Bücher aus dem Verlag Die Furt

AutorenKontakt750 Jahre Frankfurt (Oder)antiquarische Bücher

Leseprobe – Angela Kiefer-Hofmann: Niemandszeit



Ketschendorf
Am 10. Juli 1945 – Erich war beim Jauche-Ausfahren auf dem Feld – erfuhr er von seinem Cousin, dass er sich bei Bürgermeister Balke zum Verhör melden soll. Er ging nach Hause, wusch sich, zog seinen Konfirmationsanzug sowie die guten Schuhe an und wollte zum Gemeindebüro gehen, als auch schon das Auto der sowjetischen Kommandantur – alle kannten es – vor seinem Haus hielt.

Nach Stunden sagte man ihm, er könne heute nicht mehr nach Hause, denn seit 18 Uhr sei Ausgangssperre. Das hätte er sich selbst zuzuschreiben, denn wenn er seine Teilnahme am Wehrertüchtigungslager gleich zugegeben hätte, wäre er schon längst wieder in Reichenwalde bei seiner Mutter. Einer gab ihm ein Stück Brot und brachte ihn in ein vollkommen leeres Dachzimmer. Die Tür blieb unverschlossen. Den ganzen Tag blieb er dort, keiner kam, keiner verhörte ihn, keiner gab ihm zu essen – es schien, als hätte man ihn vergessen.

Am 13. Juli 1945 wurde er mit sieben weiteren Gefangenen per LKW nach Beeskow gebracht. Er sah zum ersten Mal das Lager Ketschendorf, von dem er gerüchteweise gehört hatte. Auf dem Marktplatz in Beeskow war Halt und unter strenger Bewachung brachte man die Gefangenen in den Keller des nahelegenen Gasthauses. Die Fenster waren von außen mit Feldsteinen und Sandsäcken verbarrikadiert.
Viele Tage verbrachte Erich in diesem Keller. Dass es achtzehn Tage waren, erfuhr er erst später. Tag und Nacht waren nicht zu unterscheiden – es war immer gleichermaßen dämmrig. Eine Uhr hatte keiner mehr.

Am 31. Juli 1945 spürten die Gefangenen, dass irgendetwas im Gange war. Und tatsächlich: die Tür wurde aufgerissen und mehrere Wachen bedeuteten den Männern, rauszugehen. Entlassung? Man wagte nicht, darauf zu hoffen. Auf dem Beeskower Marktplatz rieben sie sich die Augen, blinzelten in den gleißenden Sonnenschein. Sie mussten sich erst wieder ans Tageslicht gewöhnen. Dann alle auf LKWs. Auf der Autobahn erreichten sie nach kurzer Zeit das Sowjetische Speziallager Nr. 5, Ketschendorf.

Seit vier Wochen hatte Erich ununterbrochen Hunger. Er bekam Durchfall, fürchterlichen Durchfall. Tagelang. Apathisch lag er da, dachte, er würde sterben. Günter Ringk hatte Mitleid mit ihm. Er sammelte Erichs Brotrationen und tauschte sie bei den Häftlingen auf der Entlausungsstation gegen verkohlte Holzstückchen ein. Zwei Wochen lag aß er verbranntes Holz. Danach war er wieder gesund.
Erich hatte gelernt: wenn man eine Krankheit nicht aus eigener Kraft überwinden konnte, dann starb man eben. Niemanden kümmerte das.

Ab September 1945 separierte man die ca. 1500 Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren von den älteren Häftlingen. Mit fünfzig anderen wurde Erich in ein ehemaliges Wohnzimmer im Haus Nr. 1 verlegt. An den Wänden sah man noch die Schmutzränder von Bildern, die einst den gutbürgerliche Raum geschmückt hatten.
Fünfzig Jungs in einem Wohnzimmer! Es herrschte eine unvorstellbare Enge. Nur ein fahler Lichtschimmer drang durch ein kleines Fenster, das man einen Spalt breit öffnen konnte. Alle anderen Fenster waren mit Sperrholz vernagelt. Das Schlafen, oder besser das Liegen auf den Holzdielen verursachte durchgelegene Stellen an den abgemagerten und ausgezehrten Körpern. Geschwüre, Furunkel, Eiterabszesse und die Krätze waren die Folge. Um ihnen ein bißchen Linderung zu verschaffen, öffneten sie selbst oder andere die Beulen mit einem Holzspan und drückten den Eiter heraus. Mit einem Lappen, der eigentlich zum Bodenaufwischen benutzt wurde, kratzte man den sich immer wieder bildenden Schorf ab. Auf das regelmäßige Wischen des Fußbodens legte das NKWD großen Wert und achtete auf pünktliche Durchführung.

Erich trug immer noch seinen Konfirmationsanzug mit den "guten" Schuhen. Er hatte ihn seit seiner Abholung ununterbrochen an, auch zum Schlafen. Es waren nur noch dreckige, stinkende Fetzen, die um seinen abgemagerten Leib hingen. Im bitterkalten Winter 1946/47, wurden die Appelle zu einer stundenlangen Qual bei nahezu dreißig Grad Kälte. Die Schuhe, oder die durchlöcherten Reste davon, die er an den Füßen mit irgendwelchen Schnüren festgebunden hatte, waren zu klein geworden, denn trotz der schlechten Ernährung wuchs Erich noch. Das Leder hatte er vorne aufschneiden müssen, um überhaupt ohne Schmerzen laufen zu können. Zu den Kälte-Appellen band er sich zusätzlich kleine Holzbrettchen unter die Füße, damit sie nicht erfroren.

Ihm kam es so vor, als hätte ihn eine große, schwarze Hand am Schopf gepackt, ihn aus seinem bisherigen Leben gerissen und in die Hölle gestellt. Was seine Schuld gewesen sein sollte, konnte er nicht begreifen. Und niemand von den Siegern bemühte sich, es herauszufinden, der Haft so wenigstens einen vermeintlichen Grund zu geben.

Im Januar 1947 waren Veränderungen im Lager zu bemerken. Die zurückbleibenden Häftlinge sollten für weitere Transporte registriert werden. Alphabetisch. Bei zwanzig Grad Kälte, auf dem Appellplatz mußte Erich den ganzen Tag auf den Anfangsbuchstaben "S" warten. Ohne Essen, in den Fetzen seines Anzugs, darüber die Fetzen der Hose mit den Fetzen der Decke um die Schultern. Unter den Füßen die Holzbrettchen. Am Abend wurde er mit ungefähr fünfzig anderen in einen Viehwaggon verladen, der in einiger Entfernung des Lagers auf einem Bahngleis bereitstand. Der Buchstabe "S" war der letzte gewesen."T" bis "Z" kamen erst am nächsten Tag dran.

Der Transportzug verließ Ketschendorf in der Nacht mit unbekanntem Ziel. Fünf Tage und fünf Nächte ging das so. Da der Waggon hermetisch abgeschlossen war, konnte man keine Bahnhofsschilder lesen oder Orte erkennen, durch die der Zug fuhr. Die mörderische Zugfahrt ohne Essen, Wasser und Toilette endete auf dem Güterbahnhof von Neubrandenburg. Die meisten hielt die Freude darüber auf den Beinen, nicht nach Sibirien zu müssen. Jedenfalls nicht jetzt. Erich erreichte das Lager mit letzter Kraft ...

Im Mai 1948 deutete manches auf die Auflösung des Lagers hin.
Die Gewissheit freizukommen, drang nur langsam in Erichs Bewusstsein. Freude darüber wollte sich nicht so recht einstellen. Am 15. Juli 1948, drei Tage nach seinem 19. Geburtstag, war es dann soweit. Ein sowjetischer Offizier gab die Entlassung von fünfzig Häftlingen bekannt. In einer kurzen Rede schärfte er ihnen ein, absolutes Stillschweigen über ihre Haft zu wahren. Zuwiderhandlung hätte die sofortige, erneute Internierung zur Folge.
Erich wurde mit den anderen zum Bahnhof gefahren, auf dem ein normaler Personenzug bereitstand. Keine Viehwaggons. Neu ausgestattet mit einer Luftwaffenjacke, einer aus einer Wolldecke gefertigten Hose und einer alten Soldatenmütze, fünfzehn Reichsmark und einer Scheibe Brot trat er die Fahrt in die Freiheit an.
Am 16. Juli 1948, um fünf Uhr morgens, nach drei Jahren und sechs Tagen Internierung, erreichte Erich Sprecher sein Elternhaus in Reichenwalde.

Erich hätte nun das Versäumte seiner Jugend ein bisschen nachholen können. Aber zurückgezogen und scheu lebte er in seinem Elternhaus mit der ihm vertrauten Familie, ging ganz selten unter Menschen. Das Gelächter über seine Glatze zerstörte immer wieder das zaghaft aufkommende Selbstbewusstsein.
Dass man Menschen per Schweigegebot verweigert, durch das Aussprechen der Qualen einen langsamen Heilungsprozess der Seele herbeizuführen, ist ein Verbrechen. Erich Sprecher hat sich glücklicherweise nie daran gehalten, aber die Gesprächsbereitschaft und das Interesse an seinen Erlebnissen waren gering. Man wollte wieder mal vergessen, hatte andere Sorgen und in der DDR-Öffentlichkeit war das Thema tabu.
Es kann am Ende der Geschichte nur der Satz stehen: Erich Sprecher war unschuldig. Vollkommen unschuldig.
Angela Kiefer-Hofmann.Niemandszeit


[Gesamtverzeichnis]   [Startseite]