Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Leseprobe Christine Berger: Menschgeschichten


Blumen für Mariechen
Nur eine große Schultertasche aus schwarzem Samt bedeckt Bettinas rechte Seite bis über die Hüfte, Trauerkleidung trägt sie keine. Sie wechselt vom vertrauten Draußen in das unbekannte Drinnen und betritt zum ersten Mal die Dorfkirche, an der sie sonst immer nur vorbei geht.

Aus einem gleißenden Maimittag mit Bienengeorgel, überschäumenden Kirschbäumen und dem gelben Tosen des Löwenzahns tritt sie in nüchterne Kühle. Die Bänke in Türnähe sind dicht besetzt und Bettina muss hinein in den Raum bis vor zur zweiten Reihe, direkt hinter die trauernden Angehörigen. Sich in der engen Bankreihe unsicher seitwärts tastend, findet sie Platz mit Blick auf die massigen Nacken einer dicken Familie: Vater, Mutter, Sohn. Sie erinnert sich, die Mutter mit der üppigen Dauerwelle schon einmal gesehen zu haben. Das war auf der Nachfeier zu Mariechens siebzigstem Geburtstag. Die anderen kennt sie nicht.
Mariechens Siebzigster war als großes Ereignis geplant. "Die ganze Verwandtschaft will anreisen." sagte Mariechen. "Sonst lassen die sich nicht sehen, aber da kommen ´se." Und vertraulich schob sie nach: "Die wollen alle erben."

... Das musst du dir nun gefallen lassen, denkt Bettina. Warum machst du auch so was, jetzt, mitten im Frühling! Setzt dich wie immer abends vor den Fernseher, eine der Katzen springt schnurrend auf deinen Schoß, du streichelst sie, langst nach der Brille... und stirbst.

Bettina hatte, als sie sich jenen Sonntagmittag zum Jogging aufmachte, den Beutel mit Brotresten gegriffen, für Mariechens Hühner und Kaninchen. Das drahtbespannte Gartentor war angelehnt, am Holzschuppen stand das Fahrrad, aber die Verandatür war verschlossen. Bettina hängte den Brotbeutel an die Klinke. Beim Hinausgehen fiel ihr Blick wieder auf das Fahrrad mit dem Sattelschoner aus braunem Plüsch. Mariechen war sicher irgendwo im Dorf zum Essen eingeladen und wollte in ihren guten Sachen nicht Rad fahren.

Eben zu dieser Zeit war der Nachbarin schon aufgefallen, dass die Hühner nicht draußen scharrten und sie Mariechen den ganzen Morgen nicht gesehen hatte. Als sie ihr Mittagessen fertig gekocht hatte, ging sie nachschauen. Auf ihr Klopfen blieb alles still. Aber als sie, das Gesicht dicht am Fensterglas, durch die Gardine lugte, sah sie den Fernseher flimmern. "Und da hab` ick mir erschrocken!", erzählte sie später im Dorf. "Mariechen hätte nie am hellen Tag vor der Kiste gesessen."

Immer noch kommen Trauergäste herein und tappen zu einzelnen freien Plätzen. Bettina versenkt ihren Blick in das polierte Holz der Banklehne und puzzelt das Bild von Mariechen in Sonntagssachen zusammen: Dunkelgrünes Kostüm, rotbunte Bluse mit Stehbündchen, üppig umhäkeltes Taschentuch im Rockbund. Im Stoff des Kostüms hakten immer einige Katzenhaare. Mariechen war lebhaft mit kleinem runden Kopf auf beweglichem Hals. Ihre winzigen Abstehohren schmückten altmodische Ohrringe, goldene Herzchen mit je einem Granatauge in der Mitte. Sie waren ein Geschenk ihres Verlobten, wahrscheinlich das einzige. "Er hat müssen draußen bleiben, an der Front", sagte Mariechen mit ergebenem Schulterzucken.
Ihr feines graublondes Haar war zurückgekämmt und auf einen Kamm gewickelt, der am Hinterkopf feststeckte. Kurze Strähnen an den Schläfen rutschten heraus, standen vom Kopf ab und gaben ihrem Aussehen etwas von einer Windsbraut. Die geröteten Hände und die zerkratzen Unterarme passten nicht zu ihrer eigentümlich zerbrechlichen Grazie. Aber die waren von der vielen Arbeit so. Mariechen jätete nicht nur im eigenen Garten, sie pflegte auch Vorgärten anderer Leute und Gräber gegen Entgelt. Verreiste jemand, kümmerte sie sich um dessen Haustiere. Für bettlägerig Kranke besorgte sie das Nötigste aus Dorfladen und Apotheke. Bei ihren Hausbesuchen schnitt sie Haare, Finger- oder Fußnägel, wie 's gebraucht wurde. Das brachte ihr neben der Rente einen kleinen Nebenverdienst ein und den Ruf, Geld zu horten. Und weil sie keine der kostenlosen Volkssolidaritätsfeiern ausließ und beim Dorffest nur verzehrte, was sie spendiert bekam, wurde ihr auch Geiz nachgesagt.

Und Mariechen hatte tatsächlich Güter gehortet. Einmal gewährte sie Bettina Einblick in ihre Schatzkammer. Sie stiegen die schmale Treppe hinauf unter das Dach des einstöckigen Häuschens, und öffneten die Bodenluke. Vom schuhkartongroßen Giebelfenster her stand eine schräge Säule aus Goldstaub in den dämmrigen Raum. Sie endete im Flor eines abgewetzten Teppichs, dessen rot-blaue Ornamentik an dieser Stelle aus sich selbst heraus zu leuchten schien. So ähnlich hatte Bettina sich früher den Fuß des Regenbogens vorgestellt. Mariechen lüpfte einen Vorhang, unter dem hindurch Bettina für kurze Zeit in jene Welt geriet, von deren Glanz manchmal im Erinnern an Kindertage ein Widerschein aufglimmt.

Teils mit Tüchern abgedeckt, teils übereinander gestapelt oder ineinander verschachtelt lagen und standen hier Gegenstände .
"Ja", sagte Mariechen, "die Leute schmeißen alles weg, muss immer Neues her! Aber da steckt überall Arbeit drin. Hier!" Sie zeigte Bettina ein schweres, üppig verziertes Schmuckkästchen mit eingelassenen Spiegeln. Bettina bewunderte Mariechen zuliebe die bronzenen Füße in Klauenform.
Hinter der in kunstvollem Muster geflochtenen Lehne eines Schaukelstuhles ragte eine Schneiderpuppe hervor. Schief über ihre Schulter hingt etwas Weiches, Schwarzes, das aussah wie Maulwurfsfell. Bettina hob es schüchtern an und ließ es auseinanderfallen. Es war ein Samtcape, bestickt mit schimmernden nachtfarbenen Perlchen.
"Alles Handarbeit", sagte Mariechen. "Was sich da jemand für Mühe gemacht hat." Bettina entdeckte im Futter ein paar Mottenlöcher. Als sie das gute Stück wieder auf die Puppe hängen wollte, fragte Mariechen: "Kannste das nicht brauchen? Du nähst doch." Und ohne Antwort abzuwarten bestimmte sie: "Ich werd dir das man geben, nimm 's mit."

Zu Hause hatte Bettina sich das Cape lange angesehen, hatte es entstaubt und anprobiert und eines Morgens im Bett kurz nach dem Aufwachen sah sie eine Umhängetasche vor sich, an der die Perlenstickerei geheimnisvoll schimmerte.Nach vierzehn Tagen war die Tasche fertig. Sie war sehr schön, aber Bettina traute sich nicht so recht, sie Mariechen zu zeigen. Immerhin hatte sie dafür das Cape zerschnitten.

Einige Zeit später kam Mariechen mit Röcken und Kleidern aus dem Nachlass eines ihrer Pflegefälle. "Die Zieglern war eine feine Frau", leitete sie ihr Anliegen ein, "und das sind alles gute Sachen, aber die war was größer als ich. Kannste mir das nicht kürzen?" Bettina konnte und bekam dafür das Schmuckkästchen, für Mariechen mit Sicherheit der Innbegriff einer königlichen Gabe.

In der Kirche verstummen Gehüstel und Gemurmel. Bettina sieht nur, wie Schwester Inge mitfühlend nickt und mit dem Taschentuch unter der Nase entlang tupft. Diese Geste lässt in Bettinas Bauch eine kleine Schadenfreude aufhüpfen. Genau so tupfend stand die frühere Gemeindeschwester damals im Dorfladen und empörte sich: "Die denkt doch nicht etwa, dass wir das ganze Theater noch mal organisieren!" Mariechen hatte ihren 70sten Geburtstag als Echtzeitereignis kurzerhand storniert und die Feier auf unbestimmte Zeit vertagt. Damit hatte sie sich den Zorn der Dorfaktiven zugezogen, die unter Schwester Inges Leitung zeigen wollten, wie sehr Mariechen als "gute Seele" im Ort geschätzt wurde. Am Geburtstagsmorgen wollten sie sich auf ihrem Hof treffen, mit dabei eine Dame der Amtsverwaltung und ein Vertreter der regionalen Zeitung. Die Schützen sollten Salut schießen und Mariechen die Ehrenmitgliedschaft in ihrem Verein verleihen. Die Chorfrauen hatten ein Ständchen geprobt.

Jetzt muss Bettina doch lächeln und senkt lieber den Kopf. In Gummistiefeln und bunter Kittelschürze, die Windsbrautsträhnen unterm Kopftuch hervorstehend, schob Mariechen ihr Fahrrad schwungvoll an Bettinas Gartenzaun. "Hast`e gehört, was die vorhaben? Die wollen Trubel machen und rumballern bei mir auf '´m Hof. Die Schützen in ihren Kostümen. Da wird mir ja mein Viehzeug verrückt, und die Katzen erst! Und Feiern geht sowieso nicht." Verschmitzt pausierte sie. "Bei mir ist was Kleenes." Sie genoss für einen Moment Bettinas verwirrt-fragende Mine, dann setzte sie hinzu: "Willste mal sehen? Musste mit rüber komm'."
Nahe bei Mariechens Verandatür an der Zinkwanne, die unter der Dachrinne das Regenwasser auffing, breitete sich ein dichter alter Fliederbusch aus. Mariechen blieb zwei Schritte davor stehen, stieg auf einen umgedrehten Holzzuber und reckte den Hals. Dann winkte sie Bettina heran und flüsterte: "Die Alte ist nicht da."
Zwischen glänzend frischem Blattwerk und abgeblühten Dolden, die wie verrostet aussahen, hing ein Nestchen. Mariechen berührte einen darüber stehenden Zweig; sofort schossen fünf gelbumrandete Vogelschlünde in die Höhe und machten ein Geräusch ähnlich dem Klimpern kleiner Bronzeschellen.

Bettina und Mariechen hatten sich einen Moment lang angelächelt. Dann fielen Bettina die Katzen ein, fünf Stück inzwischen mit der ganz jungen, die vor vierzehn Tagen verschlammt und zitternd am Überlaufrohr des Dorfteiches kauerte und in Mariechens Schürze die Lebensgeister wieder fand. "Die kommen da nicht ran, viel zu dünne Zweige", beruhigte Mariechen. "Aber wenn die Kerlchen flügge wern, wer' ich die Katzen paar Tage einsperren." Und hinterher könne die Feier immer noch stattfinden. Wenn die Verwandtschaft käme mit ihren Kindern, die immer rein und raus machten, müssten am Ende die "Kleen" verhungern, weil die Alten sich nicht ran trauten. "Nee", sagte Mariechen, "wer mich liebt, lacht och später noch, oder?"
"Klar", nickte Bettina. Zwei Blechkuchen waren zwar schon gebacken, aber das waren "Trockne", Streusel und Bienenstich, und die wollte Mariechen im Steintopf aufheben.

Zeitung und Dame vom Amt mussten abbestellt werden. Die Reaktionen der Dorfleute reichten vom Fingerzeig an die Stirn über Kopfschütteln und Lachen bis hin zu bitterböser Entrüstung.
Vier Wochen später verkündete Mariechen: "Auf Sonnabend bin ich eingerichtet mit Kaffeetrinken. Abendbrot gibt's auch.
Bettina passte die Zeit zwischen beiden Malzeiten ab und ging nachträglich gratulieren. Mariechen stand mit roten Ohren in ihrer Küche und goss selbstgemachten Johannisbeerlikör durch ein Sieb.

Frau Pastorin ist jetzt herab getreten und drückt den Gästen in der ersten Reihe die Hände ...
Der Nachruf hatte so gut wie nichts mit ihr zu tun. Bettina ist enttäuscht.
Aber gleich vor der Kirchentür wird sie mit Gewalt von der lichtvollen Woge des Frühlingstages überrollt. Einzelne weiße Wölkchen segeln als duftiges Geschwader über den Wipfeln der Linden.
Das macht der liebe Gott jetzt extra für dich, Mariechen, denkt Bettina. Und nun schießen ihr doch Tränen in die Augen.

Der Wagen vom Bestattungsinstitut biegt um die Ecke der Kirche. Schwer und schwarz glänzend bewegt er sich heuchlerisch langsam über den Platz und wartet an der Ausfahrt zur Straße. Dahinter formieren sich zögerlich die Trauergäste. Der Trauerzug schleift Bettina mit, die Dorfstraße entlang.
Das Grab für Mariechen ist gleich am Friedhofseingang unter der großen Tanne ausgehoben. Die beiden gebrechlichsten ihrer Katzen hat der Tierarzt eingeschläfert. Sie werden, in Babydecken gehüllt, mit beerdigt. Um die anderen will sich die Nachbarin kümmern.

Nach der Beerdigung lehnt Bettina die Einladung zum Kaffeetrinken ab. Sie schlendert Mariechens Haus zu. Die Fenster sind weit geöffnet und die Gardinen tändeln übermütig in die ungewohnte Freiheit. Auf dem Hühnerrasen vor dem Gartentor blitzen drei Autos in der Sonne. Das Fahrrad steht immer noch, wie ungläubig wartend, an der Schuppenwand. Bettina biegt in den Weg ein, der hinter Mariechens Garten durch die Felder führt. Der ist sandig und da, wo sich Reste des Kopfsteinpflasters gehalten haben, holprig. Zu beiden Seiten beschirmen ihn Schlehdornbüsche und verwilderter Obstbaumnachwuchs.
An solchen Stellen werden gern Müll und Gartenabfälle entsorgt. So mögen auch die Margariten her geraten sein, die an diesem geschützten Ort immer viel eher blühen als anderswo. Sie stehen gleich hinter der ersten Wegbiegung, ein stilles, freundliches Heer kleiner gelber Sonnen. Bettina legt die Tasche ab und steigt vorsichtig dazwischen. Sie sucht die kräftigsten Stängel aus. Die lassen sich nicht einfach "pflücken". Bettina ritzt sie mit dem Daumennagel durch und braucht für jeden eine Weile.

Die erste Begegnung mit Mariechen fällt ihr ein. Nach Tagen voller Umzugskartons und dem Geruch feuchter Wandfarbe führte ihr erster Spaziergang hier entlang. Es duftete nach den kleinen runden Pflaumen, die unter ihren Bäumen blaurote Halbkreise in den Sand getupft hatten. Tagpfauenaugen und Admirale, angelockt vom gärenden Saft, verwandelten den Weg mit ihrer gaukelnden Pracht in ein Feenreich. Bei der Rückkehr in die frisch renovierte Wohnung standen auf dem Küchentisch ein Teller Kuchen, abgedeckt mit Zeitungspapier, daneben eine gefüllte Kaffeekanne, sorgfältig in alle greifbaren Wischtücher und Topflappen eingepackt. Überrascht und gerührt von den vermeintlich dörflichen Sitten hatten Bettina und ihr Mann sich angesehen. Jetzt muss Bettina schmunzeln über ihre Naivität und über die charmante Gerissenheit Mariechens beim Finden eines Vorwandes, um sich Einsicht in den Hausstand der neuen Nachbarn zu verschaffen.

Bettina sammelt zum Schluss noch Gräser.Als sie sich aufrichtet und die schmerzenden Kniegelenke streckt, hält sie ein kunstvoll gefächertes Gebinde in der Hand – gold, weiß und grün. Auf dem Rückweg betrachtet sie immer wieder ihr Werk.

Beim Friedhof angelangt, holt sie sich eines der Weckgläser, die zum Allgemeingebrauch am Komposthaufen liegen. Bettina überlegt, wo sie ihren Strauß platziert. Sie drückt das Glas ganz oben in den Hügel aus Floristengeschäftsumsätzen ...

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