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Hans Joachim Nauschütz
Wie wahr ist das Wahre

Deutsche Lebensläufe und Selbstzeugnisse nördlich und östlich von Oder, Elbe und Bug

Menschenschicksale, in die der II. Weltkrieg eingebrochen ist, gibt es fast in jeder deutschen Familie. Im Verborgenen sind oft jene Schicksale von Menschen deutscher Herkunft oder Abstammung geblieben, die sich durch Kriegsverlauf und politische Willkür unter psychischen und physischen Belastungen unvorstellbaren Ausmaßes vollzogen.
Die aufgezeichneten Lebensläufe berühren die Geschichte und den Untergang des Nazireiches, Vorgänge in der Sowjetunion, in Polen und in Dänemark. Von besonderer Schwere sind die Schicksale der Rußlanddeutschen. Recherchen in Niederschlesien beschäftigen sich mit dem Leben der heute dort ansässigen Deutschen, die polnische Staatsbürger geworden sind.
Spät stieß der Autor auf das Schicksal der Kinder, die man in Dänemark und Norwegen Deutsch-Balg nannte. Einer dieser Lebensläufe, der die Stadt Eberswalde berührt, wird nun in deutscher Sprache öffentlich.

Hans Joachim Nauschütz: Wie wahr ist das Wahre. Deutsche Lebensläufe und Selbstzeugnisse östlich und nördlich von Oder, Elbe und Bug. 1. Auflage 2001. Paperback, 216 Seiten, Format 12 x 19 cm.
Preis 10,00 Euro       ISBN 978-3-933416-25-4








Leseprobe Hans Joachim Nauschütz: Wie wahr ist das Wahre


Das Russische in uns ist kein Wunder
Elisabeth M., Arbeiterin, Jahrgang 1924

Ich bin in der Nähe von Odessa an der moldavischen Grenze geboren. Das waren alles deutsche Dörfer im Spartaski Rayon, auf deutsch kann ich das nicht sagen. Mein Vater war Landwirt, Bauer, Agronom. Wo ich mitdenken kann, war Sowjetmacht. Wo wir noch unsere Wirtschaft hatten das wurde Kolchos.
Wir haben vorher sechs Pferde gehabt. Mein Vater war Mittelbauer, wot. Vier Hektar Weintrauben, das weiß ich. Wir haben Kartoffeln, Weizen und Gemüse angebaut. Es waren viele, wo kein Pferd hatten im Dorf. Drei Kühe waren bei uns, elf Schweine, und Taube hatten wir schrecklich viele. Meine Brüder hatten für sie Schläge gemacht im Stall. Wir hatten einen schönen Zaun, er hatte Löcher, dass Katz und Hund raus springe konnte.
Wir hatten ein Holzhaus. Das hatte mein Vater von einem Herrn Vogt gekauft. Das Dach war mit Rohr gedeckt. Es wurde Schilf geschnitte und getrocknet. Der Giebel vom Haus lag zur Straße. Es war ein großer Hof; in der Mitte stand das Aschehaus. Da kam alles hinein, eben Asche, Mist und so. Einmal im Jahr, im Oktober, wurde das raus gefahre. Wir hatten auch ein Blumengärtchen. Darin waren Küchenkräuter, Melisse, Knoblauch, Zwiebeln, Pfefferkraut, Minze, Schmakus.
Ich kannte nicht alle meine Geschwister. Meine Mutter brachte fünf Kinder mit in die Ehe, mein Vater auch fünf. Das war zweite Ehe.

Dann – wir hatten die Machno-Leute, die Anarchisti, im Dorf. Mal waren die Roten, mal waren die Weißen. Und das war in der Scheune bei den Machno. Meine Schwester nimmt in der Scheune ein Gewehr von den Machno und sagt wie im Spaß: Jetzt werd ich mal schete! Und sie schießt auf mein Bruder. Und der war tot. Da hat sich meine Mutter gegrämt und ist gestorbe. Mein Vater hat eine neue Frau gesucht und eine Witwe gefunde. Es war 1922, da war eine große Hungersnot in der Ukraine.

In der Familie haben wir nur deutsch gesproche, Dialekt. Wir sind an den Fluss und haben gehandelt. Da haben wir Russisch gelernt.
Ein Pfund Ryba, also Fisch, gegen ein Pfund Mehl.
In der Schule hatten wir Deutschunterricht, aber auch eine Stunde Russischunterricht und eine Stunde Literatura. Am anderen Tag hatten wir eine Stunde Ukrainischunterricht und eine Stunde Literatura. Hochdeutsch habe ich in der Schule gelernt.
Die Schule war im Dorf. Sieben Jahre habe ich Schule gehabt.

Unser Dorf war fünf Kilometer lang. Wir hatten eine evangelische Kirche. Die wurde 1939 geschlossen. Ich bin in die Kirche gegange, als ich achte oder neune war. Ich besitze noch die Bibel, die meine Mutter und mein Vater hatten. Von 1934 an haben die Verhaftungen angefange. Wenn jemand zu Gott gebetet hat, dann still. Wir haben nicht mehr darüber gesproche. Die Bibel haben wir heimlich gelesen.
Es war eine schöne Kindheit. Alles hatte seine Ordnung in Haus und Hof. Aber ich habe mitarbeiten müssen. 1934 bin ich mit dem Papa auf den Acker gefahre. Wir hatten doch keine Ferien! Da musste man immer arbeiten!

Über Deutschland wussten wir wenig. Ich wusste, was Mutter, Vater und die Großeltern erzählt hatten. Von Nazideutschland wussten wir nicht viel. Nur von Ernst Thälmann, der eingesperrt war. Wir hatten kein Radio, und wir hatten auch keine Zeitungen im Dorf. Deutschland spielte keine Rolle in unserem Leben, sage ich. Es war so!
Wir hatten nur deutsche Lehrer. Ich habe Deutsch gelernt bis zum Januar 1939. Da mussten die Lehrer mit uns nur noch Russisch lernen. Deutsch durften wir nur noch sprechen draußen, auf der Straße. Wir konnten ja auch nichts anderes. Ich war vierzehn Jahre alt, da hab ich meinen Pass bekommen. Da war ich schon lange Kolchosnitza, wie man zu uns sagte. Im Kolchos bekamen wir Arbeitseinheiten. Dafür gab es Naturalien und Futter für das Vieh auf dem eigenen Hof. Das Futter haben wir zum Teil verkauft, damit wir etwas Geld hatten. Wir hatten im Dorf ein Magazin (Verkaufsstelle) Da gab es noch nicht einmal Zucker, nem nado. Stoffe gab es ja.
Selten haben wir noch Brot gebacken. Wenn, dann haben wir mit Mais gebacken, Kukuruska. Getreide wurde alles abgeliefert. Und wenn wir etwas Mehl hatten, dann haben wir es gestreckt.

Am 5. März 1944. Ja, da haben wir erfahren, dass wir trecken müssen. Erst sind wir mit Pferd und Wagen bis nach Wengria (Ungarn), bis nach Jugoslawia, dann zurück nach Budapest über Dunai (Donau). Und dort haben uns die deutschen Soldaten alles abgenomme. "Ihr braucht nichts", haben sie gesagt. "Wo ihr hinkommt, gibt es alles!"
Wir sind in den Zug gestiege und in Litzmannstadt angekomme. Wir bekamen Sachen und ein Heim ... jede Familie, bekam einen polnischen Hof. Ich konnt mit das nicht zufriede sein. Ich hab gedacht: Das ist nicht meins. Das kann ich nicht annehme!

Wir waren auf die Reise ab 8. März 1944 bis in den Juni. Deutsche Soldaten haben uns geführt bis nach Wengria zu Fuß, bis nach Bosnia und nach Budapest zum Zug. Es hat immer geheißen, wir kommen nach Deutschland. Beinahe alles bin ich zu Fuß gegange ... Ende 1944 kam wieder ein Befehl: Auf jeden Pferdewagen drei Familien und ab nach Deutschland! .
Als die Russe nach Rathenow gekomme ware, haben sie uns alle, die aus der Sowjetunion waren, rausgeruft und uns alles abgenomme. Sie hatten Listen. Und sie haben uns gesagt: Ihr kommt wieder nach Haus, ihr seid Sowjetische! ...
Alle meine Kinder waren gestorbe. Ein Monat gelebt, dann gestorbe. Drei Kinder ...

Ich konnt noch nicht gut die russische Sprache sprechen. Das hab ich erst gelernt wie meine Kinder. Es war immer zu hören, dass ich keine Russin bin. Es war schwer, sich zu verberge mit der Sprach.
Das Leben war sehr, sehr schwer.

Da wohnten wir in Kasachstan. Immer noch mussten wir Deutsche jeden Monat auf die Kommandantura von die Miliz. Wir konnten nicht weggehe, nicht wegfahre, wir konnten nicht verreise. Wenn sie uns weggefangen hätten.
Wir haben Häuser gebaut. Ich habe mit meinem Mann dreimal Häuser gebaut. Wir haben mit gestohlenem Holz, mit Lehm und mit kleinen Ästen, mit Gestrauch gebaut. Auch mit Lehm für das Dach. Einen Brunnen und eine Wasserleitung hatten wir nicht. Dort, in Kasachstan, sind viele Osera (Seen). Da haben wir Wasser geholt.
1991 haben wir erst einen richtigen Pass bekommen, einen freien. Solange fühlten wir uns nicht als richtige Bürger.
1955, nach dem Besuch Adenauers in Moskau, hieß es, wir können raus aus der Sowjetunion. Da habe ich gleich gepackt. Und dann hat es doch noch 33 Jahre gedauert.

Wir hatten doch nie mehr eine Heimat. Unsere Heimat ist nun einmal Deutschland, wo die Vorväter hergekommen sind ...










Rezensionen Hans Joachim Nauschütz: Wie wahr ist das Wahre



... und manches wird man nie erfahren

Es ist als hätte sich Hans Joachim Nauschütz aufgemacht, hinter dieses unpersönliche Worte "manches" zu gelangen, um doch etwas herauszubekommen von all dem, wozu Menschen sagen: "Niemand weiß, warum es so war."

Die von ihm aufgezeichneten "deutschen Lebensläufe und Selbstzeugnisse" sind von packender Unmittelbarkeit und fast nüchtern. Mir schien beim Lesen, ich sehe jene, die über sich berichten, hin und wieder ihren Kopf schütteln, wie verwundert darüber, was für ein Leben sie ausgehalten haben, Leben, das für fünf gereicht hätte. Der Wert dieser Sammlung offenbart sich von Bericht zu Bericht eindrucksvollerr: Sie geht über berufsgebundene und vereinigungsbedingte deutsche Erinnerungen der letzten Jahre historisch und geographische weit hinaus.

Der Autor greift niemals kommentierend in die Berichte ein. Er benutzt keinen ideologischen Einordnungsvehikel, die das verbreitete genügsame Schwarz-Weiß-Klischee bedienen. Er legt eine Auswahl von Lebenswegen vor, mit denen die Leser fertig werden müssen. Mit dieser Auswahl spannt er ein Netz von Schicksalen über halb Europa, die mehr als 80 Jahre des vergangenen Jahrhunderts – des Jahrhunderts der Kriege – auf 211 Seiten fühlbar und nacherlebbar machen.

Zwei Umstände haben alle Lebensläufe gemeinsam: Ihre wie auch immer geartete deutsche Herkunft und den Krieg. Der bestimmte die Schicksal, bevor er kam, während er herrschte und nach seinem Ende noch lange. Es sind die kleinen Leute, die immer die Zeche bezahlen - mit zerstörten Häusern, verlorene Heimat, fehlenden Gliedern, verkrüppelten Seelen oder mit dem Leben. Leben, von dem eine Betroffene sagt: Wir haben alles Harte abgekriegt."
Als ich das Buch zuschlug, war mir, als hätte ich mit Freunden zusammengesessen und Lebenserinnerungen ausgetauscht, und ich hatte keinen Augenblick lang das Gefühl, auch nur einer habe gelogen. Doch wieder geht Erinnerung einher mit Sorge und Angst.

Wie wird das neue Jahrhundert einst bezeichnet werden? In dem gleich zu Beginn wieder jene "alles abgekriegt haben", von denen niemand einer Rechnung aufmachen kann, wobei jede Vergewaltigung von neuem unschuldig trifft. Mir haben sich beim Lesen die Leiden und Schmerzen der anderen mitgeteilt, und ich habe das Buch empfunden wie eine leise und eindringliche Bitte, den Hass zu vergessen. So habe ich doch manches erfahren.
Walter Flegel, Neues Deutschland vom 2.11.2001






Ich bin eine Schwabka

Wie wahr ist das Wahre? Schon der Titel von Hans Joachim Nauschütz' jüngstem Buch läßt uns innehalten und überlegen. Ja, ist denn das Wahre nicht a priori wahr? Muß Wahrheit hinterfragt werden? Doch wenn man sich in die "Deutschen Lebensläufe und Selbstzeugnisse nördlich und östlich von Elbe, Oder und Bug" vertieft, kommt man nicht an der Erkenntnis vorbei, daß scheinbar Einfaches und Überschaubares seine Geheimnisse, Brüche und Katastrophen hat. Dafür hat schon das 20. Jahrhundert gesorgt.

Aus der Sicht von Menschen, in deren Familien der Krieg eingebrochen ist, die ihre Identität als Deutsche, Polen, Russen, als Norweger und Dänen verloren und mühsam wieder ihre finden mußten, ist die Wahrheit der Geschichtsbücher alles andere als glaubhaft. Dem Autor ist sehr dafür zu danken, daß er diese Schicksale aufgeschrieben hat - vielleicht gibt das Buch dem einen oder anderen den Mut, seinen eigenen Lebensweg für nachfolgenden Generationen im besten Sinne "aufzuheben".
Der Rote Hahn, Oktober 2001



Wie wahr ist das Wahre?

Hans Joachim Nauschütz hat dieses Buch nicht selbst geschrieben. Menschen, Deutsche, die er gewonnen hat, haben ihm berichtet, was ihnen infolge des Krieges und danach geschehen ist, und wie sie es überlebt haben. Gemeinsam ist ihnen, daß sie deutscher Abstammung sind aber nicht in Deutschland lebten, sondern, manche seit Generationen, in einem der Länder Osteuropas.

Als Herausgeber hat H. J. Nauschütz Inhalt und auch Form der siebzehn Beiträge so schonend behandelt, daß alle, die dieses Buch lesen, ein ganz lebendiges Bild erhalten.
Nicht nur Not und Leiden werden genannt, auch das Bemühen, sie zu meistern und immer wieder wird auch der Hilfe gedacht, die selbst Not leidende russischen und polnischen Menschen aus menschlichem Mitempfinden leisteten. Menschen als Opfer und als Kämpfer gegen Not und Tod.

Während des Krieges war ich zweimal einige Monate in Frankreich, im Sommer 1940 und im Frühjahr 1942. "C'est la guerre, grand malheur pour nous, pour vous, pour tous le monde – Das ist der Krieg, ein großes Unglück für uns, für euch und für alle Welt."
Ich habe viele Bücher über den zweiten Weltkrieg gelesen. Dieses Buch gehört zu den wahrhaftigen es hilft schwer faßbares zu begreifen und gerecht zu beurteilen, dient damit dem Verständnis der Völker für einander und dem Frieden auf Erden.
Dr. Horst Rocholl, Neuenhagen, Pussel, Oktober 2001

Nauschütz hat – in Wie wahr ist das Wahre – zwei Jahrzehnte lang Lebensläufe gesammelt, die allesamt von zwei Faktoren bestimmt sind: vom Krieg und dessen Folgen und vom Leben im Osten, vor allem auch der DDR. Da ist viel von Flucht und plötzlicher und ungewollter Versetzung in ein neues, unbekanntes Land die Rede, von "ethnischen Säuberungen", von denen man unversehens betroffen ist, von Menschen, die an ihrem Wohnsitz plötzlich zur Minderheit wurden. So ergibt sich ein Panorama von menschlichen (deutschen) Schicksalen, von denen – wenn man von Krieg und den Veränderungen in der Folge – meist nicht gesprochen wird.

Die Berichtenden nehmen kein Blatt vor den Mund, und der Sammler und Herausgeber hat es sich (offenbar) versagt, zu retuschieren ...
Mittel- und osteuropäischen Realität im 20. Jahrhundert und eine andere, sehr unmittelbare Art von Geschichtsunterricht.
Beiträge Jugendliteratur und Medien, I/2002







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