Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Erika Wollanik
Zusammengesperrt

Zusammengesperrt sind in der gleichnamigen Erzählung des Bandes zwei knochenbrüchige, nicht mobile Patienten im Krankenhauszimmer. Zusammengesperrt sind aber auch die sieben Geschichten in diesem Erzählungsband. Sie umkreisen Themen aus den verschiedensten Lebens- und Gesellschaftsbereichen von einem Vernehmungsprotokoll eines Fast-Mörders über eine Schülermobbinggeschichte bis hin zu einer Reportage über ein fiktives Männerhaus.
Die Geschichten münden in einem Lapidar, einer Sentenz oder auch nur in einem einzigen Satz, der alles vorher Gesagte pointiert, zusammenfasst oder im Gegenteil grundsätzlich in Frage stellt. Manchmal eröffnet ein Schluss auch die Möglichkeit, dass danach etwas völlig Neues beginnt.
In thematischer Nähe zu den Texten mäandern in loser Folge ein paar Sonette und Grafikblätter der Autorin durch den Band.

Erika Wollanik: Zusammengesperrt. Einige sehr unteschiedliche Geschichten. 2010. Paperback.120 Seiten. Format 13,5 x 20 cm
Preis 9,50 Euro       ISBN 978-3-933416-90-2






Buchpremiere am 15.10.2010 in der Stadtpfarrkiche Müncheberg.       Foto: Magoo Meyer





Leseprobe – Erika Wollanik: Zusammengesperrt


Margeritenhof
Reportage über ein fiktives Männerhaus

Allein schon die Anfahrt zum Margeritenhof ist wunderschön: Drei Kilometer Waldweg unter grünem Blätterdach ... Andererseits ist die Zufahrt zum Männerhaus aber wirklich auch nur ein Weg: Eine festgefahrene Schneise durch Unterholz, Farne und Blaubeersträucher ... Da tuckert man also gemütlich dahin, bis einem, nachdem man einem größeren Stein ausgewichen ist, trockene Äste überfahren und lange, ausgetrocknete Pfützen durchquert hat, irgendwann Zweifel kommen, ob diese beiden Fahrspuren mit der Grasnarbe dazwischen jemals zu einer menschlichen Behausung führen.
An diesem kritischen Punkt aber sehe ich zum Glück weiter vorn einen jungen Mann mit einer Reisetasche. "Natürlich geht es hier zum Margeritenhof", sagt er. Mitfahren will er nicht. Dazu ist der Maitag zu schön. Aber ob ich seine Tasche mitnehmen könne. Ich stelle sie auf den Beifahrersitz und freue mich, dass ich mich nützlich machen kann. Vielleicht werde ich diesen Sympathiepunkt auf der Insel der Männer später ja nötig haben.

Immerhin hat es schon im Vorfeld zu meinem Besuch Schwierigkeiten gegeben. Fast wäre alles bereits gescheitert, als sich am Telefon herausstellte, dass ich, die Telefonierende, die Reportage für unsere Frauenzeitschrift selbst machen will. "Haben Sie denn keinen Mann in der Redaktion, den Sie schicken können?" ...
Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass es hier nicht um ein gelegentlich immer noch anzutreffendes Vorurteil geht, manche Dinge seien von Frauen nun eben mal nicht zu machen, sondern dass beim Margeritenhof so etwas wie ein Fall von "verbotene Zone für Frauen" vorliegt ...
Wir einigten uns darauf, dass ich die Erlaubnis, eine Reportage über den Margeritenhof zu machen, gegen das Einspruchsrecht der Belegschaft an unliebsamen Stellen des Manuskriptes eintausche.

Wie sich die Gewissheit der Männer, auf dem Margeritenhof völlig unter sich zu sein, auswirkt, darf ich erleben, als ich nach dem Mittagessen einen kleinen Spaziergang durch das Gelände mache. Auf der Lichtung im Blautannenhain soll es eine Bademöglichkeit geben. Ich höre auch Stimmen von dort und sehe im himmelblauen Bassin schon das Wasser blitzen, und als ich, im Verborgenen noch, hervorluge, da springt auf der Blumenwiese vor einem Volleyballnetz ein Pulk Adonisse in der Sonne herum: unschuldig, fröhlich kommunizierend und nackt – gerade so, wie sie der Herrgott geschaffen hat.

... "Ein volles Haus haben wir auch bitter nötig" [erzählt Jacob]. Im Gegensatz zu vergleichbaren Projekten, die es für Frauen gibt, würden sie nicht gefördert. Weder irgendeine staatliche Stelle fühle sich zuständig, – ein Ministerium für Sport, Männer und Behinderte gibt es ja nicht –, noch würden bei gesundheitsfördernden Kursen Kosten von der Krankenkasse zurückerstattet ...

Ob auch Opfer von häuslicher Gewalt gegen Männer hier landen würden, frage ich. Jacob nickt müde und wissend: "Während der dreijährigen Zeit unseres Bestehens haben wir bisher vier Männer für ein paar Tage hier aufgenommen, den einen davon sogar anonym, weil er von bezahlten Schlägern seiner Exfrau bedroht wurde ..."

Jacob ist achtundvierzig Jahre alt und war in verschiedenen Großstädten als Sozialarbeiter tätig, ehe er gemeinsam mit einem Freund auf die Idee kam, ein Männerhaus zu eröffnen. "Das Einzige, was die Männer ansonsten haben, um ungestört beisammen zu sitzen und miteinander zu reden, sind doch die Kneipen", sagt er. "Aber Biertischgespräche reichen nicht. Viele Männer wollen auch gern mal über ihre Familie oder ihre ganz persönlichen Probleme sprechen." ...

In diesem Haus werde zum Beispiel deutlich, wie vielen Männern das Zerbrechen ihrer Beziehung oder die Trennung von ihren Kindern zu schaffen macht. Aus dieser Situation heraus sei vor einiger Zeit ganz spontan von einer Gruppe Gleichgesinnter ein Verein "Väter für Kinder" gegründet worden ...
"Männer haben es in einer Gesellschaft, die die Rechte von Kindern und Müttern oftmals unreflektiert aneinander koppelt, in vieler Hinsicht zunehmend schwerer", fügt er nach einer Pause nüchtern hinzu.

Dann führt Jacob mich hinüber zum Bettenhaus. Er geht mit mir über einen leidlich, jedenfalls nicht penibel, aufgeräumten Hof an ein paar Blumenrabatten und dem Swimmingpool vorbei, der jetzt verlassen in der Sonne blinkt. "Das Anwesen war zu DDR-Zeiten eine Art Stasi-Puff", erzählt Jacob. "Es war von einem Sicherheitszaun umgeben und weiträumig abgesperrt. Der Koch, den wir in unserer Küche haben, hat damals für diese Leute gekocht und kann sich gut an die Zeit erinnern."

... Jacob lässt mich einen Blick in eines der Zimmer werfen ... An einer Wand hat jemand eine Papierrolle angebracht, eine Art Transparent mit einem offenbar selbsterdachten Text: "Die größte Absurdität der Evolution ist die Liebe, und dass die Menschen in ihrer bodenlosen Borniertheit diesen Begriff sogar auf die Tierwelt übertragen. – Wir lieben uns trotzdem." ...

Beim Mittagessen ist die gesamte derzeitige Belegschaft des Margeritenhofes auf einen Blick zu haben. An zwei Sechsertischen und einer Tafel sitzen insgesamt achtundzwanzig Männer beisammen ... darunter auch zwei oder drei Pärchen, die daran erkennbar sind, dass sie auf der Insel der Männer wiederum eine Art Insel bilden ...
Sehr gelegentlich wirft einer der Männer einen scheu distanzierten Blick auf mich. Als einzige Frau im Raum und außer der Hündin Johannes auch als einziges weibliches Wesen im Umkreis von drei Kilometern habe ich hier nicht nur keinerlei Funktion, sondern bin eine Fremde, ein Störenfried.

Am Nachmittag spreche ich vor dem Haus einen der Männer an, der dort gerade raucht. Er ist das erste Mal auf dem Margeritenhof, erzählt er mir, und er hat den Kurs "Bekanntschaften schließen. Erotische Annäherung" belegt. Er errötet ein wenig, als er das sagt, und so kommen wir lieber gleich auf das gute Essen auf dem Margeritenhof zu sprechen.
Über den Inhalt des Kurses "Bekanntschaften schließen. Erotische Annäherung" habe ich ja bereits in dem Flyer nachgelesen. Dort steht:
"Dieser Kurs wendet sich vor allem an Männer, die auf Grund der gegenwärtig stattfindenden gesellschaftlichen und sozialen Umwertung der Rolle des Mannes verunsichert sind. Es wird über Lust und Frust in heterosexuellen, bisexuellen und homosexuellen Beziehungen gesprochen. Bei Diskussionen zu solchen ansonsten gern ausgesparten Themen besteht die Möglichkeit, sich auseinanderzusetzen und zu einer eigenen Haltung zu finden. Angesprochen sind aber auch Ehemänner, die ihrer im Laufe der Zeit eintönig gewordenen Beziehung neue Impulse geben wollen."
Zum heiteren Teil dieses Kurses gehört am Schluss eine praktische Übung, bei der verschiedene Arten von BH-Verschlüssen an einer Schaufensterpuppe geöffnet werden. Für den raffiniertesten BH-Öffner gibt es das Casanova-Zertifikat.

Als ich mich schon von Jacob verabschiedet habe und durch den Hausflur gehe, werfe ich noch einen Blick auf die Pinnwand. Der Speiseplan für die laufende Woche hängt da, jemand möchte am Ende des Kurses im Auto nach Berlin mitgenommen werden, der Verein "Väter für Kinder" gibt seine E-Mail-Adresse bekannt und ein junger Vater aus Berlin sucht einen Kinderwagen.

Bei dieser unkomplizierten Art von Kommunikation fällt mir urplötzlich meine Freundin ein. Längere Zeit bereits ist sie auf der Suche nach einem Partner, möchte aber keine Annonce mehr aufgeben .... Wie, wenn sie ihr Anliegen hier an der Pinwand öffentlich machen würde?
Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich in einem Haus, wo so viele wohlgestaltete, sympathische, bildungswillige Männer im heiratsfähigen Alter beisammen sind, kein Angebot auf ihre Nachfrage fände.
Das Problem ist nur, wie sie, ohne erwischt zu werden, zu der Pintafel gelangen und den Anschlag anbringen kann. Vielleicht sollte sie, um den Eingangsbereich zu umgehen, über den Zaun steigen und dann durch den Nebeneingang kommen. Oder sich verkleiden.





Rezension – Erika Wollanik: Zusammengesperrt


Geschichten mit dem roten Punkt
Mit viel Herzblut, so die Autorin, habe sie jedes einzelne ihrer Bücher versehen, daher der rote Punkt auf den Buchdeckeln.
Mit viel Herzblut, im übertragenen Sinne, verfasste sie wohl auch ihre Erzählungen, von denen sieben und zusätzlich einige Sonette in dem neuen Buch vorgestellt werden ...
Ihr neues Werk und den Buchtitel erklärt sie so: "Zusammengesperrt sind in der gleichnamigen Erzählung zwei knochenbrüchige, nicht mobile Patienten im Krankenhauszimmer. Zusammengesperrt sind aber auch die sieben Geschichten in dem Erzählungsband. Sie umkreisen Themen aus den verschiedensten ... Bereichen. Von einem Vernehmungsprotokoll eines Fast-Mörders über eine Schülermobbinggeschichte bis hin zu einer Reportage über ein fiktives Männerhaus." ...
Oderlandspiegel vom 23./24. Oktober 2010



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