 Jahre vor der Neugründung von Walldorf 1874. Der Kronprinz Friedrich, der als Kaiser Friedrich für hundert Tage den Thron bestieg, schenkte es der Provinz Preußen anläßlich der Königsrevue 1863 und des dabei abgehaltenen Feldgottesdienstes.

Das Monument trug zweiunddreißig gußeiserne Platten. Ich habe sie gezählt, als sie noch vorhanden waren. Auf den Platten waren in gotischen Lettern die am Manöver beteiligten Regimenter aufgezeichnet. Und genau aufgeführt war, an welchen Schlachten der deutschen Einigungskriege sie mit welchen Verlusten beteiligt waren. Am Deutsch-Dänischen Krieg 1864, am Preußisch-Österreichischen 1866, am Deutsch-Französischen 1870/71. Die adligen Opfer namentlich. Ihre Namen waren mit Goldbronze ausgelegt. Die glänzte noch auf den meisten Buchstaben. Es gab nach Aufführung der Offiziersnamen einen Zusatz. Der lautete: "... und 127 Mann" oder "... und 14 Mann". Das namenlose Fußvolk also.

Der Hügel ist mit Buschwerk fast zugewachsen. Die gußeisernen Platten sind restlos getilgt. Im Dorf sagt man, ein Hausbauer am See habe sie in die Fundamente seines Hauses eingebracht. Er starb kurz nach dem Einzug in sein Haus am See. Ist seine Zerstörungswut nachvollziehbar? Er begründete die ENTSORGUNG der Geschichte mit dem Antimilitarismus seiner Erziehung. Daß er ein Zeugnis vernichtete und nichts anderes als Bilderstürmerei betrieb, kam ihm nicht in den Sinn. Aber es ist nicht hinnehmbar, Teile der Geschichte unter den Teppich zu kehren. Er verhielt sich wie das Land, das seine ganze Geschichte immer noch nicht annehmen will. In solcher Atmosphäre passieren die merkwürdigsten Dinge. Dabei hatten wir einst einen feinen Faden gemeinsam gesponnen. Nach dem Genuß von Schwarzem Balsam aus dem lettischen Riga brachten wir uns vor Jahren mehrmals gegenseitig nach Hause, einer den anderen stützend. Die Nacht war lau. Wir liefen immer die gleichen Wege hin und zurück, bis es dämmerte. Er erzählte die Schnurren aus seiner Zeit an der Arbeiter- und Bauern-Fakultät, die Mühen mit dem Abitur, das noch einen Abglanz humanistischer Bildung enthielt, das Latein, das Altgriechische. Es waren "Aula"-Geschichten, denen ich begierig lauschte. Eine für den Weg hin zu ihm, eine für den Weg zu mir.

Er hat sich einer Übertretung schuldig gemacht. Er leitete eine wissenschaftliche Einrichtung, und kraft seines Amtes vergriff er sich mit den Preußen-Platten an der Wirklichkeit. Er korrigierte das, was er für verlorene Geschichte hielt und betonierte die Platten ein.









Rezensionen Hans Joachim Nauschütz: Leben in Walldorf



Das gute Buch


"Das gute Buch" war nicht nur Bezeichnung für Buchhandlungen vor Zeiten, es wer auch Synonym für brauchbare Literatur, Literatur, die gebraucht wurde.
Hans Joachim Nauschütz legte dieser Tage ein neues Buch vor. Der Untertitel zu "Leben in Walldorf" lautet: Bucheinträge vom Sommer und Herbst 89. Mit ein paar Nachträgen.

Erinnerungsarbeit wird geleistet und der Autor scheint sie gern zu leisten, wenn es ihn auch zuweilen, immer noch, fürchterlich schmerzt. Sommer und Herbst dieses 89er Jahres läßt er uns in der stetigen, doch so sehr gefährdeten Natur der Märkischen Schweiz empfinden. Gleichklang mit starken Rhythmusstörungen, zwingend der Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Und Menschen bringt er uns nahe, sie werden ganz persönlich, liebenswert alle. Natur und menschliches Leben befördern Selbstbefragung und das Mühen um Antworten. Es scheint der zeitliche Abstand von den Bucheinträgen zu sein, der Hans Joachim Nauschütz in die Lage versetzt, die vielschichtigen Veränderungen, die dieses Jahr einleitete, mit manchmal atemberaubender Poesie darzustellen. Ein zutiefst menschliches Buch, ohne Eitelkeiten, das Berechtigung erhält, angesichts medienwirksamer Versuche, Befindlichkeiten darzustellen.

In der hiesigen Märkischen Oderzeitung wird dieses Buch von Hans Joachim Nauschütz keine Erwähnung finden, der Chefredakteur tat ihn in Acht und Bann. Ein großes Glück! Dieses ehrliche und schöne Buch wird von Bestand sein, seine Sensibilität und sprachliche Stärke wird uns auch künftig gut tun, wir werden es brauchen.

Die Tage reihen sich. In diesem Sommer ist Jürgen nicht gekommen. Wieder nicht.
Und warum fehlt mir Jürgen, der raffinierte Pilzjäger, der Sommer für Sommer einen Teil seines Urlaubs im Heimatdorf verbrachte? Der in Mailand Erzeugnisse des DDR-Schwermaschinenbaus verkaufte, zu einem passablen Italienisch gelangt war, was ihm zunehmend Spaß und Wohlbefinden bereitete und der seit seiner endgültigen Rückkehr – sieben Jahre waren es – ein bißchen Italiener geworden ist, küchenmäßig betrachtet?

Wir trafen uns, ohne voneinander zu wissen, auf dem Walldorfer Jägerfest. Ich hatte unseren Teckel an der Leine und war stolz auf ihn. Er war bei der Hundeschau als Rassehund vorgeführt worden und hatte sich wohl abgerichtet bewegt im Gegensatz zu einigen der wirklich abgerichteten Hunde. Jürgen und ich standen uns plötzlich gegenüber und konnten uns nicht umarmen. Weil unser Wissen voneinander verschlissen war? Wir trauten einander nicht mehr.
Das ist das Seltsame, daß nicht die Zeit, sondern unser eigener Fall in die Starrheit uns Augen und Mund verschlossen hat.

Nächtelang hatten wir in den Jahren zuvor miteinander geredet. Wir saßen vorm Haus. Wir hatten Welt hereingeholt. Aus der eigenen konnten wir aber nicht heraus. Vielleicht hatte uns unsere Weltkenntnis vor uns selbst erschrecken lassen. Nur wir konnten über Welt reden und behielten es für uns. So kann es sich hergestellt haben, daß wir in eine Art Sprachlosigkeit verfielen. Wir redeten über Pompeii, wo ich noch nie gewesen war, über Sizilien und Sardinien, über die klassische Kunst des Altertums und die deutschen Künstler, die in allen Jahrhunderten von Rom nicht losgekommen waren.
Kühn waren wir an Decken gestoßen, erinnere ich mich. In Wirklichkeit waren wir Gefangene unserer Zimmer geblieben. Versuchten wir durch Türen zu gehen, kreischten die in den Angeln ...

Im Herbst 1990 trat ich aus einer Kellerkneipe in Trier. Ich war mit Wahlkampf beschäftigt und hatte eben eine Veranstaltung mit zwölf Besuchern erlebt. Ich hatte mit Pseudolinken und Edellinken gestritten, die wie immer bereits alles gewußt hatten. Ich war wütend auf mich und auf dieses Trier, in dem Marx geboren worden war. Vor Verzweiflung hatte ich Schmalzstullen zu essen begonnen und den Beaujolais primeur zu trinken. Zuviel von beiden. Ich hatte ein schweren Kopf und einen harten Bauch. Da sah ich jemanden, der wie Jürgen lief. Ich sah ihn von hinten nur, und ich rief. Er war es, und wir umarmten uns. Er fragte nicht, was ich in Trier triebe. Er wußte es. Er gehört zu einer Wochenendreisegruppe, die auf das Marx'sche Geburtshaus zusteuerte."
Gerhard Hoffmann, Monatsblatt der PDS Frankfurt (Oder), Oktober 2000







Sommer der Spuren im Wachs

Wissenschaftler meinen, daß die Menschheit nur existiert, weil ihre Entstehung in eine klimatische Periode fiel, die weniger als andere reich an Extremen war. Schlicht formuliert: Wir hatten Glück mit dem Wetter. Angesichts solcher Evolutions-Plattitüde relativiert sich vieles. Vielleicht reagieren Menschen, die sich als Teil der Natur verstehen, deshalb gelassener auf Klimaschwankungen - vor allem gesellschaftliche Vielleicht wirkt die Erzählung "Leben in Walldorf", mit der Hans Joachim Nauschütz auf sein Jahr 1989 zurückblickt, deshalb anfangs befremdlich. Wo ist der Eifer, der sich allenthalben über diese Monate stäubt? Wo das Stakkato der Ungeheuerlichkeiten? Wie kann das Wort so leise sein?

Die politische Wirklichkeit ist ein Subtext, den Nauschütz wie selbstverständlich voraussetzt. In seiner Erzählung liefert er höchstens Anklänge davon. So entsteht, genährt durch die Authentizität der Niederschrift, der Verdacht enormer Verdrängungskraft. Als wäre "Leben in Walldorf" zugleich Leben hinter einer zweiten Mauer gewesen, die die andere im hegelschen Sinne aufzuheben vermöchte.

Das stimmt und stimmt nicht. Sicher rückte "Walldorf" die Dimension der Hiesigkeit zurecht, die stärker begrenzt war durch die enge Frist des eigenen Lebens als durch den bedrückenden Mangel an Freizügigkeit: schon weil dem uneingelösten kosmopolitischen Anspruch der Mikrokosmos gegenübertritt, in dem sich alle Sehnsüchte und alle Gefährdungen des Menschen spiegeln. Ebenso sicher sucht der Erzähler die Vergewisserung weniger in der räumlichen Nähe von Macht und Ohnmacht als in der Unmittelbarkeit des stetigen Wandels. Die Geschichte der Heerstraße etwa, die bei Lebus einst über die Oder führte und nunmehr ein von Militärgeländen und Reihenhäusern bedrängter Waldweg ist, zeigt, wie Historie zuwächst, wie Urbanisierung Spuren verwischt, wie das sich unmerklich Vollziehende die nachhaltigen Veränderungen bewirkt. Nicht der Augenblick, in dem Geschichte jedem kenntlich kulminiert, bildet den Maßstab des Betrachters, sondern das Davor, das immer ein Danach ist, und das Danach, das immer ein Davor sein wird.

Wie die verborgenen Wege geraten Schicksale in den Blick. Immer häufiger, drängender. Die alten Griechen stellten sich das Gedächtnis als eine Art Wachsplättchen vor, das die Abdrücke der Wirklichkeit aufnimmt. Was Nauschütz erinnert, sind die Momente des Auftreffens bloßer Finger, scharfer Instrumente oder gar Waffen, sind die Augenblicke des Spurenbrechens, der Deformation. Ob ein Freund unter der Gasmaske Gräben zieht während einer Mobilmachungsübung, ob eine Parteiintrige Hoffnungen zu Fall bringt oder ob der Tod mit am Grillfeuer sitzt, unerwartet und feindselig. Bis schließlich die Art unserer Hiesigkeit selbst in Frage steht und der Erzähler die Eingriffe in die Natur, auch die des Menschen, "Lästerungen" nennt. Als gäbe das alttestamentliche Wort dem Mangel all Konsequenz, dem Versagen vor dem Gewissen, dem Scheitern an Beinahemöglichkeiten noch einmal jene Dimension zurück, um deretwillen so vieles auf eine Karte gesetzt wurde, was nicht auf eine Karte gehörte.

Erst auf den letzten Seiten wird die Gegenwart überdeutlich. Sie überspringt den Gartenzaun, weint am Telefonhörer, verbarrikadiert sich in der Bonzenvilla, wuchert als Trabbi-Halde unweit der bundesdeutschen Botschaft in Prag und legt schließlich den Aufruf des NEUEN FORUMS auf den Gartentisch ...

"Mein Sommer wird vergehen, wie dieser vergeht", schrieb Nauschütz 1989 vorausahnend. Das kann ein Geständnis sein. Auch eine irre Hoffnung. Meistens sind wir solcher Sätze nur fähig, wenn der Sommer grad erst beginnt.
Henry-Martin Klemt



Es gibt in Leben in Walldorf einige Berührungspunkte mit dem vorigen (Wie wahr ist das Wahre), da der Tagebuchschreiber immer wieder Bruchstücke von Lebensläufen einfügt. Walldorf ist dabei der Deckname für einen Ort in der Märkischen Schweiz, wo er lange gelebt hat und um den viele der Aufzeichnungen kreisen. Es ist ein seltsames, für weit Entfernte nicht immer leicht entzifferbares Buch. Einerseits ist es voller Poesie und Bewunderung von Land und Leuten,; andererseits werden viele Figuren so eingeführt, als wüßten die Leser schon ...
Im Mittelpunkt stehen Nachbarschaften und Freundschaften, der langsame Krebstod einer Nachbarin zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Und natürlich ist immerzu von den Veränderungen der politischen Verhältnisse die Rede, die nicht alle als positive wahrgenommen werden. Nichtsdestoweniger werden die Mängel des alten Systems offen beim Namen genannt.
Beiträge Jugendliteratur und Medien, I/2002


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