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Rezensionen Gisela Waligora: die spaziergängerin von F.

Mit märkischem Sand im Getriebe
Gedichtbände im Eigenverlag sind bekanntlich so eine Sache. Angesichts der Unzahl dilettierender Hobbypoeten, die ihren Ewigkeitsanspruch nur allzu selbstbewusst in die Buchläden tragen, wünscht man dem Band von Gisela Waligora gern einen prominenteren Platz in den Regalen – doch vielleicht würde die fast 70-jährige frühere Bibliothekarin aus Frankfurt (Oder) dies selbst gar nicht wollen. Das späte Debüt, "einer Erwartung nachkommend, so gut ich konnte" (Widmungstext), ist auf eine angenehme Weise frei von jeglicher Anmaßung.

Und das hat Prinzip. "Die Spaziergängerin von F.", sprich: "von Frankfurt", hält, was sie verspricht im Titel. In den meisten der rund drei Dutzend Texte findet die Dichterin ihr poetisches Material überaus reichlich vor der Haustür: In Landschaft und Geschichte der Oderstadt und deren näherer Umgebung.
Abgesehen von einem Ausflug nach Ägypten, prägen Wanderungen nach Lebus und nach Müncheberg, zu den überfluteten Wiesen des Odervorlands, auf den Ziegenwerder das Bild. Die Autorin zieht es nach Luckau, an die Warthemündung, den Caputher See, die Feldmark von Werneuchen. Erkennbar werden einzelne Frankfurter Straßen, Kirchen, Plätze. Der Fluss als großer Metaphern-Transporter zieht sich leitmotivisch durch den Band. All dies werden Leser aus der Region mit Freude in den Gedichten der Frankfurterin wiederentdecken, wenn sie sich Waligoras Sprache und ihrem besonderen Blick öffnen.

Die Autorin widersteht in ihren poetischen Exkursionen jeder Versuchung, in Schwärmerei oder gar Heimattümelei zu verfallen. Im Gegenteil. Über all den genau und dennoch sparsam gezeichneten Landschaftsbildern schwebt immer eine Wolkenbank von Zweifel.
Glück ist bei Gisela Waligora eine vage Möglichkeit, ein Augenblick, der schon im Moment des Erlebens als flüchtig skizziert wird. Ein "Ausnahmezustand", wie es in einem gleichnamigen Gedicht heißt: Da fällt der Blick auf eine sonnigen Waldlandschaft südlich Frankfurts, die Empfindung des triumphierenden Bussardschreis, der "ritzte / die glückshaut / des planeten / heraus strömte / freude", empfunden von einem Ich, das sich nur eine Zeitlang nicht sorgte "um den rest / meiner tage / und die welt". Erst die nachgestellte Ortsangbabe erhellt den Zusammenhang: "klinikum in F., obere etage."

Gisela Waligoras lyrische Einfälle speisen sich, bis auf wenige Ausnahmen, nicht aus behaupteten Gefühlen, sondern aus genauer Beobachtung und einem Welt-Empfinden, das "märkischen sand / durchs getriebe rinnen" lässt, "eine art / stundenglas / vor dem herrn". Es ist dieser unangestrengt lakonische Tonfall, gelegentlich ein fast jugendlicher Sound, der diese Liebeserklärungen an die Landschaft und diesen Gedichtband auch für eher ungeübte Lyrikleser vergleichsweise leicht zugänglich macht.

Eine Grundstimmung, die allerdings auch wenig variiert und im letzten Gedicht sogar zur bloßen Schablone missrät. Da macht sich die Dichterin überflüssigerweise selbst zum Gegenstand und schwadroniert kokett über die vermeintliche Unzulänglichkeit ihres Werks. Das hätte sie überhaupt nicht nötig gehabt.

Beeindruckend ist, mit wie viel Material Waligora ihre Texte unterfüttert. "anno 1995" ist so ein Gedicht, in der sie dieser Gegend, "in die ich / eingeboren wurde / und die mir zusagt" unterstellt, sie hätte wieder "ein sommerstück aufgeführt / mit den bekannten / angestaubten requisiten / finsteren forsten / karfunkelsteinseen / ausgewilderten wegen / zugewachsenen bahnwärterhäuschen" etc. Es folgen drei Seiten schnoddrig durchgezappter Heimatbilder von verschwenderischer Schönheit – und ein überraschendes Fazit: "brauchbarer fundus / sollte reichen / für etliche weitere / spektakel / mit bereits quengelnden / ... / pausbäckigen/ nachwuchsdarstellern".
Fred Pilarski, Märkische Oderzeitung vom 9. Februar 2006





Die Zeiten, da Volker Braun mit seinen Gedichten Publikum anlockte, das Turnhallen füllte, sind vorbei. Der Satz, daß Gedichte kaum Publikum haben, ist zum Allgemeinplatz geworden. Ja manche meinen schon, nur die, die selbst Lyrik verfassen, lesen noch die Gedichte ihrer Kollegen.

Viel zu schnelllebig, viel zu bebildert ist unsere Umwelt geworden. Wir wollen, was wir lesen, schnell verdauen können. Viel Information bei möglichst wenig Text sind gefragt und bitte keine Reflexionen. All dies erfüllt Lyrik nicht.
Dennoch entstehen immer wieder Gedichte und die finden zu ihren Lesern – man könnte es ein Wunder nennen.

Gisela Waligora, die ehemalige Bibliothekarin, hat sich zu ihrem Gedichtband wohl mehr oder weniger überreden lassen. Sie traute den eigenen Texten nicht, befand sie für nicht wichtig genug. Wenn man das nun erschienene Bändchen in die Hand nimmt, wird man dieses Mißtrauen ganz und gar unbegründet findet.
Die hier spricht und dichtet, tut dies mit eigener Stimme und eigenem Blick auf die Welt, die ihr zumeist Brandenburg heißt (oder gar Frankfurt an der Oder) und die sich vorrangig im (Spät)Sommer abbildet.

Fein geschliffene Perlen sind diese Texte. Befreit von allem Überflüssigen. Oft bis auf eine einziges Wort in einer Zeile reduziert. Und viel Luft ist da und vielerlei Vögel, was natürlich gut zusammen paßt. Das macht die Texte durchscheinend und was hindurch scheint ist Muße, die die Autorin wohl hatte, beim Schreiben und die sich nun, beim Lesen überträgt. Nur mal so nebenbei sollte man diese Gedichte nicht lesen, denn sie brauchen Zeit.
Carmen Winter, Frankfurt (Oder)





Gedichte einer Spaziergängerin
Viele Menschen schreiben. Manche fangen erst im Alter damit an, um ihren Kindern und Enkeln von ihrem Leben zu erzählen. Andere schreiben schon seit ihrer Jugendzeit. Und viele träumen irgendwann davon, das Geschriebene als Buch gedruckt zu sehen. Die Frankfurterin Gisela Waligora hat sich diesen Traum jetzt erfüllt.

35 Jahre lang hat sie ... als Bibliothekarin gearbeitet ... und noch länger schreibt sie schon ... Das Schreiben hat sie nie ganz losgelassen. Vor allem seitdem sie Rentnerin ist, widmet sich die Frankfurterin dieser Leidenschaft wieder mehr. Und es entstand die Idee, sich mit einem Buch selbst ein Geschenk zu machen ...
Die Autorin ist überrascht von den positiven Reaktionen, die sie von Bekannten erhalten hat. Und sie will weitermachen ... sie arbeitet inzwischen an einem zweiten Buch ... wieder sollen es Gedichte sein, die von ihren Spaziergängen, abe auch von den "Freuden des Altwerdens erzählen ... Ideen sammelt sie bei ihren Spaziergängen durch die Stadt, bei Reisen oder einfach beim Blick aus ihrem Fenster. Da sie in einem Hochhaus an der Sophienstraße wohnt, eröffnet ihr dieser weite Horizonte.
Karin Sandow, Märkische Oderzeitung vom 15. September 2005





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