Bücher aus dem Verlag Die Furt

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Klaus Goll
Zwielicht. Geschichten und Erzählungen zwischen Kaukasus, Oder und Ätna.

Die Geschichten werden von Leuten wie dem linientreuen Winnetou, einem deutschen Herrn Baumann, dem Manager Bernhard und anderen mehr oder weniger zwielichtigen Gestalten bevölkert. Und sie ereignen sich an solch exotischen Orten wie Rom, Mescherin, Belpasso, Baku und Eberswalde.
Es sind vorgebliche Helden, wie sie Krieg und Nachkrieg hervorgebracht haben. Und manchmal sind es auch tatsächliche Helden, von der Art, die gern vergessen werden, weil sie schlechtes Gewissen machen. Menschen aus dem Zwielicht europäischer Geschichte.

Klaus Goll: Zwielicht. Geschichten und Erzählungen zwischen Kaukasus, Oder und Ätna. 1. Auflage 2006. Hardcover. 130 Seiten. Umschlag: Gerhard Wienckowski. Format 13,5 x 20 cm.
Preis 16,80 Euro       ISBN 978-3-933416-63-6



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Leseprobe – Klaus Goll: Zwielicht


Die Schlacht von Belpasso
Belpasso liegt am Ätna. Die kleine Stadt zieht sich am Hang hinauf oder hinab. Das Zentrum liegt knapp 600 Meter über dem Meeresspiegel. Schön ist die Aussicht. Früher einmal hieß der Flecken Malpasso. Ein übler, verrufener Ort dem Namen nach.
Dreimal kam das Unglück über Belpasso, erzählen die Heutigen. 1669 begrub die Lava den Ort. Etwas tiefer unter dem Namen Fenicia Moncada wiederentstanden, wurde das Städtchen 1693 von einem furchtbaren Erdbeben zerstört. Dann aber ließ der spanische Vizekönig von Sizilien den Ort planmäßig neu aufbauen. Bis heute tragen viele Straßen Namen wie "Via dicianovesima traversa – 19. Querstraße".

Das dritte große Unglück, die dritte Zerstörung des Ortes drohte 1943. Eine Gedenktafel an der Kirche Sant Antonio erinnert an dieses Datum. Die Madonna rettete den Ort vor der Zerstörung, indem sie am 6. August 1943 einen deutschen Tiger-Panzer stoppte. Auch die Chiesa Madre, die Hauptkirche von Belpasso, gedenkt jeden 6. August des rettenden Ereignisses mit einer Messe auf dem Vorplatz der Kirche.

Glaubt man den Leuten in Belpasso, so ist der Stadt damals geradezu das Schicksal Stalingrads erspart worden. Hätte der Panzer geschossen, heißt es, dann hätten die Briten, die sich von Catania her näherten, sicher eine Unzahl von Bombern in die Luft geschickt, um die teutonischen Kampfmaschinen zu vernichten. Sie hätten Belpasso und womöglich den Ätna dem Erdboden gleichgemacht, bevor sie ihre Soldaten in Marsch gesetzt hätten. Gottseidank ist es nicht dazu gekommen.
Gottseidank heißt auf Sizilien meistens Dank der Madonna. Und die schaut denn auch auf der ehernen Gedenktafel an der Kirche Sant Antonio pausbäckig auf den Panzer herab, als wolle sie ihn wegblasen. Am 6. August 1993, genau fünfzig Jahre nach dem Ereignis, wurde die Tafel angebracht.
Nun gibt es freilich einen theologischen Streit zwischen den Pfarrern der beiden hauptsächlich betroffenen Kirchen darüber, wer das Wunder vollbracht habe. Es ist die Madonna gewesen, sagt Don Giuseppe von Sant Antonio, wo der Panzer stehenblieb und heute die Gedenktafel an die wunderbare Rettung erinnert.

Der Pfarrer der Hauptkirche, der Chiesa Madre, hingegen besteht mit all seiner hierarchischen Autorität darauf, es sei die heilige Lucia gewesen, die den Ort gerettet habe. Seine Kirche ist dieser Heiligen geweiht, die damit die Patronin von Belpasso und mithin zuständig ist. Maria habe zu der Zeit andere, wichtigere Dinge zu retten gehabt, argumentiert der Gottesmann. Offene Feindseligkeiten zwischen den beiden Seiten konnten bislang vermieden werden.
Tatsächlich stand 1943/44 monatelang ein gesprengter deutscher Panzer vom Typ "Tiger" in einer der Querstraßen. Eine Abteilung der sich in Richtung Messina absetzenden deutschen Truppen, die Nachhut gewissermaßen, kam am 6. August 1943 aus Richtung Paterno nach Belpasso, hatte ein Scharmützel mit einem englischen Spähtrupp, der von Catania heraufgekommen war, verlor einen ihrer verbliebenen vier Panzer durch Getriebeschaden und zog weiter in Richtung Festland. Der Panzer wurde gesprengt und stehengelassen.
Übrigens waren zu der Zeit Deutsche und Italiener noch Waffenbrüder. Aber nicht mehr lange. Mussolini war schon abgesetzt, einen Monat später schloß die Regierung Badoglio einen Waffenstillstand mit den Alliierten, und am 13. Oktober erklärte sie dem Reich den Krieg.
In der Nähe von Sant Antonio wohnt Lorenzo Maugeri, ein pensionierter kommunistischer Journalist, der als Zehnjähriger 1943 in Belpasso dabei war. 1993 interviewte er für die "Unit" den Verfasser der Geschichte des SS-Panzerregiments "Hermann Göring", Alfred Otte.
"Die weißen Spiegel" heißt das Werk. Die Truppe, die in der Literatur mal als Fallschirmpanzerkorps, mal als Panzerdivision, mal als Panzerregiment auftaucht, war in Sizilien, als die Engländer und Amerikaner Anfang Juli 1943 dort landeten. Maugeri, als Pensionär ins heimatliche Belpasso zurückgekehrt, sieht die Gedenktafel, amüsiert sich über den Wunderglauben seiner Landsleute und den Streit der beiden Priester. Er schreibt einen Brief an Otte. Der habe doch einen Bruder, der sogar Priester in Italien sei, vielleicht könne der den kuriosen Priesterstreit entscheiden.
Otte indes, Veteran bleibt Veteran, nimmt die Sache ernst. Er berichtet in der Zeitschrift "Der Deutsche Fallschirmjäger", Heft 2/94, über Maugeris Brief und bittet Überlebende, sich zu melden.
Und nun schlägt die Historie zu. Es melden sich nämlich tatsächlich einige mittlerweile betagte Krieger von damals. Maugeri findet Spaß an der Sache. Es geht schließlich um Lokalgeschichte, Heimatgeschichte, wie man in Deutschland sagt. Seine Bemühungen, Überlebende jener englischen Patrouille zu finden, scheitern zwar, aber etliche Deutsche melden sich. Das im Bewußtsein der heutigen Einwohner von Belpasso so wichtige Ereignis könnte in allen Einzelheiten rekonstruiert werden.
Sogar der Kommandant des gesprengten Panzers lebt noch. Also könnte man doch die Überlebenden nach Sizilien einladen, findet Maugeri. Bei Begegnungen mit den Einwohnern von Belpasso könnten sie Einzelheiten über die – dank der Madonna oder Santa Lucia – vermiedene Schlacht um Belpasso berichten. Eine Art Freundschaftstreffen, wie früher in der DDR mit Sowjetsoldaten üblich, sicher etwas lockerer. Aber immerhin – fünfzig Jahre danach, Freundschaft gibt es nie zuviel, Europa und so.

Belpasso wird von den Linken regiert, hat einen kommunistischen Bürgermeister, Maugeri hält als Ortsparteisekretär die Fahne der reformierten Kommunisten hoch, kein Problem also. Die Überlebenden werden offiziell von der Kommune eingeladen. Doch die alten Herren lehnen höflich ab. So jung sind sie nicht mehr, früher in Uniform fielen ihnen Auslansdreisen leichter, und außerdem hat der eine und andere Bedenken, wie die Italiener reagieren könnten. Es gab da vor fünfzig, neunundvierzig Jahren schließlich auch weniger freundliche Begegnungen. Hin und wieder greifen sich italienische Richter ältere Herren, die einst forsch für Führer und teutonisches Vaterland agierten.
Das ficht die Heimatforscher von Belpasso nicht an. Kommt der Prophet nicht zum Berg, so kommt der Berg zum Propheten. Der Briefwechsel dauert an. Schließlich laden die Veteranen in Deutschland ihre italienischen Fans ein – zum Veteranentreffen in einer Bundeswehrkaserne in Deutschland. Der Stadtrat von Belpasso bewilligt sofort die Reisekosten für eine Delegation, die bei der Begegnung wichtige Informationen für die Stadtgeschichte sammeln soll und eine erneute Einladung zu überbringen hat.
Im Mai 1997 machen sich Maugeri, ein Genosse aus der Stadtbibliothek sowie als Dolmetscherin die deutsche Frau des Journalisten auf den Weg nach Norden. Im Hannoverschen treffen sie in einer Bundeswehrkaserne die Panzersoldaten von einst, interviewen sie, lassen sich mit den alten Herren und den heutigen Militärs vor dem Hintergrund mächtiger Leopard-Panzer fotografieren, sprechen mit einem anderen Veteranen, der nicht mit in die Kaserne wollte, nehmen am Gelöbnis junger deutscher Panzersoldaten teil, belustigen diese mit der Erzählung vom Streit über die vermutlichen Wundertäterinnen und werden als Beispiel dafür angeführt, daß die deutschen Soldaten des Dritten Reichs im Ausland eben nicht als grausame Unterdrücker galten. Dem kleinen Maugeri haben die damals sogar Zigaretten geschenkt!
Man scheidet in Harmonie voneinander. Schöne Stunden am Steinhuder Meer hat man verlebt, alles so ordentlich und sauber und freundlich. Und einige der alten Kämpfer werden nun vielleicht im Frühjahr doch noch nach Belpasso kommen. Eingeladen sind sie.
Bloß, wer denn nun am 6. August 1943 den Getriebeschaden des Tigers auf dem Gewissen, oder sagen wir mal, glücklicherweise die Stadt am Ätna vor der Zerstörung bewahrt hat, ist weiter ungeklärt. War es nun die Madonna? War es Santa Lucia? Oder war es womöglich, wie der kompromissbereite Maugeri vorschlägt, gar der heilige Antonius?
Wie man sieht, sind nicht einmal die Linken in der Lage, die drängenden Probleme Siziliens zu lösen.






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