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Rezensionen – Angela Kiefer-Hofmann: Niemandszeit



Vom Überleben in einer zerstörten Welt
Der Ort heißt wirklich so: Markgrafpieske. Ein Dorf in Brandenburg, zwischen 700 und 800 Einwohner. Was das Besondere an Markgrafpieske ist? Nun, zunächst eigentlich gar nichts. Dass es aber dennoch ein hochinteressantes Buch ausgerechnet über dieses Dorf gibt, das ist eine Geschichte, die mit der Persönlichkeit der Autorin zu tun hatDer Ort heißt wirklich so: Markgrafpieske. Ein Dorf in Brandenburg, zwischen 700 und 800 Einwohner. Was das Besondere an Markgrafpieske ist? Nun, zunächst eigentlich gar nichts. Dass es aber dennoch ein hochinteressantes Buch ausgerechnet über dieses Dorf gibt, das ist eine Geschichte, die mit der Persönlichkeit der Autorin zu tun hat

Es ist die Geschichte einer Frau, die selbst auch im Dorf, im Ländlichen, verwurzelt ist: Angela Kiefer-Hofmann. Das Dorf ihrer Kindheit ist Marlesreuth im Frankenwald. Hier wurde sie geboren und verbrachte die ersten vier Lebensjahre, dann zog die Familie nach Hof. Angela kam noch lange immer in den Ferien nach Marlesreuth zur Oma. So wurde ihr das Dorf zur Heimat, die sie tief geprägt hat. Sie kennt das Leben auf dem Land, weiß, wie die Menschen miteinander umgehen, sie kennt die Geborgenheit in der Gemeinschaft auf der einen, das einander nicht ausweichen können auf der anderen Seite: "Ich kenne die Sprache und den Humor der Menschen – und auch ihre gewisse Garstigkeit."

Aber dennoch lockte die Stadt: Sie absolvierte die Fremdsprachenkorrespondentenschule in Coburg und ging dann nach Frankfurt am Main. "Das war damals nicht so wie heute für die jungen Menschen", blickt sie zurück, "man konnte sich aussuchen, wo man arbeiten wollte, es gab überall gute Angebote. An einem verregneten Sonntagnachmittag saß sie in ihrer kleinen Dachwohnung vor dem Fernseher und sah den Film "Bastien und Bastienne", eine traurig-schöne Geschichte um die letzten Kriegstage in dem märkischen Nest Markgrafpieske. Schon damals interessierte sich die junge Frau für Geschichte. Sie selbst hatte schon als Kind immer wieder die Mutter genervt, weil sie wissen wollte, wie es damals gewesen war, als die Amerikaner nach Marlesreuth gekommen waren, und den Vater, der von der Flucht aus Breslau 1945 erzählen musste.

Angela heiratete, ging mit ihrem Mann nach Berlin, bekam 1986 ihre Tochter Julia. Die DDR war ihr, die im Schatten der innerdeutschen Grenze aufgewachsen war, vollkommen unbekannt, sie kannte dort niemanden, war nie dort gewesen. Als die Grenze sich dann auftat, begann sie sofort, sich diese unbekannte Welt zu erschließen. Neugierig fuhr sie nach Markgrafpieske – und war bitter enttäuscht. Es war vollkommen anders, als es der Film an dem verregneten Frankfurter Nachmittag gezeigt hatte. "Die Literatur hatte mit der Realität nichts zu tun", erinnert sie sich. Und in ihr wuchs die Frage: Wie war es wirklich gewesen, das Kriegsende in Markgrafpieske? Angela Kiefer-Hofmann tat das Naheliegende: sie fragte.

Jetzt kann man nachlesen, wie es gewesen ist, das Kriegsende und die frühe Nachkriegszeit in Markgrafpieske, in ihrem Buch "Niemandszeit", In 15 Erzählungen gibt sie Schicksale von Menschen weiter, deren Leben von den Ereignissen der Weltgeschichte aus der Bahn katapultiert wurde. Nun ja; ganz so einfach, war das mit dem Fragen aber auch wieder nicht gewesen. Die neugierige Wessi-Frau war in dem märkischen Dorf eine vollkommen Fremde und dazu Angehörige einer jüngeren Generation – dass Menschen sich ihr öffneten und ihre Lebensgeschichten anvertrauten, das wuchs langsam und wurde nur möglich durch die persönliche, menschliche Annäherung. Einer fing an mit dem Erzählen, Kurt Stolzenberg. Und da Angela Kiefer-Hofmann selbst nicht so genau wusste, wie und wonach sie fragen sollte – "Ich bin keine Historikerin, habe nie studiert", sagt sie – ließ sie sich eben alles erzählen, das ganze Leben; ein Tonband nahm alles auf. Als Kurt Stolzenberg nach vielen Besuchen fertig war, schickte er sie weiter. Half ihr, Zugang in die Häuser des Dorfes zu bekommen. "ich wurde regelrecht herumgereicht", sagt sie.

Es war ein langsames, behutsames Einander-Kennenlernen. Und hier kommt Marlesreuth wieder ins Spiel: Die Frau aus dem Dorf im Frankenwald verstand die Menschen in dem Brandenburger Dorf ganz einfach und ganz selbstverständlich. Hatte Mitgefühl. Hielt auch das Schweigen aus, das manchmal entstand, wenn die Erinnerungen zu schmerzhaft wurden. "Die Atmosphäre war manchmal schwierig", erzählt sie. Aber sie hatte das nötige Durchhaltevermögen und die Sturheit, immer wieder hinzufahren. Sie schloss Freundschaften. Mit Erika zum Beispiel, die im Buch mehrfach auftaucht. "Erika war immer die Rettung. Sie war eine ganz zauberhafte Frau", sagt die Frankenwäldlerin. Unzählige Male war sie bei der alten Dame machte Besorgungen für sie, zusammen gingen sie auf den Friedhof. Und Erika erzählte. "Das war sehr erbaulich und es hat oft stundenlang gedauert", erinnert sich die Autorin.

Die schwierigste beim Schreiben war angesichts der Materialflut die Auswahl: "Ich habe über 90 Ehepaare und Einzelpersonen besucht. Das Schreiben war dann ein einziges Weglassen." Sie wählte diejenigen Themen aus, die die Zeitgeschichte besonders spiegeln. Einzelgeschehnisse und ganze Lebensgeschichten. Wie Erika dem russischen Kommandanten von Markgrafpieske einen Pullover stricken musste. Wie bei den Tanzveranstaltungen die jungen Mädchen und Buben umeinander herumscharwenzelten und die Mütter, Omas und Tanten zwecks Überwachung im Tanzsaal wie die Hühner auf der Leiter zusammensaßen. Der Dumme-Jungen-Streich mit Gildas Reizwäsche – worüber Gilda selbst auch nach Jahrzehnten herzlich lachen konnte, wie die Autorin erzählt. Die wenigen amüsanten Episoden runden das Bild einer Zeit ab, in der es im Wesentlichen aber um ganz anderes ging: Um den Krieg, um Angst und Ungewissheit und maßloses Leid, um die Zerstörung ganzer Lebensräume und gewachsener Kulturen, um Mord, Vergewaltigung und Vertreibung.

Manfred, 1945 acht Jahre alt, erzählt, wie er den Kessel von Halbe überlebt hat: Wie viele andere floh die Familie – der Vater war schon 1944 gefallen – vor den heranrückenden sowjetischen Soldaten – und geriet in den Sturm der Roten Armee auf Berlin. Bei dem Dorf Halbe wurden 200.000 deutsche Soldaten und eine ungezählte Masse an Flüchtlingen, Frauen, Kindern, Alten eingekesselt. Der Wald bot kaum Deckung vor Tieffliegerangriffen und dem Beschuss aus allen Richtungen. Nach vorsichtigen Schätzungen sind im Kessel von Halbe, am 25. April 1945, 60.000 Menschen gestorben, darunter auch Manfreds Mutter. Zu Angela Kiefer-Hofmann sagte er, über fünfzig Jahre nach diesen Ereignissen: "Nach dem Tod meiner Mutter war für mich in gewisser Weise das Leben zu Ende. Ohne Eltern aufzuwachsen ist furchtbar." Erzählt wird von Erich, der als 15-jähriger in das Internierungslager Ketschendorf geriet – wegen nichts. Er überlebte drei Jahre Lagerhaft unter absolut unmenschlichen Bedingungen, unter denen viele andere sterben; Die Folgen von Hunger, Entbehrungen und Krankheiten und die seelische Not haben sein ganzes Leben geprägt.

Die Episode mit den scharfen Waffen im Wald: Herumliegende Waffen und Munition wurden zwar kontrolliert gesprengt, aber so manches blieb übrig. Die neugierigen Dorfjungen waren fasziniert und knallten gerne selbst ein bisschen rum. So geschah auch in Markgrafpieske das Unglück: Zu viert waren sie unterwegs, als Werner aus Versehen eine Flakgranate zündete, die er in der Hand hielt. Er lebte noch, ein zerfetztes, schreiendes und stöhnendes Bündel Mensch, das sie aus dem Wald trugen und in ein Krankenhaus brachten. Seine Schädeldecke war zertrümmert, Gehirn ausgetreten. Anderthalb Tage brauchte der Junge zum Sterben, die meiste Zeit davon war er bei Bewusstsein.

Der Tod war allgegenwärtig in dieser Zeit – aber einmal gewann eine Frau gegen ihn: Erika, die in einer geradezu unmenschlichen Kraft- und Willensanstrengung für ihre kleine an Diphtherie erkrankte Tochter und ihre Halbschwester die lebensrettenden Medikamente besorgen konnte – obwohl es die eigentlich gar nicht mehr gab.
Von intelligenten, wissbegierigen Mädchen wird erzählt, die keine Chance erhielten, eine Berufsausbildung zu machen. Von Armut. Vom Überleben in der Zerstörung rundherum, von praktizierter oder verweigerter Hilfsbereitschaft.

Den breitesten Raum nimmt die Geschichte von Hulda ein. Ihr Mann starb schon 1941 im Krieg, ganz allein auf sich gestellt ist es die Liebe zu ihren zwei Kindern, die ihr Kraft geben. Als die sowjetischen Soldaten eintreffen, treiben sie die Bewohner zusammen, erschlagen oder erschießen sie Männer, auch Huldas über siebzigjährigen Vater, plündern, verjagen die Bewohner, stecken Häuser in Brand, töten alle Tiere der Bauern, plündern die Vorratskeller der Menschen. Hulda hat Glück. Übersteht alles – die Vergewaltigung bleibt ihr aber nicht erspart. Zusammen mit anderen Bewohnern muss sie in einem langen Treck das Dorf verlassen, ohne ihre Kinder, ohne zu wissen wohin und was passieren wird. Sie isst, wie die andern auch, Baumrinde und Gras und trink Wasser aus Pfützen, um zu überleben.
Der Treck führt nach Stralsund, dauert sechs Wochen, viele überleben ihn nicht. Hulda soll mit vielen anderen nach Russland verschleppt werden. Aber sie wehrt sich, kämpft, zeigt ihren dicken Bauch, denn sie ist von der Vergewaltigung schwanger, schreit und tobt – und kann bleiben. Sie ist frei und will zu ihren Kindern, die sie bei der Oma in einem Dorf östlich der Oder weiß. Auf ihrer Wanderung lebt sie von dem, was sie auf den Wiesen findet. Doch sie kann nicht über die Oder: Alle Deutschen östlich des Flusses werden vertrieben – die Siegermächte haben diesen Teil Deutschlands Polen zugeschlagen. So wartet Hulda in Frankfurt an der Oderbrücke tagelang auf ihre Kinder, die hier, wie Hundertausende von Menschen durchkommen müssen. Und sie kommen.

Die Geschichten gehen unter die Haut, sind detailreich und mitreißend geschrieben, dass sie authentisch sind, spürt man. Den Menschen selbst war es ein Anliegen, ihre Geschichten zu erzählen, sagt die Autorin: "Es ist die letzte Gelegenheit, dass die Menschen dieser Generation zu Wort kommen können. Sie wissen, ihre Zeit ist bald um. Und das Interesse in den Familie an der Vergangenheit war meist gering." Dazu komme, erläutet sie, etwas relativ Neues in der Sicht auf den Zweiten Weltkrieg: "Über die Schuldfrage braucht man heute nicht mehr zu diskutieren, die ist klar. Neu ist, dass man heute auch sagen darf, dass auch Deutsche gelitten haben." Bücher wie Günter Grass' "Im Krebsgang", in dem er den Untergang der "Gustloff" schildert und Joachim Friedrichs "Der Brand" über die Bombardierung deutscher Städte seien das Zeichen diese Wende.
Nur mit Daten und Zahlen dürfe man Geschichte nicht betrachten, meint sie. "Die Menschen begreifen an konkreten Schicksalen besser, was geschehen ist. Eigentlich", meint sie, "müsste man alle Menschen, die die Zeit erlebt haben, befragen."
Angela Kiefer-Hofmann ist noch nicht fertig mit Markgrafpieske. Es wird einen zweiten Band geben. Darin geht es unter anderem um Kriegsgefangenschaft, um ein Massaker durch SS-Männer, sie erzählt die Geschichte des ersten Nachkriegsbürgermeisters von Markgrafpieske, ein Jude, der den Krieg mit viel Hilfe im Ort überlebte.
Angela Kiefer-Hofmann ist gerade noch rechtzeitig gekommen – einige der Menschen, deren Geschichte sie aufgeschrieben hat, sind inzwischen gestorben.
Sabine Gebhardt, Frankenpost vom 22.04.2004

Angela Kiefer-Hofmann. Niemandszeit






Märkisches Lesebuch
"Nee, nee – alles in der Welt, bloß kein Krieg mehr. Krieg ist das Schlimmste, das Allerschlimmste!" Kurt Stolzenburg aus Markgrafpieske sagt das nicht nur einmal, als er Angela Kiefer-Hofmann seine Lebensgeschichte erzählte. Und auch in den anderen Familien dieses märkischen Dörfchens wird diese Lebenserfahrung wieder und wieder variiert.
Nichts hat sich den Männern und Frauen, die mit dem Jahrhundert alt geworden sind, so eingeprägt wie die Erinnerung an Krieg und Nachkrieg, an Flucht und Vertreibung, Gefangenschaft und Internierung, Angst und Trauer, Hunger und Leid. "Unglaubliche, unfassbare Geschichen" hat die Autorin erfahren in langen Gesprächen und sie auf eine wohltuende bescheidene Weise aufgeschrieben. Der Schmerz des Erinnerns, das Hervorheben von gewaltsam Verdrängtem klingt zwischen den Seiten von Niemandszeit immer mit.

Ein glücklicher Zufall war es, der die im Frankenwald geborene, seit 2001 in Reichenwalde bei Bad Saarow ansässige Auslandskorrespondentin dazu bewog, den alten Leuten in Markgrafpieske zuzuhören. Sie wollte den Ort kennen lernen, der ihr seit einem Fernsehstück von Hans Scholz in den Ohren klang, und sie traf auf Kurt Stolzenburg. Er vermittelte auch die Gespräche, in denen die Autorin die Helden für "Ein märkisches Lesebuch" fand: den halbwüchsigen Erich, den Denunziation ins Lager brachte, die Köchin Erika und die flotte Hilde, Manfred, der als Kind den Kessel Halbe überlebte, und Elli, die nach schrecklicher Flucht aus Westpreußen an der Spree eine neue Heimat fand.
Geschichten davon, wie das Leben trotz allem Leid weiterging, weil auch im Märkischen mitfühlende und tüchtige Menschen leben. Ihnen wird in diesem Buch auf eine stille, doch eindringliche Art ein Denkmal gesetzt. Der Verlag die Furt hat dafür gesorgt, dass sie in einem sehr empfehlenswerten Band gesammelt wurden. Es ist zu hoffen, dass er Leser anstößt, sich ebenfalls zu erinnern oder nach der Erinnerung von Angehörigen oder Nachbarn zu fragen. "Niemandszeit" ist ein Beispiel dafür, welch schönen Lohn solche Beharrlichkeit bringt.
Anni Geisler, Brandenburger Blätter, Beilage der Märkischen Oderzeitung vom 23. April 2004

Angela Kiefer-Hofmann. Niemandszeit






Zutiefst menschlich, im Guten wie im Schlechten

Nicht die "Stunde Null", sondern eine "Niemandszeit" beschreibt ein Buch über brandenburgische Nachkriegsschicksale
Eigentlich hängt ja über der literarischen Mark ein großes Schild: "Betreten auf eigene Gefahr". Zu groß das Risiko für jeden Autor, mit Fontane, Urvater aller märkischen Forschungsschreiber, in einen Vergleich zu geraten, der in der Regel nur zu Ungunsten des Nach-Schreibenden ausfallen kann. Ein schönes Land, die Brandenburger Mark, aber eben auch ein Terrain, das mit bedacht begangen sein will.
Traurige Extrem-Beispiele wie jene Dame aus Westdeutschland, die vor einigen Jahren ihre Erlebnisse mit der Einwohnerschaft von Frankfurt (Oder) im Fettnapf-Epos "Neuland" verarbeitete, sollte man in diesem Zusammenhang eigentlich gnädig verschweigen.
Wenn sich nicht beim ersten Herantasten an Angela Kiefer-Hofmanns "Niemandszeit. Ein märkisches Lesebuch" vordergründige Parallelen mit der "Neuland"-Texterin auftäten. Auch Kiefer-Hofmann, gebürtig aus dem Bayerischen, lebt seit einigen Jahren im Osten. Und in ihrem Buch sind ebenfalls real existierende Einheimische die Protagonisten, diesmal aus dem Dörfchen Markgrafpieske. Grundkurs "Ethnologie des 'Ossi' gekreuzt mit märkischen Wanderungen für Fußmarode, befürchtet man.

Um alsbald an Sätzen hängenzubleiben wie "Erich Sprecher starb am 24. November 2003 (...) Das Manuskript seiner Geschichte hatte er im Sommer noch gelesen und gesagt: "Ja, alles richtig, so war's!" Das, was so war, ist eine Geschichte, die jahrzehntelang tabu hatte sein müssen. Die Geschichte des sowjetischen Speziallagers Ketschendorf, in das man nach Kriegsende Männer und halbwüchsige Jungen brachte. Oft reichte als Inhaftierungsgrund schon aus, an einem zwangsverordneten NS-Wehrertüchtigungslager teilgenommen zu haben. In Ketschendorf seien dann Menschen über den Zuständen apathisch oder gar wahnsinnig geworden. Und es habe Ratten gegeben, karnickelgroß von der Leichenkost. Die Erzählung vom Erlebten fällt selbstmitleidlos aus. Es war, wie es war. Aus, Punkt. Wobei der Begriff "Erzählung" die Darstellungsform wahrscheinlich nicht ganz trifft: "Zeugnis ablegen" schon eher, denen da kann jemand endlich das jahrelang getragene Trauma, der schuldlosen Schreckenshaft offenbaren.
Viele der anderen Berichte in "Niemandszeit", die alle die Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit zum Inhalt haben, ähneln dem Ketschendorfer Kapitel: unendlich traurig sind sie, von einer Traurigkeit, die heute glücklicherweise nicht mehr in vollem Maße nachvollziehbar ist: Wenn etwa wie in "Über eines Menschen Kraft" Mutter, Großmutter und Großvater, gebrochen durch die Entbehrungen des Flüchtlingstrecks aus Ostpreußen, innerhalb von drei Tagen sterben, und die sechsköpfige Kinderschar allein auf dem Marktplatz der "neuen Heimat" Markgrafpieske sitzt. Und ein von der Gemeindeschwester bereit gestelltes Zimmerchen schon das höchste der Gefühle ist.
Dass die Erzähler ihre Lebensläufe so zur Ansicht freigegeben haben, ist wahrscheinlich auch dem respektvollen Umgang der Autorin geschuldet. Sie widersteht der Versuchung, die dramatischen Schicksale zum Melodram umzustricken. Überhaupt erscheint Markgrafpieske trotz der innerlichen und äußeren Kriegsfolgen nicht als dunkles Jammertal. Rendezvous zum Tanz werden geschildert, und bei einem Lausbubenstreich vergreift man sich an "Gildas Reizwäsche". In guten wie in schlechten Zeiten ist die Landbevölkerung in "Niemandszeit" immer zutiefst menschlich, im Guten wie im Schlechten.
Und dass Kiefer-Hofmann sie so darstellt, ist tatsächlich ein Verdienst gegenüber den Fontaneschen "Wanderungen": Denn im Lande der Junker-Stammbäume durfte der gemeine Märker meist nur die Rolle des pittoresken Stichwortgebers auf dem Kutschbock spielen.
ldiko Röd, Märkische Allgemeine Zeitung vom 19.02.2004

Angela Kiefer-Hofmann. Niemandszeit






Wann endet die Niemandszeit?
Es war Anfang der 60er Jahre. Ich war ein kleiner Junge und spielte nach der Schule am liebsten mit Freunden auf den verbliebenen Ruinengrundstücken im Westen Berlins. Wenn im Radio Suchanzeigen vorgelesen wurden, in denen nach dem Verbleib von Personen gefragt wurde, die durch die Wirren des letzten Krieges verloren gegangen waren, nahm ich das kaum zur Kenntnis. Meine Familie hatte im Laufe der Zeit wieder zusammengefunden, das zu wissen reichte dem kleinen Jungen.
Allerdings, bei den häufigen Zusammenkünften anlässlich von Geburtstagen, Kindstaufen, Hochzeiten und Jubiläen nahm das Gespräch der Erwachsenen in der erweiterten Verwandtschaft, nachdem die Kaffeetafel aufgehoben wurde, immer einen verschwörerischen Tonfall an. Die Stimmen wurden gesenkt und angesichts der zwar desinteressierten aber dennoch mithörenden Kinder verlegten sich die Erwachsenen in ihren Erzählungen auf den Austausch von Schlüsselwörtern, unter denen sich für sie ein gemeinsamer Erlebnishorizont eröffnete, mit dem wir Kinder aber gar nichts anfangen konnten, weil uns Verständnisbereitschaft, Interesse und Erfahrung abgingen. Als Kinder waren wir auch der – wie uns schien – immer gleichen Erzählungen von Vertreibung, Flucht, Aufgabe aller Habseligkeiten, Bedrohungen und Neuanfang überdrüssig.

Für uns Nachkriegsgeborene sind die Erlebnisse unserer Großeltern- und Elterngeneration zusammengeschrumpft auf einige Eckdaten. Nach Bombardierung, Bunker und Evakuierung ging es erst mal dahin und dann dorthin. Der eine Teil der Familie wurden dorthin verschlagen, der andere fand sich zu Kriegsende wiederum an jenem Ort wieder und irgendwann bekamen die Überlebenden wieder Nachricht voneinander und im günstigsten Fall lebten sie – wenn auch in einer andere Stadt – wieder zusammen und begannen einen Neuanfang. Alles begann zum ersten Mal. Die erste eigenen Wohnung nach dem Krieg, die neue Arbeitsstelle, das erste Auto, vielleicht auch die ersten Kinder – wir.
Die Erwachsenen, im Alltag neben der Mehrung des Wohlstandes damals beschäftigt mit den politischen Turbulenzen des Kalten Krieges, sie erzählten nichts. Wenn ja, dann verkürzt auf das Woher, Wann und Wohin.

Die Autorin des Buches "Niemandszeit" spricht nicht aus eigenem Erleben. Auch nach dem Kriege geboren wie der Rezensent erzählt sie von den Erlebnissen unserer Großeltern und Eltern, von der Zeit, über die bei den Familienfeiern von den Erwachsenen nur im gedämpften Tonfall gesprochen wurde. Der Titel "Niemandszeit" gibt den Zeitraum an, in dem sich die meisten Geschichten des Buches abspielen: Es sind die Tage und Wochen, in denen die Menschen aus allen Verankerungen, häuslichen, beruflichen oder seelischen, herausgerissen werden. Tage und Wochen, in denen sie sich auf den Weg machen müssen, es sind die letzten Monate des Zweiten Weltkrieges, es ist die Zeit, in der sich alles in Auflösung befindet, in der die Gewalt des Krieges sich auch bis in das entfernteste Dorf fortgepflanzt hat.
Erzählt wird von den Erlebnissen der Menschen in dieser Zeitspanne, als nicht einmal ein Minimum an Normalität mehr aufrecht erhalten werden konnte, als die Aussicht auf Überleben nicht mehr von den eigenen Anstrengungen abhing. Wann endet diese "Niemandszeit"? Grob gesprochen, als die staatliche Ordnung wieder hergestellt war, als die Flüchtlingsströme abrissen, als die Besatzungsmächte den Wiederaufbau befahlen. Jedoch, für den Kriegsheimkehrer endet sie zu einem anderen Zeitpunkt als für den aus dem sowjetischen Internierungslager entlassenen Jugendlichen. Für seine Altergenossen in einer anderen Geschichte endet sie noch viel früher: mit einer Tanzveranstaltung, die mit dem Wohlwollen des sowjetischen Ortskommandanten abgehalten wird.

Die Autorin breitet in diesem Buch fünfzehn Lebensgeschichten vor uns aus, die sich größtenteils in dieser Niemandszeit abspielen. Allen gemeinsam ist, dass sie sich auf einen Ort in der Mark Brandenburg beziehen, der mit diesen Lebensgeschichten in Berührung steht. Die Autorin hat ... nach dem Mauerfall den Weg nach Markgrafpieske gefunden. Und nach anfänglichem Zögern der Einheimischen, Hindurchgezogenen oder Dagebliebenen begann sie 1998, ausgestattet mit Schreibblock und Tonband, die Erzählungen der alten Leute aufzuzeichnen. Diese Zeitzeugenbefragung hat sie in erzählte Geschichte verwandelt.
Man würde von literarischen Miniaturen sprechen, wäre die Bezeichnung nicht allzu harmlos, angesichts der geschilderten Grausamkeiten und Bedrückungen, die in diese Lebensspuren eingezeichnet sind. Es ist – wie der Untertitel sagt – ein märkisches Lesebuch, Aber die Lebenspfade der darin geschilderten Personen beginnen und enden nicht notwendigerweise im Märkischen.

Die Befragung dieser Menschen, von denen erzählt wird, war erst nach der Wende möglich. In den alten Bundesländern, wo keine Rücksicht auf "brüderliche Freunde" genommen werden musste, wären ähnliche Befragungen zwar schon eher möglich gewesen, sie hätten aber unter einem anderen Verdikt gestanden, unter dem Vorwurf durch Schilderung des Leidens der deutschen Zivilbevölkerung von den Verbrechen der Nazis ablenken, oder von der Schuld der Deutschen entlasten zu wollen.

Der Autorin ist auch deshalb großes Lob für ihr Buch zu zollen, weil sie eine Erzählperspektive gefunden hat, aus der heraus diese Vergleiche nichtig sind. Erzählt wird in der Gegenwartsform, die Ereignisse brechen in dem erzählten Moment über die wehrlosen Personen herein. Die Autorin nimmt nicht Partei, sie ist nicht klüger als die Person, von der sie erzählt und durch deren Augen sie blickt. Gewiß, es ist schwere Kost, die sie uns zu lesen gibt.
Happy endings sind in diesem Buch selten zu finden. Die "Niemandszeit" ist die Zeit schwerster körperlicher und seelischer Traumata. Erzählt wird von Kälte, Hunger, Flucht, Demütigungen, Vergewaltigungen, explodierenden Bomben. Es sind vor allem diese psychischen Versehrungen unserer Eltern und Großeltern, von denen wir Nachkriegskinder lieber nichts wissen sollten.

Dem Buch ist eine weite Verbreitung zu wünschen. Es erzählt authentische Begebenheiten in literarischer Form, ohne durch diese den Leser überwältigen zu wollen. Im Gegenteil, die Berichtsform bringt den Leser an das Geschehen heran, ohne die erlebten Grausamkeiten vor ihm im Detail auszubreiten ...
Christian Koziol, Märkischer Sonntag vom 15.02.2004

Angela Kiefer-Hofmann. Niemandszeit






Geschichten aus der Niemandszeit
Die besten Geschichten schreibt das Leben: Die Reichenwalderin Angela Kiefer-Hofmann scheint diese Erfahrung beherzigt zu haben. Wobei man in ihrem Fall statt von den besten lieber von den beeindruckendsten Geschichten sprechen sollte ... Angela Kiefer-Hofmann hat niedergeschrieben, was ihr zuvor vor allem Menschen aus Markgrafpieske erzählt haben.

Rausgekommen ist tatsächlich nicht nur ein Geschichten- sondern auch ein Geschichtsbuch, in dem eine Zeit an einzelnen Schicksalen und Ereignissen behandelt wird, für die tatsächlich der Name "Niemandszeit" charakteristisch ist. Es ist die Zeit der 30er- und 40er Jahre. Der Krieg und die Folgen. Was einem Historiker eventuell schnell zu einer trockenen Materie wird, bei Angela Kiefer-Hofmann erhält es Lebendigkeit zurück. Und auch wenn sich die Autorin auf Markgrafpieske konzentriert hat, so scheint das Geschriebenen doch beispielhaft für diese Periode zu sein.

Markgrafpieske, das war für die in einem Frankenwalddorf Geborene zunächst ein Fantasiedorf, ein Dorf aus dem Buch "Am grünen Strand der Spree" von Hans Scholz und dem darauf beruhenden Film "Bastien und Bastienne" "Eine traurig-schöne Geschichte um die letzten Kriegstage in dem märkischen Nest Markgrafpieske", wie Angela Kiefer-Hofmann im Vorwort ihres Buches schreibt.

Die Realität hatte mit dem gelesenen allerdings nichts zu tun – trotzdem war das Interesse an der Gemeinde und ihren Einwohnern geweckt und steigerte sich noch nach dem 22. Juli 1998. Angela Kiefer-Hofmann hatte Kurt Stolzenberg kennengelernt, das "Markgrafpiesker Urgestein mit gutem Gedächtnis". An besagtem Tag saß die Autorin mit Tonbandgerät bei ihm und er begann zu erzählen – von damals. Weitere Markgrafpiesker folgten und erzählten der Chronistin ihre Erlebnisse aus Kriegs- und Nachkriegszeit.

Angela Kiefer-Hofmann hat das Erzählte nicht einfach eins zu eins vom Tonbandgerät auf Papier übertragen und dieses dann als Buch veröffentlicht. Vielmehr hat sie aus dem Stoff Geschichten gemacht. Insgesamt sind es 15 geworden.
Mehrmals hat die Autorin die eine oder andere Fassung schon in Markgrafpieske oder in Nachbarorten vorgetragen. Daraus ist auch die Buchidee entstanden. Der Jacobsdorfer Verleger Jürgen Kapiske hat sich mit seinem Verlag "Die Furt" des Projektes angenommen.

Manche der Erzählungen liest man mit angehaltenem Atem. Man verbringt da tatsächlich eine eindrückliche Geschichtsstunde. Da geht es um Vertreibung, um eine Familie, die die Nachkriegswirren ins Brandenburgische verschlägt. Leid, Elend, Tod und Fremdheit: "Über eines Menschen Kraft" ist die Geschichte überschrieben. "Ketschendorf" ist eine andere Geschichte überschrieben. Geschildert werden die Erlebnisse des Fürstenwalders Erich Sprecher, der als Jugendlicher kurz nach dem Krieg verhaftet und in das sowjetischen Internierungslager Ketschendorf gesteckt wurde, wie Tausende mit ihm. Eine Schicksalsbeschreibung, die einen nicht so schnell loslässt, zumal es Angela Kiefer-Hofmann gelingt, das eigentlich unsagbare in Worte zu fassen.

Aber es gibt auch Berichte, die zum Schmunzeln anregen, "Ein Pullover für den Kommandanten" und "Gildas Reizwäsche". In allem scheint die große Sympathie durch, die die Autorin zu ihren Gestalten hat.
Märkische Oderzeitung, Spreejournal, vom 11.02.2004

Angela Kiefer-Hofmann. Niemandszeit







Zwischen großem Krieg und kleinem Frieden ...
"Ein märkisches Lesebuch", Geschichten eines Dorfes mit dem merkwürdigen Namen "Markgrafpieske", eine Sammlung von Geschichten aus der Zeit unserer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. Erzählt wird aus dem Blickwinkel der Zeitzeugen, die damals selbst noch jung waren, Kinder oft und oft genug ohne zu verstehen, was warum geschah, was ihnen geschah. Sie berichten von einer aus den Fugen geratenen Zeit, der am Ende, im befreienden Chaos alle Normen und Regeln eines berechenbaren Lebens abhanden gekommen waren. In einem militärisch regierten Provisorium, unter prekären Alltagsbedingungen, beherrscht von Hunger und Kälte und vom Verlust von Haus und Hof, hatte ein 70-Millionen-Volk zu einer zivilen Gesellschaft zurück zu finden.

Mit dem Titel "Niemandszeit" trifft das im Verlag Die Furt gerade erschienene Buch von Angela Kiefer-Hofmann gleichsam den springenden Punkt und weist über den scheinbar einschränkenden Untertitel "Ein märkisches Lesebuch" hinaus. Die Kategorie "Niemandszeit" gehört zwar nicht zum begrifflichen Instrumentarium des Historikers, erfasst aber ein im subjektiven Erleben Millionen entwurzelter Menschen entstandenes Vakuum, sich kaum der nächsten Stunden, geschweige denn Tage und Wochen in einem auch nur notdürftig vertrauten Rahmen gewiss zu sein.
Vielen fehlte es in den letzten Wochen des Krieges und in der Zeit danach am allernötigsten, wer seine Heimat verlassen musste, hatte weder ein Dach über dem Kopf noch ausreichend zu essen, war der eisigen Kälte Anfang 1945 ebenso ausgesetzt wie den unvorstellbaren Strapazen wochenlanger Fußmärsche. Zu den materiellen und körperlichen Unwägbarkeiten kamen die politischen, alliiertes Besatzungsrecht konnte jegliches andere Recht brechen, eine staatliche Souveränität gab es nicht mehr, und theoretisch stand jeder Deutsche unter dem Verdacht, an nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Diese Niemandszeit war nicht an die Region der Mark Brandenburg gebunden, sie hatte ihre Entsprechung in Ost und West, in Nord und Süd.

Fünfzehn Geschichten hat die Autorin, Jahrgang 1954, zum Zeitbild geformt. Zwischen "Kindheit und Jugend (...)", die 1913 beginnt, und "Ketschendorf", mit 16 Jahren in einem sowjetischen Speziallager 1945 interniert, spannt sich der Bogen biografiegeschichtlicher Facetten. Im Focus dieses Dorfes "Markgrafpieske" bilden die erzählten Erfahrungen einer ganzen Generation Geschichte ab, die weit über das lokale Kolorit hinaus geht und an leidvolle Folgen mit weltgeschichtlicher Dimension erinnert.

In fast keiner der erzählten Geschichten bleiben Tod und Trauer ausgespart, in fast allen grenzt die Tatsache, überlebt zu haben, an ein Wunder, eine hat es zum Thema: "Lauter Wunder" schildert den Kampf einer jungen Frau um das Leben ihrer kleinen Tochter sowie um das ihrer Halbschwester, die beide an Diphtherie erkrankt sind und nur durch Medikamente zu retten, die es eigentlich nicht gab, im kriegszerstörten Storkow, zehn Tage nach der Kapitulation. Auch das Überleben selbst war oft in traumatisierende Umstände eingefügt, wie die Geschichte

"Halbe – oder das Ende einer Kindheit" erzählt. Der achtjährige Manfred befindet sich mit seiner Mutter im Kessel von Halbe, etwa 50 km vor Berlin, im April 1945 wird dort die letzte große Schlacht des 2. Weltkrieges geschlagen, Hunderttausende, Soldaten und Zivilisten, kommen in einem sinnlosen, von Führerbefehlen und verblendeten Befehlsempfängern verantworteten Krieg ums Leben. Die Mutter wird durch einen Munitionssplitter getötet, ihr Sohn begreift es nicht: "Ohne Eltern aufzuwachsen ist furchtbar", sagt der Sohn 57 Jahre danach, und er scheint es so zu sagen, dass er das Gefühl immer noch in sich trägt.

Die Autorin hat zu Geschichten gemacht, was ihr die Bewohner des Dorfes, Überlebende und Zeitzeugen dieser jüngsten Vergangenheit, mitgeteilt haben in Interviews und Gesprächen. Die Geschichte von Erich Sprecher, der mit 16 von der sowjetischen Besatzungsmacht in ein Lager gesteckt wurde, ist die Geschichte einer verlorenen Jugend. 1948 aus dem Lager "Fünfeichen" in Mecklenburg entlassen, ist seine Jugend vorbei, die Lagerhaft wird er zeitlebens nicht mehr los. Obwohl nicht in der Ich-Form geschrieben, liest sich die Geschichte so, als hätte er sie einem selbst erzählt, die Empathie der Schreiberin überträgt sich auf den Leser.

Die Geschichte von Erich Sprecher ist die einzige, die sich so nur in Brandenburg, also in der damaligen sowjetischen Besatzungszone ereignen konnte. Obwohl es Internierungen im gesamten besetzten Deutschland gegeben hatte, wich doch die sowjetische Praxis in wesentlichen Punkten von der ihrer westlichen Verbündeten ab, und 1948 gab es in den westlichen Besatzungszonen solche Internierungslager nicht mehr, von der Frage der Schuld oder Unschuld einmal ganz abgesehen.

Wollte man ein gestaltendes Prinzip in dem Geschichtenbuch "Niemandszeit" ausmachen, dann ist es vor allem die Erzählperspektive. Die Autorin formt das Material zu Erzählungen, die ebenso gut erfunden sein könnten, doch ihre im Vorwort mitgeteilten Informationen zum Entstehen des Buches legen auf die Authentizität ihrer Geschichten, auf den Wahrheitsgehalt der Berichte ihrer befragten Zeitzeugen ausdrücklich wert. Die Grenze vom Dokumentarischen zur Erzählliteratur ist deshalb fließend, sie schmälert den Gewinn des Buches beileibe nicht, sie sollte allerdings auch nicht dazu verleiten, die historische und psychologische Bedeutung des Erzählten zu unterschätzen.
Es sind Geschichten aus dem Land der Täter, aber es sind Geschichten, in denen viele auch Opfer wurden von Bedingungen, die auf die Taten folgten. Ein großes Thema ist darin das Kapitel Flucht und Vertreibung, ein bundesdeutsches Thema ohne Zweifel, und doch auch wieder in der hier geschilderten Region ein spezifisch ostdeutsches, Vertriebene waren, und spätestens seit Heiner Müller ist der Topos Literatur, "Umsiedler", ein Euphemismus für eine traumatische Erfahrung von Heimatverlust.

"Niemandszeit" ist im besten und aufklärenden Sinn ein Lesebuch, ja auch ein Vorlesebuch, das die Großmütter und Großväter zur Hand nehmen könnten, um ihren Enkeln vorzulesen, es mit ihrer eigenen Erfahrung zu sättigen, sich also gemeinsam über eine Vergangenheit auseinander zu setzen, die es zu erinnern gilt, die aufzunehmen ist in das, was inzwischen als "kollektives Bewusstsein" gesellschaftliche Akzeptanz genießt. Im Vorwort lässt Angela Kiefer-Hofmann ihren ersten und offensichtlich wichtigsten Gewährsmann mit dem Satz zu Wort kommen: "Nee, nee – alles in der Welt, bloß kein Krieg mehr. Krieg ist das Schlimmste, das Allerschlimmste." (Kurt Stolzenburg, Jahrgang 1926)
Christian Pieta, Reichenwalde

Angela Kiefer-Hofmann. Niemandszeit






Fünfzehn Erlebnisberichte von Einwohnern des märkischen Dorfes Markgrafpieske stellt die Autorin in ihrem Debüt vor, erschütternde Schilderungen aus den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit im Ort und der näheren Umgebung sowie, trotz des nüchternen Erzählstiles, unglaublich ergreifende Leidensgeschichten von monatelanger Flucht und Vertreibung aus den ehemals deutschen Ostgebieten.

Viele andere Tonbandmitschnitte von Gesprächen harren noch der Veröffentlichung., wurden der Sammlerin doch seit ihrem zufälligen Treffen mit ihrem ersten Erzähler in der Markgrafpiesker Kirche im Jahre 1998 vielerlei Erinnerungen von den meist hochbetagten Dorfleuten anvertraut. Einige von ihnen sind in der Zwischenzeit verstorben, so zeigt sich, dass es höchste Zeit war, diesen Schatz an Wissen und Erfahrungen zu bergen, ehe er mit den letzten Zeitzeugen aus dieser Generation verloren geht.
Alle Erzähler, Menschen, die in die Kriege in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hineingezogen wurden, warnen eindrücklich vor neuen leichtfertigen Kriegsabenteuern, wie es zum Beispiel Kurt Stolzenburg tut, jener erste Gewährsmann aus der Dorfkirche: "Nee, nee – alles in der Welt, bloß kein Krieg mehr. Krieg ist das Schlimmste, das Allerschlimmste!"

Drei Geschichten des Bandes handeln direkt vom Frontgeschehen: Aus mehreren Erzählungen fügen sich die Ereignisse um zwei Soldatengräber in Markgrafpieske zusammen, die zwei Mädchen jahrelang pflegten. Tragisch-komische Züge trägt die Erzählung von Willi, der 1944 im Schützengraben in der Ukraine ohne eigenes Zutun zum "Helden" wird. Und schließlich die grauenvollen Erlebnisse eines Achtjährigen am 25. April 1945 im Kessel von Halbe, wo die letzte große Schlacht des Zweiten Weltkrieges stattfand. Nach diesem von der Autorin sachkundig kommentierten Kriegsgeschehen hatte die gemeinsam aus Markgrafpieske vor den Russen geflohene Familie des Jungen vier Tote und drei verwundete Erwachsene und Kinder sowie ein verschollenes Kind zu beklagen.

Hauptsächlich wird jedoch vom Leben im Dorf während des Krieges und in den Wochen und Monaten danach erzählt: Zuerst vom Zusammenleben mit den Evakuierten aus Berlin, dann mit den russischen Besatzungssoldaten, von Krankheiten und den Erlebnissen mit Ärzten und deren Eigenheiten, auch vom Treiben und den Streichen der Dorfjugend, von Festen und Tanzveranstaltungen – einem trügerischen Alltag, dessen Beschaulichkeit jäh zerstört wird durch die Schrecken der Zeit.
Tragische Unfälle durch leichtfertigen Umgang mit Waffen, Explosionen von Kriegsmunition in den Wäldern, das Ankämpfen gegen damals unbehandelbare Krankheiten und Epidemien blieben im Bewusstsein der Menschen noch für lange Zeit haften. Ergreifend ist auch die Geschichte Erich Sprechers (+ 2003), der 16 jährig nach einer Denunziation drei Jahre unschuldig in den russischen Internierungslagern Ketschendorf und Fünfeichen leiden musste.

Zu den erschütterndsten jedoch zählen die beiden Erzählungen "Über eines Menschen Kraft" und "Hulda". Beide schildern ausführlich eine "abenteuerliche" Flucht, einmal aus Westpreußen und aus einem Dorf in der Neumark, das heißt, jeweils ein über ein halbes Jahr andauerndes Martyrium, das in Markgrafpieske sein Ende findet. Während in der einen Geschichte die sechs Kinder einer Familie das Entsetzlichste auf ihrer Odyssee noch vor dem rettenden Dorf erleben – sie müssen Mutter, Großmutter und Großvater eigenhändig und ohne seelsorgerischen Beistand beerdigen –, keimt in der anderen ein Hoffnungsschimmer auf: durch die Menschlichkeit der Dorfbewohner überlebt Huldas in Markgrafpieske geborenes "Russenkind".

Einfühlsam und ohne Sentimentalität gibt Angela Kiefer-Hofmann das Gehörte wieder. Ihre Erzählkunst bringt dem Leser die Sprache der einfachen Menschen nahe und lässt erzählte, erlebte Geschichte zur Literatur werden.
Gisela Griepentrog, Fürstenwalde

Angela Kiefer-Hofmann. Niemandszeit






Ist es nicht schon jedem von uns einmal so ergangen, dass er von seinen Eltern wissen wollte, wie das damals eigentlich war, als sie noch Kinder waren, als sie zur Schule kamen, sich das erste Mal verliebten oder als die Großmutter starb? Oft sind die eigenen Eltern nicht gerade redefreudig, zumal wenn es um Ereignisse geht, von denen sie emotional betroffen sind. Deshalb ist es umso erfreulicher, dass es Angela Kiefer-Hofmann gelungen ist, ein ganzes Dorf – näml
ich das südöstlich von Berlin gelegene Markgrafpieske – zum Reden zu bringen. Die Autorin wurde 1954 in Marlesreuth (Frankenwald) geboren, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Hof an der Saale, arbeitete als Übersetzerin und lebt heute in Reichenwalde im Landkreis Oder-Spree.

Angela Kiefer-Hofmann war 1998 in Markgrafpieske mit dem Tonband unterwegs, nicht um Fragen zu stellen, sondern um sich Geschichten aus dem Leben der Bewohner erzählen zu lassen, an denen sie uns in Niemandszeit teilhaben lässt. Sie beschreibt die ihr erzählten persönlichen Erlebnisse und ergänzt diese auch schon mal durch pure Fakten, um die individuelle Lebenssituation in einen historischen Rahmen zu stellen. So wird dem Leser anhand von Einzelschicksalen das 20. Jahrhundert lebendig vor Augen geführt.

Geprägt sind die einzelnen geschilderten Schicksale durch die beiden Weltkriege: Eine "heile" Welt, in der Ehre, Stolz, christliche Nächstenliebe und gegenseitige Wertschätzung eine Rolle spielen, wird in Frage gestellt. Ehemänner, Väter, Brüder und Großväter fallen im Krieg, die Frauen sind auf sich allein gestellt, um ihre Kinder und sich selbst durchzubringen. Das Leben ist von Hunger, Angst und Ratlosigkeit geprägt. Es gilt nun, "mit eiserner Disziplin" ums Überleben zu kämpfen.
Dabei wird immer wieder anschaulich geschildert, wie wichtig der Zusammenhalt der Familie, aber auch der Menschen untereinander ist. Der Leser kann Geschehnisse wie die Vertreibung der Deutschen aus Westpreußen, die Flüchtlingstrecks, den Einmarsch der Roten Armee und die Aufnahme in Markgrafpieske miterleben. Der Blick auf diese Ereignisse ändert sich entsprechend der Perspektive des Erzählers bzw. der Erzählerin und lässt die Beziehungen der Dorfbewohner untereinander sichtbar werden.

Es geht aber nicht nur um spektakuläre Ereignisse, sondern auch die kleinen Freuden und Leiden des einfachen, ganz "normalen" Lebens können wir in den einzelnen Erzählungen mitempfinden. So ist beispielsweise Ilse glücklich, als sie ein mit einer Rose besticktes Portemonnaie erhält, Hulda erträumt sich eine bessere Welt oder vier Halbwüchsige ziehen nachts um die Häuser.
Die einzelnen, in sich abgeschlossenen Erzählungen ergreifen auch "leseungeübte" Menschen. Liest Großmutter sie ihrem Enkel vor, so kann sie sicher dieses oder jenes aus eigener Erfahrung ergänzen. Aber auch für den Heimatkunde- oder Geschichtsunterricht dürften sie als Zusatzlektüre geeignet sein. Also: rundum ein spannendes – und lehrreiches – Buch.
Dr. Helmtrud Rumpf

Angela Kiefer-Hofmann. Niemandszeit






Ich konnte nicht wissen, was ich will
Doch ihr konkretes Interesse bezog sich auf den Alltag vor Ort in den Jahren von 1930 bis 1950. Jahre, an die sich kaum jemand gern erinnert, Jahre, die bis heute zu den Stiefkindern der Regionalgeschichte gehören: NS-Zeit, der Krieg und seine Opfer, Einquartierungen, Flucht und Vertreibung, das Kriegsende im Dorf, Gefangenschaft und Heimkehr, die Rote Armee im Dorf, Internierungslager und der Aufbruch in eine scheinbar "Neue Zeit" ...Kein Schicksal im Dorf blieb von diesen Jahren unberührt. Jeder war betroffen, Leid Trauer, Elend, Krankheit, Hunger, Tod und Schuld bestimmten gnadenlos diese Jahre. Die die damals jung waren, sind heute alt ...

Die Bereitschaft der Markgrafpiesker, über diese Zeit zu erzählen, war in den meisten Fällen recht groß ... Privates und Persönliches an einem konkreten Ort wird zu einem spannenden Zeitmaterial ...
Märkischer Sonntag vom 9.März 2003

Angela Kiefer-Hofmann. Niemandszeit







Was sich vor mehr als 50 Jahren in der Region zwischen Oder und Spree ereignet hat, kommt in der Geschichte "Halbe - oder das Ende einer Kindheit" in seiner tragischen Dimension zum Ausdruck. Das Inferno der letzten großen Schlacht des II. Weltkrieges, die in den Tagen des April 1945 60.000 Deutsche und 120.000 Rotarmisten das Leben kostete, kommt als schmerzhafte Erinnerung zurück oder wird für manchen dadurch vorstellbar, dass es zugleich die Geschichte eines kleinen Markgrafpiesker Jungen ist, der in Halbe seine Mutter verliert, ohne es zu begreifen ...

Was es für die 6jährige Inge bedeutet hat, die Mutter durch eine im "Spaß" von einem einquartierten Wehrmachtssoldaten abgefeuerte Pistolenkugel sterben zu sehen, kann man sich nicht vorstellen, aber auch ihre Geschichte gehört zu einer Generation, für die Militär und Krieg schließlich Alltag war.

Das Menschen zu allen Zeiten aber auch ein Bedürfnis nach sorgloser Unterhaltung bewahren, erzählt Angela Kiefer-Hofmann in "Und heute geh'n wir tanzen" ... als im Gasthaus Stoike Georg Gräf, genannt Brede, mit der Trompete die legendäre "Rosamunde" geblasen hat. Ein geplatztes Ofenrohr treibt die Tanzenden für kurze Zeit ins Freie, um nach flüchtiger Reinigung um so ausgelassener wieder auf die Tanzfläche zu strömen.

"Von lauter Wundern" ist in einer Geschichte die Rede, durch die zwei kleine Mädchen, Jutta und Gerda, die damals oft tödliche Diphtherie überstehen ...

Die Amtshandlung des Wachtmeister Kultus aus Rauen, vier jungen Burschen eine saftige Strafe aufzubrummen, nachdem sie des nachts in das Schlafzimmer der abwesenden Gilda eingedrungen waren, sich aus der Kommode mit allerlei Unterwäsche bedient hatten und diese vor dem Haus an einem ebenfalls entwendeten Tischchen mithilfe einer Wäscheleine wirkungsvoll drapierten, geriet zu einer dem Dorfrichter Adam aus Kleists "Der zerbrochene Krug" nicht unähnlichen Vorstellung.

Die Geschichten, aufgeschrieben in unzähligen Gesprächen bei den Menschen in Markgrafpieske, Fürstenwalde oder Kolpin, von Angela Kiefer-Hofmann zu Zeitzeugnissen geformt, eingebettet in historische Fakten, die sie in Bibliotheken und Archiven recherchiert hat, bieten gleichsam einen Fundus der Erinnerung ... vielleicht gar eine Versöhnung mit leidvollen Erfahrungen, die man nicht mehr allein tragen muss ...
Märkische Oderzeitung, Spreejournal, vom 12.12.2002

Angela Kiefer-Hofmann. Niemandszeit





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