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AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Wolfgang Wüstefeld
Manchmal schlimm, immer schön


Kindheit und Jugend des Autors im Frankfurt der Vorkriegszeit sind geprägt durch das christliche Elternhaus und die feste Gemeinschaft der Pfadfinder. Als engagierter Katholik sucht und findet er seinen Platz in den verschiedenen Gesellschaftssystemen – und macht dann sogar noch Karriere.
Über viele Jahre verantwortlich für den Brückenbau im ehemaligen Bezirk Frankfurt (Oder), hat Wolfgang Wüstefeld einiges zu erzählen, nicht nur über Schwierigkeiten im Brücken- und Verkehrsbau ...
Offiziellen Interpretationen stellt er persönlich Erlebtes gegenüber. Gerade diese persönlichen Erinnerungen illustrieren den Alltag in den einzelnen Epochen der letzten siebzig Jahre dieses Jahrhunderts.
Vieles macht nachdenklich, manches stimmt heiter, anderes traurig. Die ganze Palette, die das Leben ausmacht.

Wolfgang Wüstefeld: Manchmal schlimm, immer schön. 3. Auflage 2002. Paperback, 418 Seiten, 20 Fotos. Format 12,4 x 19 cm. Umschlag: Christoph Neubauer
Preis 14,00 Euro       ISBN 978-3-933416-16-2



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Leseprobe – Wolfgang Wüstefeld: Manchmal schlimm, immer schön



Brücke Fürstenwalde


Ich bekam die Aufgabe, die Brücke in Fürstenwalde über den Schleusenabstieg zu bauen - eine großartige Aufgabe für einen jungen Ingenieur. Es handelte sich um eine Vierfeldbrücke, die durch eine komplizierte Stahlkonstruktion sich über den Schleusenabstieg schwang.

Die 1913 an gleicher Stelle gebaute Brücke war im Krieg zerstört worden. Sie mußte weggeräumt werden. Besonders auch die Gründungen konnten nicht weiterverwendet werden. Jeder der fünf Unterbauten erforderte eine andere Gründung. Alle waren kompliziert: durch nicht tragfähigen Baugrund, viele Tonnen schwere eiszeitliche Findlinge oder gerissenen Teile von Fundamenten der alten Brücke. Wir hatten einen Prahm mit Dampfbagger, Kesselbuch von 1872! Ausreichend lange Holzspundbohlen waren nicht zu bekommen. So mußten wir uns mit ungewöhnlichen Schwierigkeiten abmühen und Lösungen erfinden, die heute kaum vorstellbar sind. Ohne Taucher und Sprengungen ging nichts. Am einfachsten war die Druckluftgründung mit Senkkasten (Caisson) für den Hauptpfeiler. Hier schütteten wir eine Insel für den Aufbau des Senkkastens.

Seit 1945 ging der Verkehr zwischen den Stadtteilen und zur Autobahn über eine hölzerne Behelfsbrücke, die über die Schleusenkammern führte. Dadurch wurde die Schiffahrt stark behindert. Aber vor allen Dingen war der Verkehr so stark, daß die Holzkonstruktionen ständig erneuert werden mußten. Das kostete viel und brachte Verkehrsbehinderungen mit sich. Ein anderer Übergang über die kanalisierte Spree war weit und breit nicht vorhanden.
Die Bevölkerung nahm großen Anteil an dem Brückenbau, der ja praktisch mitten in der Stadt lag.

Wir hatten alles vorbereitet, um auch den Stahlbau schnellstens durchzuführen. Kompliziert war die große Schiffahrtsöffnung. Die Konstruktion sollte mittels Hängeseilen an einen Stahlbogen gehängt werden. Der Trägerrost, der an diesen Stahlbögen hing, mußte vorgespannt werden. Das war eine Konstruktion, die keiner von uns wirklich beherrschte.

Den Stahl für die Brückenkonstruktion hatten wir rechtzeitig in der Sowjetunion bestellt. Er kam dennoch mit Verspätung. Pflichtgemäß ließ ich Stahlproben vom Materialprüfungsamt in Berlin untersuchen. Wir bekamen die Antwort: Für den Brückenbau völlig unbrauchbar. Total versprödeter Stahl, kann allenfalls noch in der Dorfschmiede verwendet werden, für andere Zwecke nicht zu verwenden.
Jetzt ging das Theater mit den Bestellungen erneut los. Jedesmal waren große bürokratische Hindernisse zu überwinden. Vor allem, daß wir den sowjetischen Stahl abgelehnt hatten, war ein Politikum sondergleichen.

Etwa ein Jahr später, wir hatten inzwischen alle anderen Arbeiten soweit fertig gestellt, auch schon am Straßenbau gearbeitet, kam die nächste Stahlsendung aus der Sowjetunion. Wieder die Prüfung und wieder das gleiche Ergebnis. Auf die Herstellung und die Auslieferung in der Sowjetunion hatten wir in der DDR keinerlei Einfluß. Man hatte uns also zum zweiten Mal ausgesprochen unbrauchbaren Stahl geliefert. Es wäre ein Verbrechen gewesen, den im Brückenbau einzusetzen. Mit Sicherheit wäre die Brücke bei den ersten größeren Belastungen zerbrochen.

Wir unterrichteten alle staatlichen Stellen. Das hatten wir beim ersten Mal natürlich auch schon getan. Eine Regierungskommission wurde eingesetzt. Der Stellvertreter des Ministers kam zu einer Aussprache, der Rat der Stadt war vertreten, er war ja besonders betroffen. Wieder ein Jahr länger auf die Brücke zu warten, war unerträglich. Die erste Frage, die der Stellvertreter des Ministers stellte, war: "Ich möchte erst einmal den Ingenieur kennenlernen, der behauptet hat, daß der Stahl aus der Sowjetunion nicht zu gebrauchen ist."

"Wissen Sie, Herr Minister", schlug ich ihm vor, "Sie lesen dem Stahl ein Kapitel aus Marx oder Engels vor. Vielleicht ist er dann wieder zu gebrauchen." Das war natürlich zuviel. Es gab einen ausgesprochenen Kladderadatsch. Den gab es dann auch in der Stadt. Ich hatte in der Ratssitzung meine Angaben zu machen, die im allgemeinen schon längst bekannt waren, und war mehr als erstaunt darüber, daß dort, obwohl jeder den wahren Sachverhalt kannte, so diskutiert wurde, als ob der Stahl aus Westdeutschland gekommen wäre. Das Wort "Sowjetstahl" durfte nicht verwendet werden. Selbst im kleinen Kreis, es waren etwa acht Personen, die außer mir alle Funktionäre waren, konnte man nicht die Wahrheit sagen.

Einige Tage später war dann eine Versammlung vor der Bevölkerung. Hinter mich setzte sich einer der Herren vom Rat der Stadt. Als wieder behauptet wurde, der Stahl aus Westdeutschland tauge nichts und ich etwas sagen wollte, schlug der mir sofort auf die Schulter und sagte scharf: "Sie sagen jetzt kein Wort!" Es war eine wirklich schlimme Situation.

Die Hängeseile, die wir aus Köln-Deutz erhalten hatten, waren längst da, aber sie wurden erst zuletzt gebraucht. Die Betriebe aus der Bundesrepublik hatten ihre vertraglichen Verpflichtungen erfüllt. Wir haben dann zum dritten Mal Stahl bekommen. Es wurde soviel Druck gemacht, daß es schnell ging, und der kam dann aus Brandenburg und war zu verwenden.
Ich habe damals gelernt, daß die politische Gesinnung eines Ingenieurs einen gefährlichen Einfluß auf die Güte von Stahl haben kann.









Rezensionen Wolfgang Wüstefeld: Manchmal schlimm, immer schön



Nie auf die Partei gesetzt

Mitte der fünfziger Jahre baut der Ingenieur Wolfgang Wüstefeld in Fürstenwalde, einer Stadt zwischen Berlin und Frankfurt (Oder), die Schleusenbrücke. Die Baustelle liegt mitten in der Stadt. Die Fürstenwalder warten auf diese Straßenverbindung, die seit dem Krieg zerstört ist. Die Brücke ist kompliziert zu bauen wegen der großen Öffnung für die Schiffe. Die Konstruktion ist für alle Bauleute neu. Der Stahl für diese Brücke wurde rechtzeitig bestellt, dort, wo die DDR bestellen darf: in der Sowjetunion. Der Stahl kommt mit erheblicher Verspätung. Er ist unbrauchbar. Auch eine zweite Stahllieferung ist für die Brücke unbrauchbar.

Ein stellvertretender Minister kommt aus Berlin, um nachzuschauen, was in Fürstenwalde los ist. Kaum angekommen, so erzählt Wüstefeld, sagt der Minister, er wolle "erst einmal den Ingenieur kennenlernen, der behauptet hat, daß Stahl aus der Sowjetunion nicht zu gebrauchen ist". Wüstefeld tritt vor und sagt: "Wissen Sie, Herr Minister, Sie lesen dem Stahl ein Kapitel aus Marx oder Engels vor. Vielleicht ist er dann wieder zu gebrauchen." Das ist frech und muß Folgen haben. Wüstefeld schreibt nur, es habe "einen Kladderadatsch" gegeben. In seinem Leben gibt es oft Kladderadatsch.

In Frankfurt (Oder) in einer katholischen Familie aufgewachsen, wird er zum Feind der Nationalsozialisten. Der Hitlerjugend tritt er nicht bei. Das "HJ-Gericht" verfügt, Wüstefeld habe das Gymnasium zu verlassen. Er lernt Maurer und schlägt die Ingenieur-Laufbahn ein. 1942 wird er eingezogen. Den Krieg erlebt er an der Ostfront, gerät am Ende des Krieges jedoch in amerikanische Gefangenschaft. Er kommt bald frei und – kehrt zurück nach Frankfurt (Oder). Den neuen Machthabern dort ist der Katholik abermals ein Feind. Aber der Ingenieur Wüstefeld wird beim Wiederaufbau gebraucht. Er ist viel zu jung für die Verantwortung, die ihm aufgeladen wird. Aber das rettet ihn. Er wird nicht von den Russen abgeholt und später nicht von der Staatssicherheit.

Jahrelang werden Wüstefeld und seine Familie schikaniert. Sein ältester Sohn verweigert in den siebziger Jahren den Militärdienst, zwei Jahre lang muß er dafür ins Militärgefängnis. Nach seiner Verurteilung darf er nicht einmal mehr seiner Frau die Hand geben. Der Richter: "Solch einem Verbrecher gebe ich keine Vergünstigungen." Wüstefelds Kinder dürfen nicht die höheren Schulen besuchen.

Wüstefeld gibt jedoch nicht auf. Einmal – er baut eine Brücke in seiner Heimatstadt – soll es eine Krisensitzung geben wegen der für die DDR-Verhältnisse typischen Schwierigkeiten auf dem Bau. Als Wüstefeld pünktlich in das Rathaus kommt, ist die Sitzung bereits im Gange. Er solle draußen warten, wird ihm beschieden. Nach fünfzehn Minuten geht er ungefragt in den Raum.
Nicht einmal ein Stuhl steht für ihn bereit. "Offenbar wurde ich als Angeklagter behandelt." Es gibt Wortgefechte, Wüstefeld läßt sich nicht einschüchtern trotz der geballten Funktionärsmacht vor ihm. "Machen Sie sich ihren Dreck alleine", sagt er schließlich und geht. Ein Mann läuft ihm hinterher. Er solle zurückkommen. "Wer sind Sie überhaupt?" fragt Wüstefeld. "Ich bin der 1. Sekretär der Kreisleitung (der SED). Sie kennen mich nicht?"

In den Jahrzehnten seiner Arbeit im DDR-Bezirk Frankfurt (Oder), vor allem in der Bezirkshauptstadt selbst lernt Wüstefeld manchen Funktionär kennen. Sie sind ihm Partner, wenn sie ihm helfen. Er kann sie hassen, wenn sie ihre Ideologie über den Rat des Mannes aus der Praxis stellen. Eine Funktionärin mit Doktortitel fragt ihn: "Sie gelten im Bezirk als ein kluger Mann. Ich habe gehört, daß Sie noch an den lieben Gott glauben. Wenn das stimmt, müssen Sie doch sehr dumm sein." Wüstefeld entgegnet: "Sie glauben an Ihr Wissen. Ich weiß um meinen Glauben." Der Ingenieur ist unersetzlich, die Verfolgungen hören auf.
Es ist, mit heutigem Blick, erheiternd, in Wüstefelds Lebenserinnerungen nachzulesen, wie er bei seinen Bauvorhaben der Planwirtschaft und damit dem ewigen Mangel immer wieder ein Schnippchen schlägt. 1988 geht er in Rente.

Verabschiedet wird er sogar vom Ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung. Der will wissen, wie es dem Ingenieur gelungen ist, so schnell zu bauen. "Ich habe immer zuerst meinen unverbildeten Menschenverstand eingesetzt. Danach mein Fachwissen. Wenn es möglich war, habe ich dann auch die Gesetze und die oft übertriebenen, ja falschen Bestimmungen der Planwirtschaft beachtet und angewandt. Sah ich noch Möglichkeiten, habe ich auch die Wünsche und Anregungen Ihrer Partei erfüllt oder aufgenommen." Der Bezirkssekretär ist beeindruckt, die DDR so gut wie am Ende.

Krankheiten haben Wüstefeld bitter gemacht, der DDR-Untergang kommt für sein Leben zu spät. Aber ohne diesen Untergang würde es seine Lebenserinnerungen nicht geben. Sie sind ein fesselndes Zeitzeugnis. Über manche Unebenheiten im Text, manche Selbstgefälligkeit des Autors, manchen zu privaten Absatz liest man hinweg, nur um zu erfahren, wie es mit Wüstefeld weitergeht. Ein Leben, an dessen Ende ein solches Buch steht, ist ein erfülltes Leben.
Frank Pergande, Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.11.2000




Alter Mann am Strick durch Frankfurt gezerrt

Es ist ja gerade in jüngster Zeit in Mode gekommen, aus seinem Leben ein Buch u machen. Eine von West nach Ost zugewanderte Arztfrau hat das kürzlich getan, dazu ein durch die Stasi von Ost nach West vergraulter Arzt und unter anderen dann auch noch die langjährige Frankfurter Geschäftsführerin einer soziale Einrichtung, die damit all das zuvor Geschriebene aus ihrer Sicht einfach mal "zurecht rücken" wollte. Verwundern tut dieser Erzählbedarf nicht, haben die Deutschen doch nie zuvor in politisch derartig rasant wechselnden Situationen gelebt - brisante Geschehnisse eines turbulenten Jahrhunderts.

Wer all das er- und überleben konnte, hat wahrlich etwas zu berichten. So wie der Frankfurter Brücken-Ingenieur Wolfgang Wüstefeld. Sein Buch "Manchmal schlimm, immer schön - Lebensbericht eines Brückenbauers", das sich immerhin in acht Lebenskapiteln über 418 Seiten erstreckt, ist ein spannendes Zeitdokument.

Freilich: Autobiografien gelten stets auch der eigenen Denkmalssetzung. Und manches Individuelle, das "für meine Kinder und Enkel" – so Wüstefeld im Prolog – von ihm recht breit geschildert wird, mag überdies für fremde Leser doch etwas zu ausführlich geraten sein, desgleichen etliche technische Erklärungen des Brückenbauers, wenn er – nicht ohne berechtigten Stolz – seine Werke und deren schwierige Entstehung in der Region schildert.

Wüstefelds Buch ist vor allem die Geschichte eines Frankfurter Christen. Eines aufrechten Katholiken, der zwei Diktaturen trotzt – und dabei dann sogar noch Karriere macht. So entstand ein menschliches – aber stets auch politisches – Buch, das von seinem Chronisten inhaltlich in vier Zeitbereiche eingeteilt wird:
1.) Die Frankfurter Kindheit und Jugend,
2.) die Nazizeit mit den dramatischen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg,
3.) die Jahre des Sozialismus und
4.) die Zeit der Wiedervereinigung.

Fast jede der Episoden transportiert dabei neben dem speziellen Lokalkolorit der damaligen Tage auch erlebte deutsche Zeitgeschichte. Hier ein paar Beispiele: Auf die Welt kam Wolfgang Wüstefeld am 4. Januar 1923 in der Frankfurter Hohenzollernstraße 1 als zweites Kind des Zahntechnikers Theobald Wüstefeld und seiner Frau Maria. Der Autor: "Es war die Zeit der Hochinflation, in der ein Liter Milch 2000 Milliarden Mark kostete. Die Eltern bezahlten das mit sehr vielen Schwierigkeiten, aber offenbar war ich ihnen das wert ..."

Es folgen Kindheitserinnerungen, beispielsweise an das evangelische Kindermädchen Emmi, das nach Meinung seines Pastors den Job bei den Wüstefelds aufgeben soll, damit es nicht "verdorben" würde – womit der Autor das seinerzeit so gespannte Verhältnis zwischen Protestanten und Katholiken verdeutlicht, bei dem sich die rivalisierenden Gruppen auf der Straße gegenseitig als "katholische Paddenfresser" und "evangelische Kistenscheißer" verhöhnten.

Die knappen Freizeitvergnügen der Wüstefelds liefern mit den damaligen Frankfurter Ortsgegebenheiten den Hintergrund für einzelne Lebensepisoden: Beispielsweise der erste nahe Todesfall im Leben des kleinen Wüstefeld, als sein Freund Paul beim Baden in der Oder ertrinkt (was letztlich aber auch den seinerzeitigen Freizeitwert der Oder für die Frankfurter unterstreicht).

Dann 1930 ein Schlüsselerlebnis:
"Mutter ging mit mir über den Wilhelmsplatz. Zwischen Rosen- und Wollenweberstraße war das Schokoladengeschäft von Bernhard Pruß. Selten ging Mutter da hinein. Plötzlich nahm sie mich bei der Hand und steuerte auf den süßen Laden zu. Da sah ich vor der Ladentür, links und rechts wie Wachposten, zwei SA-Leute stehen ... Die beiden Männer traten zusammen. ,Wenn Sie eine deutsche Frau sind, können Sie nicht beim Juden kaufen!"

Mutter sah die beiden Leute von oben bis unten an. "Wo haben Sie denn Ihre Kriegsauszeichnungen? ... Betretenes Schweigen. "Der Mann da drinnen hat sich vor Verdun das EK 1 geholt. Wo waren Sie damals?" Mutter ließ mich los, rammte ihre Ellbogen zwischen die Männer, stieß sie beiseite und betrat den Laden. Ich sauste hinterher. Herr Pruß sagte: "Sie sind heute meine ersten Kunden. Keiner traut sich herein, und die Polizei kommt nicht." Mutter kaufte zu meiner Freude ziemlich großzügig ein. Als wir den Laden verließen, war die Ehrenwache verschwunden ... Ich wusste jetzt, dass man sich nicht alles gefallen lassen darf."

Dann das Ende der Weimarer Republik: "Meine Eltern sprachen verzweifelt darüber, als 1930 der Reichskanzler Müller (SPD) von den Kommunisten und Nationalsozialisten gemeinsam gestürzt wurde." Hitler griff hemmungslos nach der Macht. Vater Wüstefeld prophezeite: "Wenn der dran ist, geht es rund. Der läßt nicht mehr los." Der Sohn in seinen Erinnerungen: "Das war die Grabrede für die Weimarer Republik, die meine Eltern, trotz der außergewöhnlichen Not, als ihren Staat und als ihr Vaterland angesehen hatten."

Der Autor beobachtete auch das gemeinsame Wirken von Braun und Rot. In einem Fackelzug der SA entdeckte er eine Schalmeienkapelle: "Ich traute meinen Augen nicht. Man hatte die Schalmeienkapelle des Rotfront-Kämpferbundes in SA-Uniformen gesteckt. Ich sah viele mir bekannte Kommunisten. Die Kapelle intonierte 'Brüder zur Sonne zur Freiheit'. Dazu wurde der Text gesungen: 'Erst war'n wir Kommunisten, Stahlhelm und SPD, jetzt Nationalsozialisten, Kämpfer der NSDAP.' Schon wenige Tage danach sprach man in der ganzen Stadt von Verhaftungen. Vor allem bekannte Kommunisten, die nicht sofort umgeschwenkt waren, verschwanden. Man flüsterte: 'Nach Sonnenburg.' Das Gefängnis der kleinen Stadt südöstlich von Küstrin wurde, wie bald hinter vorgehaltener Hand zu erfahren war, zum Konzentrationslager ausgebaut ..."

Schließlich der Rauswurf aus dem Gymnasium, weil der junge Katholik nicht in die Hitlerjugend eintreten wollte. Ein "HJ-Gericht" entschied: "Dir stopfen wir das Maul. Du bist eine richtige Pfeife. Das Gymnasium ist für dich nun vorbei. So einen wollen wir nicht auf den höheren Schulen. Hau ab." Der Familienrat beschloss nun, den Jungen auf der inzwischen "Staatsbauschule" genannten Fachschule für Bauingenieure anzumelden – mit einer Maurerlehre verbunden die entscheidende Weichenstellung für den späteren Bauingenieurs-Beruf.

Wüstefeld beschreibt dann die auch in Frankfurt immer unerträglicher werdende Situation. Nach der so genannten "Reichsprogromnacht" beobachtete er am 10. November 1938, "wie der in Frankfurt bekannte und von vielen verehrte Geschäftsmann Hirsch, ein alter. Herr mit weißem Bart, von SA-Leuten am Strick durch die Straßen geführt wurde. Auf Brust und Rücken trug er ein Schild: Ich bin ein Judenschwein". Dabei war Hirsch als äußerst großherzig bekannt. So kleidete er jene, die wirtschaftlich zu schwach waren, bei Kommunionen oder Hochzeiten schon mal kostenlos ein.

Wüstefeld: "Am 31. August 1939 hatten wir dann eine Nachtfahrt gemacht. Als wir, aus Richtung Reppen kommend, am frühen Morgen am Flugplatz vorbei radelten, hörten wir, wie die Motoren dröhnten. Sie liefen warm für den ersten Start nach Polen ... Der Krieg hatte bereits begonnen." Und dann wurde der junge Wüstefeld selbst eingezogen: Am April ging es zum Pionierbataillon 3 in Küstrin und bald darauf nach Oppeln. "Wir wurden unwahrscheinlich geschliffen ... Die meisten Offiziere und Unteroffiziere waren häufig betrunken." Kämpfend ging es dann zum Kuban, nach Krasnodar und nach Rostow, kämpfend gegen den sich erbittert verteidigenden und bald selbst auch übermächtig angreifenden Feind, gegen Durchfall, gegen Wanzen, gegen Läuse, gegen Mäuse, gegen Mücken. Nach dem Fall von Stalingrad schließlich der Rückzug. Zu essen gab es nur noch das Fleisch verendeter Pferde: "Wir hatten nun den totalen Krieg, den uns Goebbels versprochen hatte.

Am westlichen Stadtrand von Dnjepopetrowsk war eine große Ausfallstraße eng mit Bäumen bewachsen. An fast jedem Baum hing ein deutscher Soldat." Im Auftrag von 'Hänge-Schörner', dem berüchtigten 'Durchhaltegeneral', waren sie wegen angeblicher Fahnenflucht von Feldjägern aufgehängt worden. "Von General Schörner wurden die größten Gemeinheiten erzählt. Jetzt hatte ich gesehen, sie stimmten."

Bald darauf weiterer Rückzug bis zum Plattensee. Dort Post von den Eltern: "Sie schrieben mir, dass Frankfurt zur Festung erklärt worden war und dass die Zivilisten die Stadt verlassen müssen. Sie wollten nach Hildesheim, wo Onkel Alban, Vaters Bruder, Domkapitular war." Weiter enormer Druck der Roten Armee, weiter zurück: "Unser Bataillon ging durchs Burgenland in die Steiermark. Auf den Bergen vor Graz waren für uns die letzten Kriegstage gekommen."

Dem Obergefreiten Wüstefeld gelang es, der russischen Gefangenschaft zu entgehen. Er stellte sich in Österreich den Amerikanern, wurde bald entlassen, schlug sich zu seiner Familie nach Niedersachsen durch und beschloss, nach Frankfurt zurückzukehren. Wüstefeld traf dort seinen alten Pfarrer: "Er erzählte mir von der Festungszeit und der Evakuierung ... Die Stadt war fast leer gewesen. Nur eine kleine Schar Frauen, der Kaplan und zwei Männer hatten sich ins Pfarrhaus geflüchtet. Als die Rote Armee einrückte, geschah den wenigen Menschen Schlimmes. Näheres wollte er nicht erzählen. Bis in den Juni hinein waren immer wieder ganze Straßenzüge angezündet und abgefackelt worden ... Man schätzte im August 1945, dass etwa 60.000 Russen in der Stadt seien und etwa 8.000 Deutsche zurückgekommen und aus den Ostgebieten eingetroffen waren. Die Angst aller Deutschen war groß, der Hunger noch größer... Aus unmöglichen Kräutern wurde Suppe gekocht. Brennesseln waren eine Delikatesse."

Nachdem auch die restliche Familie des jungen Wüstefeld nach Frankfurt zurückgekehrt war, begann nun dessen Bau-Karriere: Die Sowjets entdeckten in seinen Papieren, dass er Ingenieur sei. Umgehend wurde er in die Kommandantur an der Gelben Presse, die nun Puschkinstraße hieß, zitiert: "Ich wurde zu einem älteren Offizier geführt. Nach kurzer Verhandlung bekam ich ein Brot und ein Schreiben, dass ich die Unterstützung aller deutschen und sowjetischen Dienststellen bekommen sollte, um das Wasserversorgungsnetz wieder in Gang zu bringen."

Ein Meer von Problemen - dennoch beschäftigten den jungen Wüstefeld, wie er in seinen Erinnerungen betont, ein paar Dinge besonders:
– Lore, sein nun schon seit rund zehn Jahren von ihm zart umworbener Mädchenschwarm signalisierte ihm endlich auch ihre Zuneigung.
– Im Januar 1946 trat er in die CDU ein. Doch die von der Kommandantur bevorzugte KPD besetzte in der Stadt alle wichtigen Stellen.
– Ihre alte Dammvorstadt auf dem Ostufer der Oder blieb den Frankfurtern von nun an unerreichbar.
– Vor allem aber versuchte Wüstefeld, mit den Unzulänglichkeiten und verwirrenden Verfügungen der allmächtigen Sowjetischen Militär-Administration (SMAD) zurecht zu kommen. Besonders mit deren zunehmenden Drangsalierungen der Zivilbevölkerung. Als Wüstefeld einmal von einer CDU-Sitzung nach Hause ging, lagen "überall anscheinend tote Menschen auf der Straße ... Rotarmisten waren in die Häuser eingedrungen und hatten gewütet wie in den ersten Monaten 1945."

Bei den Landtagswahlen 1950 erlebte Wüstefeld wegen der Einheitsliste viele Proteste: "Ich hatte mir gleich am Anfang einen der Zettel genommen, aber nicht gewählt. Auf der Toilette habe ich dann alle Kandidaten ausgestrichen und geschrieben: Diese Kandidaten wähle ich nicht." Bei den nächsten Wahlen 1954 fragten Wüstefeld und seine Lore - sie waren inzwischen verheiratet - im Wahllokal nach einer Wahlkabine. Die Antwort: "Sie können Ihre Stimme für den Frieden doch offen abgeben." Wüstefeld: "Mich stach der Hafer. 'Sie haben vollkommen recht', sagte ich und strich, auf dem Tisch der Beisitzerin ... alle Namen auf dem Zettel durch. Lore machte dasselbe ... Ein Nachspiel hatte die Sache nicht.

Dabei hatte es immer wieder Verhaftungen gegeben. Im August 1947 waren in einer Woche 37 junge Menschen abgeholt worden, darunter auch etliche Freunde ... Wir rätselten herum. Im Oktober schlug der NKWD nochmals zu. Diesmal wurden 14 junge Menschen aus ihren elterlichen Wohnungen nachts weggebracht. Dabei auch etliche Mädels. Die Jüngste war 15 Jahre alt. Dann wurden weitere 13 Personen abgeholt. Darunter am ersten Adventssonntag auch mein Freund Bernd. Auf dem Weg zur Kirche wurde er in ein Auto gezerrt. Viele Monate vergingen, bis das erste Lebenszeichen von ihm eintraf: 'Ich bin wegen Diversion und Widerstand gegen die Staatsgewalt zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt.' ... 1954 dann eine Amnestie, auch Bernd wurde entlassen. Tatsächlich waren er und wohl auch fast alle anderen Verhafteten unschuldig ... Es war die Angst der Mitglieder des NKWD vor ihren Vorgesetzten. Sie hatten die Pflicht, Erfolge zu bringen. Und Erfolge waren Verhaftungen und Verurteilungen."

In vielen Episoden schildert Wüstefeld seinen Austritt aus der CDU, das Wachsen seiner Familie, die Freude über die vier Kinder, ihre Drangsalierungen als Katholiken in den Schulen, die in den 50er Jahren unerträgliche Ausmaße annehmende Christenverfolgung, den Bau der Mauer ("Wir lebten nun im größten Freigehege der Welt"), die zahlreichen Zwischenfälle durch Stasispitzel, die vielen kleineren Alltagssorgen und auch den Wiederaufbau der Heimat sowie seine eigenen, recht riskanten und nach DDR-Gesetzen absolut unerlaubten Tricks bei der Beschaffung der für seine Bauprojekte notwendigen Materialien.

Besonders geht der Autor auch auf seine erstaunliche Karriere ein: Verantwortlich für die Wasserversorgung im Auftrag der Sowjets, Leiter des Tiefbauamtes Frankfurt, Koordinator für sämtliche Tiefbauleistungen der Stadt, vor dem Hintergrund des Baus von Stalinstadt/Eisenhüttenstadt Bauleiter der hierfür auszubauenden Grenzbahnhöfe Frankfurt und Küstrin, Bauleiter für Brückenbau im Bezirk Frankfurt mit dem Bau von 100 Brücken sowie Leiter des Verkehrsbaus in Frankfurt.

Bei offiziellen Anlässen saß der parteilose Katholik dann schon mal prominent zwischen Oberbürgermeister Krause (der ihn bei seinen Eigenmächtigkeiten wiederholt gerettet hatte) und dem Ersten Sekretär des Bezirks Hertwig. In den letzten Dezembertagen 1987 ging Wüstefeld – inzwischen ausgezeichnet mit dem Titel "Oberingenieur" und der "Verdienstmedaille der DDR" – schließlich in den verdienten Ruhestand.

Dann die von Wüstefeld mit heißem Herzen begrüßte Wende mit der Wiedervereinigung. Endlich frei reden, frei wählen, frei reisen. Und der Wiedereintritt in die CDU, dort bald auch im Vorstand. Doch an den Jahren danach übt Wüstefeld ebenfalls herbe Kritik. Besonders an der neuen Bürokratie: "Ich selbst bin stets der Meinung gewesen, dass die sozialistische Bürokratie nicht übertroffen werden könne. Das war ein Irrtum ... Vom 'Rechtsstaat' spürt der Bürger wenig. Vor allem stört die meisten von uns die 'Rechtsbürokratie'"

Warum ist der Großvater von zwölf Enkeln, dessen Gesundheit heute stark angeschlagen ist, bei all den ihm bereiteten Schwierigkeiten eigentlich nie selbst in den Westen gegangen – so, wie beispielsweise seine Brüder auch? Wüstefelds schlichte Antwort: "Ich glaubte immer fest an die Wiedervereinigung."
Ulrich Zimmermann, Märkische Oderzeitung v. 23.08.2000





Ein Brückenbauer aus Frankfurt (Oder) erinnert sich

"Als kleiner Junge wollte ich Feuerwerker oder Bischof werden. Auf dem Gymnasium hatte ich kein Berufsziel. Dann wurde ich durch die Verhältnisse auf den Bau verschlagen. Eine Vorstellung davon hatte ich nicht. Die praktische Arbeit und das Studium machten Spaß. Bei den Pionieren hatte es einige Vorteile, Ingenieur zu sein ..."

Wolfgang Wüstefeld (77), engagierte Katholik aus Frankfurt (Oder) und bis zu seiner Pensionierung Leiter des Verkehrsbaus in Frankfurt – zuletzt auch mit staatlichen Ehrungen ausgezeichnet hat sein bewegtes Leben niedergeschrieben und Resümee gezogen. Seine Autobiographie, ein "Lebensbericht eines Brückenbauers", ist jetzt im ostbrandenburgischen Verlag "Die Furt" erschienen und ein einzigartiger Zeitzeugenbericht, wobei seine persönlichen Erlebnisse in 78 Jahren eingebettet sind in historischen Daten und Fakten dieser bewegten Jahrzehnte in Deutschland und der Welt.

Der Autor war - wie man lesen kann - stets ein "unbequemer Zeitgenosse", z. B. als Kind und Jugendlicher in der Nazizeit, wo er vom Gymnasium flog, weil er sich der NS-Ideologie verweigerte und den katholischen Pfadfindern treu blieb. In der Kriegszeit als Funker bei den Pionieren konnte er überleben, war aber ständig tödlichen Gefahren ausgewetzt. Nach dem Kriege schlug er sich in seine völlig zerstörte Heimatstadt Frankfurt durch und begann im Auftrag der sowjetischen Kommandantur mit dem Aufbau der Wasserversorgung der Stadt, räumte Minen und baute Behelfsbrücken. 1946 wurde er Leiter des Tiefbauamtes und leitete die Enttrümmerung seiner Stadt. Ein verantwortungsvoller Posten, damals bezahlt mit 250 Mark im Monat!

Wüstefeld geriet schon bald in Konflikt mit der herrschenden Politik, denn er trat aus der Ost-CDU aus und verweigerte sich den SED-Machthabern, denn den militanten Atheismus in der stalinistischen Zeit konnte er keinesfalls akzeptieren. Umgekehrt konnte aber das Regime auf die fachliche Kompetenz eines Ingenieurs Wüstefeld nicht verzichten. So versuchte man, ihm das Leben schwer zu machen, indem man die Kinder gegen die Eltern aufhetzte Wüstefeld schildert diese Erfahrungen am Beispiel seiner vier schulpflichtigen Kinder. Sie wurden bedrängt wegen ihrer Nicht-Mitgliedschaft bei den Pionieren, in der FDJ, ganz besonders hart wegen der Nichtteilnahme an der Jugendweihe und schließlich wegen der Wehrdienstverweigerung seines Sohnes Thomas, der dafür zu 22 Monaten Gefängnis verurteilt wurde.

Wolfgang Wüstefeld erzählt in seiner Autobiographie aber auch seine Schwierigkeiten mit seiner katholischen Kirche, der er – wie man immer wieder spürt – von Herzen liebt. Doch wie auch in der Ehe mit seiner "geliebten Lore" gab es im Verhältnis zur "Mutter Kirche" so manche Krise. Wüstefeld schildert das ganz offen und emotionslos. Als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft "Ehe und Familie" beim Katholikentag 1956 in Fulda wehrte er sich gegen die kirchliche Doktrin, das Kind sei "der erste Zweck der Ehe". Für ihn war das Kind "Frucht der Liebe". Liebe stehe an erster stelle, zunächst zu seiner Frau, nicht zuerst das Kind. Das brachte ihm damals viele Schwierigkeiten ein, aber auch heimliche Zustimmung, selbst von einigen Bischöfen.

Noch kritischer sah der engagierte Katholik Wolfgang Wüstefeld die kirchliche Entwicklung nach dem Konzil, als Erzbischof Alfred Bengsch 1967 beschloss, einen "Diözesanlaienrat" (Ost) einzuberufen, deren Vorsitzender er wurde. Unterstützt vom damaligen Weihbischof Theissing, traf sich der neuen Kreis von Katholiken alle sechs bis acht Wochen in der Gürtelstraße in Berlin-Weißensee. Über zehn Jahre war Wüstefeld der Vorsitzende. Man sprach viele und wichtige innerkirchliche Problem – Schulfragen, Ehe, Intensivierung der Seelsorge in der Diaspora der DDR Abwehr staatlicher Pressionen.

Nachdem Bischof Theissing nach Schwerin berufen wurde, erlahmte die Bedeutung des "Diözesanlaienrates". Wüstefeld trat als Vorsitzender zurück. Kritisch schreibt er: "Man ließ uns weiter zusammenkommen, versorgte uns mit gutem Essen, freundlichen Worten und saß einfach alle Probleme aus." Im Ordinariat hatte man – so Wüstefeld – die Protokolle und Berichte gar nicht gelesen. Gutgläubig habe er 80 arbeitsfreie Sonnabende in der Kirche geopfert – "unnütz", wie er heute meint.

Doch sein Engagement für die Kirche und seine Frankfurter Gemeinde blieb dennoch ungebrochen. Der alte Pfadfinder und "Brückenbauer" stellt fest: "Es gibt keinen unterschied im Glauben, selbstverständlich aber unterschiedliches Denken. Das kann auch nicht anders sein. Es ist gut so!"

Das Buch, unterteilt in kleine Abschnitte mit Episoden zum Schmunzeln und zum Nachdenken, endet mit einer kritischen Bilanz. 18 Jahre und sechs Monate wurde Wüstefeld von der Stasi überwacht. 21 "Inoffizielle Mitarbeiter" (IM), darunter auch enge Freunde, waren auf ihn angesetzt. In den Stasi-Akten nannte man ihn "Engerling" und bescheinigte ihm eine "negativ-feindliche Einstellung" zum DDR-Regime.
Doch Wolfgang Wüstefeld hatte stets seinen "Schutzengel" bei sich. Das wird in dieser lesenswerten Autobiographie immer wieder deutlich. Nicht nur Frankfurter sollten dieses Buch lesen, sonder alle Menschen, die sich für die Zeitgeschichte der letzten 70 Jahre interessieren.
Georg von Glowczewski, Katholische Kirchenzeitung v. 06.08.2000



Ein Frankfurter besichtigt sein Leben und damit Stadtgeschichte

Maßstäbe für die Gegenwart wollte er setzen helfen, schreibt der Frankfurter Wolfgang Wüstefeld im Prolog seine Erinnerungsbuches – an den Erfahrungen eines, seines Lebens gemessen könne man auch mit Bescheidenheit glücklich werden. Allerdings bedarf es dafür wohl des liebenswürdigen Naturells des heute 77-jährigen, von dem sich die Frankfurter in natura am Dienstag bei einer ersten Lesung aus seinem Buch "Manchmal schlimm, immer schön" im Kolbe-Haus überzeugen konnten.

Beim Blick zurück suchte der Autor das Leben in lauter Augenblicke zu fassen, in Episoden zum Lachen und zum Weinen, kurz und einprägsam. Die Kindheit im Frankfurt der Weimarer Republik, Ideale der katholischen Jugendbewegung, Erlebnisse als Soldat an der Ostfront, Arbeit für das Wiederaufbauen seiner zerstörten Stadt mit Höhen und Tiefen. Und schließlich die Rentnerzeit. Auch nicht ohne Aufregungen.

Als "Lebensbericht eines Brückenbauers" will Wolfgang Wüstefeld sein vor kurzem im Verlag Die Furt erschienenes Buch verstanden wissen, durchaus auch im übertragenen Sinne: Der Brückenschlag zwischen Ost und West sei ihm Berufung, bekennt er seinem Publikum bei dieser ersten von der Lukas-Buchhandlung organisierten Vorstellung seines Lebensberichtes. Denn: er habe über Frankfurt nun schon einige Bücher gelesen, die nicht gerade die Einheit fördern. Integrieren liegt in Wolfgang Wüstefelds Natur. Davon spricht auch die Anerkennung, die er sich von allen Seiten für seine jahrzehntelange Arbeit bis zur Rente 1988 als parteiloser Christ in der Stadtverwaltung erworben hat. Interessant auch, wer ihn ermutigt und gedrängt hat, seine Lebenserinnerungen für die Öffentlichkeit festzuhalten.

Es waren, wie er betont, vor allem die "gläubigen", das heißt an ihren Idealen festhaltenden Kommunisten und die Westdeutschen, die über das Leben in der DDR unvoreingenommen aus erster Hand erfahren wollten. Die Reaktionen zeigten denn auch, dass schnell neben der begreiflichen Neugier die Bereitschaft tritt, sich an das eigene Leben zu erinnern. Und da kann das Gedächtnis zu den einzelnen Daten die für Wolfgang Wüstefeld wichtig waren, durchaus andere Erinnerungen aufrufen. Deshalb ist es ja so wichtig, dass Biografien aufgeschrieben werden und in ihrer Vielfalt ein möglichst detailliertes Bild der Vergangenheit abgeben.

Der Kraft des Subjektiven ist sich der Autor auch im vollem Maße bewusst, wo andere dozieren, erzählt er eine Geschichte zum Nachdenken oder auch zum Schmunzeln. Indessen ist das Buch alles andere als unpolitisch. "Schlüsselerlebnisse" hat er eine Episode aus dem Jahr 1930 überschrieben: Die Mutter mit dem kleinen Wolfgang an der Hand erzwingt sich gegen eine SA-Wache den Eintritt in ein jüdisches Geschäft. Dass man Intoleranz und Ungerechtigkeit nicht einfach so hinnehmen darf, hat er so sehr früh gelernt. Und die Frankfurter haben von solch einer Lebenseinstellung profitiert und profitieren auch jetzt als Lesepublikum davon. Zumal wohl noch nirgends so lückenlos die. Geschichte ihrer Stadt von Kriegsende bis heute zu besichtigen ist. Das allein schon rechtfertigt die Neugier auf das Buch.
Anni Geißler, Märkische Oderzeitung v. 23.08.2000




Glaubensstärke trotz Unterdrückung
Zwischen 1949 und 1989 gab es in Wellenbewegungen große Unterschiede ("zwei Schritte vorwärts und einen zurück", Stalin). In den einzelnen Bezirken wurden gewollt die Daumenschrauben zu verschiedenen Zeiten angezogen - und wieder etwas gelockert. Die Unfreiheit und Gängelung wurden unterschiedlich empfunden und von Lehrern, Betriebsleiern und Funktionären ungleich gehandhabt. Und natürlich waren die Erlebnisse und die Gegenwehr in den Gemeinden und Familien sehr verschieden.

Machthaber und Christen
Es war nicht selbstverständlich, dass man sich als Christ durchsetzen konnte. Zu bekennen, praktizierender Katholik zu sein, kostete Kraft und Mut. Im Alltag, Beruf und auch auf die Kinder der Schule wurde von den kleinen "Machthabern", die ihre Parteiaufträge gewissenhaft erfüllten, erheblicher Druck ausgeübt. Christen wurden oft zurückgesetzt, verhöhnt und belästigt. Für viele war gerade das eine Stärkung im Glauben und führte zu besonderen Aktivitäten. Die Familien und Gemeindemitglieder schlossen sich eng zusammen. Christ war man nicht nur bei der Sonntagsmesse, sondern auch daheim, auf der Straße und am Arbeitsplatz. Durch Anfeindungen und Verfolgungen fühlten wir uns oft gerade gestärkt. Es machte etwas Mühe, aber auch viel Freude, Christ zu sein.

West-Hilfe
Zu unserer Pfarrgemeinde gehörten auch zwei kleine Städte und viele Dörfer. Ohne die Autos, die uns das Bonifatiuswerk finanzierte, hätten die Außengemeinden nicht gehalten werden können. Die Gläubigen wurden zum Gottesdienstbesuch oder zum Religionsunterricht zusammengeholt. Auch das Geld für den Kraftstoff kam von Bonifatiuswerk. Ganz besonders hilfreich und notwendig waren die Unterstützungszahlungen des Diaspora-Hilfswerkes bei der Renovierung von Kirchen und Kapellen sowie bei der Beschaffung von Baumaterialien bspw. für die Errichtung von Gemeindehäusern. Die Bauarbeiten wurden zum größten Teil von den Gemeindemitgliedern selbst kostenlos durchgeführt. Dadurch lernte man sich noch besser kennen und rückte näher zusammen.

Schlimme persönliche Ereignisse stellten sich immer wieder als gute Fügung Gottes heraus:

Der Rauswurf aus dem Gymnasium durch das HJ-Gericht verschonte mich 18 Monate lang vor der Einberufung zum Kriegsdienst. Auch hatte ich dadurch bei Kriegsende eine gute Berufsausbildung. So konnte ich 1945 voll in die Arbeit als Tiefbauingenieur einsteigen. Eine gute, wenn auch schlecht bezahlte Stelle konnte mir mangels Konkurrenz nicht verwehrt werden ausgeschlossen.

Als denkender und fragender Christ war ich für die obligatorischen politischen Schulungen völlig unbrauchbar, sogar gefährlich, und wurde deshalb ausgeschlossen. Viele Kollegen beneideten mich darum.

Die "DDR" übernahm nach ihrer Gründung 1949 den Staatsterrorismus der Sowjetunion. Die Betriebe, Gebäude und besonders die Infrastruktur wurden völlig heruntergewirtschaftet. Den offiziellen Kirchen stand die Staatsmacht sehr negativ-kritisch gegenüber. Die direkten Angriffe richteten sich aber mehr gegen die Gläubigen, gegen das Kirchenvolk. Viele Christen fühlten sich dem Druck nicht gewachsen und flüchteten in den Westen.

Wir Älteren hatten schon in der nationalsozialistischen Bedrängnis viel gelernt. Wir halfen uns gegenseitig, selbstverständlich auch mit Christen anderer Konfessionen. Manche Aufgaben, auch bezüglich der Glaubensweitergabe, wurden übernommen. Sie besteht ganz wesentlich im Vorleben, aber auch im Berichten über positive Erlebnisse, die wir durch unseren Glauben hatten. Zum Beispiel wurde der Kommunionunterricht durch sog. "Tischmütter" (und -Väter) vertieft und erweitert. Auch wurden kirchliche Leistungen in der Welt an Unwissende vermittelt. In der Gemeinde bildeten sich Familienkreise. Hier wurden Glaubensfragen, das II. Vatikanische Konzil, Eheprobleme, Kindererziehung oder auch aktuelle Tagesfragen besprochen. Dabei wurde auch immer Frohsinn geweckt und enge Gemeinschaft gepflegt.

Die Ehe mit meiner Kindheitsliebe brachte mir ein großes Ehe- und Familienglück, gläubige, sich gut entwickelnde Kinder – allerdings auch sehr harte, aus sichtslose Auseinandersetzungen mit der "realsozialistischen" Schule. Zur Erweiterten Oberschule (Gymnasium) wurden alle vier "leistungsstarken" Kinder nicht zugelassen.

Freilich war unser Leben durch Mangelwirtschaft sehr beengt. Der Lebensstandard war im Vergleich zur Bundesrepublik unterentwickelt. Das ganze Leben wurde vom Staat dirigistisch gelenkt. Auslandsreisen waren für uns fast unmöglich. Die Bundesrepublik Deutschland galt als besonders gefährliches Ausland. Der Zugang zur deutschen Literatur und Weltliteratur war uns kaum möglich. Wir hatten aber den großen Vorteil, Bescheidenheit zu üben, und waren der Gier nach überzogenen Angeboten eines entfesselten Konsums nicht ausgesetzt. Unsere Kinder fühlten sich in den kirchlichen Jugendkreisen wohl und blieben dem Glauben und der Gemeinschaft treu.


Neue Freiheit
Jetzt in der lange erhofften Freiheit ist fast alles besser – aber manches auch schwieriger geworden. Die Fehleinschätzung zur Finanzkraft der ehemaligen DDR und ihrer Bevölkerung führte zu Versprechungen, die noch lange nicht erfüllt werden können. Die Erwartungen der Menschen hier waren viel zu hoch. Für meine Frau und mich spielte Geld kaum eine Rolle. Was wir brauchten, hatten wir. Auf dem Konto war nichts. Doch das machte uns nicht unglücklich. Der Unterschied zwischen Arm und Reich, zwischen Handarbeitern und Intellektuellen schrumpfte in der DDR zusammen. Hier waren und bleiben auch jetzt noch Unterschiede zwischen Ost und West. Im Ganzen gesehen ging es uns manchmal schlimm, aber wir hatten dennoch immer ein schönes Leben. Das Schlechte in der "DDR" wurde schnell überwunden und vergessen ...
Bonifatiusblatt, Januar/März 2002






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Manchmal schlimm, immer schön
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